Rolf-Dieter Müller ist Leiter der Historikerkommission (Bild: Screenshot von mgfa-potsdam.de)
Geschichte | AIB 81 / 4.2008 | 09.12.2008

Der Bericht der Dresdner Historikerkommission

Der Bericht der »Dresdner Historikerkommission« beendet die Spekulationen um die Zahl der Toten durch die alliierten Luftangriffe am 13./14. Februar 1945 und räumt in zentralen Punkten mit dem »Opfermythos Dresden« auf. 

Die Stadt hatte die Kommission 2004 mit der Klärung der Frage beauftragt, wie viele Menschen durch die Luftangriffe auf Dresden ums Leben gekommen waren. Damit reagierten die Stadtoberen auf die öffentliche Debatte, die wegen Jörg Friedrichs »Der Brand« und des bevorstehenden 60. Jahrestags der Luftangriffe besonders engagiert geführt wurde. Es kursierten Zahlen von 35.000 bis 500.000 Toten. Die meisten Historiker gingen damals von ca. 35.000 Toten aus. Mit dieser zurückhaltenden Schätzung konnten sie sich aber nicht in der Öffentlichkeit durchsetzen. Die Diskussion erreichte ihren Höhepunkt 2005 als der NPD-Abgeordnete Jürgen W. Gansel die Luftangriffe als »Bombenholocaust« bezeichnete und damit für einen Eklat im Sächsischen Landtag sorgte.

Die »Junge Landsmannschaft Ostpreußen« (JLO), die gemeinsam mit der NPD den seit Jahren am 13. Februar stattfindenden Neonaziaufmarsch in Dresden organisierte, sprach auf ihrer Homepage von 250.000 Toten. Der »Trauermarsch« in Dresden ist mittlerweile der größte, regelmäßig stattfindende Neonaziaufmarsch in Europa. Bei kaum einem anderen Thema können sich die Neonazis der Zustimmung oder Duldung eines Teils der Bevölkerung sicherer sein.

Rolf-Dieter Müller, der wissenschaftliche Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamts in Potsdam, wurde mit der Leitung der Historikerkommission beauftragt. Die Kommission stand also nicht im Verdacht die Zahlen herunter gerechnet zu haben, als das Ergebnis auf dem dieses Jahr passenderweise in Dresden stattfindenden Historikertag vorgestellt wurde. Die Organisatoren hatten offenbar eine Störung durch Neonazis erwartet und deshalb vorab alle »Personen, die rechtsextremen Organisationen angehören oder (...) der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind« von der Veranstaltung ausgeschlossen. Am Eingang wurden die Besucher von Securities kontrolliert. Wer kein registrierter Kongressteilnehmer war, wurde nicht reingelassen. Es gab keinen Zwischenfall.

Die Experten haben »keine Beweise« oder »belastbaren Indizien« dafür gefunden, dass bei den Luftangriffen am 13./14. Februar 1945 wesentlich mehr als 25.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Die Kommission konnte 18.000 Tote nachweisen. Dafür wurden erstmals alle relevanten Unterlagen im Hinblick auf die Todeszahlen ausgewertet. Allein im Dresdner Stadtarchiv wurden 780 Laufmeter Akten herangezogen. Dabei stellte sich heraus, dass Dresdner Zivilverwaltung und Polizei 1945 von ca. 25.000 Toten ausgingen. Die Zahl von 200.000 Toten ist eine Erfindung der NS-Propaganda, die im neutralen Ausland verbreitet wurde. Die Zahl 250.000 wurde wahrscheinlich als erstes von der Wehrmacht in Umlauf gebracht – der Zahl der Zivilverwaltung wurde einfach eine Null angehängt. Rein rechnerisch war es nicht möglich mit den in Dresden abgeworfenen Bomben den Tod von hunderttausenden Menschen zu verursachen. Der Luftkriegsexperte Helmut Schnatz hat ermittelt, dass in Dresden pro Tonne Bomben 8–9 Menschen starben, in Hamburg (wo es 35.000 Tote gegeben hatte) waren es 14,5.

Außerdem widerlegten die Wissenschaftler zahlreiche Annahmen und Behauptungen, mit denen eine sehr hohe Todeszahl begründet wurde. Es wurde gemutmaßt, dass es im Feuersturm zu einer rückstandslosen Verbrennung von zehntausenden Menschen gekommen sei, deren Tod deshalb nicht festgestellt werden konnte. Die Kommission hat durch Brandgutachten ermittelt, dass die hierfür erforderlichen Bedingungen in den Kellern nicht erreicht wurden. In den Straßen können unter Umständen höhere Temperaturen erreicht worden sein – aber nur an wenigen Orten und zeitlich begrenzt. Aller Wahrscheinlichkeit nach reichte es aber auch dort nicht für eine rückstandslose Verbrennung. Fest steht, dass es selbst in völlig zerstörten Straßen der Innenstadt eine größere Zahl Überlebender gab.

Weitverbreitet war auch die Ansicht, dass sich zum Zeitpunkt der Luftangriffe hunderttausende Flüchtlinge in der Stadt aufgehalten hätten. Die JLO nannte auf ihrer Homepage die Zahl von 600.000. Es wurde oft vermutet, dass Flüchtlinge, die durch Bombeneinwirkung ums Leben kamen, nicht als Tote registriert wurden, weil sie in der Stadt nicht gemeldet gewesen seien. Die Kommission hat ermittelt, dass alle Luftkriegstoten von den Behörden gleichermaßen erfasst wurden. Es sei daher »mit Sicherheit« auszuschließen, dass – zusätzlich zu den von der Stadt registrierten Toten – noch »zehntausende Flüchtlinge« ums Leben gekommen seien.

Zeitzeugen haben immer wieder von Tieffliegerangriffen berichtet, bei denen aus Bordwaffen auf die Überlebenden der Bombenangriffe geschossen worden sei. Dadurch seien zusätzlich zu den Bombentoten noch einmal tausende Menschen getötet worden. Die von den Zeitzeugen beschriebenen Szenen haben im Gedächtnis der Stadt eine große Bedeutung und werden auch von der JLO auf ihrer Homepage aufgegriffen. Dort heißt es: »im Tiefflug rasten sie über die Randgebiete der Stadt und mähten alles nieder, was sich noch bewegen konnte. Besonders auf den Elbwiesen (...) wurden Abertausende getötet.«

Die Kommission ist 270 Zeitzeugenberichten nachgegangen und hat den Kampfmittelräumdienst damit beauftragt an mehreren Orten nach Spuren von Tieffliegerbeschuss zu suchen. Es wurde nichts gefunden. Die Historikerkommission vermutet daher, dass die Luftkämpfe über Dresden fälschlicherweise für Tieffliegerangriffe gehalten wurden. Es habe in Dresden keinen systematischen Bordwaffenbeschuss durch Tiefflieger gegeben.

In der Diskussion um die Bewertung der Luftangriffe wird gern unterschlagen, dass der strategisch wichtige »Festungsbereich Dresden« am 13./14. Februar 1945 von 17.000 Wehrmachtssoldaten gesichert wurde. Es war klar, dass die Kommission mit ihrer Forderung nach einem »ernsthaften und andauerndem Bemühen um die Korrektheit der geschichtlichen Darstellung« bei der NPD kein Gehör finden würde. Jürgen W. Gansel bezeichnete den Bericht in der »Deutschen Stimme« als »Gefälligkeitsgutachten« und hält an der durch die Arbeit der Kommission erwiesenermaßen falschen Zahl von mehreren hunderttausend Toten fest. Dabei beruft er sich auf die von der NS-Propaganda in Umlauf gebrachten Zahlen. Die NPD Sachsen mobilisiert ihre Anhänger wie jedes Jahr zu einem »Trauermarsch« am 13. Februar 2009.

Fazit

Obwohl die Kommission den »Opfermythos« Dresden in allen zentralen Punkten widerlegt hat, will sie die »weltweiten Bedeutung des Dresdners Geschehens als Geschichtssymbol« nicht in Frage stellen. Deshalb erscheint es unwahrscheinlich, dass der 13./14. Februar 2009 nennenswert anders verlaufen wird, als die Jahre zuvor. Die konservative Zusammensetzung der Kommission und die Einbeziehung von Dresdner Bürgern als ehrenamtliche Helfer dürfte dafür sorgen, dass das Ergebnis von bürgerlicher Seite nicht in Frage gestellt werden wird.