Das Denkmal von Alexander dem Großen in Thessaloniki. (Bild: flickr.com/ldanka/CC)
International | AIB 59 / 1.2003 | 10.04.2003

Nixen, Nazis & Bücherverbannung. Thessaloniki im Juni

Es ist der 9. Juni 2002, Abendrot in Thessaloniki: Die Spaziergänger am Weißen Turm an der Uferpromenade hören am letzten Tag der größten griechischen Buchmesse überrascht den Schrei der Schwester von Alexander dem Großen »Lebt der König Alexander der Große?« und die Antwort der gut informierten Matrosen: »Er lebt.« Der Dialog bezieht sich auf eine Legende aus dem 18. Jahrhundert. Neugierig drängelt der Besucher durch die Menge, um die zur Legende gehörende Nixe zu betrachten.

Ios tis Kyriakis (Eleftherotypia)

Lebt der König »Alexander der Große?« Diese uralte Frage wird von einer weiß-gekleideten Gestalt gestellt, die am Sockel des Denkmals von Alexander dem Großen lehnt. Die Gestalt der Nixe wird dargestellt von dem nordgriechischen Fernseh-Evangelisten des Nationalismus und christlicher Orthodoxie und Führer der Neonaziorganisation »Diawlos«, Kyriakos Welopulos. Um ihn sind bekannte Kader des griechischen Rechtsextremismus versammelt. Jorgos Karatzaferis, international umtriebiger Neonazi und Besitzer einer privaten Fernsehstation, steht in der ersten Reihe. Vor das Denkmal haben sie zwei Pferde gestellt, um sich durch Wukefalas, dem Pferd von Alexander dem Großen, mit der alt-mazedonischen Reitertradition zu verbinden. Unter dem Denkmal sind zwei- bis dreitausend ihrer Anhänger versammelt.

Feierlicher Zufall

Jährlich feiern in Thessaloniki griechische Rechtsextremisten den Todestag von Alexander dem Großen.1 Da dieser Tag jedes Jahr mit dem letzten Tag der Buchmesse zusammen fällt, ist es wahrscheinlich der einzig bewegliche Todestag in der Geschichte. Böse Zungen behaupten, dass die Nazis die neugierigen Spaziergänger und zufällig anwesenden Besucher der Messe dann zu ihren organisierten Anhängern addieren. Die jährliche Versammlung des nordgriechischen Rechtsextremismus ist die Initiative zweier faschistischer Zeitungen, der Chrysi Avgi 2 (Goldene Morgenröte) und Stohos (Das Ziel).

Der Veranstalter Welopulos (er hat seinen Auftritt als »Nixe«) erklärte in einer Fernsehsendung Karatzaferis: »Diese Veranstaltung hat die Zeitung und Organisation `Chrysi Avgi΄ angefangen, ganz klar, und der unvergessliche Kapsalis (der verstorbene Chef der griechischen Rechtsextremisten). Sie sind die Vorläufer, sie waren die Führer. Die Organisation `Diawlos Ellinon΄ (Hellenen-Kanal) folgte nach.« Diawlos ist die Organisation von Nixen-Welopulos selbst. Als offizieller städtischer Vertreter erschien im Jahr 2002 ein Delegierter des Bischofs von Thessaloniki. Der Abgeordnete der Konservativen Partei (Christdemokraten von Nea Dimokratia), Kostas Kitridis - ehemaliges Mitglied der griechischen Nazipartei »4. August« - befand sich zwar auf dem Podest, bat aber darum seine Anwesenheit nicht anzukündigen. Gebranntes Kind in Grammos scheut das Feuer von Alexander.3

Als letztjährige Rednerin trat die Archäologin Liana Suwaltzi auf, die das Grab von Alexander in Ägypten entdeckt haben will. Sie wurde als Betrügerin aus Ägypten zurückgerufen. Bei der Kundgebung forderte sie ihre »moralische Wiedergutmachung« und die Abwahl des Kultur- und des Außenministers. Das Publikum spendete regen Beifall. Der Hauptdarsteller der Veranstaltung, Karatzaferis (Besitzer des Fernsehsenders und ehemaliger Parlamentarier der konservativen Partei) kündigte im Anschluß einen Feldzug zur Eroberung Konstantinopels (Istanbul) an: »Es ist vorherbestimmt (...), dass hier eines Tages der Große Marsch Richtung Konstantinopel beginnt« und dass »die Griechen das Gelobte Volk Gottes seien«. Im Anschluß sprach Bürgermeister-Kandidat Welopulos, der noch am Vortag behauptete, dass der amtierende Bürgermeister ihm versprochen habe, dass »diese Veranstaltung dieses Jahr vom Bürgermeister organisiert wird«.

Um keinen Zweifel über den politischen Inhalt der Zeremonie aufkommen zu lassen, beendetet er seine Rede mit den Worten: »Ganz am Schluss etwas, das irgendwelche junge Freunde als Parole benutzen: Mitgriechen, wir werden zurückkehren und die Erde wird beben«. Ein auf Griechenland abgewandeltes Goebbels-Spruch, den griechische Neonazis gern zitieren.

Die verbitterte Konkurrenz

Bereits am Vortag hatten Mitglieder der Neonazigruppe Chrysi Avgi versucht, auf dem Platz eine eigene Kundgebung abzuhalten. Aber Stunden vor der propagierten »Invasion« hatten sich am Denkmal antirassistische und linke Organisationen versammelt und den Naziaufmarsch verhindert. Starke Polizeikräfte hatten die antifaschistische Versammlung abgesperrt und zur Erhaltung der »öffentlichen Ordnung« den größten Teil der Buchmesse für die BesucherInnen unzugänglich gemacht. Die Mitglieder von Chrysi Avgi blieben mit ihren Knüppeln in den Händen außerhalb. Nach Absprache mit der Polizei stellten sie sich an der Uferpromenade vor dem Denkmal des Vaters von Alexander auf. Mitglieder der Gruppe »Stohos«, eine Gruppe, welche die Militärregierung von 1967 bis 1974 verherrlicht, hatten am Vortag eine eigene Veranstaltung organisiert.

Mit zehn Leuten und drei Fahnen legten sie vor dem Alexander-Denkmal ohne jegliche Öffentlichkeit Kränze ab. Beide Gruppen waren verbittert, dass Welopulos den Erfolg für sich verbucht hatte und drohten, in diesem Jahr die Veranstaltung allein zu organisieren. Gänzlich unbeteiligt an der Veranstaltung blieb die »Nationale Front« von Makis Woridis. Der Kandidat der Nationalen Front für Thessaloniki, Jannis Kyrianidis, erschien zwar bei beiden Sonntagsveranstaltungen, wurde jedoch lediglich als Verleger der Zeitschrift »Endohora« (Hinterland) vorgestellt. In einer Presseerklärung verglich er die Sonntags-Veranstaltungen von Welopulos, Karatzaferis und Suwaltzi mit der antifaschistischen Kundgebung am Vortag und beklagte: »Zweimal innerhalb von 24 Stunden wurde dieser Raum geschändet (...).

Das zweite Mal, am Sonntag dem 9. Juni, war schmerzhafter, weil die Schande durch Menschen verursacht wurde, die angeblich den Sinn und die Bedeutung der Veranstaltung, vor der Mehrheit der Hellenen (Griechen), verteidigen sollten. Leider haben sich diese Herren entschieden, die Ehrenveranstaltung des Volkes von Thessaloniki für seinen großen Vorfahren in eine Wahlkampffete eines ambitioniertes Fernsehmoderators dieser Stadt umzuwandeln«. Durch den Kampf um die Vorherrschaft in der rechtsextremistischen Szene geschwächt, erschien der Anführer der Gruppe »Proti Grammi« (die erste Linie), Plewris. Schüchtern verteilten seine Anhänger Flugblätter vom Vorjahr.

Bücherverbannung als Machtdemonstration

All diese Zeremonien wären höchst bedeutungslos, wenn die Neonazifeiern nicht die Krönung eines Zwischenfalls wären, der ein paar Tage zuvor, am gleichen Ort stattfand. Im Jahr 2002 hatte die Buchmesse von Thessaloniki zum ersten Mal einen internationalen Charakter. Auf der Messe wurden Bücher aus verschiedenen Balkanländern ausgestellt. Anhänger von »Diawlos« bemerkten, dass in Büchern, die aus der Republik Mazedonien kamen, der Name »Makedonia« stand. Der TV-Sender von Welopulos produzierte daraus über mehrere Tage einen »Skandal«. Die Zeitung »Typos tis Thessalonikis« schloss sich mit ganzseitigen Titeln wie »Skopjepropaganda auf der Erde Mazedoniens« dieser Kampagne an.

Am Nachmittag des 28. Mai trafen sich »spontan« etwa 200 Diawlos-Anhänger, drangen unter der Führung von Welopulos in die Messe ein und setzten die Rücknahme aller nicht genehmen Bücher durch. Erschreckender noch als das Ereignis an sich war die Tatsache, dass die Machtdemonstration der »Griechentums-Anhänger« akzeptiert wurde. Die Bücher blieben bis zum Ende der Buchmesse in Umzugskisten verbannt. Zu den Büchern zählten auch solche, die für die Nationalisten völlig irrelevant sein mußten wie z.B. Übersetzungen von alt-griechischen Klassikern oder ein viersprachiges Wörterbuch von 1802. Verbannt wurden alle Bücher aus der Republik Mazedonien und Bulgarien mit »Mazedonien« oder »mazedonisch« auf der Titelseite, inklusive einem Buch über Makroökonomie. Das Buch hatte nur die Vorsilbe »Mak« gehabt.

Der Protest blieb aus

Ein Skandal ist, dass von der griechischen Abteilung von Helsinki Watch, einer autonomen Gruppe Medizinstudenten und ein Paar linken Politikern der Stadt abgesehen, kaum jemand auf diese nationalistische Aktion reagierte. Die Abgeordneten Thessalonikis blieben still. Der Verantwortliche der Buchmesse wurde von der Aktion völlig überrascht und entschied, das Ereignis auszuschweigen. Man hätte Angst vor einem internationalen Skandal, hieß es. Die mazedonische Regierung leitete am 31. Juni 2002 Schritte in Skopje und Athen ein, auf die die griechischen Kultur- und Außenministerien aber nicht öffentlich reagierten. Es blieb nur die halboffizielle mazedonische Nachrichten Agentur, die kommentarlos die Meinung der Neonazis von Diawlos veröffentlichte. So entstand der Eindruck, die Regierung unterstütze die Täter.

TV-Prediger Welopulos berichtete in seiner TV-Sendung stolz über die Aktion, war aber vorsichtig genug, dafür keine Verantwortung zu übernehmen. »Wir sind einfach hingegangen, wir haben die Bücher auf die Bänke gestellt und wir haben gesagt, dass solche Bücher nicht hier sein dürfen. Am nächsten Tag haben die Menschen das verstanden.« Der erschreckende Erfolg wurde durch die Unfähigkeit der Organisatoren und die Toleranz des Kulturministeriums ermöglicht. Bis zum Ende der Messe blieben die Bücher, versteckt.
Eine derart massive und erfolgreiche Büchervertreibung hatte, unter Republikbedingungen, noch nie stattgefunden.

Der Artikel wurde dem AIB zur Verfügung gestellt von Ios tis Kyriakis (Sonntagsvirus), erschienen in der Tageszeitung Eleftherotypia. Wir danken J. Metaxas für die Übersetzung.

  • 1. In diesem Jahr fiel das Neonazispektakel aus, weil im Vorfeld der Anti-G8-Proteste linke und antifaschistische Gruppen genügend Druck für ein Verbot eines geplanten Neonaziaufmarsches ausüben konnten.
  • 2. Griechisch Χρυσή Αυγή, Abekürzt: XA
  • 3. Seine Partei hat ihm mit Parteiausschluss wegen seiner Beteiligung an den Feierlichkeiten von Grammos für die Niederschlagung der kommunistischen Revolution gedroht.
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