Rezensionen | AIB 118 / 1.2018 | 27.06.2018

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Manja Präkels

Manja Präkels Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ spielt in ihrer Heimatstadt Zehdenick (Brandenburg/Oberhavel). Er handelt vom Leben in der Provinz, der Neonazidominanz der Nachwendezeit und dem Alltag von denjenigen, die dort als „Zecken“ wahrgenommen wurden. Kein rein fiktiver Roman, sondern einer, der die Realitäten dieser Zeit beschreibt und den Mord an Ingo Ludwig thematisiert.

Der Roman streift Themen und Personen, die unseren LeserInnen vertraut sein sollten — vergessene Opfer von Neonazigewalt, die nunmehr etablierten Neonazischläger der „Wendejahre“, Alexander Gauland (Hiero­nymus Gaul) und Nazikriegsverbrecher Heinz Barth (Obersturmbannführer Brüning). Es geht um die „Neonazigeneration Hoyerswerda“ und um die  Gejagten, die sich Schleichwege überlegen müssen, um unbeschadet von einem Ort zum anderen zu kommen.

Der Plot ist schnell erzählt: Mimi ist die Ich-Erzählerin des Buches, Mimi und Oliver sind Nachbarskinder, Oliver wird eine lokale Neonazigröße. Die Stadt teilt sich auf zwischen Neonazis und Nicht-Neonazis. Die Neonaziszene bringt die Kleinstadt weitestgehend unter ihre Kontrolle. Wobei es nicht nur um den lokalen Drogenmarkt und Kleinkriminalität geht: wer nicht ins Bild passt wird zum Feind. Die Gewalt trifft viele: Subkulturelle, Alternative, Homosexuelle und alles „Nichtdeutsche“. Eines ihrer Opfer ist „Krischi“ (an Ingo Ludwig angelehnt), der bei einem Neonazi-Überfall stirbt. Die Autorin ruft hier eines der vielen unsichtbar gemachten Opfer rechter Gewalt in Erinnerung, dessen Tod erstaunlich schnell als Unfall gedeutet wurde.

Für Furore sorgte das Buch als „Gegenstück“ zum Reportageroman „Deutschboden“, der „junge Männer“ aus Zehdenick ihre Geschichten erzählen lässt. Es sind die „Jäger und Angstmacher“ jener Jahre, die Sicht der Gejagten wird dort nicht erzählt. Zur politischen Realität gehörten seinerzeit Über­fälle auf Dorfdiskos, wenn dort „Zecken“ auftauchten. 1992 erlebt die Autorin als 16-Jährige einen solchen Überfall — Ingo Ludwig wurde dabei totgetreten. Im Polizeibericht hieß es: „Am vergangenen Sonntag kam es in Klein-Mutz in der Gaststätte ‚Wolfshöhle‘ zu einer Auseinandersetzung, die tödlich endete. Der 18-jährige Ingo L. aus Grüneberg trug Verletzungen im Gesicht, am Hals und am Körper davon. Der zu Hilfe gerufene Arzt stellte gegen 1:20 Uhr den Tod fest. Als Ingo L. am Boden lag, versetzte Oliver Z. ihm mehrere Fußtritte. Er trug sogenannte ‚Doggs‘, Schuhe mit Eisenspitzen.“

Ludwig tauchte nie als Opfer rechter Gewalt in den Statistiken auf. In der Antwort auf eine Bundestagsanfrage wurde vom Verfassungsschutz ein (Tat?)Zeuge zitiert der einen Unfall beschreibt: Ingo Ludwig sei von der Treppe gestürzt, die jungen Leute hätten noch versucht ihm zu helfen. Die Autorin weiß: „(...) Wenn man die drei flachen Stufen der Dorfkneipe vor Augen hat und die Pogromstimmung jener Jahre in den Knochen, zerfällt die Geschichte“.

Als die Bran­denburger Landesregierung die politischen Morde der frühen 1990er Jahre untersuchen ließ, waren die Akten bereits vernichtet. Die Tat ist nunmehr als Verdachtsfall in der Statistik. Von den Tätern saß keiner im Gefängnis. Der Hauptverdächtige Oliver Z. aus Zehdenick wurde nach drei Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen, es blieb bei einer Bewährungsstrafe, was seinem Ansehen in der Kleinstadt nicht schadet. Über einen Deal mit den Sicherheitsbehörden wurde gemunkelt, er wäre nicht der einzige Neonazi in Brandenburg, der nach einem Mord(versuch) angeworben wurde. Von den etwa 100 Zeug_innen des Überfalls trat keiner an die Öffentlichkeit. 2013 war Oliver Z. auf der Homepage eines Jugendclubs zu finden: als Vorsitzender des Trägervereins. Der Roman ist beklemmend aktuell.

Manja Präkels:
Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Verbecherverlag, Berlin 2017, 232 Seiten
ISBN: 9783957322722
20,00 Euro