Aufmarsch der National Front (NF) in Yorkshire 1970. (Foto: wikimedia.org/White Flight/CC BY-SA 3.0)
International | AIB 49 / 4.1999 | 20.12.1999

Neonazi-Szene und antifaschistischer Widerstand in Großbritannien

Zwischen Niedergang und Krise

Im Vergleich zu ihren glorreicheren Tagen in den siebziger Jahren, ist die extreme Rechte heute in Großbritannien zahlenmäßig sehr geschrumpft. Damals hatte alleine die National Front (NF) 17.500 Mitglieder, organisierte und provozierte gewaltsame Demonstrationen in Gegenden, in denen MigrantInnen und Jüdinnen und Juden leben, und konnte Hunderte von Kandidaten zu Parlamentswahlen aufstellen. Der Niedergang der NF, dem Markenzeichen für den Nachkriegsfaschismus in Großbritannien, war teilweise das Ergebnis ihres erfolgreichen Einfluß auf Mainstream-Politiker der Konservativen und der Labour Partei, eine rassistische Einwanderungspolitik und später eine rassistische Asylpolitik zu übernehmen. Teilweise ist ihr Niedergang das Ergebnis massenhafter Demonstrationen, die hauptsächlich durch die Anti-Nazi-League (Anti-Nazi-Liga) in den Jahren 1977 bis 1981 organisiert wurden.

Graeme Atkinson (European Editor Searchlight Magazine)

Nachdem ihre politischen Inhalte teilweise von den anderen Parteien übernommen worden waren und nachdem sie einige ernsthafte Schläge auf den Straßen und in der öffentlichen Diskussion einstecken mußten, erlebten die Neonazis eine Serie von bitteren Spaltungen, die zu der heutigen Situation führten. 2.300 organisierte Nazis, davon viele, die nicht aktiv sind, bei einer Gesamtbevölkerung von rund 55 Millionen Menschen, lassen nicht mehr viel Raum für ihre Träume von einer Machtübernahme. Alle ihre Organisationen propagieren Rassismus und Antisemitismus, aber sie unterscheiden sich in Stil und Taktik. Die größte Organisation ist die British National Party (BNP). Sie wird immer noch von dem altbekannten Neonazikader John Tyndall angeführt und verfolgt hauptsächlich eine parlamentarische Strategie. Sie stellte bei den Europa-Wahlen im Juni in zehn von zwölf Regionen Kandidaten auf. Im Wahlkampf hat die rassistische Propaganda der BNP schätzungsweise 25 Millionen Menschen erreicht. Die BNP sammelte umgerechnet 360.000 Mark, um ihre Wahlkampagne zu finanzieren und gewann schließlich 102.647 Wählerstimmen - weniger als ein Prozent der Stimmen. Vor kurzem erhielt die BNP allerdings bei Lokalwahlen in den West Midlands einmal 17 und einmal 18 Prozent der Stimmen in zwei Wahlbezirken, und in East London gewinnt sie regelmäßig mehr als 10 Prozent. Die Hauptthemen der Europawahlkampagne der BNP im Juni waren die Situation der Bauern, Anti-EU-Propaganda, Hetze gegen Flüchtlinge, gegen Pädophile und Propaganda für Law and Order. Die Partei hatte gehofft, daß sie ein Nutzen aus dem ersten Probelauf Großbritanniens mit dem Verhältniswahlrecht ziehen könnte, doch sie scheiterte. Die BNP hat versucht, ihren Stil zu modernisieren, indem sie Internet-Seiten eingerichtet und CD's mit einer Mischung aus rechtsextremer Musik und Reden verteilte. Das »Neonazi«-Etikett haftet der BNP weiterhin fest an. Ihr Anführer, John Tyndall, steht in engem Kontakt mit dem deutschen Neonaziterroristen Manfred Roeder und dem Autor der US-amerikanischen »Turner Diaries«, William Pierce. Die meisten der BNP-Anführer, Tyndall eingeschlossen, haben eine lange Liste von Verurteilungen u.a. wegen Waffenbesitzes und Bombenanschlägen. Außerdem sind sie dafür bekannt, daß sie Holocaust leugnende Propaganda verbreiten. Großen Schaden erlitt das Image der BNP vor den Europa-Wahlen durch die Searchlight-Veröffentlichung, daß der mutmaßliche Attentäter der Londoner Bombenserie, David Copeland, Mitglied der BNP war. Momentan findet in der Führungsspitze der Partei ein heftiger Machtkampf statt. Bei den anstehenden Vorstandswahlen tritt Nick Griffin, bisheriger stellvertretender Vorsitzender und verantwortlich für die Modernisierung der BNP, gegen Tyndall an. Sollte Griffin gewinnen, könnte sich die BNP möglicherweise zu einem viel größeren Problem als in den letzten Jahren entwickeln. Der Rivale der BNP ist die stark geschrumpfte National Front, die in London, Birmingham und in der südöstlichen Küstenregion aktiv ist, wo sie versucht mit Propaganda gegen Flüchtlinge Unterstützung zu gewinnen. Die NF hat außerdem erfolgreich unter Anti-IRA Fußballhooligans rekrutiert. Das British Movement (BM) war früher eng mit der GdNF verbunden und hatte in den 70er und frühen 80er Jahren einige tausend Anhängerinnen. Es ist inzwischen zu einem höchst geheimnisvollen Schatten seiner früheren Organisation geworden. Damals konnte es gewaltsame Straßenaktionen organisieren, Banküberfälle durchführen und Gewalt in Fußballstadien anzetteln. Heute ist der Einfluß hauptsächlich auf die Neonazi-Bonehead-Musikszene beschränkt, wo es mit der Gruppe Combat 18 konkurriert. Combat 18 (C18) entstand 1992 als Security-Gruppe der BNP. Seitdem ist C18 für eine Welle von Gewalt verantwortlich, darunter mehrere Brandanschläge und Einschüchterungsaktionen gegen AntifaschistInnen, Afro-BritInnen und Jüdinnen und Juden. Der Höhepunkt dieser Welle war eine fehlgeschlagene Briefbombenkampagne im Jahr 1997. Die Briefbombenkampagne wurde mit Hilfe des dänischen Neonazis Marcel Schilf und Thomas Nakaba organisiert. Im gleichen Jahr spaltete sich die Gruppe durch einen Streit über Gelder, die C18 durch seine Aktivitäten in der Nazimusikszene eingenommen hatte. Die internen Auseinandersetzungen führten zu der Inhaftierung von Charlie Sargent, dem Anführer der einen Fraktion. Er wurde wegen Mordes an einem engen Unterstützer des neuen Anführers von C18, Will Browning, verurteilt. Bis dahin hatte C18 durch seine Kontrolle über das Musik-Label ISD Records innerhalb der Blood & Honour-Szene großen Einfluß, Doch die Streitigkeiten über die Profite, die das Geschäft mit der Neonazi- Musik abgeworfen hatte, führten zur Isolation von C18. C18 lehnt jegliche parlamentarische Strategie ab und tritt offen für Terroraktionen gegen den Staat ein. Die Organisation hat gute Verbindungen zu gewalttätigen Rechtsextremisten in Schweden, Deutschland (u.a. zu Thorsten Heise), in den USA und in der
Slowakei aufgebaut. Blood & Honour (Blut und Ehre) wurde 1987 von der inzwischen verstorbenen Neonazilegende Ian Stuart Donaldson (ISD) gegründet und leidet momentan ebenfalls unter den internen Auseinandersetzungen zwischen C18, dem British Movement und unorganisierten Neonazis. Blood & Honour (B&H) unterhält ebenfalls gute Kontakte nach Deutschland, Schweden und in die USA. Die League of St. George war in den 70ern eine der Schlüsselorganisationen der britischen Rechtsextremen, die u.a. italienischen Neonazi-Terroristen und dem deutschen Neonazi-Bombenleger Ottfried Hepp sichere Unterkünfte zur Verfügung stellte. Außerdem hatte die Liga enge Verbindungen zu Michael Kühnen. Heute ist sie klein und hat keinen nennenswerten Einfluß. Ihre alternden Mitglieder waren allerdings an der Verschwörung von rechten Söldnern zur Destabilisierung Südafrikas im Jahr 1994 beteiligt. Dann gibt es noch die International Third Position (ITP), eine Abspaltung von der NF aus dem Jahr 1981, die stark von einer Gruppe italienischer Neonazi-Terroristen beeinflußt wird, darunter Roberto Fiore, der nach dem Bombenattentat auf den Hauptbahnhof von Bologna 1981 nach Großbritannien kam. Auch wenn die extreme Rechte in Großbritannien sehr schwach ist, existieren rassistische Gewalt und institutioneller Rassismus in der Gesellschaft. Exemplarisch deutlich gemacht, wurde dies an dem brutalen rassistischen Mord an Stephen Lawrence im Jahr 1993 und den nachfolgenden schlampigen Ermittlungen der Polizei. Der extremen Rechten ist es nicht gelungen, aus der anhaltenden gesellschaftlichen und ökonomischen Krise, die seit Ende der 70er Jahre in Großbritannien existiert, Kapital zu schlagen. Womit die vereinfachende Erklärungsansatz, daß wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme alleine zu Faschismus führen können, nicht zutreffend zu sein scheint.

AntirassistInnen und AntifaschistInnen in der Krise

Die antifaschistische Bewegung in Großbritannien heute, ist nicht mehr so sichtbar und präsent wie zu Zeiten der Anti Nazi League in den 70ern und frühen 80ern. Damals war sie eine Massenorganisation, die in der Lage war, mehr als 80.000 Leute bei Demonstrationen des »Karnevals gegen Nazis« auf die Straße zu bringen. Der Massencharakter der ANL drückte sich auch darin aus, daß neben dem Aufbau von Ortsgruppen in fast allen Städten, viele spezifische Gruppen entstanden: Lehrer-, Hafenarbeiter- und Bergarbeitergruppen gegen Nazis sowie Gruppen der SchülerInnen und Skateboarder. Parallel dazu entwickelte sich »Rock gegen Rassismus«, dessen Konzerte von zahlreichen bekannten Rockmusikern unterstützt wurden und so viele Jugendliche Zugang zu einer antifaschistischen Einstellung fanden. 1982 entschied die dominierende politische Gruppe innerhalb der Anti Nazi League, die Socialist Workers Party (SWP), daß die National Front besiegt sei und begann die ANL aufzulösen. Besiegt war zwar die NF, aber nicht der Neofaschismus. Nicht alle Aktivistinnen waren von der Analyse der SWP überzeugt und informelle Gruppen von ehemaligen Parteimitgliedern der SWP, von denen sich ein Teil zur Gruppe Red Action zusammenschloß, widersetzten sich weiterhin den Neonazis, wo immer diese auftraten. Mitte der 80er Jahre vereinten sich die Gruppen, die weiterhin gegen Neonazis mobilisierten, zur Antifascist Action (AFA). Einige Jahre spielte AFA eine positive Rolle und führte erfolgreiche Kampagnen und Aktionen durch. Doch bald wurde sie mehr von internen Auseinandersetzungen geplagt, was schließlich zur Spaltung der Organisation in drei verschiedene Regionalgruppen führte, die heute nur wenig Kontakt zueinander haben. Mittlerweile wurde die Anti Nazi League wiederbelebt. Sie existiert zwar nicht als landesweite Struktur, aber dafür als übergeordnetes Label für lokale Kampagnen (ähnlich wie »Antifaschistische Aktion« in Deutschland), wenn es darum geht mit einem Neonaziproblem fertig zu werden. Weil die Neonazis keine wirkliche landesweite Formation darstellen, tendieren antifaschistische Kampagnen dazu, spontane Reaktionen auf unmittelbare Situationen zu sein. Sie sind sehr ortsgebunden und verschwinden, sobald das Problem gelöst ist. Ohne einen unmittelbaren Gegner ist es schwierig, andauernde Kampagnen aufrecht zu erhalten, auch wenn es nach wie vor einige Gruppen wie die Tyne and Wear Antifascist Association oder die Aktion »Oldham gegen Rassismus und Faschismus« gibt, die kontinuierlich arbeiten. Seit 25 Jahren ist die Zeitung Searchlight ein konstanter Faktor in der antifaschistischen Bewegung. Das liegt daran, daß das Beobachten und Recherchieren gegen Nazis eine permanente, alltägliche Notwendigkeit darstellt. Die Zeitung hat -inspiriert durch den »Rundbrief antirassistischer und antifaschistischer Gewerkschafterinnen« aus Berlin - außerdem eine antifaschistische Arbeit innerhalb der Gewerkschaften wiederbelebt, indem sie die Vereinigung »Trade Union Friends of Searchlight« gründete, die von mehr als 150 Gewerkschaftsgruppen und -Organisationen unterstützt wird. Searchlight betreibt darüber hinaus eine ernsthafte internationale Arbeit und reagiert mit konkreter Unterstützung auf Hilfeersuchen von GenossInnen außerhalb Großbritanniens. Während der rassistischen Terrorwelle in Deutschland von 1991 bis 1993 organisierte Searchlight internationale Solidaritätsorganisationen und finanzielle Unterstützung für deutsche AntifaschistInnen. Diese Unterstützung wurde u.a. während des Kaindl-Verfahrens und dem Prozeß gegen Safwan Eid in Lübeck fortgesetzt. Eine weitere Gruppe, die seit Jahren, auch international aktiv ist und eine Zeitung herausgibt ist die Campaign against Rasism and Fascism (CARF). Seit den 70er Jahren führen sie erfolgreiche Kampagnen durch und wichtige Recherchen, die für AntirassistInnen eine wichtige Quelle des Verständnisses sind. Einige der besten und effektivsten antirassistischen und antifaschistischen Aktivitäten finden außerhalb der traditionellen Antifa-Szene und -Strukturen statt. Youth against Racism in Europe (Jugend gegen Rassismus in Europa) beispielsweise startete eine sehr erfolgreiche und breite Kampagne unter Fußballfans und -clubs unter dem Motto »Show Racism The Red Card« (»Zeig Rassismus die rote Karte«). Die Kampagne mobilisiert u.a. mit einem professionell gemachten Video, in dem sich führende Fußballspieler und Trainer gegen Rassimus aussprechen. Erfolge stellten sich ein, so wurde z.B. die Fußballindustrie dazu gezwungen, dem Kampf gegen Rassismus im Sport viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Gleichzeitig hat die Stephen Lawrence Campaign, als Antwort auf einen brutalen rassistischen Mord 1993 entstanden, hervorragende Arbeit gemacht, um die Zusammenhänge des Rassismus in der Gesellschaft zu thematisieren, eine Gefahr, die viel größer und tiefgehender ist, als die Bedrohung durch die Neonazis. Wie in Deutschland bleibt eine unglückliche und künstliche Trennung zwischen der antirassistischen und antifaschistischen Bewegung. Es gibt zahlreiche Organisationen wie die National Assembly against Rasism, die energische antirassistische Lobbyarbeit betreibt und viele Flüchtlingsorganisationen, die sehr gute Arbeit machen, bei der Verteidigung von Asylbewerbern, sowohl gegen den Staat als auch gegen Neonazis. Ein großes Problem der antifaschistischen Bewegung, ja der ganzen Linken in Großbritannien, ist ein verbreitetes Sektierertum und damit die Schwierigkeit Einheit zu erzielen. Die Erfolge der ersten Generation der Anti Nazi League von 1977 bis 1982 stammten aus dem Umstand, daß die Neonazis eine wirkliche Bedrohung waren, was die verschiedenen linken Sektierer dazu zwang, ihre Unterschiedlichkeiten bei Seite zu lassen. Die Bewegung war gezwungen weit außerhalb der eigenen engen Strukturen zu mobilisieren.