International | AIB 10 / 1.1990 | 23.07.1990

Namibia – Neonazis und Apartheidskrieger entkommen

Die letzten drei Inhaftierten einer Gruppe von militanten weißen Rassisten wurden auf dem Transport von einer Gerichtsverhandlung von zwei Angreifern befreit. Der Polizist Ricardo van Wyk, der dabei angeschossen wurde, verstarb später im Krankenhaus. Unter den Geflüchteten befindet sich ein Bundesdeutscher.

Die drei Männer: Der 52-jähriger Hamburger Horst Klenz, der 23-jährige Leonard M. Veenendal1 und der 22-jährigen Darryl Garth Stopforth (beide aus Johannesburg) sollten mit sieben weiteren Beschuldigten vor Gericht erscheinen. Gegen sie wurde im Zusammenhang mit einem Angriff auf ein UNTAG-Büro2 in Outjo einschließlich eines Mordes ermittelt. Die "The New York Times" berichtete über weitere Ermittlungen gegen neun weiße Neonazis wegen eine Reihe von Bombenanschlägen in der Gegend um Johannesburg. Demnach sollen sich die Ermittlungen auch gegen den David I. Rootenberg richten, "who is also known for right-wing activity".3 Die "Jewish Telegraphic Agency" berichtete unter der Überschrift "Jewish Extremist Among Suspects in Bombing of Johannesburg": "Rootenberg is understood to be a close friend of Barend Strydom, who was sentenced to death for murdering black passersby in a shooting rampage in Pretoria last year".4

Kurz nach der Verhandlung gegen Klenz, Veenendal und Stopforth wurde der Polizeiwagen in dem die drei Neonazis unterwegs waren, von zwei weißen Männern (die bis dato nur durch die Pseudonyme "Archer" und "Barker" bekannt sind) überfallen. Fünf Neonazis waren im Zusammenhang mit den Ermittlungen in Südafrika festgenommen und nach § 29 des Terrorismusgesetzes ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne Verlegungen festgehalten worden. Erstaunlicherweise wurden die Neonazis später wieder entlassen und nicht weiter von den südwestafrikanischen Behörden vernommen.5 Horst Klenz ist mit seinen 52 Jahren bei weitem der Älteste unter den 21 – 28jährigen Neonazis. Als Wohnsitz gab er Vermaak in Duiwelskloof, eine Kapprovinz in Südafrika, an. In den ersten Wochen wurde er als einziger der Gruppe abgesondert von den anderen in Haft gehalten.

Bereits im Februar 1981 war Horst Klenz in Hamburg einschlägig aufgefallen. So veröffentlichte er im Wiener Neonaziblatt "Der Stoßtrupp" von Martin Neidthart einen Beitrag, um für Unterstüzung für weiße Farmer in Namibia ("Südwest") zu werben.6 In einem anderen Beitrag hatte er "kräftige Burschen" für eine "Mannschaft für Südwest" gesucht7. Als er wegen dem Werben von Söldnern von der Polizei aufgesucht wurde fanden die Ermittler an seinem Arbeitsplatz Söldnerakten und 1.000 Patronen. In seiner Niendorfer Wohnung wurde eine Maschinenpistole sichergestellt.

Weißer Terrorismus

Inhaftiert waren die Neonazis aus Südafrika wegen dem Anschlag vom August 1989 auf das UNTAG-Büro im Norden Namibias. Horst Klenz war in einer Organisation namens „Aksie Kontra 435“ aktiv und bei dem Granatenangriff auf das UNTAG-Regionalbüro – zusammen mit den Neonazis Leonard Veneendal und Darryl Stopforth -  beteiligt.8 Der Angriff im Vorfeld der unabhängigen Wahlen in Namibia kostete dem Sicherheitsmann Michael Haoseb das Leben.

Sicherlich ist es kein Zufall, daß das Kommando ein Objekt in Namibia als Anschlagsziel wählte: Es war klar, daß die bevorstehenden Wahlen eine schwarze Mehrheitsregierung hervorbringen würde. Mehrere der Angeklagten sind als Sympathisanten oder Aktivisten der „Afrikaaner Weerstands Beweging“ also der „Afrikaner Widerstandsbewegung“ (AWB) in Südafrika bekannt. Es handelt sich um eine Organisation, die an eine rassistische Burenideologie und an den Nationalsozialismus anknüpft. Seitdem die südafrikanische Regierungspartei versucht, das Apartheidssystem den kapitalistischen Erfordernissen anzupassen, bröckelt ihr rechter Rand zugunsten extrem-rechten Parteien - darunter die AWB. Der angeklagte AWB-ler Leonhard Veenendal aus Johannesburg/Südafrika war ein enger Mitarbeiter des AWB-Führers Eugene Terreblanche. Inzwischen hat sich - trotz Bedrohung - ein Journalist an die Öffentlichkeit gewandt, der vor der Festnahme ein längeres Interview mit Veenendal geführt hatte. Veenendal berichtete von einer Spaltung zwischen "Intelligentsia" und "Kriegern" innerhalb des AWB-Sicherheitsapparates („Aquila“). In der AWB gebe es eine geheime Einheit, die Kamikazeaktionen und die Ermordung von politischen Persönlichkeiten plane. Solche 'Weißen Wölfe' sollen laut Veenendal bereits existieren.

"Weiße Wölfe" ?

Der Amokläufer Barend Hendrik Strydom, wurde als „Weißer Wolf“ (Afrikaans: Wit Wolf) bezeichnet und eigentlich zum Tode verurteilt, weil er am 15. November 1988 in Pretoria (Südafrika), sieben Menschen getötet und 15 weitere verletzt hatte, die Todesstrafe wurde dann jedoch abgeschafft. Der AWB-Aktivist bezeichnete sich als Führer der 'Weißen Wölfe". Ob die 'Weißen Wölfe' tatsächlich eine festere Organisationsstruktur von bewaffneten Neonazis darstellen, ist bisher nicht bekannt. Als reine Wichtigtuerei sollten die Angaben Veenendals nicht abgetan werden. Ende letzten Septembers wurde - der Prozeß gegen das Neonazikommando hatte gerade begonnen - ein Waffenlager in Namibia entdeckt. Am 12. September 1989 wurde der Anwalt Anton Lubowski vor seinem Haus in Windhoek erschossen. Zu dieser Zeit war er der Generalsekretär der „South-West Africa People's Organisation“ (SWAPO). Nach der Ermordung Lubowskis erhielten auch andere Personen Morddrohungen, darunter die Herausgeberin der Tageszeitung „The Namibian“. Ein Ire, der von Südafrika eingereist war, wurde kurz darauf inhaftiert. Haftgrund war zuerst die Verletzung von Einwanderungsbestimmungen, später dann die Mordanklage.

Von Nordirland nach Südafrika

Hierbei soll es sich den 52jährigen Iren Donald Acheson handeln. Zwei weitere Personen sollen im Zusammenhang mit ihm ebenfalls festgenommen worden sein. Davon ist aber zumindest eine wieder auf freiem Fuß. Acheson hielt sich in verschiedenen afrikanischen Ländern auf. Er lebte sieben Jahre in Zambia und acht Jahre in Südafrika, war aus namibischen Zeitungen zu erfahren. Nach Informationen der englischen antifaschistischen Zeitung 'Searchlight' soll Acheson zu Beginn der 1980er Jahre bei der „Ulster Volunteer Force“ (UVF), einer paramilitärischen Organisation der protestantischen Rechten in Nordirland, aktiv gewesen sein. In den frühen 1970ern Jahren sei er bei den „Selous Seouts“ aufgetaucht, einer Eliteeinheit des rhodesischen Regimes, die gegen die Befreiungsbewegungen ZANU und ZAPU kämpfte. Viele Angehörige von Geheimdienst und Armee aus Rhodesien sind nach der Unabhängigkeit von den südafrikanischen Rassisten übernommen worden. Aus diesem Grund würde es nicht überraschen, wenn sich Acheson nicht nur als Mitglied einer Arpartheidskrieger-Gruppe entpuppt, sondern auch auf der Gehaltsliste des südafrikanischen Geheimdienstes steht.

Nachtrag:

Horst Klenz9ging nach seiner gewaltsamen Befreiung über die Grenze und tauchte in Südafrika unter, wo er zwar im Dezember 1990 erneut verhaftet wurde, aber kurze Zeit später durch eine Amnestie wieder freikam. Der Richter J. Levy des namibischen Obersten Gerichtshof nannte in einem 144-seitigen Urteil den irischen Söldner Donald Acheson als den Attentäter von Anton Lubowski und namentlich neun weitere Personen als Komplizen, darunter CCB-Geheimdienstmitarbeiter: Joe Verster, Stal Burger, Abraham van Zyl ("Slang"), Calla Botha, Leon Maree ("Chappies"), Johan Niemoller jr., Wouter Basson ("Christo Britz"), Ferdi Barnard und Charles Wildschudt (ehemals Neelse). Das Civil Cooperation Bureau (CCB) war eine Einheit der „South African Defence Force“ (SADF), die mit verdeckten Operationen gegen Gegner des Apartheid-Regimes eingesetzt wurde. Die Mitglieder verübten zahlreiche Verbrechen. Das CCB existierte von 1986 bis 1990.

  • 1. Er wurde z.T. auch als Lennerd Michael Veenendaal benannt.
  • 2. Unterstützungseinheit der Vereinten Nationen für die Übergangszeit, kurz UNTAG (englisch: United Nations Transition Assistance Group)
  • 3. The New York Times: "PRETORIA ARRESTS 9 RIGHT-WINGERS" von Christopher S. Wren, 9. Juli 1990.
  • 4. JTA: "Jewish Extremist Among Suspects in Bombing of Johannesburg" von Carolyn Raphaely, 12. Juli 1990
  • 5. Vgl. TRC, Final Report
  • 6. "Der Stosstrupp" Nr. 11, Oktober 1980.
  • 7. "Der Stosstrupp" Nr. 9, August 1980.
  • 8. Bei der TRC „Truth and Reconciliation Commission“ (in etwa: Wahrheits und Versöhnungs Kommission) hatte er eine Amnestie in der Sache beantragt.
  • 9. Nachtrag: Horst Klenz trat unter den Decknamen "Heinrich Siems", "Kluger" und "Wolfgang Weber" auf.