Der schwule (Ex) Neonazi-Skinhead Nicola Vincenzo "Nicky" Crane ist ein beliebtes Layoutmotiv der Skinheadszene. (Bild: Faksimile)
Diskussion | AIB 23 / 3.1993 | 30.08.1993

Aufruf & Aufruhr um das »Gay Skinhead Movement«

Vorweg: Im letzten Antifaschistischen Infoblatt (AIB) wurden Mitglieder des »Gay Skinhead Movement« (GSM) in einem Kurzbericht den "Boneheads" zugeordnet. Das war falsch. Der Aufruf der GSM, bei der diesjährigen lesbisch-schwulen Christopher Street Day am 26. Juni in Berlin einen "Skinheadblock" zu bilden, hat Wellen geschlagen. Verschiedene Flugblätter wurden veröffentlicht, zur Klärung haben die bisherigen Stellungnahmen der GSM kaum beigetragen.

Wer ist die GSM?

»Wir sind ein Haufen aller möglichen Skinheads, die eine Alternative zum allgemeinen (schwulen, d.Red.) Sub-/Szeneleben suchen. Wir verstehen uns als streng überparteilichen Klub; Gewalt (egal ob gegen rechts oder links, Ausländer oder Inländer) ist demzufolge nicht unser Programm« (aus einer der ersten Selbstdarstellungen der GSM). Dennoch erscheint Nicola Vincenzo "Nicky" Crane (England), militanter Aktivist der "National Front" (NF) des neonazistischen "British Movement" und enger Freund von dem Neonazi-Anführer und "Skrewdriver"-Sänger Ian Stuart Donaldson, im Logo der Gruppe. Crane hatte sich letztes Jahr in einer Sendung des britischen Senders "Channel 4" als homosexuell geoutet und sich von der NF distanziert. Nach AugenzeugInnenberichten beteiligte er sich jedoch weiterhin an gewalttätigen Angriffen. Die GSM sagt dazu: »Seine früheren Freunde lassen ihn nur deshalb weiterleben, weil er sowieso in absehbarer Zeit an AIDS sterben wird. Das Logo soll hauptsächlich den Schwachsinn eines weitverbreiteten Vorurteils deutlich machen, nämlich: Skinhead sein und schwul sein ist ein Widerspruch. Abgesehen davon finden die GSM-Mitglieder das Bild einfach kultig und skinheadmäßig geil.«

Schwule Skinheads auf der Lesben und Schwulendemo?

Für Aufruhr sorgte der Aufruf der GSM zur internationalen "Christopher Street Day" Demonstration in Berlin einen eigenen "Skinhead-Block" zu bilden: »Jeder (nicht nur schwule) Skinhead ist aufgerufen präsent zu sein.« Dieser Aufruf war nicht mit den Organisatorinnen der Demonstration abgesprochen und stieß auf große Widerstände. Einerseits sind Heteras und Heteros an diesem Tag sehr wohl willkommen sich an dem »Kampftag« der Lesben und Schwulen zu beteiligen, ein eigener Aufruf ist allerdings unüblich.

Andererseits nehmen gerade an der Internationalen Demo, die dieses Jahr in Berlin stattfindet, zahlreiche Gäste aus dem Ausland teil, die von dem Aufruf der GSM ebensowenig begeistert waren wie die "Schwule Internationale" (SI), ein Zusammenschluß von schwulen Immigranten: »Skinhead ist eine Selbstbezeichnung, die in Deutschland eindeutig für brutale Gewalt gegen Ausländer, gegen Schwule, gegen Minderheiten steht. Sich nach den (Pressemitteilungen von, d. Red.) ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Skinheads im vergangenen Jahr selbst als 'Skinhead' zu bezeichnen, ist Programm und soll offensichtlich Geistesverwandtschaft demonstrieren, denn niemand ist gezwungen, sich so zu nennen. Wer innerhalb der 'Skinhead-Bewegung' eine andere Richtung vertreten will, ist angehalten, sich durch Namen und Programm immer wieder eindeutig von der Bestialität rechter Gewalt und rechten Gedankengutes abzugrenzen.«

So beziehen antifaschistische und antirassistische Skinhead-Gruppen, wie die Red-Skins und SHARP (Skinheads Against Racial Prejudice / Skinheads gegen rassistische Vorurteile) immer wieder eindeutig Stellung und grenzen sich klar von Rassismus und Faschismus ab. Die »Abgrenzung« der GSM beschränkt sich bisher leider auf Verharmlosung: »Wenn in den Medien über Rechtsradikale berichtet wird, zeigt sich aber auch dort, daß die meisten von diesen keine Skinheads mit kurzgeschorenen Haaren sind, sondern eine Mischung aus allen möglichen Jugendkulturen (Nazi-Punks, Nazi-Rocker, Faschos und jede Menge »Stinknonnale«). Diese Typen dann in den Bildunterschriften bzw. in den Kommentaren als Skinheads zu bezeichnen, grenzt an Rassismus (diesmal jedoch von links). Das Wort »Skinhead« und unser Aussehen ist durch solche Berichterstattung in den Medien zu einem (liebgewonnenen) Feindbild geworden.« Und: »Es ist aber halt einfach so, daß Leute nicht automatisch Skinheads sind (auch wenn sie das selbst behaupten), weil sie einen Ausländer verprügeln. Vor allem, wenn sie weder so aussehen noch irgendwas mit dem Skinhead-Kult zu tun haben

Das DemonstrationsteilnehmerInnen selbst von friedlich mitlaufenden Skins aufgrund ihres oft martialischen Auftretens eingeschüchtert werden könnten, will HaTho, einer der Begründer der GSM nicht gelten lassen: »Nee, anders'rum: Die Leute, die Angst verbreiten, ziehen sich so an wie wir! Von der Geschichte her war die Skinheadbewegung eindeutig nicht politisch: erst hier, als es in Deutschland längere Zeit Skins gab, kamen Rechtsextreme auf die Idee, sich auch so ein Outfit zuzulegen.« (Siegessäule 6/93)

Wer Angst hat ist selber Schuld?

Die Unsensibilität in ihrem Auftreten und ihren Stellungnahmen zieht sich durch alle Interviews: »Wie geht ihr damit um, daß man Angst vor Euch hat? Michael: Das ist mir egal. Das ist ja nicht unsere Schuld, daß die Leute Angst haben, dafür haben ja vor allem die Medien gesorgt.« (Interview aus Männer aktuell, Mai 1993) Auch die Befürchtungen von DemonstrationsteilnehmerInnen werden als unrelevant hinweggefegt. »HaTho: Gerüchten zu Folge besteht die Angst, daß wir die Demo aufmischen. Das ist natürlich albern. Wenn es hoch kommt, sind wir 50 bis 100 Leute. Fossi: Aber da siehst du die Feigheit wieder. Echt, das ist der Wahnsinn. Die sind so blöd, ich krieg 'n Anfall. Wieviele Schwule laufen in den Park und auf die Klappe, da ist die Gefahr viel größer, daß sie ein paar auf die Fresse kriegen. Michael: Vor allem, wie kann man auf diese Idee kommen, wo wir doch als schwule Skinheads hingehen.«

Ob im Zusammenhang mit ihrem Aufruf, an jeden (nicht nur schwulen) Skinhead sich an ihrem Block zu beteiligen auch rechte Skinheads gemeint sind, antworten sie wie folgt: »Meiner Meinung nach ist eindeutig klar, daß sich rechtsextreme Skins nicht auf der CSD-Demo blicken lassen, denn die hätten viel zu viel Panik, von ihren sogenannten Kameraden als Schwule erkannt zu werden« erklärt HaTho (Siegessäule 6/93). Soll das nun heißen, daß extrem rechte Skinheads von der GSM erwünscht sind, solange sie schwul sind? Frauen und Lesben existieren in ihrem Weltbild scheinbar nicht. So ist in ihren Publikationen ausschließlich von Männern die Rede. Die einzige Ausnahme macht Emma Steel, Chefredakteurin des antirassistischen Oi!-, Ska- und Punk-Zines »Oi!reka«, und heterosexuelle Skinhead-Frau, die »Ehrenmitglied der GSM« ist, wie sie in einem Interview lachend sagt.

Eine Minderheit in einer Minderheit?

Die GSM zeigt sich selbst eher intolerant: »Außerdem ertragen wir nicht mehr die Stino-Schwulen (stino = stinknormal), z.B. die Ledereisen, Ökotunten und auf Zeitgeist gestylte Friseus(inn)en; zum größten Teil haben wir sie auch nie ertragen. Daher verbringen wir unsere freie Zeit mit (gemischten) Glatzen und tun das, was normale Jungs eben tun!«

Andererseits fordern sie als schwule Skinheads Toleranz ein. »So stehen wir als Minderheit in einer Minderheit gegen Intoleranz jeder Art ein und wollen für selbstverständlichen Respekt kämpfen.« Gerade aufgrund der zunehmenden Brutalität neofaschistischer Skinheads wird das Bekenntnis zum Skinhead an sich politisch. Die Stellungnahme zu antifaschistischen Gruppen entspricht dem üblichen Klischee rechts gleich links. Auf die Frage nach einer politischen Stellungnahme des GSM antwortet HaTho: »Keine Gewalt - gegen niemanden. Aber alle möglichen Grüppchen verlangen von uns - aufgrund ihrer Vorurteile - daß wir antifaschistisch sein sollen. Das bedeutet zumindest bei Teilen der Antifa, auch mit Gewalt gegen Andersdenkende vorzugehen - und damit wollen wir nichts zu tun haben« (Siegessäule 6/93).

Eine eindeutige Stellungnahme gegen neofaschistische und rassistische Skinheads hat die GSM bisher nicht geleistet und hält sie scheinbar auch nicht für nötig. Der Grund, warum eine so kleine Gruppe (Berlin ca. 20, bundesweit 35 Mitglieder) soviel Aufsehen erregt, ist darin zu suchen, daß es sich um eine exemplarische Auseinandersetzung handelt, um die Trennungslinie zwischen »schwul« einerseits und »Skinhead« andererseits. Ein schwuler Mann, der sexistische Sprüche gegenüber Frauen reißt, gehört zwar einer unterdrückten Minderheit an, ist aber in erster Linie ein Sexist.

Der CSD e.V., der Organisator des Kommerz-»European Lesbian and Gay Pride« (ELPG) auf der traditionellen Kudammroute, hat ein »Klärungsgespräch« mit der GSM geführt, an dem auch Heteroskins von SHARP und Oi'reka sowie die SI (Schwule Internationale) und die Allgemeine Homosexuelle Aktion (AHA) teilnahmen, KritikerInnen der GSM waren zu dem Gespräch nicht eingeladen. Danach gab ein Teilnehmer dieser Gesprächsrunde bekannt: »Ich kann es schon vertreten, daß die beim ELPG teilnehmen.(...) Das ist auch der breite Konsens nach dem Gespräch.« Es sei »der Schritt zur Integration«. Zudem »können wir es uns nicht leisten, eine Gruppe auszugrenzen, denen gegenüber wir Vorurteile hatten und revidieren mußten«.

Auch die Polizei hatte sich zwischenzeitlich in die Auseinandersetzung eingeschaltet. Der für Lesben- und Schwulenfragen zuständige Beamte kündigte in inoffiziellen Gesprächen an. Waffenkontrollen bei den DemoteilnehmerInnen vornehmen zu wollen und den Skinheadblock durch Polizeibeamte zu begleiten. Die DemoorganisatorInnen dürften laut Polizei, niemandem die Teilnahme an der Demo verweigern. Das Aktionsbündnis Internationaler Christopher Street Day, die Organisatorinnen der »Internationalen Lesben- und Schwulendemo gegen Rassismus, Sexismus, Faschismus und Antisemitismus« beharrte auf seiner Position den Skinheadblock auf seiner Demo nicht zu dulden.

Viel Wind um nichts?

Der GSM-Block auf der »European Lesbian and Gay Pride"-Demo bestand nach Augenzeugenberichten aus circa 8-10 Leuten (auf der Demo des Aktionsbündnisses wurde 1 GSM-Anhänger gesichtet). Sie trugen ein Transparent »Skinheads gegen Rassismus« und verteilten SHARP-Literatur. Die Veranstaltung des CSD e.V. in der Wuhlheide wurde vorzeitig abgebrochen, weil sich an demselben Abend nach unterschiedlichen Angaben 50, laut taz 500 Rechtsradikale und Neonazis auf demselben Gelände zu einem »Liederabend« versammelt hatten. Die Polizei hatte der Veranstaltungsleitung mitgeteilt, sie könne nicht mehr die Sicherheit auf dem gesamten Gelände gewährleisten. Zu Zwischenfällen sei es jedoch nicht gekommen (taz 28.6.93). Nach wie vor sollte man der »Gay Skinhead Movement« die Chance geben, zu den ihnen bekannten Problemen eindeutige Standpunkte zu formulieren. Ihre bisherigen Aussagen sind schwammig und können zur Klärung der Situation nicht viel beitragen.

Nachtrag:

Der Artikel hat in der Redaktion für kontroverse Diskussionen gesorgt. Da wir uns auf kein gemeinsames Ergebnis einigen konnten, den Artikel aber nicht einfach aus dem Heft nehmen wollten, folgt hier die Stellungnahme eines Teils der Redaktion: Der Artikel basiert auf der Aussage, daß es die Pflicht sämtlicher Skinheads ist, sich mehr als andere Leute von rassistischem und faschistischem Gedankengut zu distanzieren. Dabei unterstellt er in einer Denkweise, die in der Linken und auch in der restlichen Bevölkerung sehr weit verbreitet ist, Skinheads seien für viele der stattgefundenen und stattfindenden Übergriffe und Pogrome verantwortlich. Das aber widerspricht der Realität des Jahres 1993. Der Anteil von Neonazi-Skinheads unter den Mörder(inne?)n und BrandstifterInnen ist bei genauerem Hinsehen ziemlich gering. Für diesen Teil der Skinhead-Szene sollten wir ab jetzt den von antirassistischen Skinheads geschaffenen Begriff »Boneheads« verwenden, damit die Unterschiede auch in der Wortwahl deutlich werden. Nur weil die bürgerliche Presse immer wieder vom Feindbild »Skinhead« schreibt, die ihrer Meinung nach für die Pogrome von Rostock, die Brandstiftung von Solingen usw. verantwortlich sind, ist das noch lange nicht so. U.a. ihr fehlt das Wissen um die Geschichte der Skinheads, die eine Kultur darstellen, die untrennbar mit »Schwarzer« Musik wie Ska, Reggae und Soul zusammenhängt. Geht man zum Ursprung der Skinheads zurück, so ist es ein Widerspruch, wenn sich die Boneheads jetzt rassistisch gebärden. Diese Leute immer wieder als »Skinheads« zu bezeichnen widerspricht dieser Tatsache und diffamiert damit die Menschen, die die Tradition dieser Skinheads ernst nehmen und nach dieser leben.