Rezensionen | AIB 81 / 4.2008 | 09.12.2008

Feindbild Judentum

Lars Rensmann / Julius H. Schoeps (Hrsg.)

Die Anzahl der Bücher, die den Antisemitismus in allen Erscheinungsformen, historisch, politisch, kulturell usw. thematisieren, nimmt permanent zu. Neben sehr wichtigen Publikationen, gibt es dabei allzuviele, die wirklich Neues nicht zu bieten haben. Der vorliegende Band fällt hier aus dem Rahmen: Renommierte Antisemitismusforscher aus beinahe allen europäischen Staaten vermitteln in zwölf Länderstudien eine umfassende Bestandsaufnahme der aktuellen Situation.

In der Einleitung (Rensmann/Schoeps) wird herausgearbeitet, dass »Antisemitismus in der Europäischen Union« ein »neues Forschungsfeld« markiert, denn supranationale Phänomene erfordern übergreifende Analysen, kompatible Methoden, damit im Sinne wissenschaftlich fundierter Politikberatung interveniert werden kann. Die Grundlagen der präsentierten Analysen liefert empirische Forschung, wobei die Methoden – quantitativ wie qualitativ – zwar differieren, dennoch vergleichende Betrachtungen ermöglichen. In beinahe allen untersuchten Ländern kann eine stetige Zunahme antijüdischer Einstellungen seit Beginn des neuen Jahrtausends konstatiert werden. Vermischen sich hierbei auch alte, eher christlich-religiös motivierte mit rassistischen und anderen antisemitischen Feindbildern, fällt doch gerade in den westlichen Staaten die explizit israelfeindliche, zumeist »anti-zionistisch« sich gerierende Ablehnung von Jüdinnen und Juden auf.

Diese Tatsache führt zu der im wissenschaftlichen Diskurs häufig gestellten Frage, ob es mittlerweile einen »Neuen Antisemitismus« gibt. In einem diffusen Konglomerat von alten (tradierten) antijüdischen Stereotypen, anti-israelischen und anti-amerikanischen Feindbildern, die oft mit »globalisierungskritischen« Einstellungen korrespondieren, hat sich eine Feindbildstruktur entwickelt, deren Breite erschreckende Ausmaße angenommen hat. So rächt sich ein Forschungsdesiderat: Mentalitätshistorische Studien zu diesem Themenfeld existieren kaum. Nach jahrzehntelangem Verdrängen und Tabuisieren nicht nur des Nationalsozialismus, sondern auch dessen Vorgeschichte, dem Ignorieren also von Bedeutung und Virulenz der Völkischen Ideologie, den unsäglichen, im Kontext des so genannten »Historikerstreits« (Revisionismusdebatte) geführten Kontroversen, der allgegenwärtigen »Schlußstrich-Mentalität«, wobei die Art und Weise der Zelebrierung von »Gedenktagen« (bspw.: Pogromnächte von 1938 einerseits / »Dresden« andererseits) diese noch verstärkt, der sich gewandelt habenden Gedenkstättenpädagogik (»Opfer von Gewalt und Willkürherrschaft«) usw., erscheint es kaum verwunderlich, dass eine »Neue Unbefangenheit« um sich greift.

So wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (»Vom Rand zur Mitte«/2006) festgestellt zu haben meinte, daß der Rechtsradikalismus in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen sei, während kritische ForscherInnen schon zuvor stets betonten, daß der Rechtsradikalismus aus der Mitte der Gesellschaft kommt, trifft auch die Ablehnung real existierender Jüdinnen und Juden in vielen der untersuchten Gesellschaften auf Zustimmung in weiten Kreisen der jeweiligen Bevölkerungen, ist also keinesfalls als ein Phänomen an den (politischen) »Rändern« zu begreifen. Gerade für dezidierte AntifaschistInnen ist profunde Kenntnis des europaweiten Antisemitismus die Vorbedingung für politisches Handeln. So ist spätestens seit der »2. Intifada« oder dem 11. September 2001, oft eine erschreckende Übereinstimmung der antisemitischen Positionen bei Rechtsradikalen, Anti-Imperialisten, »Anti-Zionisten«, »linken« wie konservativen Globalisierungsgegnern und der »bürgerlichen Mitte« zu konstatieren.

Die Kritik der offensichtlichen Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Waren- und Dienstleistungsgesellschaft darf nicht auf die Zirkulationssphäre beschränkt bleiben, denn dort lauert als »historisch bewährtes« Feinbild »der (Geld)Jude« als Sündenbock; zudem scheinen »Querfronten« im Entstehen begriffen zu sein, die Europa, von Portugal bis Polen, von Schweden bis Zypern, noch bedrohlicher werden lassen. Ein vorbehaltlos zu empfehlendes Buch also, reich an empirisch unterfütterten Informationen, an klugen Reflexionen. Für Nicht-WissenschaftlerInnen wohl nicht immer leicht zu lesen, im Ergebnis jedoch mit Sicherheit ein immenser Erkenntnisgewinn. (Michael Moreitz / Politikwissenschaftler, Berlin)

Lars Rensmann / Julius H. Schoeps (Hg)
Feindbild Judentum. Antisemitismus in Europa
vbb Verlag: Berlin 2008, 512 S.
24,90 EUR