Niedergebrannte Häuser in der Altstadt von Gjakova (Djakovice) in Jugoslawien. (Foto:Christian Ditsch)
Diskussion | AIB 48 / 3.1999 | 07.09.1999

Jugoslawien: Von der Zerstörung des Sozialen zum Zerfall einer Nation?

Vor 20 Jahren konnten die meisten JugoslawInnen voller Stolz in die Zukunft blicken: Aus einem von den Nazis verwüsteten Agrarland war ein Industriestaat geworden. Der damalige Staatspräsident Josip Broz "Tito" war sowohl in der westlichen wie der südlichen Welt hoch angesehen und galt als der führende Politiker der sogenannten »blockfreien Staaten« in der UNO. Marschall Tito hatte Jugoslawien, besonders die verfeindeten kroatischen und serbischen Partisaninnen, im Kampf gegen Hitlers Wehrmacht und SS vereint und nach der Kritik an Stalins Führungsanspruch 1948 den sowjetischen Machtblock verlassen. In einem Bericht der Weltbank von 1981 wurde das jugoslawische Entwicklungsmodell hoch gelobt, »das durchschnittliche Wachstum des Bruttoinlandprodukts betrug 6,1%, und zwar über die Dauer von 20 fahren (1960-1980), es gab freie medizinische Versorgung, (...) die Alphabetisierungsrate lag bei 91 %, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 72 Jahren

Schon einige Jahre vor Titos Tod zogen jedoch drohende Gewitterwolken am Wirtschaftshimmel der Bundesrepublik Jugoslawien auf. Der Wirtschaftsboom war mit sehr hohen Krediten von westlichen Banken und durch die Devisenüberweisungen der jugoslawischen ArbeitsemigrantInnen aus dem westeuropäischen Ausland finanziert worden. Überall hatte Tito Fabriken, Schulen, Universitäten und staatliche Bürokratien aufbauen lassen. Abgesehen von der Leichtindustrie in den reichen Provinzen Kroatien und Slowenien waren nur die wenigsten Betriebe im kapitalistischen Sinne rentabel. Gegen Ende der Tito-Ära war den führenden Politikern der sechs Republiken und der Belgrader Wirtschaftsführung sehr wohl bewußt, daß Jugoslawien infolge der Weltmarktkonkurrenz die Staatsbetriebe sanieren müßte und die maroden Staatsbetriebe nicht weiter aus dem Staatshaushalt über Wasser halten konnte. Auch war den meisten Wirtschaftsbossen und der sozialistischen Elite in den Führungsetagen der staatlichen Bürokratie voll bewußt, daß das Nord-Süd-Gefälle innerhalb Jugoslawiens den Bundesstaat an den Rand des Abgrunds geschoben hatte. Wie ist es zu diesem Nord-Süd-Gefälle gekommen?

Nach der Beendigung der engen wirtschaftlichen Kooperation Jugoslawiens mit der Sowjetunion im Jahr 1948 und der wenig später gescheiterten Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, näherte sich die jugoslawische Wirtschaft immer mehr dem kapitalistischen Weltmarkt an. Die Regierung unter Tito förderte den Aufbau devisenbringender Industriezweige. Das waren vor allem die Leichtindustrie, u.a. die Textilindustrie, und die mit westlichem Kapital und Know-how aufgebauten joint-ventures in Kroatien und Slowenien. So ließ z.B. der deutsche Konzern Neckermann dort in den 70er Jahren massenhaft Kühlschränke und Fernseher produzieren. Hingegen konnten die südlichen ärmeren Provinzen, wie Mazedonien oder der Kosovo, in nur begrenztem Umfang landwirtschaftliche Erzeugnisse und Rohstoffe aus dem Bergbau exportieren.

Boom auf Kredit

Infolge des 20jährigen Wirtschaftsbooms wurden die Provinzen des Nordens immer reicher und das Wirtschaftsgefälle immer größer. Ende der 60er Jahre wurde deshalb ein Investitionsfond etabliert, in den Kroatien und Slowenien einen Teil ihrer erwirtschafteten Devisen einzahlen mußten. Mit diesem Fond setzte in den Südprovinzen eine nachholende Modernisierung ein. Besonders im Kosovo, aber auch in Serbien und Mazedonien, wurde jetzt binnen weniger Jahre eine neue Infrastruktur in Form von Fabriken, Schulen, Straßen etc. gebaut. Da die Löhne in der Industrie im Durchschnitt doppelt so hoch wie die Einkünfte aus der kleinbäuerlichen Landwirtschaft waren, setzte eine massive Landflucht ein. Ein regelrechter Bauboom ließ die Städte sehr schnell wachsen, die Kaufkraft der jugoslawischen Bevölkerung wuchs, einfache Konsumgüter waren leicht zu erhalten. Parallel dazu wuchs jedoch angesichts zunehmender Weltmarktintegration und steigender Abhängigkeit von den Exporten die Notwendigkeit der Anhebung der Arbeitsproduktivität. Diese stagnierte aber über Jahre und ging in den 80er Jahren sogar zurück. Die Fabrikdirektoren erhielten die Löhne für die ArbeiterInnen als Gesamtlohnsumme direkt vom Staat. Bis Mitte der 80er Jahre »horteten« sie deshalb einmal eingestellte LohnarbeiterInnen. Außerdem wagten sie auch aus Furcht vor Protesten und Widerstand in den Arbeiterselbstverwaltungsorganen keine Entlassungen. Ein weiterer Grund für die Stagnation der Arbeitsproduktivität lag in der geringen Arbeitsmotivation der ArbeiterInnenklasse. In den Staatsbetrieben wurde recht wenig »produktiv« gearbeitet, in der Regel nur 3-4 Stunden pro Tag. Doch dafür nahmen sich die ArbeiterInnen um so mehr Zeit für Tätigkeiten außerhalb des Betriebes. Es wird geschätzt. daß in den 80er Jahren bis zu 40% des Einkommens von ArbeiterInnen durch Schwarzarbeit gesichert wurde, was den Menschen zugleich in der Phase der hohen Inflation und Reallohnsenkung das Überleben sicherte. Auf bundesstaatlicher Ebene war der wirtschaftliche Niedergang nicht mehr aufhaltbar. Die Inflation galoppierte, die aus dem Westen importierten Konsumwaren wurden teurer und teurer, der Dinar war immer weniger wert, die D-Mark wurde zur Ersatzwährung. Nach Titos Tod 1980 wurde den JugoslawInnen die Rechnung präsentiert: 14 Milliarden Dollar Auslandsschulden. Jugoslawien stand vor der Zahlungsunfähigkeit und war infolge der Ölkrise unbedingt auf neue Auslandskredite angewiesen. Jugoslawien trat deshalb dem "Internationale Währungsfonds" (IWF) bei, und dieser vergab 1983 den damals größten je vergebenen Kredit an das realsozialistische Land.

Allerdings taten die Herrn des IWF das nicht aus purer Lust und Laune. Die Kreditauflagen waren ähnlich gnadenlos wie bei einem IWF-Kredit an Mexiko ein Jahr zuvor, mit dem das mittelamerikanische Land in die Verschuldungsfalle gestolpert war: Der IWF forderte von der jugoslawischen Regierung, die maroden Staatsbetriebe zu sanieren. Hunderttausende von ArbeiterInnen zu entlassen, das Staatshaushaltsdefizit zu reduzieren, den staatlichen Sektor in der Industrie zu privatisieren, die inländischen Kreditzinsen anzuheben und die hohe Inflation zu drosseln.

In der IWF-Falle

Der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Michel Chossudovsky sieht in den IWF-Maßnahmen gegen Jugoslawien ein gezieltes »Bankrottprogramm« des Westens: »Alle Industrieunternehmen waren sorgfältig kategorisiert worden. Unter den von IWF/Weltbank gesponserten Reformen waren die Kredite an den industriellen Sektor eingefroren worden, mit der klaren Perspektive, den Auflösungsprozeß zu beschleunignen. Das 'Gesetz zur Regelung der Finanzwirtschaft' von 1989 hatte sogenannte »Abwicklungsmechanismen« geschaffen, die besagten, daß ein Unternehmen im Falle einer 45 Tage andauernden Zahlungsunfähigkeit innerhalb von fünfzehn Tagen eine Einigkeit mit seinen Kreditgebern erreichen mußte. Dies erlaubte den Kreditgebern, ihre Kredite routinemäßig als Machtmittel über die zahlungsunfähigen Unternehmen zu mißbrauchen. Wenn keine Übereinkunft erzielt werden konnte, wurde der Konkurs eingeleitet, ohne daß den Arbeitern Übergangsgeldern bezahlt wurden. 1989 wurden so offiziellen Quellen zufolge 248 Unternehmen in den Bankrott geführt oder aufgelöst, 89.400 ArbeiterInnen verloren ihren Arbeitsplatz. Während der ersten neun Monate des Jahres 1990, im unmittelbaren Anschluß an die Installierung (neuer) IWF-Programme, gingen weitere 889 Firmen mit einer Gesamtbelegschaft von 525.000 ArbeiterInnen in Konkurs. Mit anderen Worten: Die gesetzlichen Regelungen führten innerhalb von zwei Jahren für über 600.000 ArbeiterInnen zu Arbeitslosigkeit, und das bei einer nur 2,7 Millionen starken industriellen Arbeiterschaft in ganz Jugoslawien. Die höchste Zahl von Bankrotten und neuen Arbeitslosen entfiel auf Serbien, Bosnien, Herzegowina, Mazedonien und den Kosovo.«

Doch wie reagierte die Bevölkerung, besonders zu Beginn der Wirtschaftskrise? Für die Bevölkerung und besonders die ArbeiterInnen war zunächst alles unfaßbar. Bis Anfang der 80er Jahre war jede Preiserhöhungen mit entsprechenden Lohnerhöhungen ausgeglichen worden. Ab Mitte der 80er Jahre war davon plötzlich keine Rede mehr. Im Gegenteil: Die Fabrikdirektoren verlangten von den ArbeiterInnen, härter und länger zu arbeiten, ohne daß auch nur ein Dinar mehr in ihre Taschen wanderte. Nach der Gewährung des ersten großen IWF-Kredites im Jahr 1983 bewährte sich für die ArbeiterInnen die unter der Regierung Tito Anfang der 50er Jahre eingeführte Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben. Bis dahin hatten zumeist die von der kommunistischen Partei eingesetzten Direktoren und die technische Intelligenz in den Fabriken das Sagen gehabt. Nun kamen sie gegen die Proteste und den Widerstand der ArbeiterInnen nicht mehr an. Überall wurde gegen die restriktive Wirtschaftspolitik der Belgrader Zentralregierung gestreikt. Arbeiter besetzten Betriebe und setzten die Fabrikdirektoren vor die Tür. Den meisten war dabei aber nicht bewußt, daß sie nur vordergründig gegen die KP-Führung und die korrupte Gewerkschaftsführung, tatsächlich aber gegen die verstärkte Weltmarktanbindung der jugoslawischen Industrie streikten. Desweiteren forderten die ArbeiterInnen die Umsetzung der nur auf dem Papier bestehenden Selbstverwaltung, und in einigen Betreiben wurden neue, unabhängige Gewerkschaften gegründet. Aufgrund der Streikwelle im ganzen Land und der Massendemonstrationen gegen die neue Führungsriege in Belgrad wurden kurzzeitig massive Lohnerhöhungen und, vor 1989, oftmals die Rücknahme der Massenentlassungen durchgesetzt. Zum ersten Mal gab es in einem realsozialistischen Land offene Arbeitskämpfe, die aber zu keinem Zeitpunkt auf nationaler Ebene die Machtfrage stellten, sondern sich zumeist auf die lokalen bzw. Republikgrenzen beschränkten. Durch die Verfassungsreform von 1974 hatte Tito die Wirtschaftshoheit - bis auf wenige größere Investitionsentscheidungen - und die Geldwirtschaft auf die sechs Republiken (Kroatien, Slowenien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Montenegro) übertragen.

Erste Erosionsprozesse

In dieser Phase Mitte der 80er Jahre schotteren sich die einzelnen Republiken immer mehr voneinander ab. Die noch wohlhabenden Provinzen Kroatien und Slowenien weigerten sich, weiter Gelder in den gemeinsamen Investitionsfond einzuzahlen. Slowenien nutzte das schon unter Tito gewährte Recht der Erhebung von Exportsteuern für Waren in den EU-Raum aus, Serbien erhob Einruhrsteuern auf Waren aus Kroatien und Slowenien, Montenegro weigerte sich, seine Devieseneinnahmen aus dem Tourismusgeschäft an die Belgrader Zentralregierung abzuführen. Aufgrund der machtvollen Streikbewegung, unterliefen die Regierungschefs der südlichen Provinzen die von allen Republiken unter dem Druck des IWF gefaßten Beschlüsse über die Schließung maroder Staatsbetriebe. Die Auswirkungen der sozialen Krise wurden durch die Teilerfolge der Massenstreiks und Proteste zunächst abgemildert, um dann aber 1989 um so brutaler um sich zu greifen. Als Slobodan Milošević 1989 an die Spitze der jugoslawischen Führung trat, stand der Bundesstaat Jugoslawien vor dem Ruin. Das ehemals so hohe Wirtschaftswachsrum befand sich auf einer rasanten Talfahrt. Das Bruttosozialprodukt ging um mehr als 10 Prozent pro Jahr zurück. Jugoslawien war nur noch auf dem Papier eine Wirtschaftseinheit.

Wenn, wie vielfach in den letzten Wochen innerhalb der Linken argumentiert wurde, die Hauptschuld am Zerfall Jugoslawiens der deutschen Bundesregierung zugeschoben wird, weil sie 1991 voreilig Slowenien und Kroatien als unabhängige Staaten anerkannte, macht man es sich zu einfach. Wie oben geschildert, ist der Zerfall Jugoslawiens auch aus seinen vielfältigen inneren Widersprüchen zu erklären. Die deutsche Bundesregierung hat diesen Prozeß am Ende sicherlich beschleunigt.

Georg Fülberth warnt in der Zeitschrift "konkret" (6/99) vor vereinfachenden Erklärungsmustern, die die Ursachen für den Zerfall Jugoslawiens nur in äußeren Faktoren suchen: »1980 war Jugoslawien ökonomisch am Ende, und spätestens 1989 war dies auch allen Beteiligten klar. Die einzelnen Republiken verhielten sich nach der Losung 'Rette sich, wer kann'. Slowenien und Kroatien, weniger arm als die anderen, sahen in dem Gesamtstaat nur ein Hemmnis ihrer weiteren Entwicklung....« Auch der IWF hat im Fall Jugoslawien »nur« das durchgesetzt, was er gegen andere Entwicklungsländer ebenfalls durchpeitscht. Dabei handelte es sich - entgegen den Theorien von einer antikommunistischen Verschwörung gegen Jugoslawien durch den damaligen US-Präsidenten Ronald Wilson Reagan und anderer "westlicher Bösewichte" - um nichts anderes als die Durchsetzung eines knallharten, neoliberalen Sanierungsprogramms.

Weitaus schwerwiegender als die Wirtschaftskrise erwiesen sich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre die Erosionstendenzen durch die immer offener zu Tage tretenden nationalistischen Konflikte. Neben der Befreiung vom Faschismus, bestand Titos historisches Verdienst vor allem in der Zurückdrängung der nationalistischen Konflikte besonders zwischen Kroatien und Serbien, aber auch in der Eindämmung der nationalistischen Rivalitäten zwischen Kosovo-Albanern und Serben. Damit war es nach dem Ende der Tito-Ära vorbei. Das Konstrukt des Bundesstaates Jugoslawiens unter Tito beruhte wesentlich darauf, daß das für den Sieg über den Faschismus so entscheidende Militärpotential Serbiens und die später so starke serbische Militärmacht eingebunden wurde und die serbischen und kroatischen Großmachtbestrebungen der Vergangenheit angehörten.

Das änderte sich radikal ab Mitte der 80er Jahre, als die sozialistische Führungselite immer mehr auf die zunächst nationale und später nationalistische Karte in den verschiedenen Republiken setzte. Das entscheidende Paradebeispiel dafür ist der Aufstieg Slobodan Milosevics in Serbien, der 1987 vom Zentralbankchef zum Vorsitzenden der serbischen Kommunisten gewählt wurde. Er verstand es geschickt, sich einerseits als Verwalter von Titos Erbe zu präsentieren, indem er sich u.a. gegen eine vorschnelle Privatisierung der Staatsbetriebe wandte und sich vordergründig für den Erhalt Jugoslawiens einsetzte, aber andererseits gerade im Kosovo massiv die nationalistischen Konflikte schürte.

Der Kosovo

Der Kosovo war schon unter Tito die unruhigste Region Jugoslawiens und mit Abstand die ärmste Provinz. Bereits 1968 ließ Tito gegen demonstrierende StudentInnen und ArbeiterInnen im Kosovo Panzer auffahren. Seit 1974 wurde der Kosovo eine autonome Provinz, mit eigenen Schulen, Universitäten, Sprache und einer relativ unabhängigen Verwaltung. Dies hatte zur Folge, daß zwischen Anfang der 70er und Anfang der 80er Jahre rund 57.000 Serben den Kosovo verließen (New York Times, vom 21.1.1982). Aber trotz aller kosovo-albanischen Autonomie und Wirtschaftshilfeleistungen durch die Belgrader Zentralregierung blieben die Konflikte zwischen Serben und Kosovo-Albanern bestehen. Bei den sozialen Unruhen und Studentenprotesten 1981 in Pristina attackierten auch zum ersten Mal kosovo-albanische Nationalisten die jugoslawische Armee. In den darauffolgenden Jahren wurden immer wieder serbische Polizeieinheiten überfallen und ermordet. Der Nationalismus auf beiden Seiten begann sich hochzuschaukeln.

Bei mehreren Massenmeetings ab 1987 hatte Milosevic zusammen mit den von ihm hofierten Vertretern der serbisch-orthodoxen Kirche an die historischen Wurzeln Serbiens im »Land der Klöster«, wie der Kosovo von den serbischen Nationalisten genannt wird, appelliert. Die serbischen Nationalisten beziehen sich dabei auf die Vertreibung der Serben aus dem Kosovo im Jahr 1389, als sie gegen das osmanische Reich unterlagen und eine 500jährige Okkupation durch das osmanisch-türkische Reich folgte. Serbische Nationalisten begreifen sich daher auch heute als Verteidiger der europäisch-orthodoxen Kultur gegen die »muslimischen Barbaren« aus dem Kosovo und der Türkei. 1989, 600 Jahre nach der entscheidenden Schlacht auf dem Amselfeld, wurde der Leichnam des damaligen serbischen Heerführers Lazar Hrebeljanović in den Kosovo in einer Massenprozession zurückgeführt. Milosevic hielt die Hauptrede auf dem historischen Amselfeld und versicherte seinen AnhängerInnen, daß er diesen »heiligen Boden« Serbiens niemals hergeben werde. Die Lage spitzte sich weiter zu. Die Regierung Milosevic entzog der Provinz 1989 den Autonomiestatus. Die albanisch-sprachigen Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Hunderte von Professoren und LehrerInnen entlassen. Danach begannen Kosovo-Albaner unter Führung der "Lidhja Demokratike e Kosovës" (albanisch für „Demokratische Liga des Kosovo“) von Ibrahim Rugova, eine Parallelstruktur mit albanisch-autonomen Zivilstrukturen auf allen Sektoren aufzubauen, allerdings ohne bewaffnete Einheiten.

Am Ende des Bosnienkrieges, bei den Verhandlungen in Dayton 1995, wurde das Kosovoproblem von den Westmächten ausgeklammert, vor allem, um die Zustimmung des jugoslawischen Präsidenten Milosevic zum Vertrag von Dayton zu gewinnen.

Zunehmender Nationalismus

Damals war kaum vorstellbar, daß dieser Konflikt nur das kleine Vorspiel für die Grausamkeiten und Kriege der nachfolgenden Jahre sein sollte. Bei den Republikwahlen 1990 wurden in allen Republiken, bis auf Serbien, nationalistische Parteien und Politiker gewählt. Besonders in Kroatien hatte die deutsche Bundesregierung bei der Gründung und Förderung der nationalistischen Partei "Hrvatska demokratska zajednica" ("Kroatische Demokratische Union")  mit ihrem Vorsitzenden Franjo Tuđman kräftig die Finger mit im Spiel. Die ArbeiterInnen hatten aufgrund der oben geschilderten Auseinandersetzungen mit ihren - zumeist mit dem Mitgliedsbuch der jugoslawischen KP ausgestatteten - Fabrikdirektoren und Republikchefs von der kommunistischen Herrschaftsform genug. Sie wählten die Nationalisten, die ihnen scheinbar am glaubwürdigsten das Ende der Inflation und ein höheres Einkommen versprachen. Alle Parteien schoben jeweils die Schuld für die Wirtschaftskrise auf die anderen Republiken. Nach diesen Wahlen beschleunigten sich die Zerfallsprozesse innerhalb des Bundesstaates. Im Juni 1990 erklärte Slowenien nach einem fünftägigen Krieg mit der jugoslawischen Armee seine Unabhängigkeit, wenig später folgte Kroatien. Der neue kroatische Staatschef Franjo Tuđman verbündete sich mit den reaktionärsten nationalistischen-faschistischen Kräften.Diese schürten ihrerseits den von Tito mühsam gekitteten serbisch-kroatischen Konflikt aus dem 2. Weltkrieg. Damals hatte das von der deutschen Okkupationsarmee eingesetzte faschistische Regime der "Ustaša – Hrvatska revolucionarna organizacija" Kroatien zusammen mit der Wehrmacht mehr als 600.000 Serben umgebracht und das größte Konzentrationslager für die Juden und Jüdinnen auf dem Balkan errichtet.

Ende 1990 kam es zum Krieg zwischen Kroatien und Jugoslawien. Zu Beginn des Krieges marschierten kroatische Einheiten mit Ustascha-Fahnen in serbisch besiedelte Dörfer Kroatiens ein. Die jugoslawische Armee, die größtenteils aus serbischen Soldaten besteht, antwortete mit der Besetzung serbischer Siedlungsgebiete Kroatiens, um diese von Kroatien abzutrennen. Es folgte ein brutaler Krieg gegen die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten. Anfang 1991 wurde der Krieg durch einen Waffenstillstand zwischen Tudjman und Milosevic beendet. Kurz darauf vereinbarten die beiden Regierungschefs in einem Geheimabkommen die Aufteilung Bosniens-Herzegowinas. Dort eskalierten die Kämpfe um die Hauptstadt Sarajewo. Während des vierjährigen Bosnienkrieges starben 200.000 Menschen, mehrere Hunderttausend wurden vertrieben, unzählige Frauen vergewaltigt.

Die Opposition

Doch gegen dieses systematische Morden erhob sich insbesondere in Belgrad eine starke Anti-Kriegs-Opposition. So organisierten u.a. die »Frauen in Schwarz« Massendemonstrationen mit mehreren hunderttausend Teilnehmerinnen gegen den Bosnienkrieg. Zeitweise nur zehn Prozent der kroatischen und serbischen Wehrpflichtigen rekrutiert werden. Alle anderen desertierten. Frauen trugen auch hier - wie in allen kriegerischen Konflikten - die Hauptlast des Krieges. Sie sind nicht nur Opfer männlicher sexueller Gewalt und Erniedrigung durch die »Soldateska« auf den Kriegsschauplätzen. Auch die Gewalt in den Familien nimmt gerade in Kriegszeiten stark zu. Deshalb richteten die »Frauen in Schwarz« einen selbstorganisierten Notdienst ein. »SOS-Telefone gibt es für die Opfer ethnischer und rassistischer Gewalt, ebenso einen SOS-Dienst für Frauen, Kinder und Opfer familiärer Gewalt sowie rechtliche und psychologische Hilfe für die Bedrohten. Der Staat ist offensichtlich nicht daran interessiert, sich mit dieser Gewaltproblematik auseinanderzusetzen. Auch in kleineren Städten wie Leskovac und Nis, in abgelegenen Regionen von Montenegro und Serbien, in patriarchalischen, ländlichen Gebieten werden solche Telefone selbstorganisiert«, schreiben die "Frauen in Schwarz" ("graswurzelrevolution" 4/99). Sie wehrten und wehren sich auch gegen die Frauen zugewiesene Rollenzuschreibung als »Soldatenmütter«: »In militarisierten Gesellschaften, wie der in Serbien, ist die Identität der Frauen reduziert auf ihre Rolle als Mutter: Sie sind da, um den Fortbestand der Nation sicherzustellen, Söhne für die Verwendung in der Armee und die Verteidigung ihrer Heimat zu reprodzuieren. (...) Zusammen mit der konstanten Zwangsmobilisierung von Männern für den Krieg, gibt es im Hintergrund eine Propaganda für die Mobilisierung von Müttern, hauptsächlich aufgrund der niedrigen Geburtenrate unter Frauen der (serbischen) Mehrheitsnation. Von den Frauen serbischer Nationalität wird verlangt, 'die Nation vor dem Verschwinden zu bewahren', und weiter, ihre 'nützliche' Rolle für die Bedürfnisse der Armee und des Krieges zu erfüllen.« (Stasa Zajovic "Frauen in Schwarz", Belgrad 1995; «Women and Militarism in Serbia«)

Ursachen des Zerfalls

Zusammenfassend betrachtet reicht als Erklärung für den in den 80er Jahren aufkommenden Nationalismus der beschriebene wirtschaftliche Niedergang nicht aus. Die Unterdrückung der serbischen Minderheit in Kroatien, der Moslems in Bosnien, der Albaner in Kosovo usw. läßt sich nur durch mehrere Faktoren beschreiben. Beispielsweise wurden nationalistische Ressentiments zwischen katholischen Kroaten, orthodoxen Serben und muslimischen Bosniern bzw. Albanern nach den offiziell atheistischen Zeiten Titos u.a. von Milosevic ab Mitte der 80er Jahre bewußt wiedererweckt. Entsprechend wurde die Einsetzung der serbisch-orthodoxen Kirche zur Staatskirche durch Milosevic von Moslems und Katholiken als direkter Affront verstanden. Martin Rheinländer schreibt in der Aprilausgabe der Zeitschrift »Die Aktion« folgendes: »Daß in ganz Osteuropa erst unter staatssozialistischer Macht stabile Nationalstaatskonstruktionen entstanden, legitimiert weder diese Systeme noch deren Nation-Form. Sie wirft aber die Frage nach einer fortschrittlichen Aneignung des historisch erreichten Standes von Vergesellschaftung auf. Die Nonchalance, mit der heute eine abstrakte Kritik der Nationalstaatlichkeit Hand in Hand gehen kann mit der imperialen Zerstörung sozialer und politischer Räume, läßt diese Frage um so dringender erscheinen. Anders gesagt, nicht die Idee einer jugoslawischen 'Nation', wohl aber das Konzept einer Staatsform, die sich eben nicht mehr ethnisch-national begründete (wie unter Tito), ist ein historischer Fortschritt gewesen und bleibt es in der Rückschau angesichts der Zerstörung des Sozialen im ehemaligen Jugoslawien um so mehr.«