Neonazi-Demonstration mit sowjetfeindlichem Transparent am 8. Mai 2015 in Demmin. (Foto: Kilian Behrens/Apabiz)
NS-Szene | AIB 115 / 2.2017 | 03.10.2017

Die Rechte und Russland: Alte Feinde, neue Freunde?

Es ist die Nacht zum 7. November 1970, der Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland. Der 21-jährige Krankenpfleger Ekkehard Weil schwingt sich in West-Berlin auf sein Fahrrad und radelt in Richtung Tiergarten. Dort angekommen pinselt er mit roter Farbe „Auftakt gegen den Bolschewismus“ und weitere Parolen an die Wand des „Mozart-Pavillons“. Auf Flugblättern, die er dort hinterlässt, findet sich außerdem der Spruch „Widerstand gegen den Ausverkauf Deutschlands.“ Wenige Stunden später schießt Weil ein paar hundert Meter weiter aus einem Gebüsch auf einen wachhabenden Sowjetsoldaten am Sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni, der von zwei Kugeln getroffen und lebensgefährlich verletzt wird.1 Vor Gericht erklärt Weil später, er habe seinen kleinen Beitrag dazu leisten wollen, dass seine heiß geliebte Heimat Berlin nicht die Beute der Sowjetunion werde.2

Die neonazistische Rechte in Westdeutschland war bis 1989 ganz klar gegen die Sowjetunion eingestellt. In der Zweiteilung Deutschlands sahen sie eine „Schande“ und propagierten die „Wiedervereinigung“ — im Falle Weils sogar mit Waffengewalt. Doch nicht nur für die neonazistische Rechte war die Sowjetunion das Feindbild par excellence. Auch rechtskonservative Akteure pflegten einen dezidierten, gegen die Sowjetunion gerichteten Antikommunismus, der sich nicht zuletzt in Geschichtsdebatten über den Nationalsozialismus niederschlug. Exemplarisch dafür steht der Historikerstreit, der 1986 durch die These des konservativen Historikers Ernst Nolte, die nationalsozialistischen Verbrechen seien eine Reaktion auf den „Archipel Gulag“ gewesen, ausgelöst worden war. lnsbesondere im geschichtspolitischen Diskurs der extremen Rechten lebt das „Feindbild Russe“ über die sogenannte Wiedervereinigung hinaus bis heute fort, auch wenn mittlerweile in etlichen geostrategischen Konzepten andere Töne zu vernehmen sind.

Propaganda und Aktionen

Dass dieser Wandel sich nach 1989 sehr langsam vollzog, verdeutlicht etwa die NPD. Der frühere NPD-Vorsitzende Holger Apfel beklagte noch 1999 in einer Publikation anlässlich von 35 Jahren NPD „die freiwillige Unterwerfung Deutschlands unter das Moskauer Diktat“ und „die Ausdehnung des bolschewistisch-russischen Imperiums bis in die Mitte des europäischen Raumes“.3 Auch weitere Autoren des Buches stimmten in diesen Tenor ein: „Die russische Armee benahm sich nachweisbar wie eine Bande von Mördern und Schwerverbrechern, und man wußte und propagierte, daß ‚die Russen sich wie die Tiere benehmen‘.“4

Schon Jahrzehnte zuvor schlug sich die sowjetfeindliche Haltung auch in der politischen Praxis nieder. Der NPD-Studentenverbund führte 1968 einen „Sitzstreik“ vor dem sowjetischen Ehrenmal in Westberlin durch, auf das Ekkehard Weil zwei Jahre später das Attentat verübte. Im selben Zeitraum initiierten rechte und neonazistische Aktivisten und Funktionäre der NPD die „Aktion Widerstand“, um mit aggressiven Großdemonstrationen gegen die sog. „Ostverträge“ und eine „neue Ostpolitik“ zu protes­tieren. Die Agitation gegen die Sowjetunion und offener Antikommunismus gehörte lange zur expliziten politischen Ausrichtung der NPD-Jugend.

In der JN-Zeitung „JN-Mauerspringer“5 wurde 1983 auf mehreren Seiten der Autor Joachim Nehring scharf kritisiert, da er in rechtsnationalen Kreisen für die Theorie einer „deutsch-russischen Schicksalsgemeinschaft“ eingetreten war. Die JN sah sich in der Debatte als Kämpferin gegen eine „dauernde Einmischung der ZK-Kosaken aus Moskau in unsere inneren Angelegenheiten“ und positionierte sich politisch hinter einem Zitat von Bernhard Willms aus dem Buch „Die deutsche Nation“: „Für Deutschland ist nun die Sowjetunion nicht nur in jenem allgemeinen Sinne Feind, weil sie die Idee der Nation konkret bestreitet, sondern weil sie die Existenz Deutschlands als freie Nation mit Gewalt verhindert.“6 An anderen Stellen im „Der Mauerspringer“ wird klar gestellt: „Den umgekehrten Weg des Neutralismus, die Erlangung der Souverinität durch politisches Wohlverhalten ggü. der SU zu erreichen, ist Nonsens und zeugt von politischem Eunuchentum (...) Der Schlüssel zur Wiederherstellung Deutschlands liegt nicht im Kreml (...) sondern in Deutschland — in den Herzen und Händen der Deutschen!7.

In der JN-Zeitung „Der Pfeil“ wurde über die Teilnahme von 400 JN-Aktivisten an einer Kundgebung unter dem Motto „Europa befreie dich! Breschnew raus“ Anfang Mai 1978 in Bonn berichtet. Zu den JN-Forderungen anläßlich des Besuches des sowjetischen Staatschef Leonid Iljitsch Breschnew zählte „TOD DEM KOMMUNISMUS“.8 Ein „Nationaldemokratischen Schüler + Lehrlingsblatt“ namens „JN-Info“ („Sozial-National-Antikommunistisch“) beinhaltete zu großen Teile Karikaturen und Texte gegen „Bolschewiken“ und „sowjetischen Panzerkommunisten“. Das Blatt stellte klar: „Wir können die Phrasen von ‚Annäherung und Entspannung‘, von ‚Sowjetischer Friedensliebe‘ und Brand(t) ‚Erfolgen‘ nicht mehr hören.9

Auch nach 1989 hielten sowjetfeindliche Aktionen an. Im Dezember 1989 wurde das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow mit antisowjetischen Neonazi-Parolen besprüht. Die damaligen Kader der NPD-Jugend Holger Apfel und Andreas Storr bewarfen in den 1990er Jahren den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und den früheren Staatspräsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow bei den Bayreuther Festspielen mit Eiern. Holger Apfel rechtfertigte die Aktion gegen Gorbatschow kürzlich mit den Worten: „Ungeachtet seiner Verdienste um die deutsche Einheit fand ich das gut, denn kurz zuvor bekam er den Friedensnobelpreis, obwohl er die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Völker niederwalzen ließ.10

Die neonazistische Anschlagserie der „Nationalen Bewegung“ in Brandenburg um die Jahrtausendwende hatte ebenfalls einen geschichtsrevisionistischen und antisemitischen Hintergrund mit Bezug zur Rolle der Sowjetunion: Im Jahr 2000 wurde ein sowjetisches Ehrenmal in Stahnsdorf beschädigt und mit Hakenkreuzen versehen. Einige Wochen später beschmierte die Gruppe ein Ehrenmal auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Mahlow/Glasow mit Hakenkreuzen und den Worten „Mörder“, „Juden“ und „Kommunisten“.11

Im Mai 2004 entrollten AktivistInnen der Berliner „Kameradschaft Tor“ anlässlich einer antifaschistischen Gedenkfeier am russischen Ehrenmal in Berlin-Treptow ein Transparent, das den russischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg für seine „antideutsche“ Propaganda anprangern sollte. Gegen eine nach dem jüdischen Antifaschisten benannte Straße hatten auch in Rostock mehrfach Neonazis demonstriert. In Berlin-Friedrichshain wurden Flugblätter gegen ein nach ihm benanntes Café verteilt.

Im 2010 komplett überarbeiteten Parteiprogramm der NPD wurde eine Annäherung an Russland neu aufgenommen. Auf der Homepage der NPD heißt es heute, dass „Rußland (…) die einzige wieder erstarkte Großmacht [ist], die als Bündnispartner das Schicksal zu wenden vermag“. Im geschichtspolitischen Diskurs der NPD spielt Russland allerdings nach wie vor die Rolle des Akteurs, der für die „Niederlage“ im 2. Weltkrieg verantwortlich sei. Seit Jahren richtet die Berliner NPD am 8. Mai Kundgebungen gegen den „Tag der Befreiung“ vor dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst aus.

Terror und Gewalt

Immer wieder richtete sich Neonazigewalt mit zum Teil tödlichen Ausgang gegen als „Russen“ identifizierte Personen oder Spät­aussiedler. 1992 griff der Neonazi Sven R. („Rosi“) aus dem Umfeld des späteren NSU in Gera nach einer NPD-Veranstaltung zwei sowjetische Soldaten an. Aus einer Gruppe von 50 Neonazi-Skinheads heraus war er mit einem Baseballschläger auf die Beiden losgegangen. Nur durch einen Warnschuss aus der Dienstwaffe eines Soldaten ließ sich Sven R. aufhalten.12

Im Juli 2000 kam es in Düsseldorf-Wehrhahn zu einem Bombenanschlag auf eine Gruppe Migrant_innen aus der ehemaligen UdSSR, die meisten von ihnen Jüdinnen und Juden. Zehn von ihnen wurden teilweise lebensgefährlich verletzt, das ungeborene Kind einer Frau wurde getötet. Erst vor einigen Monaten wurde der Neonazi-Aktivist Ralf Spies als Tatverdächtiger verhaftet.

Im Mai 2002 überfielen fünf Rassisten Kajrat Batesov, ein Aussiedler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, und dessen Freund in Wittstock (Brandenburg). Einer der Täter tritt dabei immer wieder mit voller Wucht gegen Kopf und Körper der beiden, die am Boden liegen. „Bleib endlich liegen, Scheißrusse,“ ruft er dabei. Ein anderer Täter bewirft die Beiden mit einem 17 Kilogramm schweren Feldstein. Kajrat Batesov wird im Krankenhaus ins künstliche Koma versetzt und erliegt später seinen schweren Verletzungen. Bei einem der festgenommenen Täter fand die Polizei ein Handy mit einem Adler-Symbol mit Hakenkreuz.13

Im Juli 2013 gingen in Kaufbeuren sieben deutsche Rassisten auf drei Spätaussiedler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken los. Nachdem diese den Angriff abwehren konnten griff einer der Täter einen anderen aus Kasachstan stammenden Mann an. Dieser verstarb einen Tag später an seinen Verletzungen. Zwei der Täter stammten aus neonazistischen Kreisen.14

Musik gegen die „Roten“

Musikalisch war das „Feindbild Russland“ über Jahrzehnte auf diversen Neonazi-­Mixtapes zu finden. Traurige Balladen, welche die militärische Niederlage der Nationalsozialisten in Russland und den damit verbundenen Verlust „deutscher Ostgebiete“ beklagten, wurden zu Hymnen der Szene. Die Skrewdriver-Ballade „The Snow Fell“ des in der Neonazi-Skinhead-Szene verehrten RechtsRock Musikers Ian Steward Donaldson besang das deutsche Soldatenleid im Kampf mit der Roten Armee: „the beast was on its way (…) yet still it sickens my heart to see the picture of the red flag in Berlin.“ Ein deutscher Coversong der Neonaziband „Noie Werte“ („Als der Schnee fiel“) textete, „das Biest schaufelte ihr gemeinsames Grab“.

Bei der musikalischen Szenegröße und einstigem NPD-Kandidaten für den Bundespräsidenten Frank Rennicke klingt es ähnlich: „Es standen die Landser und Pimpfe sogar gewiß auf verlorenen Posten, doch trotzten sie bis zum letzten Gefecht der roten Flut aus dem Osten.“ Auch er gab sich gegenüber den Alliierten unversöhnlich: „Nehmt eure Russenpanzer, euer Mafiageld und lasset uns zufrieden um alles in der Welt. (…) Packt eure Snackbars und Kolchosen ein, lasst uns wieder Deutsche in Deutschland sein. Amis, Russen und Fremdvölker raus.“

Neonazi-Skinheads gegen „Slawen“

Auch deutsche Neonazi-Skinheads waren und sind meist eindeutig gegen „Russen“ eingestellt. Im deutschen Neonazi-Fanzine „Combat 2000“ hieß es im Jahr 2001 anlässlich einer gemeinsamen CD einer deutschen und einer russischen RechtsRock-Band: „Denn United Stride ja, aber mit den Russen? 100.000 von Soldaten haben diese Roten Teufel verrecken lassen (...) Man hat uns ausgeplündert und ausgeschlachtet! Und mit diesem Pack, sollen wir dann noch zusammen schreiten…

Im Jahr 2000 flog eine russische Sektion der Hammerskins aus dem weltweiten Hammerskin-Netzwerk "Hamerskin Nation" raus, da „Slawen“ nicht zur „arischen Rasse“ gehören könnten.15 Ein führender deutscher Hammerskin-Vertreter hatte 2012 zum Thema klargestellt: „Es gab niemals autorisierte Hammerskin Chapter jenseits der Oder/ Neisse. Weder Polen, Russland, Serbien oder Rumänien.“ Einzelne Gruppierungen in Polen, Russland und Serbien seien „vor Jahren bereits geschlossen“ worden. Doch noch 2014 verhandelten europäische Hammerskins über die Aufnahme Moskauer Neonazi-Skinheads in die Reihen der „Hammerskin Nation“ (HSN). Ein entsprechender Vorstoß der Schweizer Hammerskins stieß auf Widerstand seitens der deutschen Hammerskin-Vertreter. So erklärte das Chapter der Hammerskins aus Berlin im Namen der Hammerskins Deutschland, dass sie „niemals ein POTN16 oder Hammerskin-Chapter Moskau akzeptieren würden“. Eine lokale Hammerskins Support Gruppe („Crew38“) sei das höchste was „sie erreichen können und werden“. Und das auch nur um sie so „besser kontrollieren“ zu können.

Im Kampfsport scheint die rassistisch motivierte Ablehnung jedoch zweitrangig zu sein. So etablierte sich aus den Kreisen der deutschen Hammerskins der Kampfsportevent „Kampf der Nibelungen“. Hier wird offen mit der russischen Neonazimarke „White Rex“ kooperiert.17 Deren Inhaber Denis Nikitin moderierte die Veranstaltungen teilweise.

Offensichtliche Widersprüche lassen sich problemlos aushalten. Der neonazistische MMA-Kämpfer Frank Kortz freute sich kürzlich darüber seine Hakenkreuz-Tätowierungen bei einem Kampf nicht verdecken zu müssen: „Wir sind hier in Russland“. Auf Veranstaltungen der rechten Szene sind mittlerweile sogar Putin-Plakate und Merchandise des ukrainischen Asow-Battaillons in unmittelbarer Nähe zu beobachten, ohne dass dies zu Konflikten führt.

  • 1. Vgl. "DER SPIEGEL" 47/1970: "Fern von Frauen".
  • 2. Vgl. ZEIT/Zeit.de: "Die kleine Welt Ekkehard Weil" von Paul Moor, 12. März 1971, Aktualisiert am 21. November 2012
  • 3. Holger Apfel: „Die Geschichte der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD)“, in: „Alles Große steht im Sturm. Tradition und Zukunft einer nationalen Partei. 35 Jahre NPD — 30 Jahre JN“, DS-Verlag 1999.
  • 4. Rolf-Josef Eibicht: „‘Der Kampf um die Köpfe‘ — Ostdeutschland und Sudetendeutschland; Verzicht ist Verrat! Die deutsche Rechte bleibt verpflichtet!“, in: „Alles Große steht im Sturm. Tradition und Zukunft einer nationalen Partei. 35 Jahre NPD — 30 Jahre JN“, DS-Verlag 1999.
  • 5. „JN-Mauerspringer“. Herausgeber Rainer Vogel, V.i.s.d.P. Rainer Vogel und Thor v. Waldstein.
  • 6. „Alter Wein aus neuen Schläuchen...“ in „Der Mauerspringer“ Nr. 1/1983
  • 7. „Neutralismus contra Unabhängigkeit!“ in „Der Mauerspringer“ Nr. 1/1983
  • 8. „Empfang eines Massenmörders“ in „JN - Der Pfeil“. Herausgeber JN-Bundesvorstand. Verantwortlich Michael Bolle.
  • 9. „JN-Info“: „Nehmt die Linke in die Zange“, Verantwortlich Benno Jordan.
  • 10. Holger Apfel: „Irrtum NPD“, Gerhard Hess Verlag, 2017.
  • 11. Vgl. Antifaschistisches Infoblatt (AIB) Nr. 93: „Deliktserie oder Vorstufe zum Rechtsterrorismus?“.
  • 12. Vgl. Stefan Aust, Dirk Laabs: „Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU“, Pantheon Verlag, 2014.
  • 13. www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de/victims-kajrat-batesov.php
  • 14. Vgl. Antifaschistisches Infoblatt (AIB) Nr. 100: „Neonazi-Mord in Kaufbeuren“
  • 15. „Otwjortka“, Nr. 9, 2000.
  • 16. Abkürzung von: Prospect of the Nation
  • 17. Facebook-Post von „Kampf der Nibelungen“ am 5. Dezember 2015.
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