Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer (Bild: Heinrich-Böll-Stiftung; Stephan Röhl/CC BY SA 2.0)
Diskussion | AIB 37 / 5.1996 | 30.12.1996

Desintegrationserfahrung

Für die sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis in Sachen „Rechtsextremismus bei Jugendlichen“ ist Wilhelm Heitmeyer so etwas wie ein Papst. Seine Popularität gründet auf einem neuen Erklärungsansatz, der sich nicht mehr ausschließlich auf die extrem rechts organisierte Jugendszene konzentriert sondern von „rechtsextremistischen Orientierungsmustern“ ausgeht, die weit über diese Szene hinaus verbreitet sind.

Wilhelm Heitmeyers Erklärungsansatz zur Entstehung „rechtsextremistischer Orientierungen“ bei Jugendlichen

Aus dieser Perspektive gesehen ist „Rechtsextremismus“ ein Problem im Zentrum der Gesellschaft. Ein Vorteil dieses Ansatzes ist die Vermeidung personalisierender Sichtweisen, die die Jugendlichen individuell pathologisieren oder als politisch Alleinverantwortliche abstempeln. Bis zu diesem Punkt mag Heitmeyers Ansatz als progressiv und vielleicht sogar links gelten, doch tatsächlich entwickelt er im weiteren ein Musterbeispiel für Psychologie als Herrschaftswissenschaft und angewandte Sozialtechnik: „Rechtsextremistische Orientierungen“ sind nach Heitmeyer bedingt durch gesamtgesellschaftlich wirksame Desintegrationsprozesse1, die bei ständiger neokonservativer Ideologieberieselung auf die Identitätsentwicklung der Jugendlichen einwirken.

Als politische Subjekte, die sich ihre Orientierungen in der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität aktiv aneignen, weiterentwickeln und verändern können, tauchen die Jugendlichen bei ihm nicht auf. Aktiv sind die Jugendlichen in Heitmeyers Verständnis lediglich als »psychische Subjekte«, die um Identitätssicherung bemüht sind. Von der Qualität der Identitätsentwicklung hängt es dann ab, ob der Status eines autonomen politischen Subjekts erreicht werden kann oder nicht.

„Rechtsextremistische Orientierungen“ sind Heitmeyer aber ein Beweis dafür, daß lediglich eine heteronome2 Identität entwickelt wurde, in der letztlich kein aktives Handeln sondern nur passives Verhalten bzw. Reagieren möglich ist. Als wissenschaftlicher Ansatz legitimiert diese Denkweise eine Entpolitisierung des Problems und den Versuch, es von »oben« sozialtechnisch handhabbar zu machen: Zum einen wird die politischen Orientierung der Jugendlichen entpolitisiert, da sie nur noch ein Nebenprodukt einer verpatzten Identitätsentwicklung und darüber hinaus inhaltlich unbedeutend zu sein scheinen. Birgit Rommelspacher, eine der heftigsten Kritikerinnen Heitmeyers, spricht von einer Täter-Opfer-Verkehrung, da die jugendlichen Täterinnen zu Opfern der Risikogesellschaft verharmlost würden. Zum anderen wird die politische Verantwortung der Gesellschaft zu einer sozialpolitischen umdefiniert.

Von „soziologischem Rechtsextremismus“ ist keine Rede mehr und auch auf die realen Machtverhältnisse wird nicht Bezug genommen. Es geht nur noch um gesellschaftliche Verhältnisse, die, so Heitmeyer, den Jugendlichen die Integration verweigern, statt ihnen ausreichend Arbeitsplätze und genügend »Stallwärme« gegen die Kälte der Welt zu vermitteln. Der Entpolitisierung entspricht eine »Psychologisierung« der Jugendlichen auf der methodologischen Ebene, der Art also, wie Heitmeyer seine wissenschaftlichen Erkenntnisse gewinnt: In seiner Untersuchung stellt Heitmeyer die „rechtsextremistischen Orientierungen“ als direktes Ergebnis der Desintegrationsbedingungen und ihrer Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung dar.

Diese Konzeption hat nichts mit einem interaktionistischen3 oder gar dialektischen4 Verhältnis von Subjekt und Gesellschaft zu tun, sondern reduziert menschliches Verhalten im allgemeinen sowie die politischen Orientierungen im besonderen in schlechter, alter behavioristischer5 Tradition auf das Reiz-Reaktions-Schema.

Die Ergebnisse der quantitativen Untersuchung6 erweisen sich bei näherem Hinsehen als „Datenschrott“,  sie sind auch nach den Kriterien der quantitativen Sozialforschung unbrauchbar, um irgendwelche Hypothesen zu stützen oder zu widerlegen. Wer ungeachtet dieser Schwächen unbedingt etwas aus dem Zahlenmaterial herauslesen will, muß feststellen, daß die Daten im Gegensatz zu Heitmeyers theoretischen Annahmen stehen: Die Jugendlichen mit „rechtsextremistischen Orientierungen“ sind relativ gut integriert; Mädchen scheinen sehr viel stärker unter gesellschaftlicher Desintegration »zu leiden« als Jungen, sind aber sehr viel distanzierter gegenüber „rechtsextremistischen Orientierungen“.

Auch Heitmeyers Rettungsversuche, Theorie und Empirie7 in Einklang zu bringen, sind bei näherem Hinsehen eher untauglich. Seltsamerweise wurden diese Unzulänglichkeiten der Empirie kaum moniert. Scheinbar müssen nur genügend Statistiken und Tabellen vorgelegt werden, um ehrfürchtiges Staunen zu erzeugen. Die Penetranz, mit der Heitmeyer die inhaltlichen Aspekte der politischen Orientierungen verleugnet, zeigt sich aber auch in seiner qualitativen Untersuchung. Dort berichtet er von einem Jugendlichen, der erklärt, die vielen Ausländer in seinem Viertel würden seine Heimatgefühle beeinträchtigen. Heitmeyer nimmt diese Aussage unhinterfragt als Zeugnis der furchtbaren Desintegrationserfahrungen des Jugendlichen und begreift sie nicht als Ausdruck einer politischen Orientierung, in der sich das (momentane) Verhältnis des Jugendlichen zu sich und der Welt widerspiegelt. Auch Heitmeyer müßte wissen, daß Stadtbezirke wie Berlin-Kreuzberg oder das Hamburger Schanzenviertel, in denen vergleichweise viele „nichtdeutsche“ Menschen leben, für viele Jugendliche äußerst attraktiv sind, die o.g. Aussage sich also kaum verallgemeinern läßt. Und umgekehrt läßt sich in diesen Vierteln sehr viel schlechter neonazistische Gesinnung zur Schau stellen als in Spandau, Mannheim oder Magdeburg. Man/frau kann also davon ausgehen, daß das Unbehagen des Jugendlichen sehr viel mit seiner politischen Orientierung zu hat.

Doch Heitmeyers Interpretation ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich: Es sind nämlich wieder mal »Die Ausländer«, die durch ihre Anwesenheit für die Desintegraton und damit für die „rechtsextremistischen Orientierungen“ der Jugendlichen verantwortlich gemacht werden. Die Art und Weise der wissenschaftlichen Annäherung an das Problem bestimmt auch die Bedingungen der Praxis: Heitmeyers Ziel ist die Integration der Jugendlichen, die mit sozialpolitischen Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen erreicht werden soll. Der Politik kommt dabei die Aufgabe zu, für ausreichend Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu sorgen.

Die SozialarbeiterInnen, die, so Heitmeyer, in früheren Jahren die rechten Jugendlichen nicht erreicht und dadurch, mit ausgegrenzt hätten, sollten endlich über ihren bornierten linken Schatten springen und aktiv auf diese Jugendlichen zugehen - jedoch nicht zum Zwecke einer politischen Auseinandersetzung sondern im Sinne psychosozialer Integration mit Abenteuerspielplätzen und Ringelpiez. (Der große Fürsprecher der rechten Jugendlichen zeigt hier seine Kehrseite: Er nimmt sie nicht ernst.)

Die gesellschaftliche Funktion der sozialen Befriedung im Dienste der herrschenden Gesellschaft, die die Sozialarbeit schon immer innehatte, tritt hier eindeutig in den Vordergrund. Die SozialabeiterInnen werden von Heitmeyer in die Position reiner »SozialmanagerInnen« gezwungen. Da aber ein SozialarbeiterInnenherz ganz ohne Engagement bei der Arbeit ein gebrochenes Herz ist (und dann die ganze Arbeit nicht funktioniert), haben sich zwei neue Typen des/der Sozialarbeiters/in entwickelt: Zum einen der/die ex-linke Konvertitin, der/die endlich ein Herz für die desintegrierten, »armen« rechten Jugendlichen entdeckt, und zum anderen den/die eh schon RechteN, der/die legale Räume für seine Gesinnungsgenossinnen schafft. Und hier handelt es sich nicht um »Entgleisungen«, sondern um logische Konsequenzen!

Mit den gleichen Mitteln, die in den 1970er und 1980er Jahren helfen sollten, einer bedrohlich »ausufernden« linken bzw. einer sich der produktiven Verwertung verweigernden Szene »Herr« zu werden, versuchen die heutigen SozialtechnikerInnen, die rechte »Jugendbewegung« in den Griff zu bekommen.

Welche Erfolgsaussichten hat dieses Vorgehen angesichts der unterschiedlichen Bedeutung links- bzw. rechtsradikaler Positionen für die herrschende Gesellschaft? Heitmeyers Lob der Integration kann wohl kaum Grundlage eines neuen antifaschistischen Bewußtseins sein, da sie Konflikte eher zudeckt als aufarbeitet8. Und tatsächlich ist Sozialarbeit im Sinne Heitmeyers letztlich nur daran interessiert, die Jugendlichen von der Straße zu holen.

Ein echter »Gesinnungswandel«, so geben mittlerweile auch Vertreterinnen dieser Richtung zu, ist kaum zu erwarten. Und genau dies ist auch das Traumergebnis für die herrschende Gesellschaft: Ein kontrollierbarer, latenter Rassismus, der nicht »über die Stränge schlägt«, ist unabdingbar für die Aufrechterhaltung von Konkurrenz und Ausbeutung, als Stützen des Systems. 

  • 1. Desintegration/Individualisierung, hier: die Auflösung der Einbindung in die Gesellschaft
  • 2.

    Autonom bzw. heteronom: selbstbestimmt bzw. fremdbestimmt

  • 3. Interaktion: Wechselseitige Beziehung
  • 4. Dialektisch, hier: sich in Widersprüchen bewegend, entwickelnd
  • 5. Behaviorismus: psychologische Schule, die menschliches Handeln ausschließlich als Reaktionen auf Außenreize erklären will
  • 6. Quantitative Untersuchung: Eine Untersuchung, die nach Anzahl und nicht Inhalt der Aussagen ausgewertet wird (z.B.: Wieviele stimmen einer bestimmten Aussage zu?) - im Gegensatz dazu: Qualitative Untersuchung: Eine auf Güte und Wert der gemachten Aussage gerichtete Untersuchungsauswertung (z.B.: Wer macht welche Aussage warum und unter welchen Bedingungen?)
  • 7. Empirie: der Versuch, wissenschaftliche Erkenntnis aus der Beobachtung der Realität zu gewinnen
  • 8. Creydt, M.: »Individualisierung« als Ursache rassistischer Gewalt? in »Das Argument« 205/1994