International | AIB 105 / 4.2014 | 20.03.2015

Der Weg zum organisierten Antifaschismus in Bogotá

Der organisierte Antifaschismus hat in der Hauptstadt des südamerikanischen Landes eine mehr als zehnjährige Tradition. Während es in den verschiedenen Stadtteilen der acht Millionen Metropole in den letzten 15 Jahren immer wieder Antifa-Gruppen gab, so sorgten zuletzt vor allem die Einheit der größtenteils subkulturell geprägten Gruppen, hier vor allem linke Skinheads, Punks und Metaller, sowie die unterschiedlichen politischen Einstellungen der Gruppen, für langwierige Findungs- und Strukturprozesse. Im Jahr 2012 wurde schließlich die Coordinadora Antifascista Bogotá — CAB (Antifaschistische Koordination Bogotá) gegründet.

Christian Raschke

Schon in den 1990er Jahren entstanden die ersten Versuche, bestehende subkulturelle Gruppen für die politische Arbeit zu gewinnen. Doch erst ab dem Jahr 2002, mit dem Gewinn der Präsidentschaft des ultrarechten Kandidaten Álvaro Uribe und einer zunehmenden Militarisierung des Landes und Kriminalisierung des sozialen Protests, setzte eine Politisierung vor allem der Skinheadgruppen SHARP und RASH ein. Andere Gruppen erblickten das Licht der Welt, wie die im Jahr 2003 gegründete Grupo de Resistencia Antifascista Bogotá (G.R.A.BO — Gruppe Antifaschistischer Widerstand), angelehnt an die antifaschistische Guerilla in Spanien (GRAPO).

Wie die Zersplitterung selbst der subkulturellen Szenen in Bogotá aussah, wird am Beispiel der RASH deutlich. So gab es 2008 zwei verschiedene Gruppen: RASH Bogotá, die sich eher in der maoistischen Linie verorteten und RASH D.C. (Distrito Capital — Hauptstadtdistrikt), die sich an der Politik des Unabhängigkeitskämpfers Simón Bolívar, des Bolivarismus, orientierten. Doch diese Zersplitterung sorgte auch für die Gründung der Coordinadora de Contracultura Popular (Koordination für populäre Gegenkultur) im Jahr 2009, einer Plattform, in der der Versuch unternommen wurde, die bestehenden Gruppen und Organisationen der linken Kultur in Bogotá zu einen. Es folgten sechs Monate Diskussionen über Faschismus und Politik, sowie der Aufbau von Arbeits- und Stadtteilgruppen, wobei sich eine direkt mit der antifaschistischen Arbeit beschäftigte. Zum ersten Mal konnten Vorurteile und Befindlichkeiten der SHARP-Bewegung, der RASH-Gruppen und der anderen Gruppierungen abgelegt werden.

Im selben Zeitraum erfolgte landesweit die Gründung des Congreso de los Pueblos (Kongress der Bevölkerung), in dem sich viele soziale und politische Bewegungen zusammenschlossen und wenig später die der linken Sammlungsbewegung Marcha Patriótica (Patriotischer Marsch). Bei einem Jugendtreffen linker Bewegungen in der nordkolumbianischen Stadt Cartagena wurde schließlich 2012 die Idee geboren, den Zusammenschluss der diversen politisch aktiven Gruppierungen in Bogotá zu erarbeiten. Besonders Personen aus dem Umfeld des Marcha Patriótica waren maßgeblich an der Gründung der Coordinadora Antifascista Bogotá (CAB) beteiligt. Nicht zu verwechseln ist die CAB mit der Coordinadora Antifascista (CAF), die zwar seit 2010 existiert, aber als Versuch einer antifaschistischen Plattform verschiedener Strukturen gescheitert ist, da sie vorrangig aus dem Umfeld der sozialdemokratischen Partei Polo Democrático (Demokratischer Pol) beeinflusst und zugeschnitten worden ist.

In der CAB sind neben den beiden RASH-Gruppen und den SHARP vor allem Stadtteilgruppen aus Suba, Engativa, San Vicente, Usme und der Ciudad Bolívar sowie Vereinigungen wie G.R.A.BO. oder MUAF aktiv. Durch die Einheit der Gruppen, die Stärkung linker Bewegungen im Allgemeinen in Kolumbien, aber auch durch den vom Polo Democrático sozialdemokratisch regierten Bogotá konnten Projekte in Stadtteilen wie Kino oder kulturelle Straßendarbietungen realisiert werden. Die CAB sieht sich hiermit als eine Struktur für die Logistik, die die Gruppen in Anspruch nehmen können. Rund 300 Personen sind als Teil der verschiedenen Gruppen in der CAB organisiert. 

Neben Sozialarbeit mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Usme, einer Stadt im Süden von Bogotá, in der überdurchschnittlich viele Binnenflüchtlinge leben, Buchschenkungen für Bedürftige und Aufklärungskampagnen, geht es in der politischen Arbeit der CAB vor allem um die Auseinandersetzung mit faschistischer Politik. Für die organisierten Personen in der CAB heißt der Kampf gegen den Faschismus nicht nur der Kampf gegen die derzeitigen Neonazistrukturen in Bogotá, sondern die Thematisierung der vergangenen und aktuellen Politik. Seit Jahrzehnten gibt es enge Verbindungen zwischen erzkonservativer und rechter Politik, die in Kolumbien über einen großen Einfluss verfügt. In den zurückliegenden Jahren gab es immer wieder Skandale um rechte paramilitärische Gruppen und ihre Verbindungen zur Politik. Weitere politische Auseinandersetzungen finden zu Themen wie Repression und der Kriminalisierung von politischen Bewegungen, der Militarisierung der Gesellschaft und zur Rekrutierung von Jugendlichen durch die staatlichen Sicherheitskräfte statt. 

Dabei treten Neonazigruppen wie Tercera Fuerza, Alianza Nacionalista, UNSC, Unión Falangista oder MORENA in Bogotá schon seit Jahren offensiv auf. Ausgerüstet mit Waffen und geduldet durch die Politik betreiben sie in einigen Stadtvierteln eine Form der sozialen Säuberung (sogenannte „limpieza social“). Feinde sind Wohnungslose, Migranten oder Linke und eine ihrer Forderungen, die Viertel vom Kommunismus zu säubern. Nicht nur, dass eine Turnhalle der Polizei für Sportübungen genutzt wird, auch gehören viele Mitglieder selbst dem Militär und der Polizei an. Neben den Förderern in der Politik haben die Neonazis im Vergnügungsviertel rund um die Straße des Primero de Mayo vier Bars, mit dem sie ihre Aktionen finanzieren. Das Geld reicht sogar aus, um für ihre Versammlungen ein großes Theater im Stadtzentrum zu mieten. Nicht umsonst richteten sich zuletzt antifaschistische Aktionen gegen die Finanzierungsstrukturen der Neonazis. 

Neben Demonstrationen, die vor allem an traditionellen Tagen wie dem 9. April (Todestag von Gaitán — linkspopulärer Präsidentschaftskandidat aus den 1940er Jahren), dem 1. Mai oder dem 12. Oktober (Dia de la Raza) durchgeführt werden, gibt es jedes Jahr im Oktober Veranstaltungen anlässlich der Oktoberrevolution in Russland und viele Konzerte, mit denen politische Inhalte transportiert und finanziert werden sollen. Überhaupt spielt die Musik eine wichtige Rolle in der von Subkulturen geprägten Antifaszene. Bands wie Terror Skins (Punk), Estandarte (Punk), Contra el Sistema (Metal) oder Arda Troja (Punk) gehören zum Umfeld der CAB. Derzeit gibt es Überlegungen, ein Fanzine herauszugeben und die Antifaszene Kolumbiens weiter zu vernetzen. Dass die Außenwirkung der CAB in Kolumbien durchaus positiv wahrgenommen wird zeigen Versuche, das Modell einer Antifaschistischen Koordination auch auf Städte wie Baranquilla und Pasto auszudehnen.