Rezensionen | AIB 69 / 5.2005 | 27.12.2005

Faschistische Kampfbünde

Im historiographischen Diskurs gibt es eine Wiederkehr des Faschismusbegriffs. Die Debatte ist jedoch anders als in den 1970er Jahren weniger von einer agitatorischen Indienstnahme des Begriffs im wissenschaftspolitischen kalten Krieg geprägt, als vielmehr von einem neuen Interesse an der Ideologiegeschichte und der politischen Praxis des Faschismus in seiner Bewegungsphase. Die bisher eher aus dem angelsächsischen Raum von Autoren wie Griffin, Payne und Kershaw kommenden Impulse, entfachten auch in Deutschland die Debatte um Wesen und Praxis des Faschismus neu. Sven Reichardt vergleichende Studie über die Bewegungsphase des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus darf als ein gewichtiger Beitrag zur Debatte um die Bewegungsphase der europäischen Faschismen gelesen werden. Zunächst geht Reichardt der These nach, sowohl die SA als auch der Squadrismus hätten während der Bewegungsphase im Kontext eines gesellschaftlichen Kriegszustandes agiert, der wesentlich für die Reproduktion von politischer Gewalt gewesen sei. Diese zuletzt von Andreas Wirschig vertretene Ansicht, in der Weimarer Republik habe ein Zustand des »latenter Bürgerkrieges« geherrscht, in dessen Rahmen die Interaktion zwischen SA und Rotfront Kämpferbund eng aufeinander bezogen gewesen sei, und den Untergang der Republik befördert habe, sucht Reichardt zu differenzieren. Die sozialräumliche Nähe zwischen RFB und SA in deutschen Großstädten habe zwar eine gewaltförmige Interaktion befördert, doch seien vom RFB weniger Gewalttaten ausgegangen als von der SA. Reichardt weist zudem die oftmals wiederholte, bisher jedoch nur unzureichend belegte These vom massenweisen Übertritt von RFB-Aktivisten nach dem 30. Januar 1933 zurück. Die vielfach behauptete Übernahme ganzer RFB-Züge in die SA ließe sich, von Ausnahmen abgesehen, nicht belegen. Vielmehr beglichen viele SA-Aktivisten in den ersten Wochen nach der Machtübernahme in weitgehender Eigenverantwortung alte Rechnungen mit dem politischen Gegner. Insgesamt, so bilanziert Reichardt seinen Vergleich, sei die Straßengewalt vielfach initiativ von der SA ausgegangen.

Reichardt, Sven:
Faschistische Kampfbünde:
Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA
Böhlau Verl.; Köln, 2002.- 814 S.