(Symbolbild von strassenstriche.net; CC BY-NC 2.0)
Antifa | AIB 43 / 2.1998 | 05.06.1998

Das "Antifaschistische Schulnetz" in Leipzig

AIB: Erzählt doch mal, warum und wann Ihr Euch zusammengefunden habt?

Ronja: Wir haben uns vor ungefähr einem Jahr gegründet, weil es ziemlich viel Faschostreß an den Schulen gab und deshalb einfach die Notwendigkeit für einen engeren Zusammenschluß bestand. Es tauchten mehr NPD-Aufkleber an den Schulen auf, einzelne Leute, Punker, denen man ihr Linkssein oder Anderssein angesehen hat, wurden angemacht. Oft haben Punker auch mit Schuldirektoren Stress, die sich ziemlich eindeutig gegen sie positionieren, weil sie angeblich das Ansehen der Schule schädigen würden. Es hat sich dann gezeigt, daß in den Schulen gerade auch vor dem 1. Mai letztes Jahr massiv Faschopropaganda aufgetreten ist - was übrigens jetzt in Leipzig-Grünau auch schon wieder läuft. Dann gab es die Idee, an Schulen mehr Sachen von uns zu verteilen, was sich über so ein Netz leichter machen läßt. Wir haben dann zum Beispiel Flyer rausgebracht über Antifasachen, um die Leute ein bißchen mehr zu politisieren, und Aufrufe zu Antifa-Demos. Wir wollen einfach dem Rechtsruck an den Schulen etwas entgegensetzen.

AIB: Und wie seid Ihr organisiert ?

Uwe: Es gibt einen harten Kern, der bei den wöchentlichen Treffen immer da ist. Die Leute kommen so am Anfang der Pubertät ab 14 zum ASN und bleiben dann bis übers Schulalter hinaus. Die großen Unterschiede im Alter führen schon manchmal zu Spannungen. Im ASN sind Leute aus ungefähr 30 Schulen. Wir können in Leipzig eigentlich alle Schulen abdecken, und Berufsschulen sind auch mit dabei.

AIB: Könnt Ihr erzählen, was Ihr konkret macht ?

Ronja: Als das hier im Eiskeller angefangen hat, hatten wir ein ziemlich großes Treffen mit etwa 100 Leuten. Viele sind aber bloß aus Interesse gekommen, um erstmal zuzuhören. Da eine Arbeitsstruktur reinzubringen, war ziemlich schwierig. Das hat sich jetzt aber einigermaßen gegeben. Wir machen die Infoflyer, Infotische bei Schulfesten und eine eigene Zeitung. Außerdem führen wir innerhalb des ASN Diskussionen über Themen, die wichtig sind. Es gab zum Beispiel eine Art Militanzdebatte, um eine eigene Position dazu zu finden.

AIB: Und wie bringt Ihr 14jährige dazu, zu Euch zu kommen? Durch Diskussionen? Oder zieht Ihr einfach zusammen los zu Aktionen?

Uwe: Unsere Arbeit ist relativ zweigeteilt. Theorie und Praxis. In der letzten Zeit nimmt die Praxis in gewisser Weise überhand. Die Leute machen zu viel, ohne sich vorher Gedanken gemacht zu haben. Zur Zeit macht aber auch alle 14 Tage jemand einen Vortrag über ein Thema, z.B. über die Hippie-Bewegung, die Autonomen-Bewegung ....

AIB: Wie sieht denn das Kräfteverhältnis an den Schulen in Leipzig aus ?

Ronja: Das Kräfteverhältnis entwickelt sich immer weiter nach rechts. Es gibt wenig Leute, die sich offiziell zum Rechtssein bekennen, also beispielsweise in der JN sind. Aber es gibt diesen riesengroßen Mob, der so »normal rassistisch« drauf ist, wie halt die Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Die sind uns gegenüber negativ eingestellt. Ich würde sagen, wir sind absolut in der Minderheit. Deswegen wurde das ASN ja auch gegründet. Weil wir nur so eine Chance haben, irgendwelchen Situationen an den Schulen Herr zu werden.

Uwe: Ein Problem ist allerdings, daß viele Leute, die im ASN aktiv sind, vom Gymnasium kommen. An den Gymnasien gibt es aber noch kein so massives Faschoproblem, auch wenn in Diskussionen teilweise schon rechte Meinungen geäußert werden. An den Mittelschulen ist die Situation dagegen ziemlich kraß. Außerdem hängt es davon ab, in welchem Stadtteil die Schulen sind. In Grünau ist es ganz klar, daß der Stadtteil in Faschohand ist. Und da ist es auch so, daß die Faschos an Schulen offensiv auftreten. Wir hatten mal ein Beispiel, da gab es eine kleine Rangelei mit einem, der noch nicht mal Antifa war, aber irgendwie links aussah. Da standen dann abends zehn Nazis vor der Haustür und wollten ihn verprügeln. Der hatte dann noch eine ganze Weile lang Streß.

AIB: Wird denn im Unterricht z.B. darüber diskutiert, wenn SchülerInnen mit Neonaziaufnähern in der Klasse sitzen ?

Ronja: An den Schulen wird das meistens totgeschwiegen. Die Lehrer wollen damit nichts zu tun haben, weil sie aus der eigenen Unfähigkeit nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen. Und wenn wir richtig politisch an Schulen agieren wollen, wird uns das verboten, weil die Schule laut Gesetz ein politikfreier Raum sein soll. Es gibt wenig Lehrer, die wirklich Zivilcourage zeigen und im Unterricht Leute auffordern, zum Beispiel Spuckis vom Hefter abzumachen. In den Schulen wird eben häufig irgendwelches Propagandamaterial unter die Leute gebracht.

AIB: Gab es Vorbilder für Euch, als Ihr angefangen habt ? Oder habt Ihr das Gefühl, Ihr müßt ganz von vorne anfangen?

Uwe: Ich hatte - und das ging auch anderen so - im Antifareader einen kurzen Artikel über Schulaktionen gelesen. Aber aus den anderen Städten im Osten gab es überhaupt nichts, keine Ansätze in der Richtung. Also war das ASN schon wie ein Neuanfang.

AIB: Habt Ihr Unterstützung von den Älteren? Und wie ist überhaupt Euer Verhältnis zu den älteren Antifas?

Ronja: Die Leute sind dem ASN gegenüber erstmal relativ positiv eingestellt. Das liegt daran, daß unser Ruf bei weitem besser ist, als das, was wir am Ende durchsetzen (Lachen im Hintergrund). Wir haben sogar schon Kontakte in Chemnitz und Dresden geknüpft. Die hatten vom ASN gehört und waren von der Idee begeistert. Und so kommen mir die Reaktionen in der Leipziger Szene auch vor: Wenn man was Neues anfängt, dann hat man eben Chancen, Sachen besser zu machen als die Alteingesessenen. Was mir aber noch fehlt, ist die Diskussion mit den Älteren. Ich habe häufig mal angefragt, ob uns nicht Fehler gezeigt werden können, die wir dann vermeiden könnten. Darauf gab es nicht soviele Reaktionen.

AIB: Was haben die »Alten« denn Eurer Eurer Meinung nach falsch gemacht?

Ronja: Vielen Leute gibt - und das merke ich aber auch bei mir selber - setzen, sobald sie in einem Bereich tiefer engagiert sind, bei anderen Leuten zuviel voraus. Man muß einfach akzeptieren, daß Leute sich entwickeln und am Anfang noch Fehler machen, die sie aber nicht machen, weil sie rassistisch sind, sondern weil sie sich das einfach noch nicht überlegt haben. Wenn dann etwas besser rübergebracht würde, warum ein bestimmtes Verhalten Scheiße ist, würden sich viele schneller oder besser entwickeln. Es wäre gut, wenn es da weniger Überheblichkeit gäbe.

AIB: Aber wie könnte das besser laufen?

Uwe: Wir versuchen halt, daß immer irgendwer vom ASN bei Treffen teilnimmt und Informationen mitbekommt. Ich glaube nicht, daß das Schulnetz als die »kleine Antifa« betrachtet wird. Wir stecken schon im Infofluß mit drin, das ist ziemlich gut.

AIB: Warum engagiert Ihr Euch eigent lich in Antifa Strukturen? Und warum landen andere in Eurem Alter bei den Neonazis?

Uwe: Das ist schwierig zu beantworten. Wenn man älter wird, sich entwickelt und sich das Gewissen ausprägt, ist es eigentlich ein Muß, daß man selbst agiert, wenn man etwas in diesem Land Scheiße findet. Deswegen landet man aus meiner Sicht automatisch bei der Antifa. Wenn man was vom Leben will, muß man sich das auch nehmen. Und wenn man irgendwo Unrecht sieht, muß man auch was dagegen machen. Und weil man nicht einfach auf die abstrakte Politik vertrauen kann, muß man die Sache selbst in die Hand nehmen, diese vielbeschworene Politik der ersten Person. Und deswegen landet man automatisch bei der Antifa.

Ronja: Das Umfeld formt einen ja auch. Ich komme zum Beispiel aus Leipzig-Connewitz. Ich bin damit aufgewachsen, daß hier Punker und Hausbesetzer leben. Und wenn ich aus dem Fenster rausgeguckt habe, habe ich manchmal Straßenschlachten gesehen. Wenn man sich dann mit faschistischen und rassistischen Theorien auseinandersetzt, dann ist der Schritt eigentlich total einfach, in die Antifa zu gehen.

AIB: Und wie sehen Eure Pläne für die nächste Zeit aus?

Uwe: Zunächst stehen der 1. Mai und die Mobilisierung an den Schulen im Mittelpunkt. Dazu wird auch der nächste Infoflyer sein. Weiterhin wird versucht, über die Repressalien der Polizei zu informieren. Weil jetzt wegen des Naziangriffs auf den Regionalzug bei Wurzen während des Naziaufmarsches in Dresden auch an den Schulen Leute von Polizisten angequatscht und zum Direktor geholt wurden. Unser Ziel ist es, noch mehr Leute zu erreichen und mehr Infoarbeit an den Schulen zu machen.

AIB: Danke für das Gespräch.