Joshua Kwesi Aikins und Christian Kopp bei einer Führung für die Nama und Herero, die 2011 die Gebeine ihrer Vorfahren aus Berlin zurückholten | Foto: J.Zeller).
Geschichte | AIB 107 / 2.2015 | 24.09.2015

„Heute schauen weitaus mehr Menschen über den nationalen Tellerrand“

Vor 130 Jahren, von November 1884 bis Februar 1885, trafen sich Vertreter von 13 europäischen Staaten, den USA und des Osmanischen Reiches zur Berliner Afrika Konferenz, auf der die koloniale Aufteilung des afrikanischen Kontinents besprochen wurde. Wir nahmen den Jahrestag zum Anlass, um mit Mnyaka Sururu Mboro & Christian Kopp vom Verein 'Berlin Postkolonial' über die Afrika-Konferenz, den Umgang der Bundesrepublik mit seiner kolonialen Vergangenheit und über Interventionen antirassistischer Initiativen zu sprechen.

Ihr beschreibt auf eurer Homepage, dass einer der Ausgangspunkte für eure Arbeit der 120. Jahrestag der Berliner-Afrikakonferenz in 2004/05 gewesen ist. Welche Bedeutung hat die Berliner Afrika-Konferenz für die europäische Kolonialgeschichte?

Die Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 ist ohne Zweifel ein absolut bedeutsames Ereignis der Weltgeschichte. Doch während hier bis 1945 eher stolz auf Deutschlands maßgebliche Rolle dabei verwiesen wurde, will man sich seitdem nicht mehr daran erinnern. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Afrikas Herz — das riesige Kongobecken — wurde de facto zum Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II erklärt. Dessen verbrecherisches Ausbeutungsregime kostete circa 10 Millionen Menschen das Leben. Die Europäer einigten sich zudem untereinander auf „völkerrechtliche“ Regeln für die Annexion der weiten, bis dahin noch nicht kolonisierten Gebiete Afrikas. Dieses unerhörte Vorgehen wurde der Weltöffentlichkeit als eine Art gemeinsame europäische Entwicklungshilfe, konkret als „christliche Zivi­li­sierungsmission“ und „Kampf gegen den Sklavenhandel“ verkauft — den man selbst jahrhundertelang betrieben und gerade erst eingestellt hatte. Als „Berlin Conference“ ist das menschenverachtende und demütigende Schlüsselereignis heute jedem Grundschulkind in Afrika bekannt — nicht so in Berlin, wo eigentlich nur die Black Community eine aktive Erinnerung pflegt.

Im Vergleich zu Frankreich und England war im Deutschen Reich der Kolonialismus zu diesem Zeitpunkt ja noch sehr umstritten. Welche Relevanz hatte die Afrika-Konferenz für die damalige deutsche Politik und welche Rolle spielten machtpolitische Erwägungen des Reichskanzlers Otto von Bismarck?

Die innerdeutsche Skepsis gegenüber einer eigenen Beteiligung am Kolonialismus wird unserer Einschätzung nach überbewertet. Sicher, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts haben die Sozialdemokraten scharfe Kritik am deutschen Kolonialismus geäußert und Bismarck selbst hat die finanziellen und die außenpolitischen Konsequenzen kolonialer Politik für den deutschen Staat realistisch beurteilt. Dass er sich im Vorfeld und Nachgang der Berliner Afrika-Konferenz dennoch für eine kurze aber entscheidende Phase kolonialpolitisch engagierte, spricht aber eher für die Popularität einer deutschen Beteiligung am „Scramble for Africa“. Seit der 1848er Revolution und dann besonders nach der Reichsgründung 1870/71 mehrten sich die Stimmen politisch und wirtschaftlich einflussreicher Kräfte für eine aktive Welt- und Kolonialpolitik des Deutschen Reiches. Die gemeinsam mit Frankreich geplante Konferenz in Berlin wies die portugiesischen und britischen Kolonialambitionen in die Schranken und sicherte die internationale Anerkennung der deutschen Ansprüche im heutigen Namibia, Togo, Kamerun und Tansania. Das war keineswegs unpopulär.        

Aktuell organisiert ihr eine Fortbildungsreihe für Lehrkräfte zur deutschen Kolonialgeschichte. Welche Leerstellen seht ihr in den Berliner Lehrplänen und was sind die konkreten Ziele, die ihr mit den Fortbildungen verfolgt?

Wir haben in den letzten Jahren unzählige Führungen zu den Spuren des deutschen Kolonialismus im Berliner Stadtraum organisiert und dabei sowohl bei Jugendlichen als auch bei Lehrkräften große Wissens- und Bewußtseinslücken festgestellt. Verwundern kann das nicht, denn selbst der gerade diskutierte, neue Rahmenlehrplan für Berlin betrachtet den europäischen und deutschen Kolonialismus als exotisches Randthema. Er reduziert ihn auf die Vorgeschichte des 1. Weltkriegs, obwohl er lange vorher begann und bis heute große Auswirkungen hat. Mit unserem Projekt „Far, far away?“, das wir gemeinsam mit dem Institut für diskriminierungsfreie Bildung durchführen, wollen wir dort ansetzen und zum Dialog über den Kolonialrassismus anregen, der auch die europäischen Gesellschaften massiv geprägt hat. Gleichzeit wollen wir natürlich auf das Wie zu sprechen kommen, denn bei einer unreflektierten Thematisierung werden sprachliche und bildliche Kolonialrassismen ständig reproduziert. In den meisten Unterrichtsmaterialien werden Schwarze Menschen und People of Colour bis heute marginalisiert und diskriminiert.    

Was macht ihr neben den Workshops noch?

Wir sind seit Jahren gemeinsam mit migrantisch-diasporischen Selbstorganisationen, antirassistischen und entwicklungspolitischen Gruppen in mehreren Kampagnenbündnissen aktiv. Das Bündnis „Decolonize Mitte“ beispielsweise setzt sich für Dekolonisierung des Stadtraums in Berlin ein. Vor allem fordern wir eine Umbenennung der auf die Versklavung Schwarzer Kinder zurückgehenden „Mohrenstraße“ sowie der Lüderitzstraße, der Petersallee und des Nachtigalplatzes, die bis heute kriminelle Kolonialbegründer ehren. Hier wünschen wir uns eine Ehrung afrikanischer Persönlichkeiten. Bundesweit sind wir mit unserer Wanderausstellung „freedom roads! koloniale straßennamen | postkoloniale erinnerungskultur“ unterwegs. Dann engagieren wir uns bei „No Humboldt 21!“ gegen den Bau des neokolonialen Humboldt-Forums, in dem Berlin völlig schamlos seine im Kolonialismus angeeigneten Schätze aus aller Welt präsentieren will. Und schließlich sind wir bei der Kampagne „Völkermord verjährt nicht“ aktiv, die sich für eine offizielle Anerkennung des deutschen Genozids an den Herero und Nama sowie für eine bislang nicht erfolgte Entschädigung der dabei enteigneten Communities einsetzt.

Wie hat sich denn die Auseinandersetzung mit deutscher Kolonialgeschichte aus eurer Perspektive in den vergangenen Jahren entwickelt? Erlebt ihr eine zunehmende Resonanz auf eure Interventionen oder eure bildungspolitische Praxis oder lässt sich das so gar nicht sagen?

Hier können wir auf jeden Fall eine positive Bilanz ziehen. Im Zuge der Globalisierung gewinnt das Thema unübersehbar an Relevanz: Heute schauen weitaus mehr Menschen über den nationalen Tellerrand als vor 30 Jahren, die Kommunikationswege zwischen Nord und Süd sind kürzer und vor allem wächst Europas migrantisch-diasporische Community. Langsam aber sicher dringt das Thema auch in die Massenmedien und in die historisch-politische Bildungsarbeit vor und wir sind sicher, dass dieser Trend nicht mehr umkehrbar ist, auch wenn staatliche Institutionen das eher blockieren als unterstützen. Das Interesse an unseren Veranstaltungen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen, unsere Führungen sind sehr nachgefragt, jährliche Veranstaltungen wie der Berliner Gedenkmarsch für die afrikanischen Opfer des Kolonialismus, des Versklavungshandels und des Rassismus Ende Februar haben sich etabliert und werden von immer mehr Menschen besucht. 

In den vergangenen Jahren, seit der Selbstaufdeckung des NSU, aber auch mit der zunehmenden rassistischen Mobilisierung gegen Flüchtlingsunterkünfte, ist das Thema Rassismus medial wieder präsenter. Welche Rolle spielen aktuelle gesellschaftspolitische Debatten für eure Praxis? Versucht ihr diese mit der Auseinandersetzung um die deutsche Kolo­nialgeschichte zu verknüpfen?

Unser Fokus liegt auf der Berliner Kolonialgeschichte, aber natürlich hat der Kolonialismus erhebliche Konsequenzen für die Gegenwart, auch hier vor Ort. Zum einen gibt es weltweit postkoloniale Strukturen, Abhängigkeiten und Ungerechtigkeiten, die über den Kolonialismus hinaus bestehen blieben. Man denke nur an das moderne Landgrabbing global agierender Konzerne, an die anhaltende Ausbeutung von natürlichen und menschlichen Ressourcen im Globalen Süden durch die Länder des Nordens oder den Ausschluss von Refugees und Migrant*innen aus der Festung Europa. Deren Slogan „We are here because you were there“ bringt die Verbindung ja auf den Punkt. Aber auch die Geschichte des Kolonialismus selbst ist ganz aktuell. Beispielsweise werden bis heute hier in Deutschland die Gebeine von Menschen aus aller Welt, die im Kolonialismus entwendet wurden, für Forschungszwecke missbraucht: Die müssen den Nachfahren unbedingt zurückgegeben und würdig bestattet werden. Und auch Europas und Deutschlands Kolonialverbrechen sind mit Hinsicht auf die noch ausstehenden symbolischen und materiellen Reparationen natürlich ein Thema der Gegenwart. •

www.berlin-postkolonial.de | www.freedom-roads.de | www.decolonize-mitte.de | www.no-humboldt21.de | www.genocide-namibia.net