Antifa | AIB 97 / 4.2012 | 25.01.2013

Die Jugo-Connection

Linke in (post-)Jugoslawien unterstützen SolidarnOST: Eine neue Soli-Initiative 

Jugoslawien – für viele ein Begriff, mit dem sie die Kriege der 1990er assoziieren. Für manche Linke (vor allem die etwas Älteren) ein Land, das es fast geschafft hatte. Der jugoslawische Arbeiterselbstverwaltungssozialismus schien für viele in der bundesrepublikanischen Linken der 1960er und 1970er einer gerechte(re)n Gesellschaft womöglich näher gekommen zu sein, als sonst ein Modell.

Gastbeitrag von SolidarnOst

Es kam aber anders. Die sozialistische jugoslawische Gesellschaft samt ihrer selbstverwalteten Betriebe – der »Basisorganisationen assoziierter Arbeit«, wie sie vor Ort genannt wurden – erfuhr im Laufe der 1980er Jahre eine wirtschaftliche und politische Krise, von der sie sich nie erholte und die letztlich zum Zusammenbruch Jugoslawiens führte. Die ideologische sowie von persönlichen Machtinteressen geleitete Auseinandersetzung innerhalb der politischen Eliten in den einzelnen der sechs jugoslawischen Teilrepubliken um die Frage, ob Jugoslawien »mehr oder weniger Staat« bräuchte, ging an den (sozialen) Problemen der Menschen gänzlich vorbei und führte zu einer fast vollständigen Handlungsunfähigkeit des Bundes der Kommunisten als führender politischer Kraft. Doch während sich die Politik als unfähig erwies, die wirtschaftlichen und sozialen Probleme in den Griff zu bekommen, war der Versuch einzelner politischer Kreise, von diesen Problemen abzulenken, mehr als erfolgreich: Die Ära des Nationalismus begann. Zunächst in Serbien (und zwar im Rahmen des Bundes der Kommunisten Serbiens!), später in allen anderen Teilen Jugoslawiens, nahmen nationalistische Parolen zu, Publikationen nationalistischen und revisionistischen Inhalts wurden veröffentlicht und große Teile der von der Partei kontrollierten Presse griffen die neuen nationalistischen Deutungen auf. Doch, um aus einer nicht nationalistischen Mehrheit der Menschen in Jugoslawien Nationalist_innen zu machen, reichte das nicht ganz aus. Ein viel größeres Ausmaß an Gewalt war nötig. Die Kriege, die den Zerfall des jugoslawischen Staates besiegelten (Slowenien 1991; Kroatien 1991-1995; Bosnien-Herzegowina 1992-1995; Kosovo 1998-1999), erreichten indes zwei wesentliche Ziele: Erstens ermöglichten sie eine schnelle Umverteilung der Ressourcen zugunsten der politischen und wirtschaftlichen Eliten und zulasten der Bevölkerung. Zweitens lösten die Kriege einen Ausnahmezustand, der die jeweilige »ethnische Gruppe« (zumindest vorläufig und scheinbar) homogenisierte. Zu den Folgen (und eben nicht den Ursachen!) der Kriege gehören somit, neben Hunderttausenden Ermordeten und Flüchtlingen, einer dramatischen Zerstörung aller Bereiche der Gesellschaft, auch der Nationalismus sowie eine grundlegende Repatriarchalisierung und Retraditionalisierung der Gesellschaft. Der Nationalismus als Massenphänomen wurde dabei genauso wie die neue wirtschaftliche Ordnung – die »freie Marktwirtschaft« – normalisiert und im Laufe der letzten zwanzig Jahren von wenigen in Frage gestellt. Um eben diese Wenigen geht es uns.

Wen unterstützen wir?

Der Umstand, dass ausgerechnet die kommunistische Elite einen wesentlichen Beitrag zur Zerstörung Jugoslawiens leistete, sowie die seit Beginn der 1990er Jahre einsetzende allgemeine Diskreditierung linker Ideen, erschwerte die Entstehung und Entwicklung neuer emanzipatorischer, undogmatischer linker Initiativen erheblich. Für viele einzelne Linke bedeutete das, dass sie sich den verschiedenen kleinen und als »progressiv« geltenden liberalen Kreisen anschließen mussten, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben. So kam es vor allem in den frühen 1990er Jahren zu »bunten« Zusammenschlüssen von Aktivist_innen: einer und derselben Initiative gehörten nicht selten Intellektuelle, die ihre politischen Ansprüche an recht vagen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten ausrichteten und gleichzeitig für mehr »Marktwirtschaft« plädierten, ebenso wie antinationalistische Friedensaktivist_innen oder Feminist_innen. Bei allem Respekt, insbesondere für das Engagement dieser Zirkel gegen die Kriege in Jugoslawien, muss allerdings festgehalten werden, dass etwa klare antikapitalistische Positionen kaum vertreten waren – oder zumindest fast vollkommen unsichtbar blieben. Stattdessen entwickelte sich aus dieser »Ur-Zivilgesellschaft« im Laufe der 1990er Jahre eine regelrechte NGO-Industrie, deren »Projektmanager-Bourgeoisie« ihre Aktivitäten zunehmend von den Geldern der internationalen Förderer abhängig machten. Dieser Art von »gesellschaftlich Engagierten« standen – ab 2000 zunehmend – kleinere Gruppen kritischer, undogmatischer, emanzipatorischer linker Aktivist_innen gegenüber. Konfrontiert mit aggressivem Nationalismus und religiösem Fundamentalismus, die die vorhandenen Diskriminierungsformen wie Homophobie, Chauvinismus und Rassismus verstärken, haben die postjugoslawischen Aktivist_innen es äußerst schwer, gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Diesen Gruppen, deren Mitgliederzahlen in starkem Kontrast zur inhaltlichen Vielfalt der Initiativen stehen, und die von protestierenden Arbeiter_innen über feministische und LGBTIQ-Initiativen bis hin zu Rroma-Antidiskriminierungs-Aktivist_innen oder unter dem Logo der Antifaschistischen Aktion agierenden Gruppen reichen, gilt unsere Solidarität und Unterstützung.

Was ist SolidarnOST?

SolidarnOST ist die gemeinsame Kampagne einer kleinen Gruppe von Linken, die entweder bereits in der Vergangenheit Kontakt zu verschiedenen postjugoslawischen Aktivist_innen hatten, selbst aus der Region stammen oder aber auch nur an politischen Fragen im ehemaligen Jugoslawien interessiert sind. Auch im Hinblick auf politische Ausrichtung und Interessen der einzelnen Mitglieder ist SolidarnOST recht vielfältig und reicht von Antifaschismus, LGBTIQ-Politik, antirassistische Fußballfanszene, Häuserkampf, Umwelt- und Alternativbewegung über kritische Wissenschaft und darüber hinaus. Während sich die verschiedenen Schwerpunkte in der Auswahl der Veranstaltungsthemen (Geschichtsrevisionismus, queer-feministische Kämpfe, Nationalismus, Zusammenbruch Jugoslawiens, Kapitalistische Umgestaltung Jugoslawiens, Antifaschismus, Fußball und Nationalismus, ...) niederschlagen, bildet die gemeinsame Vorstellung von einer kritischen, undogmatischen, emanzipatorischen Bewegungslinken die politische Grundlage der Gruppenarbeit.

Die Entstehung der Initiative Ende 2011 geht auf zwei parallel – in Berlin und Potsdam – entwickelte Ideen zurück. Der Potsdamer Teil gründete sich als direkte Reaktion auf eine neuentstandene Vernetzung von antifaschistischen Gruppen in der Region. Dabei stand die Idee der direkten Unterstützung der neuen Struktur und ihrer Projekte im Mittelpunkt, dazu wurde der Name »SolidarnOST« in Leben gerufen. Etwa zeitgleich arbeiteten einige der Menschen aus Berlin an einem längerfristig ausgerichteten Konzept zur Unterstützung der postjugoslawischen Aktivist_innen, der eine dauerhafte Organisationsstruktur zur Koordination von Soli-Aktivitäten, Vermittlung von Kontakten, Entwicklung eines Netzwerkes von Unterstützer_innen u.a. vorsah. Da beiden Initiativen im Wesentlichen dieselbe Idee zugrunde lag, kam es Anfang 2012 zum Zusammenschluss und ersten gemeinsamen Aktionen. So ist inzwischen von einer Gruppe die Rede, die sich unter dem Namen SolidarnOST auch weiterhin für die postjugoslawischen Aktivist_innen einsetzen wird und neben Berlin und Potsdam auch in anderen Orten der Bundesrepublik dazugekommen sind.

Wie sieht unsere Unterstützung aus?

Die grundlegende Idee der Solidaritätsarbeit von SolidarnOST bewegt sich auf drei Ebenen: (1.) Die direkte Unterstützung von Aktivist_innen, Gruppen und Projekten aus Ex-Jugoslawien, (2.) die Information über die politische Situation im ehemaligen Jugoslawien in die bundesrepublikanische Linke und (3.) das Voneinanderlernen, wechselseitiger Austausch und direkte Vernetzung der Aktivist_innen. Dabei sollen die Ebenen nicht getrennt von einander stehen, sondern ineinander greifen und ich gegenseitig bedingen.
Die direkte Unterstützung soll Gruppen des ehemaligen Jugoslawien in ihrer politischen Arbeit und Projekten zur Seite stehen. Dies beinhaltet finanzielle und strukturelle Unterstützung. Dazu wurden 2011 und 2012 verschiedene Infoveranstaltungen mit anschließenden Soli-Parties durchgeführt. Das so gesammelte Geld wurde beispielsweise einem CD-Projekt übermittelt, über welches 3000 CDs mit antifaschistischer Musik und Inhalt verteilt werden.

In Zusammenarbeit mit lokalen Strukturen fanden im Laufe des Jahres 2011 und 2012 Info-Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen in mehreren Städten (Jena, Potsdam, Leipzig, Greifswald, Halle/Saale, Göttingen, Berlin, Bremen) statt.

Daneben versucht SolidarnOST mit verschiedenen Veranstaltungen wie z.B. Podiumsdiskussionen mit Aktivist_innen aus der Region über die einzelnen Probleme oder die allgemeine politische Situation in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens zu informieren. So fand beispielsweise eine Veranstaltung mit Aktivisten aus Zagreb und eine Veranstaltung mit Rroma-Aktivist_innen aus Belgrad statt. Die verschiedenen Info-Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen zielen auf die Vermittlung der Situation von vor Ort an eine bundesrepublikanische Linke.

Daneben muss auch der Aspekt des direkten Austausches zwischen Aktivist_innen aus Ex-Jugoslawien und der BRD gesehen werden. Dabei wird Austausch als eine gemeinsame Diskussion und Prozess verstanden, der auf Verstehen und Lernen von politischen Ansätzen, Erfahrungen und Praxen abzielt. SolidarnOST ist im Rahmen dessen auch ansprechbar für Kontakte zu Leuten, die über verschiedene Themen berichten können sowie für direkten Kontakt zu Aktivist_innen aus der Region.

Ferner sucht die Initiative – etwa mit eigenen Protestaktionen – auf Probleme und Aktionen aufmerksam zu machen, die zwar vordergründig in der Region eine wichtige Rolle spielen, gleichzeitig aber als Teil universell verstandener linker Überzeugungen (Antifaschismus, Antisexismus, Antirassismus etc.) auch in der Bundesrepublik von Belang sind. So wurden beispielsweise im Mai 2012 gemeinsame Kundgebungen in Belgrad (vor dem Obersten Gerichtshof) und in Berlin (vor der Botschaft der Republik Serbien) veranstaltet, die sich gegen die Rehabilitierung des Četnik-Anführers Draža Mihailović richteten. Dieser wurde wegen Kollaboration mit des deutschen NS-Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg nach dem Krieg in Jugoslawien verurteilt und liquidiert. Damit wurden in enger Zusammenarbeit mit den Genoss_innen in Belgrad die nationalen Grenzen überwunden und so der Fall internationalisiert.

Ein Blick in die Zukunft

An die vergangene erfolgreiche Arbeit anknüpfend soll diese in Zukunft vertieft werden. Dazu soll die Internetseite beständiger als bisher aktualisiert werden. Zudem soll SolidarnOST auch in der Region Ex-Jugoslawien bekannter werden.

Weitere Veranstaltungen im Rahmen von SolidarnOST sind bereits geplant und werden mit zusätzlichen Informationen auf unserer Seite im Internet angekündigt: http://solidarnost.tk. Zudem stehen wir natürlich gerne für Info-Veranstaltungen über die Region zur Verfügung.
Auch wenn Solidarität grundsätzlich eine der Voraussetzungen linker Praxis ist, will SolidarnOST über eine allgemeine Zustimmung hinaus gehen und insbesondere den Aktivist_innen im ehemaligen Jugoslawien angesichts der prekären Bedingungen, unter denen sie leben und kämpfen müssen, unter die Arme greifen. Um ihnen mit Rat, Tat und »Vorrat« helfen zu können, werden wir uns weiterhin einsetzen und freuen uns dabei über jede Form von Unterstützung. Wer mitmachen möchte, ist daher herzlich eingeladen, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

Kontakt: solidarnost(a)gmx.de
Weitere Infos unter: http://solidarnost.blogsport.eu/