Rezensionen | AIB 119 / 2.2018 | 23.09.2018

ReInvestigate Thor Steinar

BiKuLAR e.V.

Nach über 10 Jahren ist eine Neuauflage der „Investigate Thor Steinar“ – Broschüre erschienen. Im Kern ist der Aufbau bei dem bewährten Konzept geblieben: Einführend sind Texte zur Marke „Thor Steinar“ die sich mit dem Namen, dem Logo, Bezugsmöglichkeiten und den Strukturen bzw. Personen hinter der Marke bzw. den Marken die mit der „MediaTex GmbH“ in Verbindung gebracht werden können, beschäftigen. Danach folgt eine sehr ausführliche Analyse der Kollektion Herbst/Winter 2017. Detailliert wird darin die mal mehr, mal weniger deutliche Bezugnahme auf extrem rechte Symbolik herausgearbeitet. Das inzwischen die neue Sommerkollektion erschienen ist, schadet der Aktualität der Analyse insofern nicht, da sich der ideologische Ausdruck innerhalb der Kollektionen von „Thor Steinar“ nicht grundlegend ändert. Im Gegenteil: Bei der Durchsicht stellt sich eher die Frage, warum die Bezüge zu nationalsozialistischer Ideologie, Rassismus und anderen extrem rechten Einstellungsmustern, in den letzten zehn Jahre immer seltener im Fokus antifaschistischer Interventionen bzw. Recherchen lagen.

Hat „Thor Steinar“ das Vermarktungsspektrum zwar sukzessive erweitert und bietet mittlerweile neben z.B. einer eigenen Outdoor-Kollektion eher unauffälligen Casual-Style oder maritime Bekleidung an, scheint sich gleichzeitig wieder verstärkt dem sich ausbreitendem rechten und reaktionären Bewegungen und Einstellungen zugewendet zu werden. Die „klassische“ Bezugnahme auf Wikinger, der Einsatz von Runen und militaristischer Symbolik, wird so durch z.B. Kampfsport- und Rockerbezüge ergänzt. Das nun auch das Lamda - Symbol der rechten „Identitären“ - Einzug in die Kollektion gehalten hat, ist dabei vielleicht der offensichtlichste Hinweis, dass die MacherInnen von Thor Steinar sehr wohl zu wissen scheinen in welchen Szenen sie ihre KundInnen zu suchen haben. Auch daher scheint es konsequent, dass die Autor_innen anschließend einen Exkurs zu anderen, bei Neonazis angesagten Klamottenmarken – den sie von den Kolleg_innen der "Agentur für soziale Perspektive e.V." und ihrer Versteckspiel-Broschüre übernommen haben - unternehmen.

Ein Text von Felix M. Steiner zum Wandel rechter Jugendkulturen bietet eine vertiefte Auseinandersetzung mit rechten Lebenswelten und ein gutes Gegengewicht zu den vielen Motiven und Bildern – immerhin geht es ja nicht darum, den neusten rechten Modetrend zu zeigen, sondern das Ganze auch politisch zu analysieren. Nicht nur für die pädagogische Praxis bieten die Autor_innen noch eine Seite mit Tipps und Tricks im Umgang mit „Thor Steinar“ an Schulen/Institutionen sowie für Initiativen und Projekte. Dieser Ansatz wird durch einen kurzen, aber gelungenen Text zur allgemeinen Diskussion um die Debatte über die Marke ergänzt. Darin werden Fragen thematisiert, die tatsächlich keine geringe Rolle spielen, wie etwa dem Widerspruch sich mit speziell einer Marke zu beschäftigen, wo sich doch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung offensichtlich in ihre Gesamtheit weit nach rechts zu öffnen scheint.

Ein Gastbeitrag des “Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus” aus Hamburg zu den bisherigen “Thor Steinar” – Läden in Hamburg setzt den lokalen Bezugsrahmen. Wobei inzwischen auch der Shop in Hamburg-Barmbek geschlossen wurde, nachdem es zu regelmäßigem antifaschistischem Protest gekommen war. Im Abschlusstext wird noch einmal deutlich die Notwendigkeit benannt, sich mit Marken wie „Thor Steinar“ zu beschäftigen, da diese auch nach über 15 Jahren immer noch mit rechten Inhalten und einer breiten KäuferInnenschicht Geld machen. Und das nicht zu knapp. Das die Ruhe um „Thor Steinar“ hoffentlich wieder etwas mehr gestört wird und die „MediaTex GmbH“ sich mit ihrem „Jack Wolfskin für rechte Kameraden“ nicht mehr so einfach platzieren kann, bleibt zu hoffen. Mit der vorliegenden Broschüre ist dafür gutes Handwerkszeug geschaffen.

ReInvestigate Thor Steinar – Die Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Marke
BiKuLAR e.V. (Hrsg.), Berlin
32 Seiten, 2018