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Gesellschaft | AIB 105 / 4.2014 | 19.01.2015

Keupstraße ist überall!

Kurz vor vier am Nachmittag des 9. Juni 2004 explodierte vor dem Friseursalon der Gebrüder Yildirim in der Keupstraße in Köln eine Nagelbombe. Gefüllt mit 5,5 Kilo Schwarzpulver und über 700 Zimmermannsnägeln. Mindestens 22 Menschen wurden verletzt, einige davon schwer. Viele kamen mit dem Schrecken davon. Aber dieser war auch ein Schrecken ohne Ende.

Initiative „Keupstraße ist überall“

Schon direkt nach dem Anschlag mussten die Betroffenen der Keupstraße jahrelang ein perfides Programm der Ermittlungsbehörden über sich ergehen lassen. Sie wurden verdächtig, bespitzelt, gezielt von Opfern zu Täter_innen gemacht. Man beschuldigte sie, in Mafiageschäfte, Geldwäsche, Drogenhandel verwickelt zu sein oder ging von einer Täterschaft der PKK aus. Ein rechtsterroristischer Anschlag wurde von den Behörden innerhalb eines Tages ausgeschlossen.

Bis zur Selbstenttarnung des NSU 2011 ermittelten die Behörden ausschließlich gegen die durch die Bombe Verletzten und Geschädigten und Anwohner_innen. Medien und Öffentlichkeit flankierten dies mit der stereotypen Beschreibung eines „kriminellen Ausländermilieus“. Der rassistische Anschlag, der für die Keupstraße mit der Bombe von 2004 begann, fand darin seine Fortsetzung. Bis zur Selbstaufdeckung des NSU 2011 ging kaum jemand von rassistischen Motiven für die Taten aus. Die Opfer des NSU erfuhren weder Unterstützung noch Solidarität. Zwar gab es jährlich ein Gedenken, aber kaum eine_r beschäftigte sich vor Ort mit den Menschen, ihren Erlebnissen, ihren Ängsten.

„Warme Solidarität“

Erst nach der Selbstenttarnung fingen Kölner Initiativen und Nachbar_innen an, sich mit den Betroffenen zu solidarisieren. Peter Bach wohnt seit 40 Jahren in der Nähe der Keupstraße. „Eigentlich sind wir im Nachhinein selber erschrocken, wie wenig emotional wir reagiert haben", erinnert sich Bach. Immer wieder fragt er sich, „warum wir nicht sofort zu den Leuten hingelaufen sind. (...) Aber ich glaube, wir haben uns zu einer gewissen kalten Solidarität verleiten lassen, die die Menschen auf der Keupstraße nicht im Herzen gespürt haben.

Seither gab es mehrere Ansätze, eine „warme Solidarität“ zu bekunden. Kurz nach Bekanntwerden des NSU organisierten anti­faschistische Gruppen eine Solidaritätsdemonstration in Köln-Mülheim. Da es nicht gelang, im Vorfeld ausreichend Kontakt mit Anwohner_innen der Straße aufzubauen, sollte die Demo nicht durch die Keupstraße gehen. Dennoch löste sie Irritationen aus.

Mitat Özdemir von der IG Keupstraße hielt kurzfristig eine Rede. Die Leute von der Keupstraße seien nicht einbezogen worden, kritisierte der Kioskbesitzer. Der Anschlag sei keine Angelegenheit von „Deutschen“ oder „Türken“, sondern eine der gesamten Gesellschaft. Özdemir kritisierte diese Trennung von „wir“ und „ihr“. Die Kritik zeigte Wirkung. „Seine Rede war der Anfang für eine engere Zusammenarbeit“, sagt Peter Bach.

Gemeinsam mit anderen Initiativen wurden Veranstaltungen auf der Keupstraße organisiert. Opfer des Anschlags und deren Angehörige waren oft dabei. Es gab Vorträge von Prozessbeobachter_innen und Nebenklagevertreter_innen, es wurden Filme gezeigt und diskutiert. Einer der Eingeladenen war auch Ibrahim Arslan, Opfer und Überlebender des Brandanschlags von Mölln 1992.

Die Betroffenen reden

Nach und nach begannen sich die Betroffenen zu öffnen. Erstmals sprachen sie öffentlich über ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Ängste. Aus diesen Gesprächen und der Auseinandersetzung mit Rassismus und rechtsmotivierten Gewalttaten in Deutschland entstand das Buch „Von Mauerfall bis Nagelbombe“.

In Interviews mit Betroffenen wurde das ganze Ausmaß dessen deutlich, dem die Opfer der Anschläge ausgesetzt waren. Nach den traumatischen Erlebnissen der Explosion wurden die Menschen nicht betreut, sondern direkt verdächtigt und in die Enge getrieben.

Eine Kurdin beschreibt beispielsweise, wie kurz nach dem Anschlag auf die Keupstraße Polizeikräfte ihre Wohnung stürmten, in der sie und ihr kleiner Sohn allein lebten. Die Türen wurden aufgebrochen, die Zimmer durchsucht und sie wurde stundenlang verhört. Die schlichte Begründung dafür: Sie sei Kurdin und deshalb verdächtig, mit der PKK zu tun zu haben.

Der Großteil der Bewohner_innen der Keupstraße wurde mehrfach verhört und DNA-Tests unterzogen. Wer den Verdacht äußerte, dass Neonazis für den Anschlag verantwortlich gewesen seien, wurde eingeschüchtert. Ein Geschäftsmann berichtet, er habe der Polizei gesagt, dass doch klar sei, wer es war: Neonazis. „Der Polizist hat daraufhin seinen Zeigefinger zu seinem Mund geführt und mir gedeutet, dass ich schweigen solle. Er hat gesagt, dass ich nicht so etwas sagen soll. Da habe ich Angst bekommen und nicht noch mal darüber gesprochen“. Es sind nicht nur körperliche Narben, die die Betroffen mit sich tragen, sondern vor allem seelische. Bei lauten Geräuschen bekommen sie Panik. Sperrmüll und Altkleidersäcke auf dem Gehweg bringen sie dazu, die Straßenseite zu wechseln. Aus Angst vor einer möglichen Bombe.

„Keupstraße ist überall“

Vor diesem Hintergrund hat sich die Initiative „Keupstraße ist überall“ im November 2013 gegründet. Die Opfer sollen spüren, dass es eine Gegenbewegung gibt, die sie nicht ausschließt, sondern einschließt. Anlass zur Gründung war das Vorhaben, ein gemeinsames Zeichen zu setzen, wenn der Anschlag auf die Keupstraße im NSU-Prozess in München verhandelt werden wird. Ein Zeichen, das deutlich macht: Das Ziel des Anschlags — die Opfer zu isolieren — ist nicht aufgegangen. Zumindest jetzt nicht mehr. Ganz konkret werden gemeinsame Fahrten nach München zum Prozess geplant, damit an allen Tagen, an denen die Betroffenen der Keupstraße aussagen müssen, jemand da ist. Die Menschen der Keupstraße sollen nicht allein durch die Prozesstage in München gehen müssen. Bereits im Vorfeld fuhren Mitglieder der Initiative und interessierte Nebenkläger_innen zum Prozess, um sich darauf vorbereiten zu können, was sie dort erwarten wird. Die Opferberatung Rheinland hat eine Broschüre für die Betroffenen des Nagelbombenanschlags auf Deutsch und Türkisch erstellt, die erklärt, wie das Verfahren läuft, wer welche Funktionen hat, wie der Gerichtssaal aufgebaut ist und welche Rechte und Pflichten sie bei ihrer Aussage haben.

Darüber hinaus organisiert die Initiative Treffen der Nebenkläger_innen mit. Eigentlich sollte der Anschlag in München bereits verhandelt sein. Doch der Termin verzögert sich immer weiter, da immer neue Ladungen, die die Struktur des NSU beleuchten sollen, dazu kommen. Die Morde und der Anschlag in der Kölner Probsteigasse sind bereits durch. Wann der Anschlag in der Keupstraße verhandelt werden wird, ist momentan nicht abzusehen. Diese Situation verstärkt den Druck auf die Betroffenen. Die Vorstellung, vor Gericht aussagen zu müssen und sich erneut auf die Ereignisse am 9. Juni 2004 und die anschließenden Ermittlungen einlassen zu müssen, löst Beklemmung aus. Durch die Ungewissheit wird diese noch gesteigert. Die Treffen sollen die Betroffenen zusammenbringen, einen Austausch untereinander fördern, ihnen den Raum bieten, sich selbst zu organisieren.

Um auf die Betroffenenperspektive aufmerksam zu machen, hat beispielsweise ein deutschlandweites Bündnis verschiedener Initiativen am 4. November, dem dritten Jahrestag der Selbstaufdeckung des NSU, bundesweit Straßenumbenennungen durch­geführt. Um ein „Band der Solidarität“ zwischen den Städten zu knüpfen, erhielten einzelne Straßen in verschiedenen Städten die Namen von NSU-Opfern oder Tatorten aus anderen Städten. Auch am Tag, an dem die Keupstraße erstmals in München verhandelt wird, soll es bundesweite Solidaritätsveranstaltungen in vielen Städten in Deutschland geben. In München selbst werden über den Tag verteilt Kunstaktionen, Musik, Performances, Reden und eine Gedenkdemonstration stattfinden. Denn die Keupstraße ist überall. Es geht hier nicht allein um den rassistischen Terror des NSU, sondern auch um den Rassismus von Behörden und Institutionen. Nicht nur im Kontext Keupstraße.

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