Antifa | AIB 107 / 2.2015 | 03.08.2015

„Wir wollen eine andere Art des Denkens förden“

Interview mit der Redaktion des linken Magazin „Margina“

Seit wann gibt es „Margina“ und aus welcher Motivation und politischen Situation heraus habt ihr euch entschieden, ein antifaschistisches Magazin zu publizieren?

Mit „Margina“ haben wir Mitte 2013 begonnen und bisher vier Ausgaben herausgebracht. Das Heft erscheint zweimal pro Jahr. Die Idee einer Zeitschrift gab es unter uns, die schon länger in unterschiedlichen Projekten aktiv waren, seit einiger Zeit. Zuvor hatten wir immer wieder verschiedene einzelne Publikationen zu Themen wie Geschichtsrevisionismus, antifaschistisches Erbe oder Perspektiven linksradikaler Organisierung im ehemaligen Jugoslawien usw. gemacht. „Margina“ ist allerdings nicht nur ein antifaschistisches Magazin, sondern behandelt auch viele andere Themen.

Was sind eure thematischen Schwerpunkte?

„Margina“ ist ein Magazin, dass sich mit kriti­scher Theorie, Philosophie, Geschichte, alternativer Kultur und Jugendsubkulturen beschäftigt.

Wer sind die Herausgeber_innen und wie seid ihr organisiert? Ein Redaktionskollektiv? Eine Antifagruppe? Ein Verein? Angegliedert an eine Partei?

Wir sind als Herausgeber in der Gruppe „Alternative Kulturorganisation“ (AKO) organisiert und bringen die Zeitung darüber heraus.  Die AKO ist eine Gruppe, die seit einem Jahrzehnt besteht und sich mit den selben Themen beschäftigt, wie „Margina“.  Im Laufe der Jahre haben wir uns mit Fragen wie der Klerikalisierung des Landes, Geschichtsrevisionismus und der extremen Rechten in Serbien bzw. im ehemaligen Jugoslawien, Sozialtheorie und verschiedenen Aspekten der Jugendarbeit befasst. In dem Rahmen haben wir eine Vielzahl von Projekten, Konferenzen, Workshops und Seminaren organisiert. Natürlich prägte uns von Anfang an ein linkes, antifaschistisches Weltbild und die Ablehnung des rechten und nationalistischen, geistigen Klimas, das alle Aspekte der serbischen Gesellschaft der letzten 25 Jahre durchzieht. Alle Mitwirkenden der „Margina“  sind eng mit der lokalen antifaschistischen Bewegung verbunden. Was politische Parteien in Serbien angeht, haben wir keinerlei Nähe zu irgendeiner davon. Kurz gesagt, „Margina“ wird nur von den Menschen, der Redaktion und Mit­arbei­ter_innen und gelegentlichen Autor_innen, veröffentlicht. Die Finanzierung erfolgt über die AKO, die für das Magazin Projektmittel beim Ministerium für Jugend und Sport der Autonomen Provinz Vojvodina (nördliche Region von Serbien) beantragt hat.

An welche Zielgruppe wendet ihr euch und was ist die geografische Reichweite des Blattes?

Das Magazin ist grundsätzlich thematisch so ausgerichtet, dass es einen sehr weiten und spektrenübergreifenden Teil der Bevölkerung ansprechen soll, der bereits irgendeine Form von progressiver, linker politischer Ansicht vertritt oder solchen Ideen zumindest nahesteht. Die einzelnen Ausgaben beinhalten immer wieder auch Artikel, die sich an ein eher akademisches Publikum richten, das sich zum Beispiel mit Sozialwissenschaften beschäftigte, aber auch politische Aktivist_innen und junge Menschen aus Subkulturen (insbesondere die Punk-Szene) sind Teil unserer Zielgruppe.
Die Region des ehemaligen Jugoslawiens ist, trotz aller bisherigen Bemühungen der Nationalisten, ein gemeinsamer Kulturraum aufgrund der gemeinsamen Sprache. Deswegen können wir in all diesen Ländern nicht nur verstanden werden, sondern haben uns das Ziel gesetzt, alle Menschen, die links orientiert sind oder solchen Ideen nahestehen, hier in der Region zu erreichen. Auch weil es einen chronischen Mangel an alternativen Medien im Raum des ehemaligen Jugoslawien gibt.

Steht ihr vor besonderen Problemen aufgrund der Zersplitterung der Region und dem starken Nationalismus in den jugoslawischen Nachfolgestaaten?

Auf uns als Redaktion hat Nationalismus keinerlei Einfluss, abgesehen von der Tatsache, dass er ständiger Gegenstand unserer Kritik ist. Durch die Arbeit an dem Maga­zin versuchen wir, mehr Menschen aus den anderen post-jugoslawischen Staaten, die wir aus der lokalen Aktivist_innen-Szene kennen, zusammenzuführen und die Verbindungen zwischen den freidenkenden Menschen in der Region zu stärken. Wir sind der Meinung, dass der Kampf gegen Nationalismus einer der wichtigsten in unserer Gesellschaft ist. Der Nationalismus ist immernoch die Wurzel allen Übels in der Balkanregion.

Margina heißt übersetzt Rand und Grenze. Warum habt ihr euch für diesen Namen entschieden?

Die Geschichte zu unserem Namen ist ähnlich wie die von vielen Punkbands, die ihren ersten Gig planen aber noch keinen Namen haben und sich bis kurz vor dem Auftritt darüber den Kopf zerbrechen. So war es auch bei uns.

Wir glauben, es ist der geeigneteste Name für die inhaltlichen Positionen, die wir unter den aktuellen lokalen und globalen sozioökonomischen Umständen in unserem Heft vertreten. Denn in der heutigen Gesellschaft ist jeder, der auf die Stärkung der extremen Rechten, auf die Ursachen der globalen Wirtschaftskrise und die großen Unterschiede bei der materiellen Verteilung unter den Menschen hinweist, an den Rand gedrängt. Jeder, der die vielen Fragwürdigkeiten der modernen Welt einer kritischen Überprüfung unterzieht, ist an den Rand gedrängt. Deshalb wollen wir mit dem Magazin eine andere Art des Denkens fördern, anders als die dominante, d.h. die offizielle Form, aber ohne falsche Illusionen hinsichtlich unseres Versuchs.

Ist das Projekt international mit anderen linken Medien oder auch Aktivist_innen vernetzt? Bzw. haltet ihr einen kontinuierlichen Austausch mit internationalen Projekten wie dem AIB für sinnvoll? Wie könnte der aussehen?

Ja, es gibt eine Kooperation mit Aktivist_innen und Autor_innen aus unserer Region, und auch aus anderen Teilen Europas. Einige von ihnen sind regelmäßige Autor_innen in der „Margina“. Ein konstanter Austausch oder eine Kooperation mit ähnlichen Maga­zinen im Ausland existiert derzeit nicht. Aber wir sehen natürlich, dass solche Formen der Kooperation von beiderseitigem Nutzen sind.

Trotz der heutigen globalisierten Welt, hat jede Gesellschaft ihre eigenen lokalen Besonderheiten. Das Wissen darum ist notwendig für ein besseres Verständnis der Prozesse und gesellschaftlichen Konflikte. Die Strategien des antifaschistischen Kampfes und der Kampf für soziale Gerechtigkeit hängen sehr stark von diesen lokalen Besonderheiten ab. Aus unserer Erfahrung können Strategien oft nicht eins zu eins von einer Gesellschaft zur anderen übertragen werden. Was in Deutschland funktioniert, geht nicht unbedingt in Serbien, und umgekehrt. Wir denken, dass Zeitungen wie die unseren neben einem Austausch von Artikeln über lokale Probleme, auch weitergehend zusammenarbeiten könnten, indem wir Dialoge über breitere theoretische und ideologische Themen öffnen, die notwendiger denn je für eine globale Linke sind.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Glück!
Macht eure fantastische Arbeit weiter!

Kontakt: marginacasopis@gmail.com