Rezensionen | AIB 73 / 4.2006 | 09.12.2006

Kampf der Erinnerungen

Walter L. Bernecker, Sören Brinkmann

Bei aller Intensität, mit der in Deutschland die Auseinandersetzung um die Geschichte geführt und untersucht wird, erfährt man recht selten etwas über Länder, die nichts oder nur wenig mit der deutschen Vergangenheit zu tun haben. Wieviel Interessantes es da aber zu holen gibt, zeigen die Autoren am Beispiel Spaniens.

In umfangreicher Kenntnis des gerade in den letzten Jahren massiv angewachsenen Forschungsstandes zu spanischem Bürgerkrieg und Franquismus liefern sie zunächst eine Grundlegung über die Prozesse und Ereignisse, die später zum Gegenstand der Erinnerung werden sollten. Eine der Hauptthesen des Buches ist, dass das franquistische Regime nicht nur eine ausgeprägte Erinnerungspolitik zu seiner Legitimation betrieb, sondern eine regelrechte »Deformierung der Erinnerung«. Dabei gab es zwar auch bereits während der Diktatur einen Wechsel vom Topos Sieg im Kreuzzug hin zu (wirtschaftlichem) Erfolg im Frieden als Orientierungspunkt der Erinnerung, aber zentral blieb die dichotome Sicht auf den Bürgerkrieg: hier die Zivilisation, die Religion und ein einiges Spanien, dort Barbarei, Gottlosigkeit und das kommunistische Anti-Spanien. Trotzdem halfen auch verstärkte Anstrengungen der Geschichtspolitik – etwa vermehrte Einweihungen von Franco-Denkmälern – nicht dagegen, dass gegen Ende des Regimes selbst im franquistischen Lager die Bereitschaft zur »Versöhnung« um sich griff.

Aus Sicht der Erinnerungsforschung ist die Phase des Übergangs (Transicion) vom Franco-Regime zur (monarchischen) Demokratie ein interessantes Phänomen. Die zweite Zentralthese der Autoren stellt fest, dass die Transicion in ihrer (verhältnismäßigen) Friedlichkeit nur möglich war durch eine umfassende Amnestie für die Zeit des Bürgerkriegs, vor allem aber für die TäterInnen des Regimes – und durch eine jahrelange Amnesie, eine Verweigerung jeder öffentlichen Erinnerung. Und in der Tat ist erstaunlich, wie lange sich in Spanien auch von Seiten der ehemaligen RepublikanerInnen daran gehalten wurde, die Vergangenheit nicht zum Thema zu machen – sei es aus kluger Zurückhaltung, Angst vor dem alten Establishment (das aufgrund der Amnestie natürlich im Amt blieb) oder aus Angst, wieder in Bürgerkrieg zurückzufallen. Der Putschversuch 1981 zeigte, dass die Angst nicht unberechtigt war.

Die Amnesie hielt aber nicht ewig. Mitte der Neunziger Jahre konstatieren die Autoren den Beginn einer neuen Phase der spanischen Erinnerungskultur: Im ganzen Land gründeten sich Initiativen, die die Exhumierung und würdevolle Bestattung von Tausenden durch die Franquisten in Straßengräben und auf Feldern verscharrten RepublikanerInnen und RegimegegnerInnen zum Ziel haben. Auch in Literatur, Film, Wissenschaft und nicht zuletzt in der Politik ist die neuere Vergangenheit wieder massiv zum Thema geworden. Freilich geht es der neuen »Erinnerungsbewegung« nicht um die 1936 noch anstehende soziale Revolution, sie sieht in den Opfern von damals vielmehr VorkämpferInnen für die heutige Demokratie. Bei allen Änderungen und trotz der immer mehr verschwindenden Caudillo-Statuen und franquistischen Straßennamen bleibt ein Eckpfeiler der Transicion, die Straflosigkeit, jedoch weiter unangetastet.

Es ist etwas ärgerlich, dass dem ansonsten wissenschaftlich sorgfältigen Buch kein Register spendiert wurde. Und die zuweilen doch recht deutliche Parteinahme der Autoren (die spanischen Arbeiter hätten in der Diktatur »notgedrungen« am »Tag der Arbeit« teilgenommen?) wäre nicht nötig gewesen. Inhaltlich fragwürdig bleibt jedoch die nicht wirklich belegte These, dass Vergangenheitsarbeit als kritische Auseinandersetzung per se positiven Einfluss auf demokratische Konsolidierung hätte. Gleichzeitig ist die Feststellung banal, der franquistische »Staatsapparat benötige Legitimationsgrundlagen«, die er sich aus der Geschichtspolitik hole – das trifft auf jeden Staatsapparat zu – oder nur Diktaturen würden auf Denkmäler und Standbilder zurückgreifen. Jede Gesellschaft und jede Gruppe bedient sich der Vergangenheit zur Legitimierung und Selbstvergewisserung – das an sich kann noch kein Gegenstand positiver oder negativer Bewertung sein. 

Walter L. Bernecker / Sören Brinkmann
Kampf der Erinnerungen.
Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936–2006.

Nettersheim: Graswurzelrevolution, 2006
378 S., 20,50 EUR