Jugendliche Subkultur oder organisierte Bewegung ?
NS-Szene | AIB 44 / 3.1998 | 22.09.1998

Begrifflichkeiten: Kultur, Politik, Szene, Bewegung

Kultur, Subkultur, Dominanzkultur, Politik, Szene, Bewegung - über die Verwendung dieser Befrifflichkeiten bei der Einschätzung des aktuellen Höhenflugs des Neonazismus.

Der derzeitige Höhenflug des Neonazismus scheint bereits klar analysiert. Zum einen hat die neonazistische Jugendkultur, getragen vom rassistischen Konsens in der Gesellschaft, mancherorts eine Hegemoniestellung erreicht und zum anderen ist den »organisierten« Neonazis gelungen, in diese Kultur einzubrechen und dort als politischer Arm akzeptiert zu werden. Dieses Zusammenspiel verschafft der neonazistischen Bewegung Dynamik und Integrationskraft. Diese Grobanalyse bleibt aber häufig nur an der Oberfläche. Ein wesentlicher Grund hierfür ist die Tatsache, daß die Oberbegriffe »Politik«, »Organisierung« und »Kultur« sehr schematischen Vorstellungen unterliegen und daß Begriffe wie »Subkultur« oder »Dominanzkultur«, »Szene« oder »Bewegung« mit einer gewissen Beliebigkeit benutzt werden, obwohl sie unterschiedliche, z.T. gegenläufige, Bedeutungen haben.

"Kultur" und "Politik"

Den Begriff »Kultur« kurz zu fassen und zu definieren, ist in der Tat nur schwer möglich, denn seine Bedeutung ist zu umfassend, seine Anwendbarkeit zu vielfältig. Grundsätzlich läßt sich unter Kultur der gesellschaftliche Überbau verstehen, das Sammelsurium aller Faktoren, die die Lebensform bestimmen: moralische, ästhetische, politische Normen und Wertvorstellungen sowie die davon geprägten Ausdrucks-, Produktions- und Gestaltungsformen. Dieses als ein »Lebensgefühl« zu beschreiben ist sicher zutreffend, birgt aber die Gefahr der Falschinterpretation des Wortes »Gefühl« als etwas, was quasi »aus dem Bauch heraus« kommt und rational nicht greifbar ist. Tatsächlich steht »Kultur« aber für klare, vorgegebene Muster für Verhaltensweisen und zur Selbstidentifizierung.

Obwohl die Kultur damit ein ganz entscheidender Träger von politischem Konsens und politischen Positionen ist, ist sie dem »Politik«-Begriff stets untergeordnet. Ob in den Medien, Antifa-Magazinen oder Verfassungsschutzberichten: Stets wird ein Bild von (politisch) »organisierten« Neonazis und einem »kulturellen Umfeld« gezeichnet, in dem die Kultur den Beigeschmack des Unverbindlichen, Jugendlichen, Diffusen und Spaßorientierten erhält.

Eine «Organisierung« wird oft von der bloßen Mitgliedschaft in einer neonazistischen Gruppe oder Partei abhängig gemacht. Bei der Darstellung beispielsweise der Neonazi-Skinheads bleibt wiederum das kulturelle Element sehr oft auf Identifizierungsmerkmale wie Kleidung oder Musik beschränkt. Die dort bestehenden Netzwerke, Läden, Plattenlabels und Vertriebe erscheinen lediglich als strukturelle Gebilde oder, wie es der Verfassungsschutz beschreibt, als »Strukturierungsversuche«. Diese Darstellung ignoriert, daß Kultur eine soziale Organisierung im Alltag umfaßt, die sich teilweise auf hohem Niveau bewegt und in der Leistungsprinzipien, Solidaritätsgefüge wie auch psychische Abhängigkeitsverhältnisse, oft sehr ausgeprägt sind. Die Tatsache, daß der Neonazismus, bzw. seine Erscheinungsformen, auch nur Ausdruck eines bestimmten Kulturverständnisses sind, könnte letztendlich dazu verleiten, alle Begriffe in einen Topf zu schmeißen und einen braunen Einheitsbrei anzurühren.

Produktiv wäre das sicher nicht. Denn es nimmt der antifaschistischen Bewegung die Möglichkeit von einem differenzierten Vorgehen. Es steht außer Frage, daß beispielswiese konspirative politische Gruppierungen anders bekämpft werden müssen als der rassistische Konsens in der Gesellschaft. Deshalb sollte der Versuch unternommen werden, »Kultur« und »Politik« als zwei gleichwertige und sich bedingende Faktoren nebeneinander zu stellen.

Der Begriff »organisierte Neonazis« wäre dabei auf die Personenkreise anzuwenden, die den Entwurf und die Vermittlung von Ideologien und Strategien leisten. Diese sind ihrerseits wertlos sind, wenn sie sich nicht der »Kultur« als Multiplikator bedienen können. Ein Einbruch in die Jugendkultur, wie bspw. von der NPD und den "Jungen Nationaldemokraten" z.T. vollzogen, bedeutet, daß sich die Bereiche »Politik« und »Kultur« nun direkt aufeinander beziehen und sich bewußt ergänzen. Das fördert die Transparenz und die Übernahme von ideologischen Grundlagen und strategischen Konzepten und somit die Entwicklung eines ideologisch-moralischen Konsens, der über den Parteirahmen in die infiltrierten Kulturbereiche und darüber weiter in die Gesellschaft hinein getragen wird.

Von der "Szene" zur "Bewegung"

Mit dieser Entwicklung können die Neonazis auch einen Anspruch einlösen, den sie schon seit Jahrzehnten mit sich herumtragen - eine Bewegung zu sein. Die Vor- und Parallelstufe der Bewegung, die »Szene«, charakterisiert die gemeinsame Identifizierung von Personen über eine bestimmte Lebenform, die oft über spezifische Verhaltensmuster (z.B. Kleidung, Musik, Freizeitgestaltung) festgelegt wird oder darauf basiert. Im weitesten Sinne läßt sich dieses als eine Interessengemeinschaft verstehen. Der Übergang zur Bewegung kennzeichnet sich durch die Entwicklung oder Übernahme ideologischer Leitlinien und Strategien, den Aufbau bestimmter Führungssysteme und durch das erklärte Bemühen, die eigenen Interessen nach außen zu vertreten, um in weitere Bereiche der Gesellschaft hineinzuwirken und dort die bestehenden Kräfteverhältnisse zu ändern. Der Schritt zur Bewegung ist spätestens dann vollzogen, wenn es gelingt, ein politischer Faktor zu werden oder zumindest eine breitere Wahrnehmung zu erreichen.

In der Differenzierung von »Bewegung« und »Szene« offenbart sich auch die grundsätzliche Schwierigkeit, die zum Teil unterschiedlichen Entwicklungen in den Regionen zusammenfassend zu charakterisieren. Während mancherorts das Soll längst erfüllt scheint, ist z.B. in vielen Städten Westdeutschlands zumindest von einer »Bewegung« nicht viel zu erkennen. Die Frage, ob es nun eine bundesweite Neonazibewegung gibt, die die verschiedenen regionalen Aktivistenkreise einschließt, oder ob der Bewegungsanspruch nur dort eingelöst ist, wo es die Neonazis tatsächlich zum politischen Faktor geschafft haben, läßt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu.

»Subkultur« oder »Dominanzkultur«

Der Begriff Subkultur soll hier verstanden werden als »Teilkultur« und entstammt der sozio-kulturellen Wissenschaft Mitte dieses Jahrhunderts. Er umschreibt vor allem jugendspezifische Lebensformen, die in Abgrenzung zum herrschenden Konsens eine eigene Wertewelt entwickeln. Während Hippies, Punks oder in Teilen auch die Jugendgang-Szenen prädestiniert für diese Charakterisierung sind, ist dies bspw. bei den Neonazi-Skinheads nicht so eindeutig. Zwar zeigt sich in deren ästhetischen und musikalischen Ausdrucksformen, in einer offenen Gewaltbereitschaft und in dem bewußt provokativen Auftreten durchaus eine Ablehnung existierender Normen. Andererseits haben Studien dargelegt, daß ihre vorherrschenden Wertevorstellungen im Wesentlichen bürgerlich und reaktionär besetzt sind. So resultiert ihr Rassismus aus einer Abwehrhaltung gegen alle diejenigen, die als leistungsunfähig gelten oder angeblich ohne eigene Leistung versorgt werden, was nur vor dem Hintergrund einer ausgeprägten Identifikation mit den Werten Leistung, Wohlstand, Karriere und Geld verständlich wird. Parallel dazu verläuft die Abgrenzung zu den Erscheinungsformen der »modernen« Gesellschaft und äußert sich in einem unbedingten Anti-Individualismus, in patriarchalen Gruppen- und Familienstrukturen und in einem völkisch-elitären Staatsverständnis.1

Die Nonkonformität (das »Sub«) dieser Kultur liegt demnach nicht im Wertesystem an sich, sondern vielmehr der Überhöhung jener Werte und in den eingesetzten Stilmitteln. In den offiziellen Darstellungen bleibt diese Erkenntnis meist unberücksichtigt, denn sie belegt, daß diese Subkultur in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt ist und daß sich die Neonazis (nicht ganz zu Unrecht) darüber legitimieren können, einen Teil der Bevölkerung zu repräsentieren.

Vor diesem Hintergrund muß überdacht werden, ob die gängigen Kulturbegriffe überhaupt noch geeignet sind, die Situation und die neue Qualität des Neonazismus zu erfassen. Da der Begriff »Jugendkultur« auf eine altersspezifische Darstellung begrenzt ist, hält es auch der Politologe Bernd Wagner in seiner Studie »Rechtsextremismus und kulturelle Subversion in den neuen Ländern« für legitim, »von Lifestyleströmungen zu sprechen, die sich über das Jugendalter hinaus fortsetzen«2

Den Begriff »Subkultur« wiederum umgibt die Definition des Randständigen, was im allgemeinen das Verständnis ausschließt, daß sie zu einem zentralen politischen Faktor werden kann. Doch genau das hat sie in manchen Regionen geschafft. Dort ist es durch die Majorisierung der Jugend und dem Rückhalt aus der Bevölkerung gelungen, einen Teil der staatlichen Institutionen zu beeinflussen. Diese zeigen sich oft paralysiert und versuchen, den inneren Frieden darüber zu stabilisieren, daß sie sich um die Koexistenz mit den Neonazis bemühen. Ob diese Realität wiederausreicht, um von »Dominanzkultur« zu reden, ist umstritten. Zwar sind die Neonazis in »ihren« Gebieten zur beherrschenden Gruppe geworden, die faktisch Macht- und Kontrollfunktionen ausübt, doch basiert eine »Dominanzkultur« grundsätzlich darauf, daß sie von Staat und Gesellschaft getragen wird. Die Repression sowie die überwiegend negative mediale Darstellung belegen, daß es eben nur ein Teil der Gesellschaft ist, auf den sich die Neonazis stützen können.

Wenn politische EntscheidungsträgerInnen offen mit Neonazis sympathisieren, wie im sächsischen Wurzen, wo Stadtverordnete der mitregierenden DSU Flugblätter der NPD bei Stadtratssitzungen auslegten, dann scheint der Schritt in die staatlichen Institutionen geschafft. Durch die Tendenz, mit Hilfe lokaler Medien die örtlichen Neonazis zu »ganz normalen Jugendlichen« zu erklären (wie z.B. in Wurzen und in Saalfeld) und deren Ideologie einfach zu verleugnen, wird die ideologische Auseinandersetzung und damit die grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen Staat und Neonazismus umgangen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, zwischen »Subkultur« und einer »beherrschenden Subkultur« mit Ansätzen einer »Dominanzkultur« genaue regionale Unterscheidungen zu treffen.

  • 1. Der scheinbare Zwiespalt, daß mensch sich auf »alte« Werte bezieht und dennoch der Mittel der Moderne, in diesem Fall z.B. der Computertechnotogie und relativ junger Musikstile, bedient, kann an dieser Stelle nicht weiter aufgeschlüsselt werden. Jedoch war es schon ein Ausdruck des Nationalsozialismus, reaktionäre politische Orientierungen mit neuen Technologien scheinbar widerspruchslos zu verknüpfen.
  • 2. Vgl. »Rechtsextremismus und kulturelle Subversion in den neuen Ländern«, Zentrum Demokratische Kultur, Berlin, 1998, S.48f