Outfit-Vielfalt bei einem Neonaziaufmarsch in Hamburg.
NS-Szene | AIB 55 / 1.2002 | 12.04.2002

Der Nazis neue Kleider. Zwischen Mainstream und politischem Bekenntnis

Die extreme Rechte formiert sich unter Jugendlichen längst nicht mehr nur in den klassischen Parteien und Organisationen. Zwar findet die Feststellung, dass sie gerade unter Jugendlichen inzwischen mittels kulturellen und sozialen Einbindungen rekrutiert, immer mehr Zuspruch, aber weder deren Wirkmechanismen noch die Bedingungen und Mittel, die dazu notwendig sind, finden Beachtung. Einzig dem Bereich des Rechts-Rock ist in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden. Vielleicht wurde dabei aber auch von AntifaschistInnen zu viel Wert auf die Analyse der Texte und zu wenig Gewicht auf die Funktion der Musik bei der Formierung der sozialen Netzwerke gelegt, die durch diese Kultur entstehen. Im folgenden Beitrag sollen die kulturellen Codes, deren Wirken innerhalb der jugendlichen rechten Szenen und vor allem deren Veränderungen thematisiert werden.

Bestandteile rechter Jugendkultur Ihrem Charakter nach sind Jugendkulturen oder Szenen thematisch fokussierte soziale Netzwerke, die die Funktion kommunikativer und interaktiver Teilzeit-Gesellungsformen einnehmen und mittels derer sich die Szene-Mitglieder positionieren und Stellung beziehen. Sie haben eine eigene Kultur: Das heisst eigene Codes, Signale, Embleme, Zeremonien, Attitüden, Wissensbestände und Treffpunkte. Nach außen hin sind es die Bekleidung, die Verhaltensweisen, die Musik, die Tattoos sowie die oft von weiten Teilen der Gesellschaft kaum entschlüsselbaren Codes, die wahrgenommen werden. Mittels dieses Ausdrucks wird sich einerseits nach Außen abgegrenzt, andererseits werden nach Innen Gruppenzugehörigkeit geschaffen und Einstellungen vermittelt. Dabei ist es die Mischung aus Musik, Bekleidung und Codes, die den wahrnehmbaren Gesamtausdruck einer Jugendszene ausmacht. Ist die Bedeutung der Musik für die extreme Rechte in letzter Zeit häufiger thematisiert worden, so trifft dies auf Bekleidung oder Codes kaum zu. Deshalb werden diese im Folgenden in den Mittelpunkt gerückt.

Von Lonsdale zu Consdaple

In der extremen Rechten waren es ab Ende der 70er Jahre die Skinheads, die als Subkultur von Rechts besetzt wurden. Ihre Bekleidung war Ausdruck eines Arbeiter-, Proleten- und Männlichkeitskultes. Es war dieser Stil und sein Ausdruck aus Männlichkeit und Gewalt, der politisch aufgeladen durch Neonazibands zu einer Erfolgsstory der extremen Rechten wurde. Mit ihm verbreiteten und etablierten sich einige Bekleidungsmarken wie z.B. die Dr. Martens-Schuhe oder die Boxerbekleidung von Lonsdale. Gerade diese Marke war bei Neonazis besonders beliebt, da innerhalb des Namens die Buchstabenfolge NSDA enthalten ist. In den letzten zehn Jahren veränderte sich die klassische Skinheadmode weiter. Immer mehr Elemente aus der Hooliganszene und Sportbekleidung hielten Einzug. Marken wie Pit Bull, Troublemaker oder Dobermann wurden »in«.

Gleichzeitig boomte die rechte Jugendszene, und rechte Kameradschaften, die lokal verankert sind, schossen aus dem Boden. Mit der Macht, die sie in manchen Regionen ausüben und ausstrahlen, entwickelten sich die rechten Cliquen zum teilweise bestimmenden Faktor in der Sozialisation vieler Jugendlicher. Parallel dazu wurde der Stil der rechten Szene »Mode« – auch bei Jugendlichen, die sich als »unpolitisch« verstehen. Die alten Skinheadkultmarken Lonsdale und Fred Perry sowie die vorgenannten Hooliganmarken wurden zu »In-Marken« vieler Jugendlicher fernab der extremen Rechten. »Hiermit kündigen wir die Zusammenarbeit mit ihrem Versand« lautet ein Schreiben der Firma Lonsdale an neonazistische Versände. Neonaziaufmärsche im Lonsdale-Look passten nicht in die Marketingstrategien des Konzerns.

So beendete man die Lieferung an neonazistische Versände - nicht jedoch, ohne Ausweichmarken aus dem eigenen Angebot anzupreisen, was den kommerziellen Charakter der Aktion verdeutlicht. Mit der massenhaften Verbreitung dieser Kleidungsmarken verloren sie für die Szene die Funktion als eindeutiges Erkennungsmerkmal nach Innen. Hinzu kam der wachsende Unmut darüber, dass die Taschengelder der jugendlichen SympathisantInnen nicht in die eigene Kasse flossen, sondern an die neuen »Anti-Rechts-Projekte« der Sportfirmen. In einem Text mit der Überschrift »Nationale Kleider?« lamentieren beispielsweise die anonymen Autoren über ihre alten »Kult-Marken«:  Lonsdale setze Zeichen gegen Rechts, Fred Perry würde mit Absicht »dunkelhäutige« VerkäuferInnen anstellen und New Balance sei der »Laufschuh Nummer 1 in Israel«.

Selbst Bomberjacken sind für die Autoren auf einmal »die Jacken der Flieger, die (...) Dresden bombardierten«.1 Die Neonazi-Szene reagierte mit der Gründung neuer, eigener und eindeutigerer Marken wie Walhalla und Dob eine massenhafte Verwendung des Boxsport-typischen Designs von Schriftzügen, die sich in der Wortmitte verengen. Doch statt Lonsdale lauten die Aufschriften nun »Nationalist«, »Werwolf« oder »Kameradschaft«. Aus einiger Entfernung sind sie von ihren Originalen kaum zu unterscheiden. Damit werden gleich mehrere Funktion erfüllt: Die Szene schafft mit den Neonazi-Marken intern eine neue Eindeutigkeit und füllt die eigenen Kassen. Nach außen vermittelt sich durch die ähnliche Optik das Bild einer nach wie vor großen und scheinbar einheitlichen Szene.

Auch wenn dies oft nur ein optisches Trugbild ist, entsteht durch diese Überschneidung tatsächlich die Gefahr einer Annäherung oder sogar Identifizierung zwischen »politischen« und »unpolitischen« MarkenträgerInnen. Inzwischen ist an einigen Schulen das Tragen von Marken wie »Lonsdale« oder »Pit Bull« verboten worden. Das kann zu einem Solidarisierungseffekt führen, da das Verbot nicht an der politischen Haltung der einschlägigen TrägerInnen, sondern an der scheinbar gemeinsamen Bekleidung - der Form - ansetzt. Auch wenn einerseits vielerorts eine optische Schnittmenge entstanden ist, so stellt sich doch die Frage, ob die massenhafte Verbreitung eines rechts besetzten Kleidungsstils nicht zur Entcodierung dieser Bekleidung führt.

Was passiert, wenn demnächst die ModeratorInnen des bei Rechten verhassten »Multikultisenders« VIVA Lonsdale-Shirts tragen? Bricht der Code dann nicht endgültig in der Beliebigkeit der Postmoderne zusammen? Schon jetzt gehen mit dem Einbruch in den Mainstream ein Verlust von Zusammengehörigkeitsgefühl und ein wachsendes Misstrauen unter »alten Szenegängern« einher. Impulse gingen jedoch nicht nur aus der Skinheadszene in den Mainstream, sondern auch umgekehrt. Inzwischen führt ein Großteil der Neonazi-Szeneversände auch »Girlie-Tops« im Angebot. Körperbetonte Tops mit Spagettiträgern werden hier mit der Symbolik der rechten Szene bedruckt. Die Adaption des modischen Styles eröffnet den Neonazis einen neuen Markt.

Der letzte Schrei: Gang Violence und Hatecrime

Selbst der schwarze Kapuzenpullover, einst das Kultbekleidungsstück der antifaschistischen Jugendszene, ist inzwischen nicht mehr vor der entgrenzten Übernahme durch Rechte sicher. Einige Versände bieten inzwischen Bekleidungsstücke an, die einen »Gangster-Style« nachahmen, der an die Rap- und Hip-Hop-Szene erinnert. In den Aufdrucken »Hate Crime« und »Hatecore«2 spiegelt sich – kaum codiert – dann die politische Botschaft der extremen Rechten wieder. Dieser Stil, der scheinbar so gar nicht mit dem »klassischen« Neonaziskinoutfit der 90er übereinstimmt, wird auf der musikalischen Ebene von der zunehmenden Beliebtheit des sogenannten Hate-Core begleitet.

Auch Flammenmotive, die vor allem in der Hardcore- und Rockerszene gebräuchlich sind, werden als Stilmittel aufgegriffen und mit neonazistischen Aussagen oder Symbolen kombiniert. Dieser Stil wird vor allem von ehemaligen Kadern des verbotenen Neonazinetzwerks »Blood & Honour« vertrieben. Führend hierbei ist u.a. der Hatesounds-Versand des ehemaligen B&H-Aktivisten Sven Schneider aus Borkwalde.3 Wer heute einen Neonazi-Aufmarsch beobachtet, dürfte auch die eine oder andere »Kafiya«, das sogenannte Palästinensertuch, entdecken. Wird damit inhaltlich dem in neonazistischen Kreisen immanentem Antisemitismus Ausdruck verliehen, trägt auch dieses, jahrzehntelang mit linken Antiimperialisten verbundene Tuch zu einem veränderten Erscheinungsbild der Rechten bei. Die Entwicklung auf dem Bekleidungssektor spiegelt die Dynamik der neonazistischen Jugendkultur wieder. In dem Maß, wie inzwischen in immer mehr  Szenen – wie in der Dark-Wave und der Black-Metal-Szene - neonazistische Vertreter Fuß fassen, verbreitern und modernisieren die organisatorischen Köpfe der Skinheadszene ihr Angebot.

Mittels Codes wird nach Innen immer noch Zugehörigkeit vermittelt, so z.B. durch die Verwendung der Zahl 28 als Bekenntnis zum verbotenen Blood & Honour-Netzwerk.4 Nach außen können diese Jugendlichen unauffällig und ungestört von Repressalien durch AntifaschistInnen, MigrantInnen oder Sicherheitsbehörden leben. So wird es möglich, sich auch fernab der Neonazi-Skinheadszene zum Rechtsextremismus zu bekennen, Gleichgesinnte zu treffen und sich gleichzeitig weiterhin in der bevorzugten Jugendkultur zu bewegen. Wo früher das kulturelle Bekenntnis zur extremen Rechten gleichzusetzen war mit dem Anschluß an die Neonazi-Skinheadszene oder dem altbackenem Seitenscheitel, stehen heute eine Reihe weiterer Lifestyle-Angebote offen. Sind diese Stilangebote auch vom Bild des klassischen Nationalsozialismus weit entfernt, so muss jedem Altnazi auch die Skinheadszene in ihrer Pöbelhaftigkeit und mit ihrer zumeist englischsprachigen Musik ein Greuel sein. Trotzdem entwickelte sie sich zum bedeutenden Faktor im bundesdeutschen  Neonazismus.

Genau hingucken

Die stilistische Verbreiterung rechter Jugendkultur birgt die Gefahr, dass hierdurch immer mehr Jugendliche angesprochen werden können und bei der extrem Rechten ein Angebot finden, dass zu ihrem jugendkulturellen Vorlieben passt. Andererseits verliert die Szene zunehmend ihren gemeinsamen, spezifischen Charakter. Dies könnte ihr den Schwung und den Ausdruck von Stärke und Masse nehmen. Es wird notwendig sein auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen, damit rechtes Denken auch in anderem kulturellen Gewand erkannt und bekämpft werden kann. Vielleicht trägt diese Entwicklung ja auch die Chance in sich, die einfache Gleichung Skinhead = Neonazi, die oftmals dem Abwälzen des Problems auf alleinig diese Gruppe dient, zu durchbrechen und zu einem genaueren Blick auf die vertretenen Inhalte zu kommen. Auf kulturellem Gebiet wird es wichtig sein, sich nicht verwirren zu lassen und weiterhin eine vielfältige Kultur zu entwickeln, die emanzipatorische Inhalte und die Werte einer solidarischen Gesellschaft transportiert. 

  • 1. »Nationale Kleider« im »Stoertebeker.net« unter http://www20.brinkster.com/stoerti/220102.html
  • 2. Hate Crime, Englisch für »Hasskriminalität«, gilt im angelsächsischen Sprachraum generell als Synonym für rassistische Straftaten. Als Hatecore wird von Nazis die rechtsextreme Variante des traditionellen »Hardcore«-Musikstils bezeichnet. Oft findet sich auf den Rückseiten der rechten Klamotten statt »straight edge«, was in der Hardcore-Szene für den Verzicht auf Suchtmittel steht, nur der vielsagende Spruch »politically incorrect« – politisch inkorrekt.
  • 3. s. AIB Nr. 51/ 2.2000, S. 12ff.
  • 4. 28 steht für den 2. und 8. Buchstaben im Alphabet »B« und »H« = Blood & Honour.