Rezensionen | AIB 114 / 1.2017 | 03.04.2017

Die Sippe

Marc-Oliver Bischoff

Katharina Hoffmann verschlägt es auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester Sara, die in Rostock als Gerichtsvollzieherin arbeitet, nach Mecklenburg-Vorpommern. Ihre Spur verliert sich in dem fiktiven Dorf Grantzow. Fasziniert erkundet die Großstädterin das Dorf in dem sie auf freundlich-distanzierte Bewohner_innen, eine merkwürdige Traditionalität und eine niedliche Rückständigkeit trifft. So strandet die Hamburgerin in der sommerlichen Dorf­idylle und wird immer tiefer in die sektenähnliche Strukturen der Dorfgemeinschaft hinein gezogen.

Marc-Oliver Bischoff zeichnet mit seinem vierten Kriminalroman „Die Sippe“ eine extrem rechte Idylle in der mecklenburgischen Provinz und packt so ziemlich jede Facette rechter Lebenswelten in seine Handlung: vier zugezogene Familien domi­nieren das Dorfleben, eine freie „Volksschule“, ein Schulungszentrum, Biobauernhöfe, eine Schmiede, eine gebärfreudige Großfamilienmutti, eine Sonnenwendfeier mit Hitlergruß, Aluhut-Träger und bis an die Zähne bewaffnete Neonazis mit Waffendepot im Wald. Natürlich darf auch ein ebenso charismatischer wie skrupelloser VS-Agent nicht fehlen, dessen gezielte Eskalation das große Ganze nicht aus den Augen lässt und der dafür buchstäblich über Leichen geht. Außerdem muss ja einer auch noch die ledigen Frauen im Dorf rumkriegen.
Am Ende, soviel sei verraten, konkurrieren LKA und Verfassungsschutz um Deutungshoheit, Erkenntnisgewinn und höhere Ziele.

Leider bleibt dabei die Handlung an vielen Stellen auf der Strecke. Zu holzschnittartig ergeht sich der Autor in den Beschreibungen möglichst vieler Spielarten des äußersten rechten Randes in der mecklenburgischen Peripherie. Ganz spannend hätte ein bisschen mehr Einordnung in historische und aktuelle Kontexte sein können. Das aber überlässt der Autor einem kurzen Nachwort der Amadeu Antonio Stiftung, dessen Quintessenz aber ist: Für alle Fakten rund um die völkischen Siedlungsbestrebungen in Mecklenburg-Vorpommern bestellt die ent­sprechende Broschüre bei der Stiftung. 

Marc-Oliver Bischoff
Die Sippe
grafit, Dortmund 2016, 12,00 €,
317 Seiten

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