Der Autor und Musiker Kobito. (Foto: festival contre le racisme; flickr.com; CC BY-NC 2.0)
Gesellschaft | AIB 130 / 1.2021 | 16.08.2021

Deutschrap den Deutschen? Deutscher Nationalismus im Rap

2015 ist bis heute ein Jahr, dass bei vielen politisch interessierten Menschen Erinnerungen an eine aufgeheizte, politisch hoch polarisierte Stimmung weckt: Das Gerede von der viel beschworenen „Flüchtlingswelle“, die durch den eskalierenden Krieg in Syrien (der auch Jahre später nicht Frieden, sondern kriegerischem Normalzustand gewichen ist) ins Rollen kam, die großen Pegida-Demonstrationen, das Erstarken der AfD, unzählige Angriffe auf sogenannte Asylunterkünfte und Menschen, die nicht ins Bild der Mehrheitsgesellschaft passen. Eine retrospektiv fast schon albtraumhafte Stimmung für politisch fortschrittlich denkende Menschen – und für die Betroffenen dieser Aggression ganz ohne Frage um ein Vielfaches bedrückender und bedrohlicher. Überall schienen sogenannte „asylkritische“ Proteste aufzulodern, die nicht selten in handfeste Gewalt umschlugen, wenn nicht genug Polizei vor Ort war – oder die Polizist*innen nicht einschritten.

Kobito

In diesem Jahr brachten wir als Künstler*innen-Kollektiv Ticktickboom, eine Broschüre über rechte Tendenzen und handfesten rechtsradikalen Rap, heraus: „Deutschrap den Deutschen? Deutscher Nationalismus im Rap – ein Zwischenstand“.

Ticktickboom war ein Zusammenschluss von befreundeten Musiker*innen, Grafiker*innen und Sound- und Bühnenmenschen, die sich Ende 2012 als Crew aus Gleichgesinnten zusammengetan haben. Quasi ein großer Freund*innenkreis mit Bands und Acts aus Hamburg, Nürnberg, Berlin und Bremen – auf der Basis von Rap. Aber auch auf der Basis unserer politischen Haltung und der – zumindest in unseren Augen – fehlenden Bereitschaft der deutschen Rapszene, politisch Stellung zu beziehen und sich zu internationaler Solidarität, Antisexismus, Antirassismus und dem Kampf gegen Homophobie zu bekennen. 2015 war auch für uns ein bewegendes Jahr, große gemeinsame Konzerte in Hamburg und Berlin, im Jahr zuvor war unser erstes gemeinsames Album rausgekommen. Aber Ticktickboom war nie ein Projekt zum Selbstzweck, für die Selbstvermarktung oder den eigenen Fame – und so kam die Idee auf, aus Expert*innensicht eine Broschüre über rechte Tendenzen im deutschen Rap zu schreiben. Unterstützt wurden wir dabei von der Amadeu Antonio-Stiftung sowie Stimmgebern aus der Rapcommunity selbst, der Journalist Marcus Staiger und Rapper Amewu seien hier als zwei Beispiele genannt.

Die Idee zur Beschäftigung mit der Thematik kam auf, weil das Thema Herkunft immer stärker in Rapsongs behandelt wurde – dabei waren wir von Ticktickboom immer Fans des Spruchs „Es kommt nicht drauf an, wo du herkommst, sondern was du drauf hast“. Eigentlich ein zentraler Aspekt der HipHop-Kultur, der irgendwie in Vergessenheit geraten schien: Rapper schwenkten in ihren Musikvideos stolz Nationalfahnen, beschrieben sich als stolze und stabile Libanesen, Kurden, Marokkaner (die Aufzählung ließe sich fortsetzen) und vermehrt auch als aufrechte, unbeugsame Deutsche. Dass letzterem durch die unvergleichlich belastete Geschichte Deutschlands ein besonderer Gruselfaktor zukommt, muss vielleicht an dieser Stelle nicht weiter erklärt werden – es brachte uns jedenfalls zur Auseinandersetzung mit der Thematik deutscher Patriotismus und Rechtsextremismus im Rap.

Es ist wichtig, diese Verbindung aufzuzeigen – denn unsere Broschüre beschäftigte sich nicht nur mit eindeutigen Beispielen, wie Neo-Nazis und die (extreme) Rechte sich Rap als Medium zu eigen machten. Die Broschüre beschäftigte sich auch mit weicheren, subtileren Formen der Vereinnahmung von Rap von Rechts – etwa durch den Rapper Fler, der 2014 sein Album „Neue Deutsche Welle 2“ rausgebracht hatte, auf denen Titel wie „Stabiler Deutscher“ oder  „Weisser Tupac“ zu finden sind und blaue Augenfarbe und weiße Haut beinahe schon im Sekundentakt erwähnt werden.

Ob nun bewusstes Spiel mit der Kontroverse oder Ausdruck der eigenen Identitätslinie – wir waren der Überzeugung, dass eine so heroisierende und hypermaskuline Inszenierung deutscher Herkunft Grauzonen schafft. Grauzonen, die im Übergangsbereich zu rechter Ideologie spielen und Fans ansprechen, die mit Rap normalerweise – aufgrund der eigentlich elementar verankerten antirassistischen Ideologie – vielleicht nichts anfangen können.

Mit einer Sammlung von Zitaten aus Fler-Songs, aber auch einer szenischen Einordnung in die Raplandschaft Deutschlands, wollten wir dazu beitragen, das Phänomen Nationalismus im deutschen Rap besser einschätzen zu können – und dabei den leichtfertigen Umgang mit hochsensiblen Themen wie Identität, Geschichte und Kultur kritisieren.

Aber wir widmeten uns in der Broschüre auch extremeren Formen – Songs und Artists, die aufgrund ihrer Blut-und-Boden Ideologie oder einem imaginierten „Kampf der Rassen“ ohne Probleme als Nazi-Rap bezeichnet werden können. Indem wir diese Themen ansprachen, stellten wir uns in die Tradition von Brothers Keepers, Sisters Keepers oder auch der Autoren Murat Güngör und Hannes Loh, die sich bereits Jahre vor uns in ihrem Buch „Fear Of A Kanak Planet“ mit der Thematik Identität und Nazi-Rap beschäftigt haben. Wir schauten in der Broschüre also auf Artists, die offen mit Rassenideologie, rassistischen Songs und überwiegend grottiger Raptechnik brillierten – die Namen werde ich an dieser Stelle nicht aufführen, weil sie sämtlich in der wohlverdienten Bedeutungslosigkeit versunken sind. Das mag auf den ersten Blick genugtuend sein, sollte aber nicht dazu verleiten, Rap als Medium auch für rechte und rechtsextreme Ideologien zu unterschätzen. Aufgrund der Textlastigkeit bietet sich Rap einfach dafür an, Messages und Inhalte zu vermitteln, die umfangreich und tiefgehend sind – auch, wenn viele Artists des Genres das nicht zu wissen scheinen.

Nazirap hat heute, sechs Jahre nach Erscheinen der Broschüre, meiner Meinung nach keine große Relevanz in der Szene. Die „bedeutenden“ Artists von damals sind entweder verstummt oder dümpeln in der Bedeutungslosigkeit, vielfach haben Vertriebe und Online-Plattformen auf die extremen Inhalte reagiert und die Songs und Alben blockiert.

Aber es gibt einen weiteren Grund für die Erfolgslosigkeit von Nazi­rap: eine elementare Nicht-Kompatibilität von rechtsextremem Gedankengut und einer Kulturform wie HipHop. Jedem halbwegs musikinteressierten Menschen sollte klar sein, dass diese Kultur aus der Schwarzen US-Gesellschaft entstand – und somit seit Anbeginn antirassistisch und gegen die Hierarchisierung aufgrund von Hautfarben einstand. „It‘s not where you from, it‘s where you at“ – meiner Meinung nach ein nicht aufzulösender Widerspruch, der Nazirap zur ewigen Randerscheinung verdammt. Musikjournalist und Politaktivist Marcus Staiger brachte es in einem Zitat für die Broschüre auf den Punkt: „NS-Rap halte ich tatsächlich für relativ weit hergeholt, das passt einfach nicht zusammen. Jemand, der ernsthaft nationaler Sozialist ist, wird sich niemals Rap anhören. Die Gefahr, die ich eher sehe, liegt darin, dass Leute aus dem Rap-Spektrum empfänglich für rechtes Gedankengut werden – und das dann von Nazis ausgenutzt wird“.

Das gesagt, sehe ich mit Blick auf die heutige politische Situation die Gefahr, dass Rap als Medium für sogenannte „Querdenker“ und Corona-Leugner interessant werden könnte. Rap über Verschwörungsmythen gibt es schon lange, die knuffig-unbeholfene Crew „Die Bandbreite“ müht sich seit Jahren und ohne erkennbare musikalische Lernkurve in diesem Sumpf ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier der nächste Versuch gestartet wird, die im Kern antirassistische und fortschrittliche HipHop-Kultur zu vereinnahmen – es lohnt sich also, wachsam zu bleiben und im richtigen Moment Paroli und Kontext zu bieten.

Ein solcher Versuch war unsere Broschüre 2015. Im Nachhinein gesehen haben wir der Thematik Nazirap gemessen an der realen Relevanz in der Rapszene durch unsere Beschäftigung damit vielleicht zu viel Raum gegeben. Aber die Idee war es, ein beunruhigendes Phänomen in unserer geliebten HipHop-Kultur zu thematisieren und zu problematisieren, damit es keinen schädigenden Einfluss auf die eigentliche, großartige Kernidee hat, die uns als Artists und Fans seit Jahren geleitet hat: „Es kommt nicht drauf an, wo du herkommst, sondern was du drauf hast“.

(Das HipHop-Kollektiv Ticktickboom bestand von 2012 bis 2017. Kobito ist Rapper aus Berlin und arbeitet als freier Journalist. Die Broschüre „Deutschrap den Deutschen? Deutscher Nationalismus im Rap – ein Zwischenstand“ ist online und kostenfrei erhältlich.)

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