Geschichte | AIB 105 / 4.2014 | 19.03.2015

Gespenstische Aura

Zur Choreographie neonazistischer Trauermärsche

„Zigarette aus!“, „Hände aus den Taschen!“ herrscht ein Ordner eine Gruppe junger Neonazis an. Für Gleichschritt und Schweigen im Aufzug sollen Ordner bei den Trauermärschen der Szene sorgen. Es ist bereits dunkel, als die Fackeln entzündet werden. Zur Musik Richard Wagners stellt sich der neonazistische Gespensterzug in einem Halbkreis auf und senkt die Fahnen zum Gedenken an die Opfer der Bombardierung deutscher Städte.

Eine „gespenstische Aura“ umgebe die Fackelmärsche der SA, notierte der Philosoph Ernst Bloch im Exil über die Geschehnisse der Januartage des Jahres 1933 in Berlin. Die „Geisterstunde“ der nächtlichen Aufmarschkolonnen galt Bloch als Sinnbild des kommenden Terrors des Nationalsozialismus. Handelt es sich bei den neonazistischen „Trauermärschen“ um eine pure Neuinszenierung historischer Vorbilder? In der Tat: Das Muster des neonazistischen Totengedenkens folgt der Logik einer poli­tischen Nekrophilie. Die Toten sind zum Behelf der Lebenden aufgerufen. Wem dies wie eine Gespenstershow vorkommt, liegt völlig richtig. Die Trauermärsche dienen als Beistandserklärung der „Toten unseres Volkes“ für die heutigen AktivistInnen der Szene.

In der politischen Choreographie rechter Aufmärsche gilt es zu unterscheiden zwischen Themen und Aktionsformen, mit denen sich die neonazistische Szene an die Bevölkerung wendet und solchen, bei denen die weltanschauliche Sinn- und Identitätsstiftung für die eigene Anhängerschaft im Vordergrund steht. Im Falle der sogenannten „Trauermärsche“ von Magdeburg bis Bad Nenndorf ist letzteres der Fall. Die Inszenierung einer Demonstration als Trauermarsch ist darauf ausgerichtet, die Identität der Szene weltanschaulich, gruppendynamisch und erlebnisorientiert zu festigen. AdressatInnen rechter Aufmärsche, die geschichtspolitische Identitätsthemen der Szene aufgreifen, sind mithin nicht in erster Linie die BürgerInnen, sondern die eigene Anhängerschaft. Diese soll in der festen Überzeugung bestätigt werden, die geschichtspolitische Fundamentalopposition gegen die Deutung der Geschichte des Nationalsozialismus als Abfolge von Verbrechen und Schuld, beglaubige ihre Abgrenzung gegenüber der Gesellschaft, darin,  was Deutsch sei.

Obgleich aus jeder Geste eines Trauermarsches seine Bezugnahme auf den Nationalsozialismus spricht, ist die Szene dennoch darauf bedacht, ihre Inszenierungsformen zu modernisieren. Dafür ist es unerheblich, dass die Paradoxie ihrer jugendkulturellen Erscheinungsform im Habitus der „Autonomen Nationalisten“ nicht auflösbar ist. Seit den Tagen des Aufstiegs der Skinheads zum ehedem dominanten jugendkulturellen Code der neonazistischen Szene bedient man sich dort kultureller Ausdrucksformen, die man eigentlich  ideologisch als „undeutsch“ und „amerikanisiert“ ablehnt. Bei einem Aufmarsch der Szene geht es nicht um die kognitiv-intellektuelle Durchdringung komplexer zeitgeschichtlicher Fragestellungen, sondern um die Konstitution von Gemeinschaft und eine emotionale Politisierung. Es geht primär um die Vermittlung von Inhalt über die Form.

Die politische Gestik der Trauermärsche ist dem historischen Nationalsozialismus entlehnt. Um jedoch der strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen, sind die dem Nationalsozialismus entnommenen Begriffe modifiziert, und dennoch eindeutig erkenn­bar. Ein wiederkehrender Topos ist etwa jener von den alliierten Kriegsverbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung oder jener der Wehrmacht, in der „Millionen Soldaten für den Schutz und die Freiheit Europas“ kämpften. Bei dem Motto früherer Aufmärsche in Magdeburg, „Unsere Mauern brachen, unsere Herzen nicht“ handelte es sich um ein direktes Zitat der zeitgenössischen NS-Propagandasprache der Jahre 1943/44. Dies schließt den Versuch, die Sinngebung historischer Ereignisse zu aktualisieren nicht aus. So fanden sich im Magdeburger und Dresdener „Trauermarsch“ immer wieder Transparente, welche die Bombardierung beider Städte als „alliiertes Kriegsverbrechen“ mit der heutigen Kriegführung der USA im Irak parallelisierten. So nimmt der Antiamerikanismus der Szene ideologische Kontinuität an.

Die Rituale und Fahnen, Fackeln und Feuersprüche müssen das Manko kompensieren, dass die heutigen politischen AktivistInnen nicht mehr als die vielzitierte „Erlebnisgeneration“ sprechen, sondern als deren Erben. Dies hat einen Bedeutungswandel der neonazistischen Erinnerungskultur zur Folge. Bis vor wenigen Jahren konnte die Szene für die Ausgestaltung ihrer Trauermärsche auf zeitgeschichtliche Akteure des NS-Regimes als authentische Zeugen ihrer Sicht der Geschichte zurückgreifen. Ehemalige Angehörige der Waffen-SS standen der Szene als beglaubigende Zeitzeugen zur Seite. Die Wirkung von Rednern wie Herbert Schweiger, Otto Riehs oder Hajo Hermann ist für die Authentizität des Gesagten nicht zu unterschätzen. Ihr Tod ist für die Szene nicht zu ersetzen. Daher muss sich die Szene als ebenso im Kampf stehend wähnen, wie dies bei den „Ahnen“ der Fall war. Die rückwärtsverlängerte Eingliederung des eigenen politischen Handelns in ein historisches Narrativ, welches über die Zeit des Nationalsozialismus hinausgeht, wird somit in dem Maße wichtiger für die Szene, in welchem der 2.Weltkrieg nicht mehr zwingend der Dreh- und Angelpunkt der politischen Identitätsbildung der jüngeren Generation des Neonazismus ist.

Ein „Trauermarsch“ ist ein öffentliches Geschehen, in dem sich Abläufe wie Anfahrt, politische Meinungskundgabe, aber auch die verbale und symbolische Konfrontation mit der Polizei und dem politischen Gegner zu einem politischen Gesamtevent fügen, welches von den Teilnehmenden als neonazistisches Erlebnis goutiert und über Bilder, Videos und Berichte vervielfacht wird.

Ein Rückblick auf die Demonstrationspolitik der extremen Rechten der letzten zwanzig Jahre zeigt, dass dieses Mittel — öffentliche Aufmärsche, mit dem Ziel einer temporären Dominanz eines Sozialraums — in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre entscheidend dazu beitrugen, die Reichweite der Szene und ihre kulturelle Genrevielfalt zu entwickeln. In der Geschichte der extremen Rechten der Nachkriegszeit waren Demonstrationen nicht immer das erste Mittel der Wahl für rechte Propaganda.  Vielmehr griff die Szene zu diesem Instrument zunächst aus einer Position der Schwäche heraus. Die „Propaganda der Straße“ sollte dazu dienen, die Wahrnehmungsblockade der Medien gegenüber den Inhalten des Neonazismus zu durchbrechen. Im Zeitalter analoger, hierarchischer Medienzugänge war dies als Mittel der Herstellung einer neonazistischen Gegenöffentlichkeit eminent wichtig. Diese Faktoren haben sich bekanntlich radikal verändert. Ihre Gegenöffentlichkeit realisiert die extreme Rechte heute über das Internet und die Identitätsangebote einer rechten Jugendkultur.

Offen ist die Frage, wie nachhaltig die auf neonazistischen Aufmärschen erworbene politische Sozialisation wirkt. Wer sich die Bilder der Aufmärsche seit Ende der 1990er Jahre ansieht wird feststellen, dass der Altersdurchschnitt der Teilnehmenden in etwa gleich geblieben ist. Das bedeutet: Für eine bestimmte rechtsorientierte Klientel ist die Teilnahme an einem Trauermarsch Teil ihrer Sozialisation, bindet sie jedoch gleichzeitig nicht zwingend fest in die neonazistische Szene ein. Personen, die neonazistische Aufmärsche besuchen, agie­ren in der Regel als Konsumenten rechter Inhalte. Nur für einen kleinen Teil von ihnen ist die Teilnahme an einer Demonstration der Neonaziszene zugleich der Einstieg in den organisierten Neonazismus. Damit ist über den Prozess und die langfristige Wirkung der Identifikation mit neonazistischen Inhalten nichts gesagt, sehr wohl aber über die Geschlossenheit neonazistischer Kernstrukturen.

Die Mobilisierung zu einem solchen Aufmarsch ist, entgegen des weitverbreiteten Eindrucks kein Selbstläufer. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab, ob es den Veranstaltern gelingt, überregional eine nennenswerte Zahl von Teilnehmenden zu mobilisieren. Eine wichtige Rolle spielen Fragen wie, welche neonazistischen Strukturen zu einem Trauermarsch mobilisieren, wer als RednerIn angekündigt ist oder welche historisch-symbolische Aufladung der Ort der Veranstaltung aufweisen kann. Es gibt keinen Automatismus, der die Zahl der Teilnehmenden bei rechten Trauermärschen steigen lässt. Nun mag man einwenden, dass mit dem Ende des Aufmarsches in Dresden der Magdeburger Aufmarsch an Bedeutung und Mobilisierungsgrad gewonnen hat. Allein, einen Beleg für diese These fehlt bislang. Vielmehr zeichnet sich ab, dass innerhalb der Szene insgesamt die Mobilisierungsfähigkeit für geschichtspolitisch akzentuierte Aufzüge abebbt. Die Attraktivität eines geschichtspolitischen Aufmarsches ist an seine aktionistische Wirkung gebunden. Gemessen daran, bieten die derzeit stattfindenden zahlreichen Aktionen gegen Flüchtlingsunterkünfte mehr Aussicht auf unmittelbare aktionistisch-politische Wirksamkeit.

Im Hinblick auf die hohe symbolische Bedeutung bestimmter Aufmarsch-Routen ist der Einwand zu hören, im Grunde sei es den Neonazis egal, ob sie durch ein Industrie­gebiet oder durch eine barocke Innenstadt laufen. Hier gilt es jedoch zu beachten, dass Neonazis eine Demonstration ihren AnhängerInnen auch dann als vollen Erfolg zu verkaufen suchen, wenn dieser am Rande einer Gartenanlage entlang führt. Natürlich steht in einem solchen Falle die Banalität des Ortes (Gartenanlage, Industriegebiet) in einem deutlichen symbolischen Missverhältnis zur heroischen Selbstinszenierung der Szene. Erst vor dem Hintergrund einer barocken Fassade entfaltet ein „Trauermarsch“ seine auratische Wirkung als heroische Inszenierung neonazistischer Erinnerungspolitik.  Die fehlende Authentizität historischer Orte als Kulisse versagt der Inszenierung der Neonazis die Beglaubigung ihrer geschichtlichen Interpretation des 2. Weltkrieges. Wer vor der Kulisse eines Super­marktes die Aura eines historistischen Fackelzuges inszeniert, wirkt nicht heroisch, sondern lächerlich.