Neonazi-Funktionäre wie Edgar Geiss (links) und Christian Worch (rechts) waren beim Heß-Marsch in Wunsiedel präsent. (Bild: Faksimile aus "Unsere Stunde die wird kommen")
NS-Szene | AIB 9 / 3.1989 | 05.12.1989

Neonazi-Aufmarsch in Wunsiedel

Am 19. August 1989 versammelten sich mehr als 200 Neonazis in der Kleinstadt Wunsiedel im Fichtelgebirge. Sie wollten dem "Märtyrer für Deutschland - Rudolf Heß" zwei Tage nach dessem offiziellen zweiten Todestag gedenken. Gekommen waren Neonazis aus allen Teilen der BRD, aus Belgien, Dänemark und Österreich.

In den Neonazi-Blättem „Index“ (Hamburg) und „Wehr Dich“ (Rheda-Wiedenbrück) war seit Monaten für das Treffen mobilisiert worden. Dort wurde auch über den „Rechtskampf“ des Neonazis und Rechtsanwaltes Jürgen Rieger aus Hamburg berichtet, der - wie schon im letzten Jahr – für den Demonstrationsanmelder Berthold Dinter vor Gericht zog und auch diesmal ein Verbot des Aufmarsches verhindern konnte. Zum OrganisatorInnen-Kreis um Dinter und Rieger sollen Berichten aus der Szene auch die Neonazifunktionäre Christian Worch, Thomas Wulff ("Nationale Liste") und Christian Malcoci (FAP) zählen. In Wunsiedel marschierten unter anderem Funktionäre, Mitglieder und Anhänger von „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ (FAP), „Nationalistische Front“ (NF), „Nationale Liste“ (NL), der verbotenen „Nationale Sammlung“ (NS) sowie von der „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“ (NPD) und der „Deutschen Volksunion“ (DVU) auf.

Der Ort wird zur Pilgerstätte für Neonazis. Zu den in Wunsiedel anwesenden Neonazis zählten laut BeobachterInnen diverse Neonazifunktionäre und bekannte Neonazi-Aktivisten: Berthold Dinter aus Rheda-Wiedenbrück (Herausgeber von „Wehr Dich“), Christian Worch aus Hamburg (Vorstandsmitglied der „Nationalen Liste“ und Schriftleiter der NL-Zeitung „Index“), Ursula Worch (Vorstand der NL und Ex-Schriftleiterin der DFF-Zeitung „Die Kampfgefährtin“), Edgar Geiss aus Hechthausen1 mit seiner Frau Lilo G.2. Für die Strukturen der "Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei" (FAP) waren Siegfried Borchardt aus Dortmund (FAP-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen), Axel Zehnsdorf aus Hattingen (Mitglied des FAP-Landesvorstandes NRW), Thomas Brehl aus Langen, Friedhelm Busse (Bundesvorsitzender der FAP) und Jürgen Mosler (FAP Generalsekretär) vertreten. Aus Belgien kam Armand Albert Eriksson ("Bert" Eriksson) angereist, der als Gründer und Führer des „Vlaamse Militanten Orde“ (VMO) gilt. Laut Berichten aus der Szene soll er in Korea und Kongo als "Söldner" unterwegs gewesen sein.

Die Neonazis konnten ihre Demonstration mit Hilfe der bayrischen 'Unterstützungskomandos' (USK) der Polizei ohne nennenswerte Probleme durchführen. Auf der Abschlußkundgebung befand Christian Worch die versammelten Neonazis als "positives, kerndeutsches Menschenmaterial" und regte sich über die linken Zentren in der Hamburger Hafenstraße und die "Kiefernstraße in ... äh ... äähh ... Düsseldorf“, Journalisten und Beamte des Landratsamtes auf. Sie hätten die Frechheit besessen, die Demonstration verbieten zu wollen. Anschließend fuhr "das kerndeutsche Menschenmaterial" ins 30 Kilometer entfernte Kulmain, um dort in aller Ruhe einen "Kameradschaftsabend" abzuhalten.

  • 1. Er ging 1979 durch seinen Hitler-Gruß am Grab des NS-Kriegsverbrechers Herbert Kappler in Soltau weltweit durch die Medien. Hierfür wurde er vom Landgericht Lüneburg zu einer Geldstrafe von 9.600 Mark verurteilt.
  • 2. Sie wurde bekannt, als sie sich 1985 in Nürnberg als "Antifaschistin" aus den Strukturen der VVN ausgab.