Braunzone | AIB 71 / 2.2006 | 15.06.2006

Das Hamburger Tamm-Museum

Was sich derzeit in Hamburgs Kulturpolitik rund um die Causa »Tamm-Museum« abspielt, sorgt in immer breiteren gesellschaftlichen Kreisen für Unmut. Das Internationale Maritime Museum, so der eigentliche Name des Museums, das im umgebauten Kaispeicher B in der Hafencity seinen Platz haben soll, wird dennoch seinen eigentümlichen »Arbeitstitel« nicht los. Zu Recht, ist es doch durch die zugehörige Stiftung und den Großteil seiner Exponate unmittelbar mit dem ehemaligen Chef des Axel-Springer-Verlages Peter Tamm verbunden.

Tamm. Tamm? Tamm-Tamm!?!

Das von Peter Tamm betriebene Wissenschaftliche Institut für Schifffahrts- und Marinegeschichte besitzt eine der größten maritimen Sammlungen der Welt. Den Besuchern werden knapp 1.000 große Schiffsmodelle, 23.000 Miniaturmodelle, 5.000 Gemälde, 30.000 Konstruktionspläne sowie wahrscheinlich unzählige Flaggen, Orden, Ehrenzeichen, Autographen und Urkunden geboten. Hinzu kommen mehr als eine Million Fotografien und in der institutseigenen Bibliothek mehr als 120.000 Bücher. Soweit zu den Fakten, wie sie vermutlich auf Nachfrage auch vom Hamburger Senat benannt worden wären.

Unterstützung durch die Stadt

Seit Winter 2001, als Tamm in der Springerpassage einige hundert Exponate ausstellen ließ, reift der Gedanke, aus der Sammlung ein Hamburger Museum zu machen. Nachdem Tamm zwischenzeitlich im Jahr 2002 eine Ehrenprofessur vom Hamburger Senat verliehen bekam, konkretisierte sich seit 2003 der Plan, das Museum in der Speicherstadt unterzubringen. Zu diesem Zweck überführte Peter Tamm seine Sammlung in die »Peter Tamm Sen. Stiftung« der er zufälligerweise selbst auf Lebenszeit vorsitzt. Die Stadt Hamburg überließ im Gegenzug den Kaispeicher B ebenfalls der Stiftung, und zwar in einem Erbpachtverhältnis über 99 Jahre. Darüber hinaus stellte sie der Stiftung 30 Millionen Euro für die Realisierung des Museums zur Verfügung.

Dass dies in Zeiten knapper Kassen (was in Hamburg für alles, was dem Konzept der »wachsenden Stadt« zuzuordnen ist, natürlich nicht zutrifft) getrost als kulturpolitischer Skandal bewertet werden kann, da an fast allen weiteren kulturellen Projekten gnadenlos gespart wird, steht außer Frage.
Aus antifaschistischer Perspektive sollten jedoch sowohl die aktuelle Ausstellung, das Museumskonzept, als auch Peter Tamm inklusive seiner Kontakte einem gesonderten Blick unterzogen werden.

Peter Tamm stellte anlässlich der Verleihung des Titels »Hamburger des Jahres 2004« mit Bedauern fest, dass ein Staat nicht wie ein Schiff funktioniere, auf dem es eine klare Hierarchie gäbe und alle ohne Mehrheitsentscheidungen auf das hören, was der Kapitän sage. Mit welch einem Gesellschaftsbild der senile Rechtsaußen durchs Leben »marschiert«, wird hier mehr als deutlich. Die Waffe habe den Menschen über andere erhoben, sagte der Militarist, der im letzten Kriegsjahr in die Marine eintrat und sein Ziel, Admiral zu werden, »leider« nicht mehr erreichen konnte.

Seine Sammlung in der Elbchaussee wird jährlich von circa 30.000 Menschen besucht – was diesen Gästen da geboten wird, lässt einiges für das neue Museum befürchten. Knapp die Hälfte aller Exponate entstammt der Marineschifffahrt. Dass dieser Teil laut Russalka Nikolov, Geschäftsführerin der Stiftung und zuständig für die Museumskonzeption, nur etwa 600 der insgesamt knapp 15.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche einnehmen soll, stellt neutrale Beobachter vor ein rechnerisches Problem. Natürlich habe das Museum nichts mit der momentanen Ausstellung zu tun, wie Nikolov nicht müde wird zu betonen. Seltsam, ist doch das Museum geplant worden, um eben diese öffentlich zugänglich zu machen. In der offiziellen Darstellung handelt es sich darüber hinaus in der Elbchaussee derzeit nur um ein Magazin, was das Fehlen der Begleittexte erklären soll.

Tamms Geschichtsverständnis

Die Präsentation der Exponate spiegelt Tamms Geschichtsverständnis exzellent wieder. Tamm begreift Geschichte als das Handeln der politisch Mächtigen. Die Perspektive der Opfer und die Kontextualisierung der dargebotenen Kriegsmaschinen stehen nicht einmal mehr im Hintergrund.
In glanzvollen Vitrinen warten auf samtbezogenen Kissen neben einem Teller »Im Andenken an die unvergänglichen Heldentaten von U 9 und U 29«, die zahlreichen NS-Orden der Marinegeneräle. Dann folgt auch schon, einem Schrein gleichend, die Präsentation des Marschallstabes von Großadmiral Dönitz. Die enorme Dichte an Hakenkreuzen dürfte ein Grund dafür sein, dass jedes Jahr auch zahlreiche extrem rechte und neonazistische Gruppen den Weg in die Ausstellung finden, um dort ungestört zu staunen. Doch wie verhält es sich mit der Konzeption der Ausstellung und wer ist für sie zuständig?

Letztlich hat Peter Tamm persönlich das letzte Wort. Daran ändern auch die zahllosen Verweise auf den »kompetenten« wissenschaftlichen Beirat seitens der Kulturbehörde nichts. Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Dietrich Rusche, verweist nur allzu gern auf Prof. Hermann Schäfer, Präsident des »Haus der Geschichte« in Bonn. Dass Schäfer seit Jahren nicht mehr in der Forschung, geschweige denn im Bereich Marinegeschichte, tätig ist und sich bestenfalls als Vorwortschreiber und Festredner hervortut, hindert niemanden daran, ihn als ausgewiesenen Fachmann im Beirat darzustellen. So kompetent besetzt verwundert es nicht, auf welch dreiste Art und Weise Frau Nikolov Mitte Januar versucht hat, in der öffentlichen Kulturausschusssitzung das Konzept des Museums vorzustellen. Die polizeilich bewachte Veranstaltung endete mit einem Fiasko für die Geschäftsführerin. Zwar sah das die hörige Hamburger Presse (Hamburger Morgenpost: »Das Konzept steht!«) erwartungsgemäß anders, doch die peinlichen Ausweichmanöver der geladenen Gäste stehen für sich.

Die Herren Tamm, Schäfer und Reiche (ebenfalls vom »Haus der Geschichte«) zogen es vor, gar nicht erst zu erscheinen. Nach einer einführenden und nicht gerade kurzen Videoanimation über den Ausstellungsboden »Tiefsee« bekamen die Abgeordneten schließlich doch noch die Chance zu Nachfragen. Die Fraktionen der GAL und der SPD verhielten sich dabei auffällig kritisch, bedenkt man, dass das Museum ursprünglich ohne Gegenstimme (bei Enthaltung der GAL) beschlossen wurde. Allen Fragen bezüglich der Kontextualisierung der NS-Geschichte wurde ausgewichen.  »Lassen Sie sich überraschen«, war die häufigste Antwort von Frau Nikolov. Egal, ob es um die Einbindung des Dönitz-Stabes, die Geschichte der Zwangsarbeiter im Flottenbau, die gesellschaftlichen Hintergründe des Flottenbaus im Kaiserreich oder um die Beteiligung der Marine an den Verbrechen im Zweiten Weltkrieg ging: »[…]wir sind noch nicht soweit, […] der Weltkrieg wird auf Boden sechs behandelt, wir sind erst bei vier«.

Verbindungen ins rechte Lager

Interessant dürfte das Angebot im zu erwartenden Museumsshop sein. Peter Tamm wird es sich vermutlich nicht nehmen lassen, die pseudowissenschaftlichen Publikationen seiner Verlagsgruppe Köhler/Mittler anzubieten. Die meisten Veröffentlichungen sind mit den Attributen »kriegsverharmlosend« oder »relativierend« sicherlich nur unzureichend beschrieben. Titel wie »Minenschiffe 1939–1945: Die geheimnisumwitterten Einsätze der ‚Mitternachtsgeschwader’« sprechen sicherlich für sich.

Schaut man sich die Autoren der Verlage an, verdeutlichen sich die Verbindungslinien zum extrem rechten und neofaschistischen Lager. So ist beispielsweise der bei Tamms Verlagen veröffentlichende Hans-Georg Prager nicht nur Gründungsmitglied des »Freundeskreis Filmkunst«, der alte Nazifilme vor geschlossenen Gesellschaften vorführte, er hatte auch klare Verbindungen zum Neonazi-Zentrum »Hetendorf 13«, das der Hamburger Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger bis 1998 in Niedersachsen führte. Der Autor Franz Uhle-Wettler ist, wenn er nicht gerade schreibt, gern gesehener Gastredner bei den Republikanern und der neonazistischen Gesellschaft für freie Publizistik.

Insgesamt also viele Gründe, die Entwicklung des Museum zu begleiten und die Vorgänge nicht widerstandslos hinzunehmen.

Weitere Informationen auf der Internetseite: 
www.tamm-tamm.info