Das von der Legion Condor zerstörte Gernika. (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-H25224 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0)
Geschichte | AIB 39 / 2.1997 | 25.09.1997

Augenzeuginnen aus Guernica

Guernica - der baskische Ort wurde vor 60 Jahren von der deutschen "Legion Condor" fast vollständig zerstört .

Die Bundeswehr denkt geschichtsbewußt: Im September 1990 warb sie in den Zeitschriften "Der Spiegel" und "Stern" mit einer doppelseitigen Anzeige für ihr neues großdeutsches Image. Illustriert wurde diese Propaganda mit einem Gemälde Picassos: Guernica y Lumo. Gemalt hatte der damalige Leiter des Madrider Prado-Museums dieses Bild nachdem die deutsche Legion Condor den baskischen Ort Guernica (baskische Schreibweise: Gernika) am 26. April 1937 fast vollständig zerstört hatte. Eine Mischung aus Spreng- und Brandbomben verwandelten die nahezu verteidigungsunfähige Stadt an einem Montag - dem traditionellen Markttag - in ein einziges Flammenmeer. Mehr als 1500 Menschen kamen dabei um, fast weitere 1000 wurden verletzt.

Strategische Ziele wie eine Brücke oder die in Guernica befindliche Waffenfabrik blieben ebenso unbeschädigt wie die Wohnviertel der - mit dem Franco- Putsch sympathisierenden - Reichen. Zwar nicht der erste bewußt ausgeführte Luftangriff auf zivile Ziele galt Guernica dennoch als Generalprobe der deutschen Fliegerei für die Auslöschung ganzer Städte - im 2.Weltkrieg diverse Male wiederholt. Während die alliierte Bombardierung Dresdens in der Bundesrepublik lauthals bejammert wird, ist es zum Thema Guernica - ein kultureller und symbolischer Mittelpunkt des Baskenlandes - auf deutscher Seite außerordentlich still. Es sei denn, das Leid der dortigen Zivilbevölkerung wird als Werbeträger der weltweit agierenden Bundeswehr benötigt.

Anläßlich des 60. Jahrestages dokumentieren wir Erinnerungen von überlebenden Frauen zu jenem 26. April 1937.

Dennore Labauria: Ich dachte, das Ende sei gekommen

Es war ein klarer Morgen am damaligen Montag, dem 26. April 1937, sehr hell und wir alle waren sehr zufrieden. Wir lebten friedlich zusammen mit unseren Brüdern, den Gudari. Um Viertel vor Zwölf aber, ich meine sogar etwas früher, finden die Kirchenglocken an, Alarm zu läuten. Und meine Tante schrie meiner Mutter zu: »Lauft schnell in den Schutzraum, die Glocken läuten zwar täglich, aber man weiß nie, was passiert!« Es ist die schlimmste Erinnerung meines Lebens, immer wieder kommt sie mir ins Gedächtnis zurück, immer läuft der gleiche Film vor meinen Augen ab...

Irgendein Flieger mit Sonnenbrille, mit breitem Mund und diesem Lächeln, das vielleicht auch gar keines war, aber so habe ich diesen Mund, diese Lippen gesehen. Ich sah ihn hinabkommen und er beschoß uns mit der Bordkanone. Wie tief doch diese Flugzeuge flogen als sie anfingen, die Bomben über uns abzuwerfen und uns zu beschießen! Auf allen vieren kriechend, erreichten wir endlich irgendwann den Unterstand. Das Bild dort war aber fast noch trauriger: völlig überfüllt, einige beteten, andere weinten, alles schrie durcheinander. Als ich jemanden »Wir werden sterben, wir werden sterben!« rufen hörte, dachte ich schon, das Ende sei gekommen.

Wir beteten unzählige Male und selbst eine Anhängerin der Rechten schrie »Franco, Franco, es reicht!«. Ich dagegen – fast noch ein kleines Mädchen - wußte damals schon genau, wer Franco war und was uns bevorstand. Beim Verlassen des Schutzraumes fiel auf, daß alles in sich zusammengestürzt war und gleich sahen wir auch die ersten Leichen - die von den Geschwistern Gasteiz. Ein sehr schlimmer Anblick! Die Kirche stand in Flammen und so viele Häuser brannten. Ich sah meinen Vater hinkend herankommen, von oben bis unten ganz weiß - von den Trümmern des Rathauses. Er meinte, wir würden uns als Familie versammeln, allerdings fehlte mein größerer Bruder Andoni. Ich machte mich auf den Weg zum Friedhof, um zu sehen, ob er unter den Opfern sei, aber da waren Leichen über Leichen und viele Verletzte - es war entsetzlich! Wir waren mit so erschütternden und beängstigenden Bildern konfrontiert, daß man das gar nicht beschreiben kann. Ich bin mir nicht sicher, ob menschliche Augen je eine größere Tragödie zu Gesicht bekommen können.

Maria Aldana: Wir hörten den Lärm der fallenden Bomben

Ich war damals nur neun Jahre alt. An dem besagten Montag schickten die Eltern mich und alle meine Geschwister auf den Hof der Großeltern, weil sich in Guernica irgendetwas Schlimmes andeutete. Dort hörten wir den Lärm der fallenden Bomben. Erst nach drei Tagen kam meine Mutter, um uns in die Stadt zurückzuholen. Alles war völlig kaputt, lediglich einige Häuser am Stadtrand waren nur leicht verkohlt. Wir konnten nicht einmal mehr erkennen, unter den ganzen Trümmern früher unsere Straße gewesen sein mußte. Wir hatten alles verloren: Das Haus und unseren kleinen Laden. Aber wenigstens die Familie war wohlauf.

Nun saßen wir da und hatten nichts außer den Läusen, die „Moros“1 angeschleppt hatten. Alles war schmutzig, es gab kaum Wasser. Ich erinnere mich, daß meine Mutter unsere Wäsche mit nur einem Kochtopf heißen Wasser gewaschen hat. Zu essen hatten wir auch nichts, manchmal allerdings gaben uns die Italiener etwas von ihren Nudelresten ab. Wir haben viel Hunger erlitten. Und danach durften wir über das Bombardement nicht reden - erst recht nicht auf baskisch. So oft sind wir dafür georfeigt worden!

Juanita Arzanegi: Das Bombardement ist unvergeßlich

Dieser 26. April war der traurigste Tag in meinem Leben. Mittlerweile muß ich darüber zwar nicht mehr weinen, aber das Erlebte werden wir nie vergessen. Wir hatten eine kleine Kneipe im Ort, in der die Gudari ein und aus gingen sogar an außerhalb zu schlafen, damit die Freunde noch bleiben konnten. Ich hatte damals ein nicht einmal einen Monat altes Kind, mein Ehemann war an der Front. Es war Montag. Als die Glocken Alarm läuteten, wurden wir zum Unterstand geschickt, nahe dem Rathausplatz. Dort lehnte ich mich gegen die Wand und hielt das Kind in meinen Armen und so haben wir das Ende des Bombardements abgewartet.

Es muß so nach elf Uhr angefangen haben und sie haben bis drei nicht aufgehört Bomben zu schmeißen. Im Unterstand haben wir ständig dieses Zischen gehört... und dann die Explosionen... und mittendrin immer wieder Maschinengewehrfeuer. Direkt neben unserem Zufluchtsort haben sie dann Brandbomben abgeworfen, uns blieben die Sprengbomben vorbehalten. Eine Hitzewelle ging durch unseren Unterstand, es schien, als seien wir in einen Ofen und natürlich entwickelte sich eine Menge Rauch. Und ich hatte den kleinen Jungen in meinen Armen. Aus Guernica wegzugehen ist vielen sicherlich nicht leicht gefallen, aber wie schwer war es für jene, die blieben. Die „Moros“ kamen und haben allerlei Barbareien angerichtet. Jahrelang hatte ich noch Alpträume. Bei jedem Krach habe ich mich unter der Treppe versteckt. Mein Mann ebenso. Das Bombardement ist wirklich unvergeßlich. Vor kurzem fragte mich jemand, ob wir das verzeihen können. Nun gut, möge Gott ihnen verzeihen...

Asun Garmendia: Guernica brannte so lichterloh, daß die Nacht taghell war

Als 15jährige arbeitete ich damals in der Waffenfabrik. Dort befand ich mich auch, als der Alarm zu hören war. Unser Vorgesetzter wies uns an, in den Luftschutzraum zu gehen und nicht etwa nur auf den Hof, wie wir es sonst häufig machten. Im Schutzraum blieben wir ganze fünf Stunden, ständig mit dem Geräusch fallender Bomben im Ohr. Beim Verlassen fanden wir ein völlig zerstörtes und brennendes Guernica vor. Sofort begaben sich alle auf die Suche nach lebenden Familienangehörigen. Zuerst traf ich eine meiner Schwestern, später noch meine Mutter und zwei jüngere Geschwister. Aber noch immer fehlten zwei weitere Geschwister und unseren Vater. Erstere fanden wir am nächsten Tag, meinen Vater sogar erst nach mehreren Tagen. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten Nacht nicht schlafen konnte, außerdem brannten die Häuser so lichterloh, daß es so hell war, als wäre Tag.

Zwar habe ich keinen Verwandten durch den Bombenangriff verloren, wohl aber alles, was ich hatte. Unsere Straße oder unser Haus zu finden, um noch irgendetwas zu retten, war absolut unmöglich. So mußten wir ohne alles durch mehrere Dörfer ziehen, erlebten eine Evakuation nach der anderen. Wir lebten von der Wohltätigkeit anderer oder sozialer Einrichtungen, später auch von Lebensmittelkarten. Bei meiner Rückkehr nach Guernica, fing ich erneut in der Rüstungsfabrik an und von meinen 3,5 Peseten täglichen Lohn haben wir dann ein neues Leben angefangen.

Natividad Etxaniz: Ein Flammenmeer und von überall her Schreie

Ich war damals 15. Für uns war das alles so grauenvoll. Um zwölf Uhr mittags kamen die ersten Flugzeuge, ab vier Uhr nachmittags flogen sie dann immer und immer wieder in Dreiergruppen über die Stadt und das Bombardement begann. Wir wußten nicht genau, was da passiert, hörten nur den Lärm, das Maschinengewehrfeuer - es war grauenvoll und bis acht Uhr abends hielt das an. Zu Beginn der Bombenabwürfe waren wir glücklicherweise in einem Fluchtraum, von dort aus konnten wir aber nur mutmaßen, was passiert. Wir wußten zwar so ungefähr, was Krieg bedeutet, aber bis dahin hatten wir selbst ja keinen erlebt. Wieder unter freien Himmel bot sich uns ein schauriges Schauspiel: ein Flammenmeer, von überall her Schreie, suchende Familienangehörige. Das war alles so grauenvoll, dieser Tag war Markttag und so viele Leute waren zusammengekommen, nun waren sie gemeinsam gestorben. Wir selbst wußten nicht wohin. Aber das schlimmste stand uns ja damals erst noch bevor.

Maria Lazaga: Wir sahen, wie die Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde

Als erstes sahen wir einige Flugzeuge, die sehr tief flogen. Meine Mutter und ich standen gemeinsam vor dem Haus und bei Beginn der Bombenabwürfe rannten wir in Richtung Berge. Wir versteckten uns auf einen Hof, aber von dort verjagte man uns. Wir rannten weiter, um uns zwischen einigen Dornenbüschen zu verstecken. Letztendlich landeteten wir gemeinsam mit einigen Soldaten in einer Höhle. Von dort aus mußten wir mitansehen, wie die gesamte Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde. In der Nacht kehrten wir zurück und holten einige Sachen aus unserem Haus, dessen Grundmauern noch standen. Am nächsten Tag gingen wir schon um fünf Uhr früh fort und kamen dann auch nicht mehr für die Nacht zurück. Wir hatten solche Angst vor den „Moros". So haben wir einige Tage in der Höhle gelebt, bis die nationalen Verbände Francos die Stadt einnahmen. Zunächst tobte allerdings noch ein kurzer Kampf um die Stadt. Vor den Kanonen beiderseiten hatte ich sogar mehr Angst als vor den Maschinengewehren der Flugzeuge. Das alles war sehr hart für uns und es hat solange gedauert, das zu verarbeiten.

  • 1. Franco rekrutierte aus Marokko, der damaligen spanischen Kolonie, Truppenverbände für seine Armee. Die marokkanischen Soldaten in den franquistischen Verbänden wurden als "Moros" bezeichnet. Über die Grausamkeit dieser marokkanischen Truppen gingen zahlreiche Gerüchte um.