Rezensionen | AIB 117 / 4.2017 | 02.01.2018

Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie

Heidi Benneckenstein

Heidi Benneckenstein schreibt in ihrem Buch über ihren Ausstieg aus der Neonaziszene. Besonders ist hierbei nicht nur, dass sie ihre Erfahrungen als Frau in der männlich dominierten Realität beschreibt, sondern auch, dass die Autorin durch das Aufwachsen in einer rechtsextremen Familie  geprägt ist. Ihr Vater, Helge Redeker, betreibt in Sachsen ein Feriendorf, welches auch für extrem rechte Veranstaltungen genutzt wird, und schickt seine Kinder in die Lager der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Im Gegensatz zu anderer Aussteiger-Literatur sieht Benneckenstein eine kalte und lieblose Kindheit nicht als Grund ihrer rechten Sozialisation, sondern als Teil davon und leitet diese aus der Ideologie ab (Vgl. AIB Nr. 66: "Aussteiger-Industrie"). Sie beschreibt die Gewalttätigkeit der Szene auch nach innen und gegen Frauen als die Momente, in denen ihre Loslösung von der extremen Rechten begann — aber auch ihre eigene Gewalttätigkeit erhält rückblickend Raum in dem Buch.

Die Autobiographie ist in einem einfachen und persönlichen Stil verfasst und macht deutlich, wie es zu ihrem gemeinsamen Ausstieg mit dem jetzigen Mann kam. Allerdings scheint es eher das abstoßende Verhalten der eigenen KameradInnen gewesen zu sein, das zu dem Ausstieg führte, als der Bruch mit der extrem rechten Ideologie. So schreibt Benneckenstein, dass sie persönlich nie ein Problem mit Migrant*innen gehabt habe – anders als sächsische Dorfnazis – aber doch trug sie den Rassismus der extremen Rechten mit, machte aktiv Wahlkampf für die NPD und war an einem Angriff auf einen Journalisten beteiligt. Zum Ende des Buches spricht sie vom Schrecken des NSU, aber auch sie, die Ralf Wohlleben kennengelernt hat, spricht von einem „Terror-Trio“ und unterschlägt die Weite des nationalsozialistischen Untergrunds und seiner Unterstützung durch die rechte Szene.

Das Buch wird zukünftig als Schulbuch­ausgabe erhältlich sein. Es zeigt die raue und brutale Realität der völkischen und neonazistischen Rechten auf und wird so abschreckend wirken — ob es jedoch zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit rechten Ideologieelementen geeinigt ist, sei dahingestellt.

Heidi Benneckenstein
Ein deutsches Mädchen.
Mein Leben in einer Neonazi-Familie
Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-50375-3

Zum Thema "Aussteiger, Rückzieher, Aufhörer, Austreter" gibt es ein Online Dossier des AIB.