David Copeland ging als Einzeltäter durch die britischen Medien. (Bild: Screenshot von youtube.com/ci)
International | AIB 51 / 2.2000 | 16.05.2000

David Copeland, the Mr. Evil

London im April 1999: Drei Bombenanschläge innerhalb von zwei Wochen forderten drei Tote und über hundert Verletzte. Die Opfer waren vor allem ImmigrantInnen und Besucher einer Bar für Schwule. Der Täter, der Neonazi David Copeland, wurde im Juni 2000 wegen dreifachen Mordes zu dreimal lebenslänglich verurteilt.

Die erste Bombe explodierte am Nachmittag des 17. April auf einem Straßen-Markt in Brixton, einem vor allem von karibischen ImmigrantInnen und ihren Nachkommen bewohnten Stadtviertel in Süd-London. Nägel und Glassplitter verletzten 39 Menschen. Der zweite Anschlag kam genau eine Woche später, diesmal in der Ost-Londoner Brick Lane, einem Viertel von EinwanderInnen aus Bangladesh. Wieder gab es zahlreiche Verletzte. Die dritte Bombe war die schlimmste. Durch sie wurden am 30. April in einer Schwulen-Bar im Viertel Soho drei Menschen getötet und 73 verletzt. Wenige Stunden später wurde der Täter festgenommen.

Schon nach der zweiten Bombe wurde offensichtlich, dass der Hintergrund der Anschläge nicht ziellose Gewalt, sondern gezielter faschistischer Terror war. Die Polizei veröffentlichte Video-Bilder, die kurz vor dem Anschlag in Brixton aufgenommen worden waren. Ein Arbeitskollege des Attentäters erkannte Copeland und informierte die Polizei. Kurz vorher war es dem britischen Antifa-Magazin »Searchlight« gelungen, Copeland zu identifizieren. Der Tipp ging allerdings im Kompetenzgerangel der verschiedenen Ermittlungsdienste unter.

Der »Einzeltäter«

Für die Polizei stand bald fest: Copeland war ein »Einzeltäter«. Tatsächlich handelte der damals 22jährige auf eigene Faust, ohne direkten Auftrag oder Absprache mit einer faschistischen Organisation. Dennoch geschahen die Taten nicht im luftleeren Raum. Mindestens zwei Jahre lang war Copeland Mitglied in verschiedenen Nazi-Gruppen. Und er besorgte sich die Anleitungen und ideologische Rechtfertigung für seine Mordtaten von US-amerikanischen Faschisten – aus dem Internet. Damit ist nicht nur die Theorie, sondern auch die Praxis des »führerlosen Widerstands« (leaderless resistance) nach Großbritannien gelangt.

Im Gerichtsprozess gegen Copeland spielte die Frage seiner Zurechnungsfähigkeit eine zentrale Rolle. Psychiatrische Gutachten bescheinigten ihm schwere Persönlichkeitsstörungen und sexuelle Minderwertigkeitsgefühle. Dennoch bleibt die Frage: Auch andere Menschen haben psychische und sexuelle Probleme – warum legen sie keine Bomben? Warum leben sie ihre Gewaltphantasien gegen Minderheiten nicht aus? Bei Copeland kam zu den Psycho-Komplexen ein mörderisches Element hinzu: die Nazi-Ideologie.

Zwei Jahre vor den Bombenanschlägen war Copeland nach London gezogen. Dort nahm er Kontakt mit der (legalen) British National Party (BNP) auf und war sechs Monate lang aktives Mitglied. Bald war ihm aber das Flugblatt-Verteilen zu lahm, und er trat wieder aus der BNP aus. Über das Internet besorgte er sich nazistisches Material aus den USA – unter anderem ein »Terrorists’ Handbook«. Mit dieser Anleitung versuchte er bereits 1998 eine Bombe zu bauen, die allerdings nicht funktionierte. Außerdem lernte er online die so genannte »Christian Identity« kennen, eine antisemitische Religion, die zu einem wichtigen ideologischen Bindeglied zwischen verschiedenen rechtsradikalen Strömungen in den USA geworden ist.

Auf diese Lehre, nach der Nicht-Weiße keine vollwertigen Menschen sind und JüdInnen von Satan abstammen, berief er sich auch noch 1999 bei seinen polizeilichen Vernehmungen. Seinen nächsten Kontakt bekam Copeland aber auf ganz altmodische Weise: In London entdeckte er einen Aufkleber des National Socialist Movement, eine Abspaltung der Terror-Organisation Combat 181 und die einzige offen-nationalsozialistische Organisation in Großbritannien – ihr Anführer ist Steve Sargent. Dort brachte er es schnell zu einem regionalen Funktionär. Allerdings fand er auch dort keine direkten Mittäter für seine Attentatspläne und schritt schließlich allein zur Tat.

»Krieg der Rassen«

Schwer beeindruckt war Copeland von dem Nazi-Roman »The Turner Diaries«. Geschrieben von William Pierce von der US-amerikanischen National Alliance (unter dem Pseudonym Andrew Macdonald) schildert dieses fiktive »Tagebuch«, wie kleine faschistische Zellen durch terroristische Anschläge einen »Rassenkrieg« entfachen – Atombomben inklusive. Und so sah Copeland auch seine eigenen Taten: nicht als blinde Aggression, sondern als gezielte Provokationen. »Ich wollte der Funke sein, der das Land in Brand setzen sollte. Mein Ziel war politisch. Ich wollte einen rassischen Krieg auslösen.«

Diese Vorstellung erinnert an ein Dokument, das unter dem Namen »White Wolves« seit Mitte der 90er Jahre unter britischen Nazis kursiert. Dort heißt es: »Unsere Haupt-Angriffsrichtung gilt den ImmigrantInnen-Communities, den schwarzen und asiatischen Ghettos. Wenn dies regelmäßig, effektiv und brutal geschieht, dann werden die Fremden mit Angriffen auf Weiße reagieren, und sie so zur Selbstverteidigung zwingen. Dies wird eine Gewaltspirale anstoßen und die Herrschenden zu einer Lösung der Rassenfrage zwingen. (...) Wir glauben nicht, dass wir alleine einen Rassenkrieg gewinnen können. Aber wir können ihn anfangen.«

Weitere Informationen in englischer Sprache:
Searchlight Schwerpunktheft über den »London Bomber« 06-2000 | Magazin | 2,50 ?
»Mr. Evil – The Secret Life of Racist Pub Bomber David Copeland«, 2000 | Buch | 15,– ?
Searchlight, 37B New Cavendish Street, London, WC1M 8JR.

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