Rezensionen | AIB 77 / 4.2007 | 13.12.2007

Die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Stephan Braun, Ute Vogt (Hrsg.)

Die Wochenzeitung »JUNGE FREIHEIT« kann als das erfolgreichste Zeitschriftenprojekt der extremen Rechten der vergangenen zwanzig Jahre gesehen werden. Ein neuer Sammelband widmet sich der Ideologie und Strategie der Zeitung am rechten Rand.

Bereits im Jahr 1994 hatte das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung unter dem Titel »Das Plagiat – Der völkische Nationalismus der Junge Freiheit« eine Analyse der damals noch recht neuen Wochenzeitung vorgelegt und bei den Autoren eine Reaktualisierung der völkischen Ideologie der sogenannten Konservativen Revolution diagnostiziert. Dieses Buch erfuhr vor zwei Jahren eine überarbeitete Neuauflage im Unrast Verlag, welche die ideologischen Akzentverschiebungen, die sich seit Mitte der 1990er Jahre unter Beibehaltung der Grundlinie im Blatt ergeben hatten, berücksichtigte.

Der nun vorliegende Band wurde von dem SPD-Landtagsabgeordneten Stephan Braun ediert, der sich als Fachpolitiker seiner Fraktion für eine Beobachtung der JF im Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Würtemberg stark gemacht hatte. In der Einleitung beschreibt Thomas Pfeiffer, Referent des Verfassungsschutzes in NRW, warum das damals SPD-geführte Innenministerium eine Beobachtung der JF für geboten hielt. Hier erfährt der kundige Leser nichts neues. Eine von Helmut Kellersohn zusammengestellte Chronologie der JF ist im Hinblick auf die sich anschließenden inhaltlichen Vertiefungen hilfreich, um Brüche und Kontinuitäten der Zeitung bei der Lektüre der Aufsätze im Auge zu behalten.

Sodann eröffnet Wolfgang Gessenharter mit einem Text über die Carl-Schmitt-Rezeption in der JF den Bogen der Auseinandersetzung mit der ideologischen Gemengelage der JF. Gessenharter zeigt, wie von ihm bereits an anderer Stelle zu lesen war, dass das politische Denken Carl Schmitts nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist, da er die individuellen Freiheitsrechte ablehnt und eine Ethnisierung des Staates betreibt. Wie die JF den Schmitt`schen Ideologiesound als Grundierung für ihren rechten Kulturpessimismus in Dienst nimmt, bleibt jedoch einigermaßen unterbelichtet.

Michael Pechel wendet sich einem Schlüsselthema der JF, der Interpretation der deutschen Geschichte zu. Leider hält er sich dabei zu lange mit der Terminologie der geschichtsteleologischen Deutungen der extremen Rechten auf, worüber die Funktion des Aufgreifens von Themen wie Vertreibung, Bombardierung und Stauffenberg als Enlastungszeugen der Deutschen aus dem Blick zu geraten droht.

Sehr lesenswert sind die Aufsätze von Regina Wagner und Fabian Virchow. Erstere befasst sich mit dem christlich-konservativen Bild des Juden und des Judentums in der JF. Letzterer arbeitet die zentrale Rolle der Außen-und Militärpolitik für das Widererstarken der Nation und ihre moralische Erziehung. Während Anton Maegerle mit einem Who is Who der Autoren der JF aufwartet, beschreibt Margret Chatwin sehr lesenswert den Editwar, der bei Wikipedia um die Deutungshoheit neurechter Themen tobt. Sie legt dabei offen, wie sich die neurechte Wikipediagemeinde auf bestimmte Suchstichworte eingeschossen hat, diese in ihrem Sinne ändert und kritische Anmerkungen zu löschen sucht. Im Anhang wird schließlich das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Beobachtung der JF durch den Verfassungsschutz dokumentiert.

Das Buch aktualisiert im Hinblick auf die Ideologie der JF die bekannten Standarts. Das kann und muss bei einem solchen Buchprojekt nicht anders sein. Augenfällig abwesend ist im Buch jedoch der diskursive und gesellschaftliche Kontext, der es ermöglicht, dass Interviewpartner der JF vom rechten Rand der Union und national eingestellte SPD-Vertreter zwar kurzzeitig unter Druck geraten, aber dennoch unsanktioniert dazu beitragen, die Legitimität des Meinungsspektrums weiter nach rechts zu verschieben. Eine Analyse des Wechselwirkungsverhältnisses von institutionellem Rassismus mit dem diskursiven der JF sucht man hier ebenso vergebens wie die Beschreibung der geschichtspolitischen Brückenfunktion im deutschen Entlastungsdiskurs. Wer aber einen fundierten Überblick zum ideologischen und organisatorischen Innenleben der JF sucht, ist mit diesem Buch gut bedient.

Stephan Braun, Ute Vogt  (Hrsg.)
Die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT
Kritische Analysen zu Programmatik, Autoren und Kunden

Verlag für Soziawissenschaften
Wiesbaden; 2007; 358 S.