Rezensionen | AIB 124 / 3.2019 | 18.12.2019

Deutschland rechts außen. Wie die Rechten nach der Macht greifen und wie wir sie stoppen können

Matthias Quent

Der Titel des Buches ruft nicht zwingend die Erwartungshaltung hervor, dass beim Lesen der 300 Seiten einige fünf- bis siebenstündige Bahnfahrten im Flug vergehen würden. Man stellt sich harte Lesearbeit vor. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn der Text ist keine Faktensammlung, keine dieser seelenlosen Statistiksammlungen, in denen Deutschlands dunkle rechte Realität normalerweise präsentiert wird. Seine Stärke liegt darin, Namenslisten, Daten und Hintergründe in eigene Erfahrungen und Alltagsschilderungen einzubetten. Damit wird den Leser*innen schnell deutlich, was aktuell ‚Normalisierung’ extrem rechter Strukturen bedeutet – und was es für Einzelne heißt, ständig mit rechten Angriffen rechnen zu müssen.

Die Rechten, das ist kein soziologisch-wissenschaftliches oder theoretisches Szenario. Sie zerstören ganz konkret die persönliche Lebenswelt eines jeden im Alltag. Denn die Ideologie der ‚Neuen Rechten’ ist auf Gewalt aufgebaut. Das dürfte inzwischen auch der „bürgerlichen Mitte“ dämmern. Weil aber eben diese bürgerliche Mitte die rechte Bedrohung lange konsequent ignoriert hat, konnte sie zur gesamtgesellschaftlichen Bedrohung werden. So hängen die zunehmende Gewalt und das Desinteresse der bürgerlichen Mitte mit der Radikalisierung der Rechten zusammen. Die Nicht-Wahrnehmung durch den bürgerlichen und konservativen Teil der Gesellschaft ist es eben, die die reaktionären Rechten zu mehr und mehr Gewalt ermutigt. Nach Matthias Quent hat dies historische Gründe. „Dieses Milieu war schon immer Teil des ‘Establishments‘ und des Mentalitätshaushalts der Deutschen. Es wurde in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund fortschreitender Demokratisierung und Liberalisierung zunehmend und aus gutem Grund in die Defensive gedrängt, und jetzt sieht es seine Felle davonschwimmen.

Besonderen Wert legt der Autor darauf, deutlich hervorzuheben, dass es sich nicht um ein „Ost-Problem“ handelt. Die Normalisierung neonazistischer Inhalte und die fehlende Abgrenzung gegenüber reaktionären Politikern und Parteien ist ebenso seit Jahrzehnten ein westdeutsches Problem. An zahlreichen Beispielen dokumentiert er, wie die reaktionäre Rechte ihren Einfluss ausbaute. Dass sie dies bis heute auch weitgehend ungestört tun kann, lässt einem beim Lesen den Atem stocken. Die Strategien der Neuen Rechten durch Akademien und Stiftungen, die als reaktionäre „think tanks“ die Machtergreifung vorbereiten sollen, sind langfristig angelegt. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, die Ideologie zu verbreiten und zu verfestigen. Widerstand über Jahrzehnte Fehlanzeige. Dabei ist es naiv anzunehmen, mit Rechten reden oder diskutieren zu können. Das Verhältnis öffentlich-rechtlicher Medien zur „Neuen Rechten“ verdeutlicht, dass diese Erkenntnis jedoch noch lange nicht gesellschaftlicher Konsens ist. Matthias Quent resümiert folgerichtig: „So normalisieren Rechtsaußen wie Kalbitz (Brandenburgs AfD-Chef Andreas Kalbitz gehört dem völkischen Flügel der AfD an) geduldig rechtsradikales Gedankengut und besetzen nach und nach Schlüsselpositionen. Dabei übertölpeln sie enttäuschte Konservative und etablieren rechtsradikale Rhetorik und Ideologie unter den Verunsicherten. Doch die neue Herausforderung bietet auch Chancen: Die wehrhafte Demokratie kennt nun ihre Gegner.“ Aufrüttelnder Ton durchzieht das Buch, verbunden mit der Aufforderung, nicht in Pessimismus zu verfallen. Es macht auch Mut. Matthias Quent fordert, die Endzeitpropaganda konsequent zu entlarven und diese Propaganda samt Protagonisten aus öffentlichen Diskursen auszuschließen. „Den demokratischen Diskurs zu retten heißt, Antidemokraten davon auszuschließen.

‚Deutschland rechts außen’ ist Mutmacher und Aufforderung zugleich, aus den Versäumnissen der Vergangenheit Konsequenzen zu ziehen. Ob die bürgerliche Mitte jedoch endlich die notwendigen Lehren zieht, bleibt abzuwarten.

Matthias Quent:
„Deutschland rechts außen.
Wie die Rechten nach der Macht
greifen und wie wir sie stoppen
können“.
Piper Verlag, München 2019,
18 Euro