Der amerikanische Neonazi-Internet-Aktivist Don Black. (Bild: Screenshot dailymotion.com)
NS-Szene | AIB 37 / 5.1996 | 05.01.1997

Das Internet, Tummelplatz für Cyber Neonazis?

»Stormfront, White Pride - World wide« und ein Keltenkreuz erscheinen. Langsam beginnt sich der Bildschirm mit Neonazi-Parolen und deren Symbolik zu füllen. »Stormfront ist Ressource für jene couragierte Männer und Frauen, die für ihre weiße, westliche Kultur, Ideale, für Rede- und Organisationsfreiheit kämpfen1 ist zu lesen. Wir befinden uns in einer braunen Nische des weltweiten Computer-Kommunikationsnetzes »World Wide Web« (WWW). Im Zuge der Globalisierung von Kommunikation durch das Internet schicken sich Neonazis an, ihre veralteteten und gesellschaftlich überkommenen Ideologien mit einer zeitgerechten Technik zu glasieren. Während weder Nationen noch Rassedenken in diesem Medium eine Rolle spielen, Menschen von ihrem Schreibtisch aus grenzenlos miteinander verbunden sind, sich austauschen und zumindest kommunikativ eine globale Gesellschaft bilden, drängen Neonazis mit völkischen Parolen und nach »Rassen« separierenden Ideologien in das Internet. An sich absurd und widersprüchlich, aber nicht minder uninteresannt. Was ist dran am Sprung selbsternannter Herrenmenschen, die von einer arischen, bäuerlichen, rassisch reinen Agrargesellschaft träumen, in den Cyberspace?

Internet, Cyberspace, Surfen und der heilige Geist

Ursprünglich als Computervernetzung zwischen Universitäten entstanden, hat sich das Internet in den letzten Jahren zur weltweit größten Komunikationsbörse entwickelt. Millionen Menschen ermöglicht es einen Zugriff auf eine nicht mehr überschaubare Anzahl von Informationen jeglicher Art, die Teilnahme an weltweit geführten Diskusionen zu jeder erdenklichen Thematik oder einfach auch nur zur Selbstdarstellung.

So finden sich sogenannte Webseiten von Menschen, die über die Geburt ihres ersten Kindes berichten, neben denen des Vatikan, der Lindenstraße, des FBI's oder der Zeitung "radikal". Vergleichbar ist dieses Medium mit einem Zeitschriftenkiosk und einem Cafe. Nach dem Motto: »ließ was du willst, rede mit wem du willst, irgendwer auf der Welt antwortet dir und bezahl deinen Kaffee online«. Gemessen an seinem Umfang, auch an den verfügbaren Möglichkeiten ist das Internet eine Medium, das die Zukunft von Menschen und Gesellschaften nicht erst Morgen grundlegend verändern wird. Kein Wunder, wenn auch Neonazis versuchen, den Gang der Zeit nicht zu verpassen und überkommene Ideologien zeitgemäß zu verbreiten.

Das virtuelle Nazi-Reich

»Warnung! Einges von dem Material dieser Seiten ist in Ländern mit Votzen- Arsch Regierungen wie Deutschland und Canada verboten«, begrüßt die Webseite »Skinheads-USA« ihr Klientel. Einen Mausklick weiter. Ein Foto stellt einen am Boden liegenden Schwarzen dar, auf den mehrere Personen eintreten. »Ratschlag der weißen Nationalisten« ist zu lesen. So oder ähnlich sehen dutzende der aufwendig gestalteten Neonazi-Internetseiten aus. Platter Rassismus einzelner technikbegeisterten Cyber-Neonazis? Weit gefehlt, seit Mitte des Jahres ist ein wahrer Run neonazistischer Gruppen auf das Internet zu beobachten. Waren es bis dahin vor allem Neonazis in den USA die den Datenhighway benutzen, scheint es inzwischen zum guten Ton im rechten Lager zu gehören sich hier zu präsentieren.

Von Neonazi-Skins über die »Die Freiheitlichen« aus Österreich, die italienische »Allianza Nationale« oder der deutschen NPD bis hin zu führenden Neonazikadern wie Manfred Roeder, die gesammte Bandbreite des Rechtsaußen Spektrums tummelt sich hier inzwischen. Mit unzähligen sogenannter »Links« verbunden, ist es Benutzern möglich, zu allen NS-Angeboten jeden Themas zu gelangen. Dabei gibt es mehrere Knotenpunkte, die neben Propagandverbreitung vor allem als Schnittstelle zur Vernetzung dienen. Von hier aus ist es leicht möglich sich in die verschiedensten Neonazi-Webseiten einzuklinken.

»Stormfront war die erste Weiße Nationalisten Seite im Web, die ab März 1995 online war« stellt der Betreiber der »Stormfront«-Webseiten, Stephen Donald Black („Don Black“)2 aus den USA sein Projekt vor. Dies ist zu einer zentralen Schnittstellen der Internet-Neonazis geworden. Hierüber sind mehr als 40 verschiedene NS-Gruppen weltweit erreichbar. Daneben bietet Black mehrere sogenannte Newsgroups, also Diskussionsforen zu verschiedenen Themen an.

»Hello Everybody. Wir in Schweden lieben unsere weiße Rasse und wir sind bereit dafür zu kämpfen. Jeder der uns helfen will ist uns willkommen, (...). Wir würden uns freuen Kontakt mit dir zu bekommen. Heil Hitler« meldet sich ein Schwede und hinterläßt in einer Stormfront- Newsgroup seine Kontaktadresse. Wortmeldungen derartiger Güte sind in dieser Rubrik zahlreich zu verfolgen. Aber nicht nur private Nachrichten und Meinugen sind in »Stormfront« erhältlich. So speist Black komplette Neonazi-Publikationen, wie das Kanadischen Pamphlet »Up Yours«, in das Internet ein.

Ein junges Medium fürs jugendliche Klientel

Setzen wir die Reise auf dem Datenhighway fort und klinken uns in die Web-Seiten von »Resistance -Records« aus Detroit ein. Im Unterschied zu den meisten Neonazi-Angeboten im Internet zeichnen sich diese durch eine profesionelle Aufmachung und Nutzung aus. Ihr Betreiber George Burdi (auch „George Eric Hawthorne“), zusammen mit Mark Wilson Betreiber des Neonazi-Musik Labels »Resistance -Records« versteht es, das Medium kommerziell zu verwenden. Er verbreitet nicht nur platte Hetz-Propaganda, sondern bietet vor allem die Musikangebote von Resistance an. Neben Informationen zu den jeweiligen Neonazi-Bands, wie deren Werdegang oder Liedtexten, ist es möglich, sich Musik probeweise am heimischen Computer anzuhören. Bei Gefallen ist diese per E-Mail sofort zu bestellen und zu bezahlen. Resistance Records stellt auf diese Weise eine Rundumvermarktung neonazistischer Musik sicher. Käufer sind nicht mehr darauf angewiesen, umständlich Muiskkataloge von Szeneadressen zu bestellen, sondern erhalten diese Freihaus geliefert. Die Resistance- Webseiten ermöglichen so eine Verbreitung neonazistischer Inhalte über den Tellerand einer NS-Jugendsubkultur. Potentielle Käufer der NS-Musik rekrutieren sich nicht mehr aus einem begrenzten Rahmen, wie etwa der Neonazi-Skinhead Szene.

Allgemeinzugänlich ist ein offener Markt für Neonazi-Musik ohne etwaige staatliche Repression entstanden. Dieser wird im größeren Umfang durch die Resistance nahen Labels »Nordland« von Per-Anders Lennart Johansson ("Pajen") aus Schweden, »Tuono Records« aus den Kreisen der „Veneto Fronte Skinheads“ (VFS) in Italien sowie durch den »Wolfpack Services« um Jason (Ludwig) Zinn aus den Kreisen der US-Sektion von »Blood & Honour« und ca. 10 weiteren Neonazi-Labels bedient. Nachfrage regelt nicht nur das Angebot. Gleichzeitig spiegelt sich in dem kommerziellen Engagement von Neonazi-Labels die Mehrzahl der momentanen Nutzer brauner Internet-Seiten wieder. So werden überproportional viele jugendspezifische Webseiten angeboten. Vor allem Neonazi-Skins, werden an dieser Stelle aktiv. Mit dem »Skin-Net« haben sie eine eigene Rubrik eingerichtet, in der sich die gesamte Bandbreite der neonazistischen Subkultur präsentiert, angefangen von Banddarstellungen wie etwa der amerikanischen »Midtown Bootboys« über die US-Neonazi-Frauen Organisation »Women for Aryan Unity« (WAU), der britische Schlägertruppe »Combat 18« bis hin zur »Hammerskin«-Bewegung. »Willkommen bei den Southern Cross Hammer Skinheads, Australien. Hammerskin ist die am schnellsten wachsende White Power Bewegung der Welt«, stellt sich die australische Sektion der „Hammerskins“ vor, berichtet über Aktivitäten der Organisation und buhlt um das Interesse der Internetbenutzer.

»Wir sind wieder da«, das Internet als Werbeplattform

Exemplarisch zeigt sich hier das Interesse von Neonazis am Internet. Es dient vor allem der Eigendarstellung und breiten Propagandaverbreitung, letztendlich der Versuch einer Werbekampagne für NS-Ideologie in einem öffentlich zugänglichen Rahmen. Gerade populistisch ausgerichtete NS-Organisationen setzen auf den Werbeeffekt des Internets. Machte beispielsweise die NSDAP/AO durch Massenwerbesendungen wie das Pamphlet »NS-Kampfruf« in der Vergangenheit auf sich aufmerksam, setzt sie die Strategie, durch offensive Eigendarstellung das NS-Verbot und die gesellschaftliche Stigmatisierung der Naziideologie zu überwinden, im Internet fort. Mit wenig Aufwand und kostengeringen Einsatz besteht die Möglichkeit über das Internet eine breite Öffentlichkeit anzusprechen. Dies haben relativ schnell sogenannte Revisionisten, wie Ernst Christof Friedrich Zündel mit seiner „Zündel Site“ oder das amerikanische »Institute for Historical Review« (Costa Mesa / Kalifomien) von Willis Allison Carto erkannt. Sie gehörten zu den ersten Neonazi-Anbietern des Mediums. Kein Wunder, wenn der Deutsch-Kanadier Ernst Zündel mit der elektronischen Verbreitung des „Germania Rundbrief“ immer wieder durch die Presseberichterstattung geistert.

Revisionismus zielt darauf ab mittels der Leugnung des Holocausts die NS-Ideologie von ihren Verbrechen und millonenfachen Morden reinzuwaschen. Sie als politische Alternative gesellschaftsfähig zu machen. Alleine als Diskussionspartner zum Thema Holocaust wahrgenommen zu werden, werten Revisionisten bereits als Erfolg ihrer Strategie. Somit bietet ihnen das als Kommunikationsmittel ausgerichtete Internet beste Absatzmöglichkeiten für die Verbreitung der "Auschwitz-Lüge".

Im Rahmen des burschenschaftlichen »Festkommers« 1994 in Innsbruck erörterte die rechte Szene den Nutzen und den Umgang moderner Medien. Aus dem Protokoll der Diskussion, an der neben rechten Burschenschaftlern auch eine Deligation der NPD-Jugend »Jungen Nationaldemokraten« teilnahm, wurde folgende Strategie bekannt. »Es gilt für Studenten und für alte Herren die Devise: Die Datennetze und ihre Informations- und Diskussionsforen ... können und müssen unsere Foren werden. Viele von uns haben als Studenten oder Hochschulmitarbeiter gratis Zugang, ebenso wie alte Herren aus Firmen und wir nutzen das nicht. Also, hinein in die Datennetze...« und weiter »... es genügen fünf Aktive pro Forum, und wir beherrschen inhaltliche Themenstellungen und Diskussionsverlauf. Wenn's dann soweit ist, können wir die Katze aus dem Sack lassen, über Vertreibung, alliierten Bombenterror, Überfremdung etc. Diskussionen einleiten.« Alleine diese Schlußfolgerungen verdeutlichen, daß das Engagement von Rechtsaußen im Internet darauf abzielt Ideologie und Meinungsmache in gesellschaftlich etablierten Diskursen unterzubringen.

Thule-Net goes World Wide Web

Seit 1993 erzeugt das "Thule-Netz" in der deutschen Öffentlichkeit regelmäßig Schlagzeilen. Dabei handelt es sich um einen Mailboxzusammenschluß auf MS-DOS 3.2. zur Vernetzung verschiedener Neonazigruppen. Die Hauptmailboxen sollen laut Szene-Insidern die „Widerstand BBS“ von Thomas Hetzer („Alfred Tetzlaff“) aus Erlangen und die „Kraftwerk BBS“ aus Marktrodach von Kai Dalek sein.
Für die deutsche NS-Bewegung stellt das "Thule Netz" eine interne Kommunikationsstruktur zur Mobilsierung und Koordinierung verschiedener Aktionen dar. Ebenso dient es dem Gedankenaustausch der NS- Szene. Entscheidend dabei ist, daß das "Thule-Netz" ein nach innen, also eigens für die NS-Szene eingrichtetes Medium ist. Abgesehen von den Presseberichten darüber hat es so gut wie keine öffentliche Außenwirkung.

Mit dem Auftauchen der "Thule-Netz"-Mailboxen ab Mai 1996 im Internet sollte sich dies ändern. »Das Thule Netz stellt sich vor.« ist auf den Web Seiten des Netzwerks zu lesen. Neben Eigenwerbung speisen die einzelnen Thule-Mailboxen auch Texte aus der Neonazipresse, wie aus dem »Umbruch«, einer NF-Nachfolgezeitung und den »Staatsbriefe« in das Internet ein, oder veröffentlicht ca. 200 Adressen antifaschistischer Projekte in der BRD. »In den Mailboxen des Thule- Netzes finden sich Texte und Informationen zu Themen wie Anti-Antifa, Europäischer Nationalismus, Gesellschaft ( . . . ) Zeitgeschichte und viele Bereiche mehr« heißt es in der Selbstdarstellung des Netzes. Unverholen werden dabei Neonazi-Texte, wie etwa ein Auszug aus dem Buch »Evolution des Wissen - Neuordnung der Politik« von Herbert Schweiger durch den Betreiber der „Elias BBS“-Thule-Mailbox von Jürgen Jost aus Oftersheim verbreitet.

Daneben stellt die Thule-Mailbox zahlreichen deutschen NS-Gruppen, wie der »Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V. « (HNG), dem »Deutschen Rechtsbüro« (DRB), der NPD, samt Jugendorganisation einen Zugang zum Internet zur Verfügung, bzw. verbreitet deren Propaganda. Unter dem Namen »Der Aufbruch« stellt die NPD eigene Web-Seiten zur Verfügung. Erstellt werden diese von der NPD-Augsburg unter der Federführung eines NPD-Funktionärs der als „Ernst Ellert“ auftritt3. Derzeit sind mit der »Widerstand BBS«-, der »Elias BBS«- und der »Osgiliath BBS« aus Frankfurt/Main Mailbox drei "Thule-Netz"-Boxen direkt im Internet zu erreichen. Eng verbunden ist das Thule-Netz an dieser Stelle mit dem seit September aktiv gewordenen österreichischen »Bürgerforum Europa«. Dieses will »ein Forum gleichgesinnter Gruppen, Personen und Organisationen im Kampf gegen den Links-Terror, Globalisierung, Unkultur, Chaos und Meinungszensur« sein. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich wenn über das „Bürgerforum Europa“ Bekennerschreiben der breifbombenden »Bajuwarischen Befreiungsarmee« einsehbar oder indizierte Schriften wie »Die Auschwitz-Lüge« des deutschen Altnazis Thies Christophersen
erhältlich sind. Neben derart platten Nationalsozalisten tummeln sich allerdings auch rechtskonservative Gruppen wie »Die Freiheitlichen« im braunen Datennetz. Sie machen mit Werbeseiten für ihre Bücher, Seminarankündigungen oder Selbstdarstellungen der »Initiative Freiheitliche Frauen« auf sich aufmerksam.

Unterm Strich

So breit die Angebote der Neonazis im Internet sind, so vielfältig sind auch die Berichte in der öffentlichen Presse darüber. Dies mag vor allem daran liegen, daß das WorId-Wide-Web für die breite Öffentlichkeit derzeit noch ein kaum erschlossenes Gebiet ist. Es stellt für viele nach wie vor das Eintrittstor in eine Gesellschaft dar, die zunehmend durch das Arbeitsmittel Computer bestimmt sein wird.

Da es sich dabei um etwas neues, ein teilweise unbekanntes Medium handelt, sind die damit verbundenen Auswirkungen für die Einzelnen relativ unüberschaubar. Demnach sind Artikel über Neonazis im Internet immer mit der Aura des spektakulär technisch Neuartigen behaftet. Ähnlich fallen auch die Reaktionen darauf aus. Sie sind in der Regel durch den Ruf nach einem Verbot, nach Zensur gekennzeichnet. So versuchen deutsche Behörden die Verbreitung von NS- Ideologie zu unterbinden, in dem sie die sogennannten Provider4 auffordern, diese nicht mehr in das Internet einzuspeisen.

Dies sollte jedoch nicht als plötzliches antifaschistisches Verständnis mißverstanden werden. Genauso richten sich diese Aktivitäten auch gegen mehr oder weniger linke Versuche, im Internet aufzutreten und diese mit dem Verweis auf Extremismus zu verbieten. Behörden wie der Verfassungschutz gehen nach sogenannten Totalitarismustheorien, wonach die Extreme von Links und Rechts die Demokratie gleichermaßen gefährden würden vor. Bei der Vorstellung des bayrischen Verfassungschutzberichtes sprach Innenmister Günter Beckstein davon, daß Rechtsextremisten zunehmend elektronische Mailbox-Systeme und das Internet für ihre Propaganda nützen würden und vergaß im selben Zusammenhang auch nicht, darauf hinzuweisen, daß Linksextremisten dies »... als ideales Kommunikationsmittel für den Informationsaustausch« entdeckt hätten5.

Die Folgen sind nicht nur ein Verbot neonazistischer Besterbungen, sondern gleichermaßen ein Schritt in die Richtung eines starken Staats. Sie reihen sich in Vorgehensweisen unter dem Motto der »Inneren Sicherheit« ein. Abgesehen davon, daß Zensur im Internet technisch nicht möglich ist, richten sich Verbotsforderungen generell gegen eine auf Meinungsfreiheit ausgelegte Gesellschaft. Dennoch ist die Frage nach dem Umgang mit Neonazis im Internet offen und nicht beantwortete. Was aber ist eigentlich neu daran und müßte neu beantwortet werden? Etwa, daß Neonazis sich für ihre Propaganda ein weiteres Medium gewählt haben oder die Erkenntnis, daß ein mangelnder Intellekt Neonazis nicht davon abhält, einen Computer zu bedienen. Sicherlich nicht. Ausschlaggebend ist, daß das Internet ein offenes Medium ist, daß jedem die Möglichkeit der Kommunikation und der freien Meinungsäußerung gewährt. Also Werte, die den Interessen von Neonazis und reaktionären Gesellschaftsmodellen entgegenstehen. Verbote an diesem Punkt wären also ein Schritt in Richtung totalitärer Zielvorstellungen.

Ebenso sollte nicht übersehen werden, daß die überwiegende Mehrzahl der Nutzerinnen des Internets den offenen Charakter des Mediums schätzen, sich darüber bewußt sind und diesen vehement verteidigen. Die Propagandaofferten von Neonazis richten sich letztendlich an das falsche Publikum. Vergleichbar ist dies mit der »National-Zeitung« am Kiosk. Alleine der freie Zugang heißt nicht, daß sich jeder diese kauft. Eine neue Gefährlichkeit durch Neonazis im Internet ergibt sich jedenfalls nicht. Im Gegenteil, die Reaktionen der Internetgemeinde beispielsweise auf die revisionistische Hetzkampagne, mit einer einhelligen Ablehnung, die bis zu inhaltlich fundierten Widerlegung der Neonazi-Argumente reicht, ist deutlich zu sehen.

Die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung ist mehr Wert, als sich diese durch Zensur selbst zu beschneiden. Ist sie doch eine Zeichen für eine emanzipierte und offene Gesellschaft. Freie Meinungsäußerung heißt auch nicht alles widerspruchslos hinzunehmen, und die eigene Vorstellungen formulieren zu dürfen. Das Internet bietet für antifaschistische Aktivitäten und emanzipatorische Gesellschaftsvorstellung genügend Platz. Also auf zum antifaschistischen Widerstand im WWW, denn wer schweigt stimmt zu.

  • 1. Homepage von »Stormfront", Eingangstext . Drahtzieher im braunen Netz, Konkret Literatur Verlag, Hamburg, 1995, S. 205
  • 2. Don Black wurde in den USA u.a. als Funktionär des Ku-Klux-Klan (KKK) bekannt
  • 3. Nachtrag: Zwar wurde der Aufbruch auch als „NPD-Rundbrief für Augsburg und Schwaben“ mit einem Postfach in Augsburg beworben, spätere Auftritte unter dieser Postfachadresse waren etwa „Neu-Schwabenland“ oder das "Augsburger Bündnis Nationale Opposition e.V." mit einem Impressum in der Berliner NPD-Parteizentrale. Die damaligen Macher legten jedoch auf die Feststellung wert: „Der Aufbruch ist keine Publikation des NPD-Parteivorstands. Die hier gebotenen Inhalte entsprechen deshalb nicht notwendigerweise und in allen Punkten der Ansicht der NPD“.
  • 4. Provider sind kommerzielle Anbieter u.a. des Internet. Sie ermöglichen dem Einzelnen sowohl einen Zugang zum Internet als auch die Verbreitung eigener Internetseiten. Sie sind quasi ein organisatorisches, wie kommerzielles Gerüst des Mediums. Zu den größten Providern in Deutschland zählt AOL (Amerika Online), CompuSurf oder die Telecom.
  • 5. Augsburger Allgemeine, 6.8.1996