Simon Wiesenthal in der Fachliteratur. (Foto: flickr.com/fotopavolfreso/Bratislavsky kraj/CC BY 2.0)
Gesellschaft | AIB 69 / 5.2005 | 26.12.2005

Die Maßgaben des Rechts

Zum Tod von Simon Wiesenthal am 20. September 2005

Am Ende seines Lebens widerfuhr Simon Wiesenthal doch noch Gerechtigkeit von Seiten der österreichischen Republik: Im Juni dieses Jahres erhielt er das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich aus den Händen von Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer. Dies trug, wie die FAZ in einem Nachruf auf den am 20. September verstorbenen Gründer des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien schrieb, »Züge eines Canossa Ganges«. Denn der Überlebende mehrerer Konzentrationslager war über Jahrzehnte nicht nur den Drohungen alter und neuer Nazis ausgesetzt. Auch Teile der politischen Klasse Österreichs überschütteten ihn mit Häme und Vorwürfen, er habe mit der Gestapo kollaboriert. Zu gern inszenierte sich die Zweite Republik als erstes Opfer der Nazis. Als der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ), selbst ein Opfer des NS, 1975 den damaligen FPÖ-Vorsitzenden Friedrich Peter als Minister nominierte, kam es zum Streit um dessen SS-Vergangenheit. Wiesenthal wurde als »Nestbeschmutzer« beschimpft. Gegen die Behauptung Kreiskys, Wiesenthal sei ein Helfer der NS-Täter gewesen, zog dieser vor Gericht und gewann. Im Konflikt um die NS-Vergangenheit des Bundespräsidenten Kurt Waldheim agierte Wiesenthal zurückhaltend, nannte diesen einen »Lügner«, nicht jedoch einen »Mörder«, was ihm die Kritik des World Jewish Congress (WJC) eintrug.

Simon Wiesenthal wurde 1908 in Buczacz in Galizien geboren und studierte in Prag Architektur. Seit 1932 arbeitete er als Architekt in der Ukraine. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1941 begann Wiesenthals Odyssee durch insgesamt zwölf Konzentrationslager. Die Befreiung durch die Amerikaner erlebte er im KZ Mauthausen. Nach der Befreiung war er für das »U.S. War Crime Office« tätig, das sich unmittelbar nach dem Krieg um die Verfolgung von NS-Tätern bemühte. Im Zuge des beginnenden Kalten Krieges ließ das Interesse der Alliierten an der Verfolgung von NS-Verbrechern spürbar nach. Der in die Souveränität entlassenen Republik Österreich war mehr an der Integration der Täter gelegen, als daran, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Niemand hatte ein Interesse an der nachhaltigen Verfolgung und Bestrafung von NS-Tätern. Wiesenthals 1947 gegründetes Dokumentationszentrum schloss 1954 seine Pforten wieder. Vorerst. Nur die Akte im Falle des Wiener »Judenreferenten« Adolf Eichmann schloss Wiesenthal nicht. Bereits Mitte der 1950er Jahre spürte Wiesenthal Eichmann in Argentinien auf. Doch der israelische Geheimdienst Mossad hielt seine Hinweise für nicht stichhaltig. Ein erneuter Hinweis Wiesenthals führte schließlich 1960 zu Eichmanns Festnahme. Im Jahr 1961 gründete Wiesenthal das Dokumentationszentrum erneut. Seitdem hat er rund 1.200 NS-Täter aufgespürt und zu deren Verurteilung beigetragen. Darunter waren so spektakuläre Fälle wie der des Treblinka-Kommandanten Franz Stangl, den Wiesenthal in Brasilien aufspürte. Auch einer der letzten großen NS-Prozesse gegen den Kommandanten des Ghettos Przemzysl, Josef Schwammberger, ging auf die Recherchen Wiesenthals zurück. Mit der Aktion »Last Chance« geriet Wiesenthal noch einmal in die Kritik. Im vergangenen Jahr hatte das Wiesenthal Center eine Fahndungsliste veröffentlicht, die osteuropäische NS-Täter aufführte und offensiv zu deren Denunziation aufrief, die auch finanziell entgolten werden sollte. Wieder mischten sich sachliche Kritik an der Kampagne in Osteuropa und wütende antisemitische Ausfälle. Die vom Wiesenthal Center erstellten Dossiers zur Entwicklung des weltweiten Antisemitismus wiesen auf verstetigten Antisemitismus auch in den westlichen Demokratien hin und beförderten die Debatte der vergangenen Jahre. Von seinen Kritikern und Todfeinden wurde Wiesenthal als »erbarmungsloser Racheengel« bezeichnet. Allein der Terminus verriet die antisemitische Färbung dieses Urteils. Dass es diesem statt um Rache um die »Maßgaben des Rechts« (Fritz Bauer) und die Opfer des Holocausts ging, ist in seinen Erinnerungen mit dem Titel »Recht nicht Rache« nachzulesen. Mit Simon Wiesenthal verliert die Erinnerung an den Holocaust einen Anker, der seinen festen Grund in der Erinnerung an das Grauen hatte und wachsam gegenüber heutigen Gefahren des Antisemitismus blieb.