Rezensionen | AIB 106 / 1.2015 | 12.04.2015

„Nicht nichts machen“

Nils Schuhmacher

Der wissenschaftliche Charakter dieser Dissertationsarbeit mag dazu beitragen, dass das Buch etwas schwieriger zu lesen ist. Dennoch ist die vorgelegte Exploration des informellen Teilbereichs von Antifa-Politik eine interessante Lektüre. Der Autor verfolgt in seiner Studie den Anspruch, das politische Handeln kollektiver Akteure aus deren Binnenperspektive heraus zu untersuchen.

Am Anfang des Buches wird mit der Darstellung der Entwicklung des autonomen Antifaschismus in den 1980er Jahren bis in die Gegenwart in das Thema und die vorliegende Forschungsliteratur eingeführt. Im zweiten Teil des Buches werden die empirischen Ergebnisse der auf Interviews mit Antifas beruhenden Studie vorgestellt. Daran schließt sich eine theoretische Deutung dieser Ergebnisse an. Schuhmacher spitzt diesen Teil auf vier Hypothesen zu. In diesen zeichnet er die Entstehungsumstän­de des autonomen Antifaschismus und des­sen Scheitern am Ende der 1990er Jahre aus der Perspektive der daran Beteiligten nach. Schuhmacher arbeitet anschließend ein differenziertes Bild antifaschistischer Politik in der gegenwärtigen BRD zwischen „rebellisch subversiver Inszenierung“ und Professionalisierung heraus.

Die Studie basiert auf 20 qualitativen Interviews mit Antifaschist_innen im Alter von 16 bis 30 Jahren. Die Befragten kamen dabei aus unterschiedlichen Kontexten von Klein-, Mittel- und Großstädten in Ost- und Westdeutschland und sind in verschiedenen Gruppenstrukturen organisiert (gewesen). Dargestellt wird ein Spektrum von Organisierungsformen, das von eher losen kleinstädtischen, antifaschistischen Cliquen und Szenen bis zu großstädtischen, festen Gruppen, mit arbeitsteiliger AG-Struktur reicht.

Die große Stärke dieses Buches liegt darin, Antifa aus der Binnenperspektive aktiver Antifaschist_innen heraus zu untersuchen. Unterscheidungen inhaltlicher Verständnisse von eigenem Handeln und Formen der Organisierung werden aus der Praxis der verschiedenen Gruppen heraus rekonstruiert. Das Buch liefert damit eine fundierte Innenansicht auf die verschiedenen Facetten von Antifa in der BRD.

Wiederfinden lassen sich in der Studie u.a. Positionen der Debatte um eine Krise der Antifa wie sie zuletzt im Sommer 2014 geführt wurde. Dabei wird weder eine Einschreibung von Antifa in eine bestimmte historische Tradition (Siehe Rezension Bernd Langer in AIB 105) vorgenommen, noch im Sinne einer Streitschrift Stellung zu den unterschiedlichen Facetten gegenwärtiger antifaschistischer Praxis in der BRD bezogen. (Siehe: Rezension Susann Witt-Stahl; Michael Sommer in AIB 105) Schumacher untersucht das Feld antifaschistischer Politik vielmehr aus einem analytischen Blickwinkel. „Nicht nichts machen“? erlaubt es Leser_innen daher sich noch einmal aus einer anderen Perspektive mit den vergangenen und fortlaufenden Diskussionen um Antifa auseinanderzusetzen. Gerade dies macht das Buch zu einer lesenswerten Lektüre. 

Nils Schuhmacher:
„Nicht nichts machen“?
Selbstdarstellungen politischen Handelns in der autonomen Antifa,

301 Seiten, 19,90 EUR, Düsseldorf, 2014