(Foto: Eijiha Jimia; CC BY-NC-SA 2.0, flickr.com)
Antifa | AIB 45 / 4.1998 | 07.12.1998

Interview mit der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte

Ein Interview mit VertreterInnen der Infogruppe der Jungen Gemeinde (JG) Jena-Stadtmitte über die politische Situation für antifaschistische Arbeit vor Ort.

AIB: Seit wann gibt es Euch, und was macht Ihr momentan?

JG: Die JG-Stadtmitte gibt es seit Anfang der 70er Jahre. Zuerst waren es die »Langhaarigen«, und später kamen die Punks dazu. Zu DDR-Zeiten war die JG eine der wenigen Möglichkeiten für solche Leute, sich zu treffen, Gedanken auszutauschen und einfach so zu sein, wie man sein wollte. Und die Stasi war immer dabei - wie sich später herausstellte. Ab 1990/91, nachdem fast ein Jahr nichts mehr mit der JG gelaufen war - die Leute hatten sich anderweitig engagiert, von Parteiarbeit über Vereine gründen bis Häuser besetzen - kam langsam die JG wieder auf die Beine: Stasispitzel wurden entlassen, Wanzen entfernt (lachen), Mitarbeiter neu eingestellt, nötige Sanierungen vorgenommen. Ab Februar 1991 traf sich eine erste kleine Gruppe, um mit der eigentlichen JG-Arbeit wieder anzufangen: erst einmal mit tausend Arbeitseinsätzen und bald auch mit inhaltlicher Arbeit. Die drehte sich von Anfang an - nicht nur, aber in wesentlichen Teilen - um die Auseinandersetzung mit Rechten. Die JG ist heute wieder ein Treffpunkt für Leute so zwischen 14 und 25, aus Jena hauptsächlich, aber auch drumherum. Leute, die aus unterschiedlichen Gründen immer wieder aus der Reihe tanzen. Neben der normalen Arbeit (Info-Runden, Cafebetrieb, Arbeiten an Haus und Hof, KDV- und TKDV-Beratung, Barabende usw.) laufen zur Zeit die Vorbereitungen zum Flüchtlingstag. Auch der 3. Oktober kommt gewiß, und mit ihm so mehrere hundert Leute und x Bands: Für die einen eine Anti-Einheits-Fete, für andere ein Chaostag oder einfach ein thüringenweites Punkertreffen. Für die Stadtherren jedenfalls ein Tag des Grauens: Die Polizei in Bereitschaft, das Jugendamt mit ihren Sozialarbeitern vor der Tür und die Zivis unauffällig wie eh je.

AIB: Wie seid Ihr darauf gekommen, Antifa-Arbeit zu machen?

JG: Im Januar/Februar 1990 gab es mehrere Überfälle von rechten Glatzen auf unser Haus. Erst wurde es tagelang unter Wasser gesetzt, dann Feuer gelegt - was sich in dieser Reihenfolge als recht schwierig erwies -, zuletzt schlugen sie alles kurz und klein. Spätestens damit war die Konfrontation mit den Rechten vorprogrammiert. Zuerst ging es mehr um die gewalttägigen Überfälle auf Leute von uns. Seit Mitte der 90er Jahre ist die Arbeit viel stärker politisch geprägt.

AIB: Gibt es Bereiche, an denen Ihr kontinuierlich arbeitet?

JG: Den Laden am Laufen halten - das ist schon eine richtige kontinuierliche Arbeit, sozusagen die Grundlage für alles andere. Darüber hinaus sind wir uns erst mal selber wichtig. Auch bei uns gibt es Liebeskummer und Zoff untereinander und jede Menge Scheißprobleme: von der Schule bis hin zur Wohnung usw. Daß wir das mitkriegen, wie es dem/der anderen geht, ist wichtig. Nur so, oder besser, deshalb ist es uns möglich, da zu sein, wenn es darauf ankommt; dann aber auch ganz.

AIB: Ihr habt Euch in der antifaschistischen Saalfeld-Mobilisierung stark engagiert. Führt Ihr die Saalfeld-Kampagne in irgendeiner Form weiter?

JG: Mit der Saalfeld-Demo wurde die Auseinandersetzung mit den Faschos auf ein neues politisches Niveau gehoben. So tief hatten wir uns bis dahin in keine Bündnisarbeit reingehangen. Das Wichtigste daran war vielleicht, daß sich so viele und unterschiedliche Gruppierungen und Parteien und Einzelpersonen zusammengefunden haben. Daß Vorurteile und Mißtrauen abgebaut werden konnten und daß wir uns selbst in schwierigen Situationen nicht haben auseinandertreiben lassen. Wenn's drauf ankommt, wenn eine breite Öffentlichkeit erreicht werden soll, versuchen wir diese Bündnisarbeit fortzuführen, so zuletzt bei der "Republikaner"-Kundgebung mit Rolf Schlierer in Jena. In diesem erweiterten Sinn führen wir die Saalfeld-Kampagne weiter. Am »Saalfelder Bündnis« mit seinen monatlichen Treffen sind wir auch noch dran, aber unser Hauptaugenmerk liegt nicht mehr nur auf Saalfeld. Wir müssen hier bei uns, vor allem was das Neubaugebiet in Jena-Lobeda betrifft, genau so aufpassen.

AIB: Wie schätzt ihr die Saalfeldkampagne allgemein ein, könnt ihr was über die jetzige Situation in Saalfeld sagen?

JG: Wie schon bei der ersten verbotenen Demo im Oktober 1997 waren wir auch im März einer wahnsinnigen Diffamierungskampagne ausgesetzt - vom SPD-Innenminister angefangen über die Medien bis hin zu den Lokalpolitikern. Trotzdem hoffen wir, daß die Saalfeld-Kampagne mit zu einer veränderten Sichtweise des Rechtsradikalismus in der Öffentlichkeit beiträgt. Zumindest von einigen Medien und von manchem Politiker hört man mittlerweile deutlichere Worte. In Saalfeld selbst hat sich wenig verändert bzw. ist es noch schlimmer geworden. Das hängt auch damit zusammen, daß die Faschos ihren zentralen Treffpunkt in Heilsberg verloren haben und nun verstärkt versuchen, in Saalfeld-Gorndorf Fuß zu fassen. Das dortige Jugendzentrum wurde über Wochen regelrecht belagert und Besucher angemacht und verprügelt. Zuletzt, weil man sich nicht mehr anders zu helfen wußte, hat man das Jugendzentrum schließen müssen.

AIB: Warum seid Ihr kirchlich organisiert?

JG: Die JG ist etwas anderes: Einerseits gehören die Räume der Evangelischen Kirchgemeinde und die Arbeit wird finanziell und -wenn's darauf ankommt - auch inhaltlich unterstützt. Andererseits sind wir nicht kirchlich organisiert in dem Sinn, daß die Kirche unsere Arbeit bestimmen würde. Es gibt Leute von uns, die in der Kirche sind und/oder ganz bewußt christlich zu leben versuchen und in der JG auch eine Art andere Kirche sehen. Manches davon fließt in unsere Arbeit ein. Andere dagegen haben mit der Kirche nichts am Hut oder stehen der Institution sehr skeptisch gegenüber.

AIB: Hattet Ihr schon einmal Ärger mit kircheninternen Hierarchien, z.B. in der Form, daß Euch ein Pfarrer oder Sozialarbeiter sagen wollte, was Ihr zu tun oder zu lassen habt?

JG: Eine schwierige Frage für uns: Einerseits haben wir mittlerweile mit und durch unsere Arbeit ziemlich viel Anerkennung in Jena und auch in der Kirchengemeinde bekommen - auch und gerade mit manch heiklen und umstrittenen Aktionen. Wir haben uns sozusagen eine Akzeptanz regelrecht erarbeitet, so daß man sich von außen nicht einmischt, jedenfalls nicht von der Kirche. Wenn, dann kommen Einmischungsversuche von Seiten der Stadt. Andererseits ist mit dem Pfarrer und den MitarbeiterInnen eine »Kirchenhierarchie« schon vorhanden. Aber nicht von »Außen« oder gar von »Oben« sondern sozusagen von »Innen«. Die gehören mit dazu und auch die damit verbundenen Reibungen und Auseinandersetzungen.

AIB: Was für Bündnispartner habt ihr in der kontinuierlichen Arbeit?

JG: Für unsere kontinuierliche Arbeit haben wir keine festen Bündnispartner. Das hängt natürlich auch damit zusammen, daß wir hier so eine Art Großgruppenarbeit haben mit bis zu 150 Leuten und unterschiedlichen Interessen, Problemen und Kleingruppen usw. Wichtige Kontakte zu anderen laufen in der Regel über persönliche Beziehungen, die einzelne von uns privat oder auch über die JG aufgebaut haben und die immer wieder in die Arbeit einfließen: PDS-Land und Jena, LAG Thüringen, hbv Erfurt, DGB Ostthüringen, Ausländerbeirat Jena, Anti-Atom-Plenum Thüringen, Flüchtlingsrat Thüringen, ai, Latino e.V., Grüne, bestimmte kirchliche und Antifa-Gruppen in Thüringen u.a.m.

AIB: Gibt es andere Bereiche außer Antifaschismus, in denen ihr Euch engagiert?

JG: Die Antifa-Arbeit ist sicher zur Zeit einer der wichtigsten Bereiche unserer Arbeit, hinzu kommt die ganze Asylrechtsproblematik sowie die Anti-Atom-Bewegung. Das jeweilige Engagement hängt auch immer von ganz aktuellen Entwicklungen oder auch persönlichen Problemen ab. Zum Beispiel stehen wir im Moment vor der Frage, ob wir so eine Art Kirchenasyl organisieren, weil zwei Freunde von aus Kurdistan vor der Abschiebung stehen. Ansonsten laufen noch jede Menge anderer Sachen, von Konzerten, Kino bis hin zu Rüstzeiten (Freizeiten), selbst eine Fußballmannschaft gibt es - damit die Politik uns nicht völlig die Luft nimmt.

AIB: Seid ihr durch Euer Engagement schon einmal Ziel staatlicher Repression geworden? Wenn ja, wie sah diese aus, und wie geht ihr damit um?

JG: Irgendwann kam mal jemand herein, wedelte mit einer Blechmarke herum und meinte, daß jetzt keiner mehr den Raum verlassen solle. Ihm folgten allerlei Herren und Damen in grün (und zwei Hunde braun/schwarz) und durchsuchten alle und alles. Ja, das war dann unsere erste "Drogenrazzia" (in Jena und überhaupt in Thüringen). Zu Beschlagnahmen gab es nicht viel. Aber darum ging es wohl auch gar nicht. Ein Beispiel - vielleicht das spektakulärste bisher - zu den Versuchen offizieller Stellen, unsere Arbeit und damit das politische Engagement zu diskreditieren und so in eine nicht ernstzunehmende Kriminellenecke zu stellen. Das übliche Spiel, wenn Argumente nicht mehr reichen. In der Regel reagieren wir auf solche Versuche sehr offensiv und versuchen sie mit Phantasie und Witz - und harter Arbeit auch - zurückzuweisen.

AIB: Danke für das Gespräch

Nachtrag der Redaktion: Wie wir von der JG erfahren haben, wurde am Abend des 3. Oktober auf dem Gelände der JG ein Transparent mit der Aufschrift: "Lieper tot als rot- Thüringer Heimat Schutz" angebracht. Das Transparent wurde sehr schnell entdeckt und entfernt. Es ist allerdings zu befürchten, daß diese Provokation der Neonazis ein Anzeichen dafür ist, daß sie sich nicht mehr nur auf Jena-Lobeda beschränken sondern ihren Terror auch auf die Innenstadt ausweiten. Erst im Januar ist eine Neonazi-Bombenwerkstatt in einer Garage in Jena entdeckt worden. Die lokalen Neonazi-Aktivisten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sind seit dem untergetaucht.