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Rassismus | AIB 97 / 4.2012 | 17.01.2013

Rassismus

Der Sexualforscher und Publizist Mag­nus Hirschfeld verwendete als erster den Begriff Rassismus für eine Lehre, die an die Existenz menschlicher ›Rassen‹ glaubt. In seinem 1933/34 geschriebenen und 1938 veröffentlichten Werk Racism wollte er die nationalsozialistische »Rassen«-Ideologie widerlegen. In ein breiteres öffentliches Bewusstsein drangen Begriffe wie Rassismus und Genozid in den 1950er Jahren. »Rassentheorien« waren aber nicht erst vom Nationalsozialismus erfunden worden und fanden mit ihm auch kein Ende. Die Ideologie des Rassismus setzt mit der Erfindung menschlicher »Rassen« ein. 

Susan Arndt

Es war ein paneuropäisches Projekt, das seine Anfänge nahm, als Europa Millionen Menschen auf der ganzen Welt enteignete, versklavte und ermordete und dies dadurch zu rechtfertigen suchte, dass es diese Menschen als nicht-weiß charakterisierte – als so anders, dass es berechtigt erschien, gegenüber Hunderten Gesellschaften auf der ganzen Welt Prinzipien wie Humanismus und Aufklärung, Freiheit und Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit zuwiderzuhandeln. Was für ein infamer Euphemismus, der im Angesicht dieser barbarischen Gewalt den Mythos von der »Bürde des weißen Mannes« erfand, die Welt zivilisieren zu müssen, und der jeden Lynchmord als Akt der »Zivilisierung« deklarierte. Hierin zeigt sich aber, dass es dem Rassismus im Kern darum geht, die weiße »Rasse« mitsamt dem Christentum, das als dem Weißsein inhärent verstanden wird, als vermeintlich naturgegebene Norm(alität) hinzustellen, um eigene Ansprüche auf Herrschaft, Macht und Privilegien zu legitimieren und zu sichern. Dabei produziert der Rassismus Wissen, das sich ebenso facettenreich wie wirkmächtig in Glaubensgrundsätze, (Sprach)Handlungen und identitäre Muster einschrieb und sich – und zwar unabhängig davon, ob Weiße dies anerkennen oder nicht – die Welt durch adäquate Strukturen passförmig gemacht hat, um sie zu beherrschen.

Im Zentrum der Ideologie des Rassismus steht die Erfindung von körperlichen Unterschieden. Die britische Ethnologin Mary Douglas betont, jedes Sehen des menschlichen Körpers besitze eine soziale Dimension.1 Das bedeutet, ohne das Verlangen, soziale Hierarchien und Grenzen herzustellen, bestünde nicht das Interesse, körperliche Grenzen zu erfinden. Auch die Erfindung von »Rassen« bedurfte Grenzziehungen mit Hilfe vermeintlich naturgegebener körperlicher Unterschiede. Dazu wurden aus einer Vielzahl möglicher körperlicher Merkmale einzelne (z.B. »Hautfarbe«) herausgenommen und zu Bündeln geschnürt, die vermeintlich naturgegebene Antithesen repräsentieren und angeblich relevante Unterscheidungsmerkmale bilden. Welche Kriterien angelegt werden, um körperliche Unterschiede zu zementieren, folgt keineswegs reiner Willkür. Vielmehr ist die betreffende Logik einem ökonomischen und politischen Machtstreben verpflichtet. Entscheidend ist zudem, dass die so gewählten Unterschiede (und die diesbezüglichen Kriterien) als »natürlich gegebene« Marker der Differenz erklärt werden, wodurch negiert wird, dass sie menschengemacht und historisch geworden sind. Diesen vermeintlich statischen und objektiven körperlichen Unterscheidungsmerkmalen werden dann bestimmte soziale, kulturelle und religiöse Eigenschaften und Verhaltensmuster zugeschrieben. Die auf diese Weise hergestellten Unterschiede werden, wie der Schriftsteller und Rassismusforscher Albert Memmi ausführt, verallgemeinert, verabsolutiert, hierarchisiert und als naturgegeben deklariert.2

Es ist wahr. Es handelt sich um ein globales Phänomen, dass eine Kultur eine andere – auch unter Instrumentalisierung von körperlichen Unterschieden – diskriminiert. Doch der Rassismus nimmt darin eine Sonderrolle ein. Kein anderes System der  Unterdrückung einer Kultur durch eine andere hat strukturell wie diskursiv eine solch tiefgreifende wie global weitreichende Agenda erschaffen wie der Rassismus. Rassismus ist eine in Europa historisch gewachsene Ideologie und Machtstruktur und in meiner Definition gleichbedeutend mit  »white supremacy«. Sie besteht auch über den Kolonialismus hinaus als Machtsystem fort und hat sich von jeher als und im Orientalismus, Antisemitismus, Afrikanismus und Antiziganismus ausdifferenziert. So lassen sich verschiedene Formen von Rassismus unterscheiden, die aber eine gemeinsame strukturelle und diskursive Schnittmenge aufweisen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, bei Rassismus zu konkretisieren, wer von wem vor dem Hintergrund welcher historischen und gegenwärtigen Prozesse als »Rasse« erfunden und rassistisch bewertet wurde bzw. wird.

»Rassen gibt es nicht«3, schreibt die feministische Soziologin Collette Guillaumin, »und doch töten sie«. Denn der Glaube, dass es »Rassen« gebe, der Rassismus also, ist präsent, bis heute. Shankar Raman glaubt daher, dass es notwendig ist, einen Kampf um die Bedeutung von »Rasse« zu führen, um sich diesen Begriff aus anti-rassistischer Sicht anzueignen. Deswegen schlägt der deutsche Literaturwissenschaftler eine doppelte Denk­bewegung vor. Von »Rasse« als biologischem Konstrukt führt sie weg und zwar hin zu Rasse als sozialer Position. Er bezeichnet diese Denkbewegung als ›racial turn‹, und sie schließt ein, Rasse als kritische Wissenskategorie zu etablieren.4

Für mich beinhaltet der »Racial Turn« auf einer zweiten Ebene zudem einen gewichtigen Perspektivwechsel in der Rassismusforschung. Ihm hat Toni Morrison 1992 mit ihrem Buch »Playing in the Dark« Gehör verschafft.
Die afroamerikanische Nobelpreisträgerin weist darauf hin, dass Rassismusanalysen im weißen akademischen Mainstream die Tendenz haben, allein über Schwarze und People of Colour zu sprechen. Dabei entstehe dann schnell der Eindruck, Rassismus sei (allein) eine Angelegenheit von Schwarzen – und Weiße seien diesbezüglich »neutral« so als hätten sie damit nichts zu tun. Insofern es Weiße sind, die Rassismus erfunden haben, hält es Morrison für unverzichtbar, »to examine the impact of notions of racial hierarchy, racial exclusion, and racial vulnerability and availability on nonblacks who held, resisted, explored, or altered these notions.«5

Morrison beobachtet, dass es seit einigen Jahrzehnten unter Weißen als generöse und liberale Geste gelte, nicht über ›Rasse‹ zu sprechen. Die Schriftstellerin nennt dieses oft als »colour-blindness« bezeichnete Handeln »evasion«. Wenn Weißsein aber ignoriert oder für das eigene Leben nicht relevant eingestuft wird, werden zugleich auch die sozialen Positionen, Privilegien, Hegemonien und Rhetoriken verleugnet, die daran gebunden sind. Weißsein behält dadurch seinen Status als universaler, »unmarkierter Markierer«6 und »unsichtbar herrschende Normalität«7  bei.

Vor diesem Hintergrund ist das Igno­rieren von »Hautfarben«, so paradox das klingen mag, auch keine Lösung. Der Rassismus kategorisiert, markiert und positioniert Menschen – u.a. mit Hilfe von »Hautfarben« – als Diskriminierte, Fremdmarkierte und Entmachtete oder eben als Diskriminierende, Markierende und Privilegierte des Rassismus. Das passiert zumeist unabhängig vom individuellen Wollen und losgelöst davon, ob jemand Rassismus befürwortet oder ablehnt. Rassismus existiert und in seinem System stellt Weißsein, wie Ruth Frankenberg betont, eine »soziokulturelle Währungseinheit« dar, die privilegiert.8 Relativierungen wie Verstärkungen der Macht und Privilegien, die Weißsein in petto hat, ergeben sich daraus, dass sich Weißsein mit anderen Strukturkategorien wie etwa Sexualität, Geschlecht, Nationalität, Bildung, Religion, Mobilität oder Gesundheit verschränkt. Doch diese Relativierungen resultieren nie in einem gänzlichen Verlust von Weißsein. Als systemische Position ist Weißsein keine Weltanschauung, sondern eine Machtposition und als solche ein kollektives Erbe des Rassismus und auch am Werk, wenn Weiße es nicht bemerken (wollen).

Es geht hierbei nicht um Schuldzuschreibungen. Es geht darum, anzuerkennen, dass Rassismus – analog zum Patriarchat im Falle der Geschlechterkonzeptionen – ein komplexes Netzwerk an Strukturen und Wissen hervorgebracht hat, das uns – im globalen Maßstab – sozialisiert und prägt.  Dabei ist Wissen in meiner Lesart weder absolut, wahr und unveränderbar, sondern historisch gewachsen, von Macht formiert sowie dynamisch und subjektiv. Und im Zentrum des Wissens, das der Rassismus hervorgebracht hat, steht die falsche Annahme, dass Menschen nach ›Rassen‹ unterteilt werden können und dass dies den ›Hautfarben‹ eingeschrieben sei. Sich Rassismus zu widersetzen heißt nicht zuletzt, dieses Wissen zu verlernen.

Überarbeiteter Artikel aus: Arndt, Susan. Die 101 wichtigsten Fragen: Rassismus. München: C.H. Beck 2011.

  • 1. Vgl.:Douglas, Mary. Natural Symbols. New York: Pantheon Books, 1970: 170.
  • 2. Memmi, Albert. Rassismus. Frankfurt/M.: Verlag 1987 (Erstveröffentlichung auf Französisch 1982): 164–178.
  • 3. Vgl.: »C ‘est très exactement la réalité de la race.Cela n’existe pas. Cela produit pourtantdes morts.« Collette Guillaumin.Sexe, Race at pratique  dupouvoir. Paris, Côté-femmes (1992): 7.
  • 4. Shankar Raman, The Racial Turn: ›Race‹, Postkolonialität, Literaturwissenschaft, in: Einführung in die Literaturwissenschafthg. von MiltosPechlivanos, Stefan Rieger, Wolfgang Struck und Michael Weitz, Stuttgart 1995, S. 241–255, hier 255. Vgl. auch: Arndt, Susan. »Weißsein – zur Genese eines Konzepts. Von der griechischen Antike zum postkolonialen ›racial turn‹.« in: Jan Standke, Thomas Düllo (Hrsg.): Theorie und Praxis der Kulturwissenschaften. Culture Discourse History. Band 1. Berlin: Logos Verlag, 2008: 95–129.
  • 5. Morrison, Toni.Playing in the Dark.Whiteness and the Literary Imagination.Cambridge, Mass.: Harvard UP 1992: 11
  • 6. Ruth Frankenberg. Frankenberg, Ruth (Hrsg.): Displacing Whiteness. Essays in Social and Cultural Criticism. Durham, London 1997: iv.
  • 7.  Wachendorfer, Ursula. »Weiß-Sein in Deutschland. Zur Unsichtbarkeit einer herrschenden Normalität.« In: Arndt, Susan (Hrsg.): AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland. Münster 2001: 87-101.
  • 8. Vgl.:Ruth Frankenberg. Frankenberg, Ruth (Hrsg.): Displacing Whiteness. Essays in Social and Cultural Criticism. Durham, London 1997: v.