(Symbolfoto von molofoto; CC BY-NC 2.0; flickr.com)
Diskussion | AIB 45 / 4.1998 | 12.12.1998

Antifa heißt erstmal gar nichts

Liebe Leserinnen und Leser, eine Gruppe namens »Germany is our problem« bat uns, die folgenden kritischen Betrachtungen aus anti-deutscher Perspektive, die sicher in vielem nicht der Redaktionsposition entsprechen, zu veröffentlichen. Da wir den Beitrag für eine gute Diskussionsgrundlage zu diesem kontroversen Thema halten, drucken wir ihn ungekürzt und ohne redaktionelle Veränderungen ab. Der Forderung, die Linke solle an internationalen emanzipatorischen Diskursen partizipieren (also: teilnehmen), können wir uns nur anschließen. Die Redaktion

Gastbeitrag von »Germany is our problem«

Über Antifa wird derzeit viel geschrieben. Nicht verwunderlich, sind doch die FaschistInnen1 derzeit im Aufwind. Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt hat sich ausdrucksvoll ihr Potential unter Beweis gestellt. Und in den fünf neuen Bundesländern wird ihnen oft eine »subkulturelle Hegemonie unter Jugendlichen« bescheinigt. Was aber ist eigentlich Antifa?

Antifa ist erstmal nicht mehr als ein Anti-Begriff, der von verschiedenen Gruppen ganz unterschiedlich interpretiert wird. Für eine gewisse bundesweite Organisation ist er mobilisierendes Element eines sonst eher K-Gruppen-ähnlichen Politikverständnisses; für andere bedeutet er Recherche, verfassungsschutzähnliche Faktensammlung und möglichst jede/n Fa in jeder Lebenslage abzulichten, für wieder andere ist er der kleinste gemeinsame Nenner in Sachen Bündnispolitik - Hauptsache gegen Nazis halt. Die Vielfalt zeigt: Antifa ist beliebig füllbar. Nur einen Aspekt enthält er selten, nämlich eine gesellschaftliche Analyse. Darin besteht ein entscheidender Unterschied zu anderen Antis: Anti-Rassismus und Anti-Patriarchat ließen sich zwar auch als reine Worthülsen gebrauchen (und werden leider auch oft in dieser Form genutzt), zweifellos gibt es aber weit mehr Antiragruppen und FrauenLesben-Zusammenhänge2 , die sich mit den Begriffen Rassismus und Patriarchat ausinandersetzen, als Antifas, die ein fundiertes Faschismusverständnis haben. Dieses Phänomen ließe sich als AntifaschistInnen ohne Antifaschismus beschreiben. Einfach gegen Nazis sein reicht eben, einen inhaltlichen oder gar theoretischen Diskurs gibt es in der Antifa-Bewegung entsprechend nicht. Stattdessen gilt: »Antifa heißt Angriff«, also militante Praxis, Gelaber stört nur. Daher kann nicht verwundern, daß die Antifa hauptsächlich eine Männerdomäne ist und schon immer war.3

Die wenigen Ansätze theoretischer Art lassen sich schnell zusammenfassen: Ein plakativ-dimitroffsches »Hinter dem Faschismus steht das Kapital« auf der einen Seite, während auf der anderen Seite die FaschistInnen zu Geistern werden, die staatlicherseits gerufen wurden, jetzt aber nicht mehr loszubekommen sind. Beide Interpretationsmuster haben eines gemeinsam: Sie abstrahieren von den Fa-AkteurInnen auf diffuse Termini wie das Kapital oder den Staat. Mit gesellschaftlicher Analyse hat das nichts zu tun, nur mit dem Aufwärmen alter Konzeptionen. Einerseits der KP-Tradition, die am liebsten alles nebenwiderspruchsfrei auf die Klassenkonstellation im bürgerlichen Kapitalismus zurückführen möchte und damit auch die Shoa als Folge ökonomischer Interessen interpretieren muß, andererseits jene Tendenz, die sich selbst als »Antiimperialismus« bezeichnet hat. In dieser Konzeption werden Faschistinnen zu Marionetten eines das Böse verkörpernden Staatsapparates, dessen Widerpart angeblich die Gesellschaft darstellt. Die Lösung des Problems wird folglich in einem breiten gesellschaftlichen Bündnis gegen Nazis gesehen, in der vagen Hoffnung, davon ausgehend auch den »Strategen der Inneren Sicherheit« - der Verkörperung des Staates - den Garaus machen zu können.

Dabei wird vor allem eines übersehen: Daß die FaschistInnen erstmal gewöhnliche Deutsche sind. Als solche sind sie Ausdruck des gesellschaftlichen Klimas und nur Spitze des Eisbergs. Leute, die augenscheinlich nicht in die »rassischen« Schemata des »Deutschseins« passen, erfahren tagtäglich, was das bedeutet. Sie werden angestarrt oder mißachtet, verbal oder physisch angegriffen, ihr Recht auf Leben wird von einem Großteil der deutschen Gesellschaft negiert. Dies ist nur bedingt eine neue Entwicklung. Schon in den siebziger und achtziger Jahren ließ sich in den Medien und an den Stammtischen die Dominanz eines rassistisch-determinierten Diskurses feststellen, der sich aber erst ab 1989 zugunsten rechter oder gar nationalsozialistischer Parteien manifestierte. Deren Wahlpotential fühlte sich damals noch von anderen Volksvertretern bestens repräsentiert. Wie vielfältig der rassistische Mob ist, zeigt eine Betrachtung der Erststimmenvoten der DVU-WählerInnen in Sachsen-Anhalt: 23 % PDS, 22 % SPD, 20 % CDU, 9 % FDP, 3 % Bündnis 90/Grüne.

Geleugnet werden soll hier aber nicht, daß es qualitative Veränderungen gibt: Momentan gebärdet sich der Mob wesentlich selbstbewußter, bedingt durch den nationalistisch-chauvinistischen Aufschwung mit der sogenannten »Wende«. Bezeichnenderweise wirkt das neu entflammte großdeutsche Selbstbewußtsein zugleich potenzierend auf eine antifeministische Grundtendenz zurück, ohne natürlich dafür verursachend zu sein.

Die aktuelle Entwicklung als Ergebnis eines von Medien oder einem nicht weiter bestimmten Staatsgebilde angestimmten Diskurses zu sehen, ist in unseren Augen falsch. Wer von FaschistInnen in Deutschland oder von Nationalsozialismus spricht, sollte von Deutschland selbst nicht schweigen.

Historisch zeichnet sich dieses Land durch einen Sonderweg aus: Eine bürgerliche Revolution hat es auf deutschem Boden nie gegeben, das bürgerlich-kapitalistische Wirtschaftssystem hielt nur durch einen feudal-aristokratisch geprägten autoritären Etatismus auf den Pickelhauben des preußischen Militarismus Einzug. Entsprechend formierte die deutsche Nation sich nicht als bürgerlich-modern aufgeklärtes, sondern als antimodernistisch-ständisches rassistisch-exklusives Moment. Ein gewisser bärtiger Patriarch mit Namen Karl Marx analysierte das seinerzeit zwar richtig, folgerte daraus aber, daß in Deutschland eine proletarische Revolution erfolgen müsse, ohne ihr bürgerliches Pendant abzuwarten.

In den vergangenen 130 Jahren hat sich an Deutschlands Gesellschaft wenig geändert. Wie die Sozialdemokratie 1918 die bürgerliche Revolution von oben durchzudrücken versuchte (die KPD spielte ja nicht mit, weil sie getreu Marx gleich zur Diktatur des Proletariats übergehen wollte), favorisierten auch die Westalliierten nach 1945 einen etatistischen Ansatz mit ökonomischer Unterstützung zur Zivilisierung Deutschlands, während in der DDR ein wahrhaft preußischer Sozialismus etabliert wurde. Somit findet sich in Deutschland keine bürgerliche Gesellschaft im eigentlichen Sinne: Der Nationenbegriff ist rassistisch-exklusiv determiniert, Antikapitalismus in der Regel antimodernistisch statt modernistisch begründet (worin sicher auch die Ursache für die »Revolutionsromantik« deutscher Antiimps und teilweise der Autonomen zu suchen ist) und der Glaube an staatliche Regulierung im sozialen Bereich ist tief verwurzelt.

Für einen bündnispolitischen Ansatz auf der Grundlage eines vermeintlichen gemeinsamen Nenners Humanismus fehlt damit in Deutschland jegliche Substanz. (FN: Nicht ganz unbegründet überließ die radikale Linke 1992/93 das pseudo-Lichterketten-Getue denjenigen, die sich um Deutschlands Ansehen in der Welt sorgten.) Natürlich ist linke Bündnispolitik zunächst nur taktisch und keineswegs inhaltlich begründet. Gerade deshalb halten wir aber eine breitgefächerte Bündnispolitik für gefährlichlich. Sich mit ganz gewöhnlichen deutschen RassistInnen gegen die Nazis zu formieren ist mehr als zweifelhaft. Ein Teil jener vermeintlich antifaschistischen Bündnisse, die in München, Passau und Leipzig auf die Straße gingen, würden sich wohl ohne weiteres auch gegen eine geplante Unterbringung von MigrantInnen mobilisieren lassen, weil es ihnen in erster Linie um die Verteidigung »ihres Ortes«, ihrer feudalistisch-ständischen Vorstellung von Lebenswelt, geht. Bündnisse sollten entsprechend nicht primär gegen die NPD oder sonst eine rechte Gruppierung abzielen, sondern sich gegen den rassistischen deutschen Normalzustand formieren.

Antifaschismus in Deutschland müßte damit vor allem Kampf dem Deutschtum, Kampf den gegenwärtigen deutschen Zuständen bedeuten. Nicht etwa den Versuch, mit der Gesellschaft zusammen ein paar Stiefelnazis zu marginalisieren und gleichzeitig den rassistischen Konsens in diesem Land unangetastet zu lassen. Andererseits aber auch nicht das exklusiv-rassistische Deutschtum ähnlich wie die Dominanz patriarchaler Herrschaftsmechanismen auf einen »Nebenwiderspruch« in der Geschichte der Klassengesellschaften zu reduzieren, der mit der proletarischen Revolution schon irgendwann obsolet werden würde.

Mit einem solchen Verständnis von der deutschen Gesellschaft wird »der Antifaschismus« keineswegs seiner politischen Grundlage beraubt. Obwohl es natürlich zweifellos die verkrampfte Suche nach einem breiten »humanistisch-antifaschistischen« Bündnis in Deutschland zu einem illusionären Wunschdenken degradiert.

Daraus ergibt sich vielmehr die Chance für einen neuen Ansatz: Eine politische Perspektive nicht innerhalb der deutschen Gesellschaft, sondern gegen sie zu suchen. Dazu muß sich Deutschlands Linke endlich einmal selbst von ihrer bisherigen Bodenständigkeit lossagen, internationale emanzipatorische Diskurse wahrnehmen und an ihnen partizipieren. Angesichts der fortschreitenden Globalisierung der Produktivkräfte wird sich ein auf den nationalen Rahmen bezogener Politik-Ansatz sonst früher oder später in die antimodernistisch-kulturpessimistische Richtung entwickeln - nicht nur in Deutschland, aber dort besonders stark.

  • 1. Wir benutzen auch hier einen geschlechtsneutralen Ausdruck, weil es ja durchaus auch Faschistinnen gibt, auch wenn diese eine Minderheit darstellen. Aber sonst ließe sich auch nicht mehr von AntifaschistInnen sprechen, weil dort der Männeranteil ähnlich hoch ist.
  • 2. Wir denken keineswegs, daß nur FrauenLesben-Zusammenhängen die Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen und Verhaltensweisen obliegt, halten es aber für ein trauriges Faktum, daß gemischte Gruppen dies äußerst selten thematisieren.
  • 3. Wir erlauben uns an dieser Stelle einen Hinweis auf den Beitrag zur Antifa Westberlin in der "radikal" Nr. 139, der zwar knapp neun Jahre alt, aber nach wie vor aktuell ist (bis auf das »West«).