(Symbolbild von Jens-Olaf Walter; flickr.com; CC BY-NC 2.0)
Antifa | AIB 44 / 3.1998 | 27.07.1999

Jugend- und Antifaarbeit in Strausberg

Interview mit AntifaschistInnen aus Strausberg (Brandenburg)

AIB: Wie hat die Antifaarbeit in Strausberg angefangen?

Alfons: Angefangen hat es 1989/90, als es ganz verstreut linke Jugendcliquen gab, die sich ersteinmal untereinander nicht kannten. In den Wirren der Wendezeit bot es sich an, ein Haus zu besetzen, um einen Anlaufpunkt zu haben, sich dort zu treffen und die Arbeit zu organisieren. Nachdem das erste Haus im Sommer 1990 aufgegeben wurde, gab es bis 1991 eine Leerlaufphase. Im Herbst 1991 wurde dann mit einigen Leuten und viel Unterstützung aus Berlin beschlossen, ein größeres Haus mit dem Konzept zu besetzen, dort zu wohnen und Antifa- und Jugendarbeit zu machen. Die "Villa Eckertstein" gab es dann dreieinhalb Jahre. Es gab eine Kneipe, viele Konzerte, Infoveranstaltungen, Feste usw. Dadurch wurde das Jugendbild in Strausberg ziemlich geprägt. Außerdem gab es auch antifaschistische Straßenmilitanz, so daß Versuche der Faschos, feste Strukturen zu organisieren, im Keim erstickt wurden.

AIB: Und wie seid Ihr an die Jugendlichen herangekommen? Gab es da Berührungsängste?

Anna: Wir haben gar nicht so große Bemühungen in der Richtung unternommen. Wir waren eben von der Stadtverwaltung akzeptiert als anerkannter Anbieter für Jugendarbeit. Dadurch hatten wir keinen Streß mit Räumungen. Wir konnten auch immer in der Lokalzeitung Ankündigungen und Werbung plazieren, und standen in Kontakt mit der Stadtverwaltung. Dann läuft viel über persönliche Kontakte - in der Schule und bei der Arbeit. Darüber konnte man viele Leute ansprechen. Damals hatten wir schon gute Kontakte zu der Streetworkerin in Strausberg. Die hat dafür gesorgt, daß die "Villa Eckertstein" ein Anlaufpunkt für Kids wurde. Sie konnten nachmittags in die Villa kommen und hatten ein paar Räume, wo sie »die Sau rauslassen« konnten. Aber vieles lief gar nicht so organisiert. Die Leute kamen durch Mundpropaganda. Natürlich haben wir auch gehört, daß sich Leute nicht zu uns getraut haben - von wegen besetztes Haus und Autonome. Daran haben wir aber nicht weiter gearbeitet.
auch selber machen.

AIB: 1995 wurde die "Villa Eckertstein" rückübereignet. Welche Konsequenzen hat der Umzug in ein neues Haus, einen ehemaligen Kindergarten, nach sich gezogen? Schließlich mußte ja erst einmal eine massive Kampagne losgetreten werden, um die Stadt dazu zu bewegen, das Haus zu vermieten. Und was hat sich da innerhalb der Jugendszene so getan?

Alfons: Ein Umzug von einem "illegalen" in ein "legales" Haus hat natürlich immer Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist, daß man sich keine Gedanken um einen Rausschmiß machen muß. Problematisch ist aber, daß wir durch den Umzug den Kiez gewechselt haben, wir uns erst wieder eine Basis von Leuten erarbeiten mußten, die mitarbeiten. Und daß wir in der Legalität viel mehr Arbeit haben mit Förderanträgen für Projekte und der Stadtverwaltung. Jugendarbeit, mit Mitteln, die man braucht, man muß fürs Finanzamt irgendwelche Berichte schreiben... Der legale Charakter eines solchen Hauses ist natürlich auch nicht mehr so interessant für die Kids. Der Reiz des Verbotenen fällt weg. Ein legales Haus ist eben nur so ein Jugendklub. Der Umzug hat mindestens ein halbes Jahr Leerlauf mit sich gebracht. Wir haben fast wieder bei Null angefangen, unsere Strukturen zu organisieren.

AIB: Was gibt es an Angeboten für Jugendliche im Haus?

Anna: Die schon angesprochenen besseren Möglichkeiten in einem legalen Haus haben sich bemerkbar gemacht. Es gibt jetzt eine Töpferwerkstatt, eine Metallwerkstatt, einen Sportraum, ein »Kidsprojekt«, das momentan als Schulklub läuft. Dann gibt es eine Kneipe, die als Anlaufpunkt eigentlich das Wichtigste ist. Und einen Konzertsaal, wo Veranstaltungen in einem größeren Rahmen gemacht werden können. Die Jugendlichen bekommen die Räume, die Technik und finanzielle oder organisatorische Unterstützung. Aber sie sollen selber aktiv werden und sehen, wenn etwas entstehen soll, muß man es auch selber machen.

AIB: Gibt es in Strausberg Klubs, in denen sich die Rechten treffen? Haben die ihre eigenen Zentren?

Anna: Rechte hängen schon hin und wieder in städtischen Klubs ab. Aber es gibt keinen, der sich als Naziclub etabliert hat. Weil es von uns und von städtischer Seite immer Bestrebungen gab, so etwas nicht aufkommen zu lassen. Wir sind als Projekt auch zu anderen Vereinen gegangen, um darüber zu reden und sich auszutauschen, wie Jugendarbeit passiert und darüber eine kleinen Anstoß zu geben. Es gab immer Klubs, wo die Nazis hingingen. Aber es waren immer noch andere Jugendliche drin. Logischerweise haben sie es manchmal geschafft, diese zu verdrängen, wie überall, aber das wechselt.

AIB: An vielen Orten gibt es ja ein sehr gespanntes Verhältnis zwischen linken Projekten und der Stadtverwaltung. Habt Ihr Euch bewußt für
Verhandlungen entschieden? Wie sieht das bei Euch aus?

Anna: Wir hatten von Anfang an die günstige Voraussetzung, daß wir in der Stadtverwaltung einige Fürsprecher hatten, die sich selbst auch als antifaschistisch sehen und uns unterstützt haben. Sie hatten vielleicht auch Kritikpunkte an uns und wir an ihnen, aber man kann ja Kompromisse finden. Dann kommt dazu, daß in Strausberg durch das "Ministerium für nationale Verteidigung", also die NVA1, viele ehemalige SED- und jetzt PDS-Mitglieder leben. Die PDS hat in der Stadtverwaltung gute Kontakte. Die unterstützen doch eher ein linkes Projekt als einen Naziclub - anders als in Schwedt oder Wurzen. Noch ein Problem für die Stadtverwaltung war, daß alle Jugendarbeit zugrunde ging, sie kein Geld hatte und nicht wußte, wie sie Jugendarbeit, Konzerte usw. neu aufbauen sollte. Da waren wir sehr willkommen. Wir haben uns auch so gesehen, daß wir Jugendarbeit für die Stadt Strausberg machen, haben aber auch darauf bestanden, daß unsere Forderungen erfüllt werden.

Alfons: Aus unseren Erfahrungen würde ich sagen, daß es für Gruppen in kleineren Städten total wichtig ist, den Kontakt zu Institutionen und zur Stadtverwaltung zu halten. Die Leute in den Verwaltungen oder Vereinen wollen äußerlich nette Jugendliche vor sich sehen und sind dann auch bereit, mit denen zu reden. Darauf haben wir uns im Laufe der Zeit eingestellt. Das kann in einer kleinen Stadt nicht anders laufen, weil jeder jeden kennt. Wenn man sich selbst ausgrenzt, kriegt man nirgends einen Fuß in die Tür. Da finde ich es angebracht, diesen Kompromiß zu gehen, um unsere Ideen umsetzen und Antifaarbeit machen zu können.

AIB: Was ist denn die Antifaarbeit in Strausberg noch über das Angebot für die jugendlichen im Ort hinaus?

Karina: Die Antifa Strausberg hat sich erst vor knapp anderthalb Jahren gebildet. Wir haben mit Plakaten, Flugblättern und Demonstrationen angefangen. Wir haben ein ziemlich stetiges Treffen, zu dem auch Menschen kommen, die nicht direkt in der Antifa sind. Die erzählen, wo wieder was passiert ist und dann wird diskutiert, was man machen kann.

AIB: Könnt Ihr nochmal was zur Struktur innerhalb der rechten Szene in Strausberg sagen? Gibt es Kontakte nach außerhalb, und wie wirkt sich das aus?

Alfons: Es gibt einen härteren Kern von 10 bis 15 Nazis im Alter zwischen 17 und 30 Jahren. Sie sind nicht sehr viele, aber militant. Die Faschokids - »die Braunzone« - sind zahlenmäßig mehr, auch wenn sie sich nicht als die Naziclique verstehen oder in unmittelbarem Kontakt zum harten Kern stehen. Von dem harten Kern bestehen auf jeden Fall private Kontakte durch einen Nazi, der im Gefängnis war, in andere Städte, nach
Eisenhüttenstadt und Fürstenwalde. Zwar ist in Strausberg bis jetzt nichts Großes passiert, aber es kann einfach jeden Tag passieren. Es gab bisher immer nur einzelne Übergriffe, aber keine Zusammenrottung oder Organisierung der Nazis. Übergriffe gibt es eher auf alternativ aussehende Jugendliche, nicht auf Flüchtlinge, von denen es in Strausberg auch nicht viele gibt. Da ist das Thema nicht so präsent.

AIB: Ist das linke, etablierte Haus ein Angriffsziel für Nazis?

Anna: Vor einigen Wochen gab es Provokationen am Haus. Die Nazis fahren bewußt daran vorbei und gucken sich um. Und es sind Gerüchte aufgetaucht, daß große Sachen geplant werden. Bisher ist das Haus aber von größeren Aktivitäten verschont geblieben.

AIB: Um Strausberg herum gibt es ja lauter Kleinstädte, wo die rechte Jugendszene wesentlich dominanter ist. Engagiert Ihr Euch in der Regionalarbeit?

Klaus: In Orten, wo es keinen Ansprechpartner gibt, ist es wahnsinnig schwer für uns. Aber auch, wenn es Informationen gibt, daß die Situation in einigen Orten sehr zugespitzt ist, ist es schwer, etwas zu machen. Wir sind keine so große Gruppe, daß wir wie eine Feuerwehr agieren können. Es geht nur in Zusammenarbeit mit den Leuten in der Region. Mit den Personen sind wir bemüht, zusammenzuarbeiten.

AIB: Wenn man sich die Jugendszenen in Brandenburg nur oberflächlich anguckt - wie die meisten bürgerlichen Medien - kann manchmal schon der Eindruck entstehen, daß es in manchen Regionen fas nur noch rechte jugendliche gibt. Wie findet man denn linke Jugendliche bzw. was ist die Voraussetzung dafür, daß jugendliche links werden?

Alfons: Letztendlich ist das eine Frage der Erziehung. Da muß man sie ergreifen und prägen. Sie werden vom Elternhaus, von den Medien und von älteren Nazis erstmal rassistisch geprägt. Die Hetze läuft ja in breiten Schichten der Gesellschaft ab. Man muß die Leute in einem Alter zu sich kriegen, in dem sie gerade anfangen, Sachen politisch zu reflektieren. Vielleicht schon im Alter von 12, 13, wo sie sich heutzutage meistenteils Bomberjacken anziehen und die Haare abscheren lassen. Da muß man Alternativen aufzeigen. Da muß man ein Konzept finden, was für die Jugendlichen interessant ist. Sie nicht einfach nur mit linken Parolen vollschwallen, sondern auch interessante Kultur bieten. Es geht darum, sie zu begeistern, sie einzubinden und ihnen eine andere Lebensweise vorzuleben, ohne sie agitieren zu wollen.

AIB: Habt Ihr jemals auch mit rechten Jugendlichen gearbeitet? Wie ist da Euer Konzept?

Klaus: Wichtig ist für jedes Projekt, daß Jugendliche, die mit Aufnähern kommen oder eindeutig faschistoid aussehen, möglichst in allen Bereichen völlig ausgegrenzt werden. Beispielsweise »Runde Tische« mit Nazis zu machen, halte ich für völlig sinnlos. Sie erhalten so ein Gesprächsforum, können sich etablieren, werden gesellschaftlich integriert. Diese Konzepte der akzeptierenden Jugendarbeit sind überall fehlgeschlagen, weil die Nazis durch ihre Ideologie, die ja aggressiv und militant ist, immer die Oberhand gewinnen. Weil für viele Kids Gewalt entweder einschüchternd oder sehr interessant ist. Weil Gewalt einem eine gewisse Macht gibt. Diese Macht strahlen die militanten Neonazis aus, und das muß verhindert werden. Deshalb gehört in keinen Jugendclub ein Nazi rein. Was anderes sind die Kids, die mitlaufen, sich eine Bomberjacke anziehen und denken, »Arbeitsplätze zuerst für Deutsche«, plappern wir jetzt einfach mal nach. Mit denen kann man vielleicht noch arbeiten. Aber das muß auf anderen Ebenen passieren, außerhalb von linken Häusern und Projekten.

Anna: Deshalb haben wir unsere Arbeit auch etwas verändert. Wir planen, für die Schulen in Strausberg Angebote zu schaffen, beispielsweise Veranstaltungen für die Jugendlichen anzubieten. Es geht einfach darum, Bildung aufzuholen, was an den Schulen vernachlässigt wird. Ich rede jetzt nicht von Gymnasien, sondern von Realschulen und Gesamtschulen. Das ist etwas, was Zukunft hat. An den Schulen Bildungsarbeit zu leisten. Weil die Lehrer nicht bereit sind, sich mit dem Rechtsruck in den Schulen auseinanderzusetzen und mit den Jugendlichen umzugehen. Sie haben Angst vor ihnen, und die muß man ihnen nehmen.

AIB: Danke für das Gespräch.

  • 1. Die "Nationale Volksarmee" (NVA) repräsentierte von 1956 bis 1990 die Streitkräfte der "Deutschen Demokratischen Republik" (DDR), die dem "Ministerium für Nationale Verteidigung" (MfNV) mit Sitz in Strausberg unterstanden