Die GdNF-Konzepte (oben rechts) sind vermutlich von Niekischs Konzepten (großes Bild) beeinflusst.
Geschichte | AIB 23 / 3.1993 | 26.08.1993

GdnF: Die alte "Neue Front" als Vorbild ?

Dieser Artikel bezieht sich auf den im vorigen Antifaschistischen Infoblatt (AIB) abgedruckten Beitrag mit dem Titel "GdNF Intern". Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der Herkunft des Begriffes "Neue Front" und mit ihrem historischen Vorbild. Wenn auch nicht klar ist, ob Neonazi-Führer Michael Kühnen sich mit der nationalrevolutionären "Widerstandsbewegung" Ernst Niekischs auseinandergesetzt hat, so ist jedoch sehr auffällig, daß Struktur, Aufbau und zum Teil auch Inhalte der neonazistischen "Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front" (GdNF) zum Teil wortgleich mit der Selbstdarstellungsbroschüre der "Widerstandsbewegung" von 1932 übereinstimmen. Wie so oft, so auch hier: Alter Wein in neuen Schläuchen.

Gastbeitrag: Gütersloher AntifaschistInnen

Der Begriff der "Neuen Front" in nationalen Zusammenhängen ist nicht besonders neu. Schon 1920 erschien ein Sammelband, in dem unter anderem auch ein Beitrag von Moeller van den Bruck, einem Vordenker der sogenannten "Konserativen Revolution", abgedruckt war. Der Titel dieses Sammelbandes war "Die Neue Front".

Im Weimarer Deutschland war die Unzufriedenheit über den "Schandfrieden" von Versailles allerorten zu spüren. Diese "nationale" Unzufriedenheit war keine Sache, die sich nur auf die "Rechte" beschränkte. Es gab durch die veränderte Gesamtlage Deutschlands zwei politisch völlig unterschiedliche Pole, die sich scheinbar einander annäherten: Teile der Linken waren der Meinung, daß sich in dem Verhalten der Siegermächte nach 1918 eine neue Form des Imperialismus ausdrückte, der nun auch gegen Völker Europas angewandt würde. Deutschland, aber auch die Sowjetunion, wurden als "proletarisierte", vom Westen ausgebeutete Nationen angesehen. Aus dieser Analyse zog man den Schluß, daß die soziale Befreiung der Arbeiterklasse nicht ohne die "nationale Befreiung des Vaterlandes" möglich sei.

Teile der Rechten entdeckten, daß nach dem Sturz der Monarchie eine Massenunterstützung nötig war, um weiterhin "nationale" Politik betreiben zu können. Das Besitz und Großbürgertum war kaum betroffen vom Versailler Vertrag. Mit ihrer Unterstützung war daher nicht zu rechnen. So mußte eine neue "Käuferinnenschicht" nationaler Ideologie gefunden werden, nämlich die, die unter Versailles, wie unter allem anderen auch, am meisten zu leiden hatte, nämlich die ArbeiterInnenklasse. So gab es "Linke", die die "nationale Frage" in den Vordergrund stellten, und Rechte, die sich für die Belange der ArbeiterInnenklasse stark machten. Und es gab eine ganze Reihe von Personen, deren politische Heimat zwischen "links" und "rechts" pendelte.

Es gab in der Weimarer Republik keine Struktur, sei sie kommunistisch, anarchistisch oder sozialistisch, die keine nationalistische Unter- oder in einzelnen Fragen sogar bestimmende Strömung in sich hatte. Im Spannungsfeld der Auseinandersetzung um die Nation entstand die Idee der "Neuen Front". Die Befürworter der "Neuen Front" wollten das "Klassenschema" der alten Politik durchbrechen. Sie warfen der Linken vor, zu antinational, pazifistisch und staatsfeindlich zu sein - der Rechten nahmen sie übel, daß sie den Erhalt ihres Besitzes über die nationalen Bedürfnisse stellte. Ihrer Auffassung nach konnte nur eine von allen Volksschichten getragene nationale Politik den Wiederaufstieg Deutschlands garantieren. Nur wenn Zugestandnisse an die "Arbeiterschaft" gemacht wurden, konnte man mit Unterstützung von dieser Seite rechnen.

Es gab zwei bestimmende Strömungen in der Rechten, die sich als Vertreter der "Neuen Front" betrachteten: Die NSDAP und die "National-Revolutionäre". Es wäre zu kompliziert, an dieser Stelle die genauen Beziehungen zwischen diesen beiden Gruppen zu beleuchten, Tatsache ist aber: trotz großer inhaltlicher Übereinstimmungen gab es erhebliche Auseinandersetzungen zwischen den beiden Strömungen. Das Konzept der "Neuen Front" wurde in der NSDAP wegen seines vorhandenen "antikapitalistischen" Ansatzes, platt gesagt, von der "SA-Linie" und den Strasserianern vertreten.

In dem Maße, in dem die NSDAP zur Massenpartei wurde, wurde ihr von den anderen AnhängerInnen der "Neuen Front" die Zugehörigkeit zur selben abgesprochen. In Abgrenzung zur NSDAP wurde die "Neue Front" in Form der sogenannten "Widerstandsbewegung" des Ernst Niekisch institutionalisiert. Ernst Niekisch (Geb. 1889 in Schlesien) trat 1917 in die SPD ein, wurde später zum Vorsitzenden des Zentralrates der Bayrischen Arbeiter-, Soldaten und Bauernräte gewählt, arbeitete hier mit den Schriftsteilem Ernst Toller und Erich Mühsam zusammen. Mit dem Zusammenbruch der Räterepublik trat er in die USPD ein und war deren Fraktionsvorsitzender im bayrischen Landtag. Später, im Zuge seines Umzuges nach Berlin, trat er wieder in die SPD ein und baute in ihr über verschiedene Zeitungen und den damals schon nationalistischen "Hofgeismarkreis der Jungsozialisten" nationalistische Zusammenhänge auf. Bis 1926 war Niekisch einfach ein "Nationaler Sozialist" in der SPD, der daran glaubte, daß der Wiederaufstieg Deutschlands nur durch die "Arbeiterschaft" zu erreichen sei. Notwendig hielt er hierfür die Abkehr vom Marxismus und die Zuwendung zum "Staatsbejahenden Lassalleanismus." Ferdinand Lassalle war der "größte" theoretische und praktische Gegenspieler von Marx/Engels in der deutschen ArbeiterInnenbewegung des vorigen Jahrhunderts: Unter anderem ging Lassalle davon aus, daß jedes Volk von einem "Volksgeist" bestimmt werde. Diese "Volksgeister" sollten sich dann nach Lassalle zu einem "Weltgeist" vereinigen. Da der "Deutsche Volksgeist", der deutsche "Nationalcharakter", dem sozialistischen Ideal nach Lassalle am nächsten kam, war es unumgänglich, daß der "deutsche Volksgeist" sich weltweit durchsetzen müsse. Die merkwürdige Zielvorstellung Lassalles endete dann mit einer "sozialistischen Weltrepublik", die sich aus den einzelnen Völkern zusammensetzen und die maßgeblich von deutscher Seite geführt werden würde.

1926 folgte dann im Zusammenhang mit Niekischs SPD-Austritt eine organisatorische und inhaltliche Schwerpunktänderung. Einerseits startete Niekisch mit der "Alten Sozialdemokratischen Partei Sachsens", einer Rechtsabspaltung der SPD, den Versuch, eine nationalrevolutionäre Massenpartei der Arbeiterbewegung zu etablieren. Er wurde Chefredakteur der ASP-Zeitung "Volksstaat", die er "nationalrevolutionär" bestimmte und machte die Partei durch in ihr gegründete kleine "nationalrevolutionare" Zirkel zum Kristallisationspunkt dieser Bewegung.

Niekisch wollte die ASP zur erfolgreichsten Partei der "Neuen Front" machen, war sich aber der Schwierigkeiten durchaus bewußt: "In diesem Deutschland der allgemeinen Locarnogläubigkeit und Dawesfügsamkeit konnte eine Partei, die - wie zuerst die Demokraten witterten - in das übliche Parteienschema nicht hineinpaßt, weil sie sozialpolitisch "links" und nationalpolitisch "rechts" steht, die vielmehr offensichtlich der markanteste Kern der entstehenden "Neuen Front" ist, nicht in die Hahne schießen."

Die Chancen der Partei würden jedoch in dem Maße steigen, "so weit in Deutschland wieder der Mut zum äußersten sich regt und ein unbändiger Wille zur Freiheit sich aufschäumt."1 . Trotzdem die ASP bei den sächsischen Landtagswahlen 1926 100.000 Stimmen erreichte und dadurch die Stimmen der NSDAP halbierte, gelang ihr später der Schritt auf die Reichsebene nicht. Sie versank in Bedeutungslosigkeit; Niekisch trennte sich von ihr.

Die ASP war also die Wahlpartei der "Neuen Front". Neben seiner ASP-Tätigkeit gründete Nielasch jedoch noch eine der damals häufiger vorkommenden "kreisbildenden Zeitungen", den, gegen die Werte des Westens und für einen "nationalen Sozialismus" streitenden, "Widerstand". Diese monatlich erscheinende Zeitschrift verfolgte ein Sammlungskonzept: "Gleich Goldadern im Gestein liegt heute noch die nationalistische Minderheit in den vielfältigsten Organisationen verstreut: man findet sie unter Nationalsozialisten, unter den bündischen Menschen, sogar, wenn auch in dürftigem Vorkommen, in den Parteien; man findet sie aber auch unter Rotfrontkämpfern, die wehrwillige Arbeiter sind und sich mit Trotz von der pazifistischen Feigheit ihrer sozialdemokratischen Genossen losgesagt haben."

"Es ist eben die Gesinnung des Widerstandes", in der sich die Gesinnung der "Neuen Front zu sammeln vermochte."2 Das Konzept des "Widerstandes" entwickelte sich über die Jahre hin zur "Widerstandsbewegung", einer Kaderorganisation. Das Selbstverständnis des "Widerstandes" ging davon aus, auf verschiedenste Weise Beziehungen zwischen Nationalisten und SympathisantInnen in allen möglichen Gruppen, Parteien etc. zu vernetzen. Das Ziel war es auf keinen Fall, eine feste, sichtbare Organisation zu scharfen, da hierfür die Zeit noch nicht reif war: "Alle jene Elemente zu sammeln, die von der Idee des "Widerstandes" gepackt sind, sie zu sammeln nicht in der Form eines Bundes, der, sobald es Briand geböte, verboten werden würde, sondern eine Gesinnungsgemeinschaft, die sich durch alle Parteilager und alle Bünde hinzieht, das ist unsere Absicht"3

"Organisation ist gut: aber es spricht noch lange nicht gegen die Güte einer Sache, wenn sie bewußt und absichtlich auf ein Organisationsgehäuse Verzicht leistet"4 - Es war für Niekisch und die "Widerstandsbewegung" tatsächlich Strategie, auf ein festes Organisationsgehäuse zu verzichten. Die Stärke der Bewegung lag in ihren Kontakten nach allen Seiten hin.

Durch eine zu feste Organisationsstruktur hätte sie sich nur die Chancen zur weiteren Einflußnahme verbaut. Und um Einfluß ging es, um Einfluß auf das Denken der Menschen, um Kampf um die geistige Hegemonie (Vorherrschaft) in den Köpfen der Deutschen: "Der endgültige Sieg jeder nach Einfluß strebenden Richtung beruht darauf, daß sie sich der Geister bemächtigt, sie hat sich durchgesetzt, sobald ihr besonderer geistiger Gehalt sich zu allgemein anerkannten Ideen verdichtet hat. Ihre Prinzipien, ihre Wertungsweisen müssen in den Köpfen lebendig sein (...)"5

Wie der italienische Kommunist Gramsci ging Niekisch davon aus, daß der politischen Machtübernahme die geistige vorausgehen müsse. Für die "geistige Machtübernahme" ist keine Massenbewegung nötig. Es geht vielmehr darum, eine "Ideenfabrik" zu schaffen, die an gesellschaftlich zentralen Stellen einen "Ideen-Input" vornimmt. Die Massenbewegung kommt dann schon irgendwann von selber. Die Kadergruppe "Widerstandsbewegung" sollte der später zu erwartenden Massenbewegung die Form geben. Im Jahr 1932 erschien eine vermutlich von Niekisch verfaßte Werbebroschüre der Gruppe, in der die politischen Grundsätze, aber auch die organisatorische Gliederung der "Widerstandsbewegung" verdeutlicht wurde.

Was will die Widerstandsbewegung?

"Die Widerslandsbewegung steht im Zeichen der schwarzen Fahne" - Berlin 1932; Die Schwarze Fahne ist traditionell die Fahne der deutsch-völkischen, aber vor allem auch der mit ihr verbündeten "Landvolkbewegung". In Punkt 15 der Grundsätze wird das Programm, der sogenannte "deutsche Standpunkt" ausgerührt, von dem wir hier nur die Überschriften zitieren:

"a) Blickwendung nach Osten und seinen primitiven Werten, statt nach Westen.....(Die "Widerstandsbewegung" vertrat eine damals von vielen Rechtsextremisten geteilte "Ostorientierung", die in Punkt 12 des Programms erklärt wurde: "Der russische Bolschewismus ist der bisher radikalste Aufstand gegen die Ideen und Einrichtungen des Westens. Rußland ist nicht individualistisch, ist nicht liberal. Es stellt die Politik über die Wirtschaft. Es ist nicht parlamentarisch, nicht demokratisch und nicht kapitalistisch. Der Bolschewismus ist die Abkehr vom Humanismus und von den zivilisatorischen Werten. Die äußerlichen, oft westlich geformten Formen dieser Umkehr (gemeint ist hier der ihrer Meinung nach "von Juden" in den asiatischen Aufstand eingebrachte "Marxismus") können nicht über den barbarisch-asiatischen Gehalt hinwegtäuschen. b) Umfassend vorbereiteter und rücksichtslos durchgeführter Rückzug aus der Weltwirtschaft.. c) Zwang zur Stadtflucht durch eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die das Leben in den Großstädten zur Hölle macht... d) ...Selbstversorgung... e) Strenge Gewöhnung der Jugend an Unterordnung, Gehorsam, kärgliches Leben, Entbehrungen und alle Arten männlicher Tugenden. f) Wille zur Armut... g) Absage an die Ideen der Humanität... h) Bekenntnis zum Autoritären... i) Pflege der Wehrhaftigkeit... k) Absage an das Prinzip des Privateigentums im Sinne des römischen Rechtes... l) Abkehr von der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsform überhaupt ... m) (Erklärung der angestrebten Wirtschaftsform als einer Art "Staatskapitalismus", d. A.) n) Anknüpfung von, sei es offenen, sei es geheimen Beziehungen mit allen Völkern, die gleich dem deutschen Volke unter der Unterdrückung durch die imperialistischen Westmächte leiden."

Dieses Programm hat Ähnlichkeiten mit dem der GdNF, ist aber sicherlich "konsequenter", damit aber auch besser an die damaligen Zeitumstände angepaßt. Offensichtlich bei der alten wie der neuen "Neuen Front", durch den Verzicht auf ein geschlossenes Organisationsgehäuse die Strukturen zu verschleiern, um ein Gesamtverbot zu verhindern. Das Verbot einzelner Vorfeldorganisationen kann leicht verschmerzt werden. Dieses Sammlungskonzept hat den weiteren Vorteil, nach vielen Seiten hin bündnisfähig zu bleiben.

Die GdNF im rechten Spektrum

Die GdNF unterscheidet zwischen "Front-" und "Massenorganisationen". Frontorganisationen sind Kadergruppen von überzeugten Neonazis, die relativ unabhängig voneinander arbeiten, aber Anleiter haben. Massenorganisationen sind Vorfeldorganisationen, das heißt, sie werden zum Teil von Nationalsozialisten geleitet, aber nicht alle ihrer Mitglieder sind "auf Linie"; die zweite Form der Massenorganisationen sind bestehende Rechtsparteien, die von GdNF'lern unterwandert, werden, um hier Einfluß zu gewinnen. Dieser Einfluß wird genutzt, um die ganze Partei zu übernehmen oder einzelne Mitglieder zu rekrutieren.

Zum Vergleich: "Widerstandsbewegung": "Als Bewegung fragt sie nicht nach äußerlicher Organisationszugehörigkeit. Ihre Front zieht sich durch alle Gruppen, Bünde und Organisationen hindurch... Viele, die sich schon seit Jahren, angewidert von der vereinsmäßigen Geschäftigkeit "nationaler Organisationen" zu den "Stillen im Lande" geschlagen haben, gehören mit zu den Besten der Bewegung. Maßgeblich für die Zugehörigkeit ist einzig und allein die rechte Gesinnung und die starke Haltung."6 Desweiteren schloß die Zugehörigkeit zur "Widerslandsbewegung" die Mitgliedschaft in einer anderen Gruppe nicht aus. Ganz im Gegenteil: "Darum können sich auch innerhalb von bestehenden Verbänden, soweit sich einzelne Mitglieder derselben entschieden zur deutschen Widerstandsbewegung bekennen, Widerstandsgruppen bilden."7

Das Konzept der "Front-" und "Massenorganisationen" gab es also auch schon bei der "Widerstandsbewegung" . Die "Frontorganisationen" der "GdNF" benutzen aus verschiedenen Gründen unterschiedliche Namen, wie "Deutsches Hessen", "Deutsche Liste" etc. Einer der Gründe ist der, in der Öffentlichkeit voneinander unabhängig zu erscheinen. Zum Vergleich die "Widerstandsbewegung": "Die Widerstandsgruppen sind selbstständige, voneinander unabhängige Gebilde, die in der Front des deutschen Widerstandes stehen. Es steht ihnen frei, sich einen besonderen Namen zu wählen."8

Fester Punkt jedes "Kameradschaftsabends" der GdNF ist es, ein Stichwort aus dem "Politischen Lexikon" Kühnens zu besprechen, in der "Widerstandsbewegung" nahmen diese Rolle die Schriften Ernst Niekischs ein. Vergleichbar ist hier auch die Rolle der historischen Zeitung "Widerstand" mit der heutigen "Neuen Front". In der internen Organisationsstruktur verfolg(t)en beide Gruppen ein flexibles Schema. Oberstes Ziel ist es, über ein über ganz Deutschland ausgebreitetes Netz von "Vertrauensleuten" zu verfügen. Die "normale" Untergliederung ist die Ortsgruppe, von der es natürlich in einem Ort mehrere geben kann, Gruppen von einer bis drei Personen bilden in beiden Organisationskonzepten einen "Stützpunkt". Über regionale "Gau"gliederungen verjüngt sich die Machtpyramide bis zu einem Leitungsgremium, das Befehlsgewalt über die Untergliederungen hat.

Im Konzept der "Widerstandsbewegung" gab es neben der regionalen noch die funktionale Gliederung. So gab es die Zuständigkeiten für Vorfeld- und Gruppenarbeiten innerhalb der Rechtsparteien und der Wehrbünde. Zusätzlich zu diesen "Unterwanderungsgruppen" wurden Mitglieder nach ihren Fähigkeiten und ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit verschiedene "Qualitäten" der Mitgliedschaften zugeteilt.

Die Qualität begann am unteren Ende mit den "Freunden der Widerstandsbewegung". Hier organisierten sich Unterstützer ideeller oder finanzieller Art. Die "Freunde" waren auch die einzige Gruppe, in der Frauen Mitglied werden konnten. Über drei weitere Ebenen erreichte man die "Widerstandskameradschaft", das Leitungsgremium. Eine Sonderstellung nahm der Kampfverband, der "Widerstandstrupp" ein, in dem militärische Ausbildung praktiziert wurde, und der für den Schutz der Organisation in jeder Hinsicht zuständig war.

Die Verhaltensmaßregeln für Mitglieder waren in der "Kameradschaftsordnung" festgelegt, der folgendes Credo zugrundelag: "Selbstverständlich ist, daß der Aufbau unbedingt nach soldatischen Grundsätzen zu erfolgen hat." Es lassen sich also grundlegende Übereinstimmungen zwischen dem Aufbau der "Widerstandsbewegung" erkennen, die schon beinahe den Schluß nahelegen, daß Michael Kühnen hier abgeschrieben hat. Die Übereinstimmungen sind jedoch schwerpunktmäßig organisatorischer und nicht inhaltlicher Art.

So war die "Widerstandsbewegung" weder an Adolf Hitler noch am 25-Punkte Programm der NSDAP interessiert, die GdNF aber sehr wohl. Die "Widerstandsbewegung", besonders Niekisch, wurde von vielen damaligen Zeitgenossen als größter Konkurrent Hitlers im "nationalen Lager" angesehen. Nach 1933 konnten sie den "Widerstand" noch einige Zeit bis zu dessen Verbot weiter herausgeben. Niekisch selbst wurde 1937 wegen Hochverrats festgenommen, die "Widerstandsbewegung", die noch im Untergrund tätig war, zerschlagen. Er kam bis Kriegsende ins Gefängnis, nach 1945 trat er in KPD und SED ein und war Mitglied der DDR- Volkskammer sowie Lehrender an der Humboldt-Uni. 1953 "zerstritt" Niekisch sich mit der DDR-Führung und gab seine Tätigkeiten hier auf.

Die Frage nach Erfolg oder Mißerfolg des damaligen Sammlungskonzeptes läßt sich nur ungenügend beantworten. Wenn Niekisch persönlich und viele seiner "nationalrevolutionären" Kameraden später auch zu Opfern des NS wurden, so hatten sie doch objektiv erheblich dazu beigetragen, ihn "an die Macht" zu bringen. Letzendlich hatte das Konzept also Erfolg, nur nicht so, wie Niekisch das für sich selbst erhofft und erwartet hatte. Offen bleibt, wie ein extremer Rechter wie Niekisch lange Zeit eine wichtige Rolle in der Linken spielen konnte, und warum es noch heute viele Linke gibt, die sich auf ihn berufen. Auf jeden Fall aber können wir aus der Geschichte der Weimarer Republik viele Schlüsse über Organisations- und Handlungsweisen "unserer" aktuellen Neonazis ziehen. Die Neonazis beziehen sich darauf. Auch wir sollten noch viel mehr aus unserer eigenen Geschichte als antifaschistische Linke lernen.

  • 1. "Widerstand", Blätter für sozialistische und nationalrevolutionäre Politik, Nummer 7/8 1927 Seite 87/88
  • 2. Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, Berlin 1930 Seite 370
  • 3. "Widerstand" Nummer l, 1928, "Hütet die heilige Flamme"
  • 4. "Widerstandstagung auf Burg Lauenstein", "Widerstand" Nummer 11, 1930, "Nikolaus Götz" Pseudonym für Niekisch
  • 5. Gedanken über deutsche Politik, Ernst Niekisch, Seite 174
  • 6. "Was will die Widerstandsbewegung", Seite 28
  • 7. ebenda, S. 29
  • 8. ebenda