Neonazi-Demonstration in Katowice in Polen im Mai 2011. (Bild: flickr.com; Marcin Lachowicz/CC BY-NC-ND 2.0)
International | AIB 49 / 4.1999 | 02.12.1999

Interview mit polnischen AntifaschistInnen

Ein Interview über Antisemitismus, alte Faschisten und Neofaschisten in staatlichen Strukturen in Polen

Im Frühjahr diesen Jahres hatte das Antifaschistische Infoblatt (AIB) Gelegenheit ein Interview mit einem Vertreter der polnischen Antifa-Zeitung »Nie Wieder« (»Nigdy Wiecej«) zu führen. Hinter der Zeitung steht ein gleichnamiger Verein, der Gruppen in ganz Polen vereint und »mit allen zusammen (arbeitet), die mit uns die Besorgnis über die jetzige Situation teilen.« Gegenüber den Aktivitäten der extremen Rechten herrscht eine weitgehende Gleichgültigkeit in der polnischen Bevölkerung. Die Nigdy Wiecej und die mit ihr eng verbundenen Organisationen der Anti-Nazistischen Gruppe (GAN) mobilisieren in Kampagnen gegen Nazi-Rock, gegen den Einfluß von Neofaschisten in Fußballstadien und mobilisieren z.B. für ein Eintreten des Staates gegen kriminelle menschenverachtende Parteien. Im letzten Jahr veröffentlichte Nigdy Wiecej eine Ausgabe in deutsch und polnisch, die viel zum Verständnis der Problematiken in beiden Ländern beiträgt, im Sommer diesen Jahres war der Verein maßgeblich an der Organisation einer deutsch-polnischen Antirassismus-Konferenz beteiligt.

Interview mit der Zeitung »Nie Wieder« und der Anti-Nazistischen Gruppe aus Polen

AIB: Bevor wir nach der Situation der extremen Rechten in Polen fragen, möchten wir eine allgemeinere Frage stellen. Wir hören viel von Antisemitismus in Polen. Wie ist eure Meinung zu diesem Thema?

Nigdy Wiecej: Ich sage es nicht gerne, aber Antisemitismus ist in Polen weit verbreitet, obwohl die jüdische Gemeinde heute zahlenmäßig sehr klein ist. Ich würde die Leute, die sich selber als jüdisch betrachten auf etwa 5.000 schätzen, obwohl es bedeutend mehr Menschen mit jüdischen Vorfahren gibt. Nichtsdestotrotz wächst das Interesse an jüdischer Kultur. Viele junge Leute wollen mehr darüber wissen und andere entdecken ihre jüdische Abstammung und die Kultur. An diesem Prozeß zeigen auch gebürtige Polen Interesse. Man kann sagen, daß eine Erneuerung jüdischer Kultur in Polen stattfindet. Antisemitismus findet man in der Mitte der Gesellschaft und nicht nur unter den verrückten Rändern in der Politik. Offen vertreten wird er auch von sehr populären Personen. Leute von denen ihr vielleicht schon gehört habt, wie der Kaplan Jankowski, ein Danziger Pfarrer, der eine wichtige Rolle innerhalb der Solidarnosc gespielt hat. Er trat immer wiedermit antisemitischen Äußerungen auf, für die er von der Kirchenbehörde auch abgemahnt wurde. Da er nicht ernsthaft dafür bestraft wurde, hält ihn nicht davon ab, seine Statements zu wiederholen. Er ist bloß ein Beispiel einer relativ berühmten Person des polnischen öffentlichen Lebens.

AIB: Die geschichtlichen Wurzeln des Antisemitismus reichen ja auch in Polen lange zurück. Als die deutsche Wehrmacht Polen überfiel und zur Internierung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung überging, wurde das von nicht wenigen Polen befürwortet. Findet über diese Geschichte eine Auseinandersetzung statt?

Nigdy Wiecej: Es gibt gegenwärtig eine historische Debatte über den Holocaust und das Verhalten der polnischen Bevölkerung. Nach dem Krieg sorgte eine rigorose Zensur für ein Ausbleiben der Auseinandersetzung. Die offizielle Propaganda hatte ihre eigene Version. So wurde absolut verneint, daß Polen mit der deutschen Besatzung kollaborierten. In dieser Darstellung waren alle gleichermaßen Opfer der Deutschen. Die Rolle der antisemitischen Ausrichtung der Nazis wurde systematisch heruntergespielt. Auch wenn es zweifellos richtig ist zu sagen, daß die Polen Opfer des deutschen Nationalsozialismus waren, ist es natürlich nicht richtig, die Rolle des Antisemitismus an den Rand zu drängen. In der Erinnerung an das Vernichtungslager Auschwitz wurde betont, daß dort Leute aus 30 Nationalitäten umgebracht wurden, aber verschwiegen wurde, daß 90 Prozent von ihnen jüdisch waren.

AIB: Spielt in dieser heute stattfindenden Diskussion auch die antisemitische Kampagne der sechziger Jahre in Polen eine Rolle. Ein weithin bekanntes Opfer war der antifaschistische Kämpfer Leopold Trepper, der im II.Weltkrieg eine der effektivsten antinazistischen (Spionage-) Organisationen mit dem Namen »Rote Kapelle« leitete. Nur eine internationale Kampagne erzwang damals seine Ausreise nach Israel.

Nigdy Wiecej: Die ganze Geschichte des Antisemitismus in Polen unter Sowjetkommunistischer Herrschaft in Polen ist ziemlich komplex. Es gibt unterschiedliche Stadien zu benennen. Ursprünglich begrüßte ein großer Teil der jüdischen Gemeinde das (sowjetische) Regime, was nur allzu verständlich ist, weil es die Leute waren, die sie von den Nazis befreit haben. Also ursprünglich haben sich einige Leute jüdischer Herkunft den Kommunisten in den 40er und 50er Jahren angeschlossen. Was wiederum Antisemiten einen Vorwand geliefert hat, das Stereotyp vom jüdischen Kommunisten zu strapazieren. Jedoch war es das kommunistische System selbst, das in den darauffolgenden Jahren den Antisemitismus als politisches Werkzeug eingesetzt hatte. 1968 erreichte diese Kampagne den Höhepunkt. Ich weiß nicht in wie weit das bei Euch bekannt ist, aber eine Reihe von Leuten der wichtigsten faschistischen Partei der 30er Jahre, der Onr Falanga, spielten eine relativ wichtige Rolle im öffentlichen Leben Polens. Ihre Ideologie bestand aus einer Mischung von Nationalismus und Katholizismus und sie waren im kommunistischen Parlament vertreten. Ihr Anführer Boleslaw Piasecki war nicht nur der wichtigste faschistische Anführer der 30er Jahre, sondern auch 1968 Mitglied des polnischen Staatsrates, des höchsten Gremiums Polens. Er spielte zu der Zeit eine Rolle in der antisemitischen Kampagne.

AIB: Wo siehst du die Wurzeln des heutigen (Neo-)Faschismus in Polen?

Nigdy Wiecej: Der historische Bezugspunkt ist die radikale Nationalistische Bewegung im Polen der 30er Jahre, die von dem oben erwähnten Boleslaw Piasecki geleitet wurde, die Onr Falanga. Sie war antisemitisch, trat für ein »Groß-Polen« ein, war sehr katholisch und relativ radikal in sozialen Fragen. Der heutige Bezugspunkt ist eher im westlichen Einfluß zu suchen, wie z.B. von Jean Marie Le Pen aus Frankreich oder der Internationalen 3. Position (International Third Position) aus England. Die Verbindungen zu Gruppen im Westen nehmen zu. Mit deutschen Gruppen sind diese nicht sehr intensiv, was historische Gründe hat. Doch die Verbindungen mit Frankreich, Groß Britannien und den Vereinigten Staaten werden zunehmend wichtiger.

AIB: Wie verlief die Entwicklung der extrem rechten Gruppen nach dem Zusammenbruch des »Realen Sozialismus«?

Nigdy Wiecej: Ich würde die Entwicklung in drei Phasen unterteilen: Die extrem marginalisierte Bewegung entwickelte sich in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren. Damals bestand die neofaschistische Szene aus einigen alten Fanatikern von Gruppen aus der Vorkriegszeit und in der Mehrheit aus sehr jungen Skinheads, die zwar auf der Straße gefährlich waren, aber nicht in politischer Hinsicht, weil sie eigentlich von keinem ernst genommen wurden. In der Folgezeit fand eine Entwicklung zu einer politisch auftretenden Bewegung statt. Das Schlüsselereignis dieser zweiten Phase war die Bildung einer sehr breit angelegten Koalition zur Unterstützung der Wahlplattform der Solidarnosc. Die Gründung dieses Rechtsblocks war eine Reaktion auf die Rückkehr der postkommunistischen Partei zur Macht. Hier vereinten sich Liberale, christliche Demokraten, Konservative auf der einen Seite und alle Sorten extrem rechter Aktivisten und Nationalisten auf der anderen Seite. Da die Koalition eine Mitarbeit Aller akzeptierte, solange sie Antikommunisten waren und mit ihnen die Kommunisten bekämpften, fanden auch viele Neofaschisten den Zugang zum Mainstream der Politik. Nachdem wir heute eine konservative und liberale Regierung haben, ist die dritte Phase eingeläutet, denn der oben beschriebene Block ist in der Gestalt der Christdemokraten und Liberalen an der Macht. Damit ergeben sich auch für die extreme Rechte und die Neofaschisten Möglichkeiten wichtige Positionen im Staatsapparat zu besetzen. In einigen Fällen sind sie Schlüsselpositionen im Staat gefährlich nahe gekommen. Ich kann einige Bespiele geben:

Krzysztof Kawecki ist der Anführer der Schwesterorganisation von Jean Marie Le Pens Partei in Polen. Er ist heute der wichtigste Berater des Ministers für Erziehung.

Artur Gorski Ist der Herausgeber von Nasz Dziennik, einer extrem rechten, antisemitischen Tageszeitung. Er wurde nominiert für einen wichtigen Posten im Ministerium, das für europäische Integration zuständig ist.
Im Zuge der kürzlich erfolgten Umstrukturierung des Gesundheitsdienstes gelang es etlichen Mitgliedern von Mlodziez Wszechpolska, einer neofaschistischen Jugendorganisation, in leitende Funktionen des Gesundheitsdienstes zu gelangen. Es ist ziemlich deutlich, daß den Neofaschisten der Sinn nach Eintritt in staatliche Strukturen steht. Und es ist eine gefährliche Entwicklung.

AIB: Auf wie groß schätzt ihr die Zahl der Neofaschistinnen in Polen?

Nigdy Wiecej: Es ist schwierig genaue Zahlen anzugeben. Unsere Schätzungen belaufen sich auf ca. 20.000 Menschen innerhalb der Szene der extremen Rechten. Die sind nicht alle Mitglied in einer der Organisationen, stehen aber mit ihnen in Verbindung.

AIB: Wie sieht ihr Einfluß in der Jugendkultur der großen Städte oder auf dem Land aus?

Nigdy Wiecej: Mein Eindruck ist, daß sie ihre Aktivitäten von den großen Städten in die kleineren Städte verlagert haben. Mittlerweile wird es häufiger, daß die Jugendkultur in kleineren Städten von den extrem Rechten dominiert wird. Nicht so in den großen Städten, wo als Reaktion auf rechte Gewalt antifaschistischer Widerstand stärker geworden ist. So gibt es heute wesentlich weniger Probleme mit Neofaschisten in den Großstädten als vor vier Jahren. Der antifaschistische Widerstand im Polen der neunziger Jahre entstand hauptsächlich als Selbstverteidigung gegen rechte Gewalt. Die Anti Nazistische Gruppe (GAN) wurde 1992 in Bydgosz als Reaktion auf einen Angriff gegen Wohnungen von ausländischen Studentinnen gegründet. Die Gefahr vom Faschismus existiert nicht nur in der Form der Gewalt, den Skinheads, es ist genauso ein politisches Problem. Einiges davon thematisieren wir in der Zeitung Nigdy Wiecej. Sie entstand 1994 und erscheint vierteljährlich.