Antifa | AIB 62 / 1.2004 | 10.03.2004

»Wir passen nirgendwo so richtig rein«

»Kuhle Wampe« über Rocker und Politik

Rocker ist nicht gleich Rocker und so befragten wir Jürgen aus Marburg vom Motorradclub Kuhle Wampe, der im Jahr 2003 einer der drei BundesverbandssprecherInnen war. Der MC ist etwas untypisch für die Szene, da er sich neben der Motorradfahrerei auch allgemeinpolitischen Zielen widmet. Die mehr als 40 Clubs haben sich zu einem Verband zusammengefunden, jeder einzelne Club ist aber in der Art und Weise der Ausgestaltung seiner Aktionen weitestgehend autonom. Das geht von einem reinem Fahrclub oder Bikerclub bis hin zu Clubs, die der linken Szene sehr nahe stehen. Diese Unterschiede führen immer wieder auch zu Kontroversen, die innerhalb der Clubs aber konstruktiv ausgetragen werden. Bei dieser Vielfalt ist klar, dass unser Interviewpartner nicht für jedes einzelne Mitglied sprechen kann und will.

Seid ihr nun eigentlich Biker die politisch sind, oder seid ihr linke Leute, die gerne Motorrad fahren?

Jürgen: Es gibt bei uns Clubs, die sich der klassischen Biker-Szene sehr verpflichtet fühlen. Ich weiß von einem Club, der von sich selbst sagt: wir sind linke Rocker. Es gibt andere Clubs, die sagen, dass sie mit der ganzen Rocker-Szene gar nichts zu tun haben. Vielmehr sagen diese von sich, dass sie von ihrem Auftreten etc. eher einem „Motorradclub Sonnenschein“ ähneln. Nur wollen sich diese Clubs inhaltlich über das ausschließliche Motorradfahren hinaus bewegen. In diesem Spielraum bewegt sich Kuhle Wampe. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich auch das Auftreten. Manchen wollen einfach nur zusammen Motorrad fahren und tragen vielleicht mal ein gemeinsames Abzeichen. Und es gibt Biker, die sehen sich in der Tradition der Rocker-Szene und deren entsprechenden Outfit, also Kutten, Color etc.

Hattet ihr schon Probleme mit anderen Rockerclubs?

Also wir hatten sicherlich schon Probleme mit Rockerclubs, aber nicht explizit, weil wir linke und die rechte Clubs sind. Eher war es Ärger, weil es innerhalb der Rocker-Szene bestimmte Regeln gibt, wo wir nicht immer reinpassen. Es gab zwar schon Probleme die Gefahr liefen zu eskalieren, doch ist es unser Bestreben den Rockern klar zu machen, dass wir überhaupt nicht in ihrer Liga mitspielen wollen. Genau diesen Punkt haben wir bislang immer rüberbringen können und somit gingen diese Konfrontationen immer friedlich über die Bühne.

Wie stellt sich das Thema Rocker und Rechte für euch dar?

Das Thema »Rechte und Rocker« gibt es für uns eigentlich seit dieser Berliner Nazi-Rocker-Gang »Wotans Volk«. Das ist aber bald schon 15 Jahre her, aber da waren wir erstmals bei Demonstrationen mit derartigen Nazi-Rockern konfrontiert. Das Thema kreuzt seitdem immer wieder auf. Dass sich Nazis bei Rockerclubs organisieren ist aber vor allem privat immer wieder ein Thema. Man hört ja öfters, dass irgendwelche rechten Bands bei Rockerclubs auftreten und das assoziiert natürlich, dass man es bei diesen Clubs sofort mit organisierten Faschisten zu tun hat. Wobei ich diese Schlussfolgerungen eher bezweifle. Die Beschäftigung mit diesem Thema ist aber schwer, da es wenig Offizielles dazu gibt. Es gibt aber genügend individuelle Erfahrungen mit faschistischer Symbolik, wo wir dann während irgendeiner Aktion auf einmal feststellen: Ups, dass sind ja Nazis. Aber das passierte weniger auf einer politischen Schiene bzw. weil Nazis auf uns zugekommen sind, sondern weil wir in der Rocker-Szene mit Clubs konfrontiert waren bzw. sind, wo wir faschistische Symbolik etc. bemerkten.

Rückt nun eigentlich die Rocker-Szene nach rechts?

Die Rocker-Szene rückt meiner Meinung nach politisch nicht nach rechts. Vielmehr gibt es schon immer einen extrem hohen antiemanzipatorischen Hintergrund in der Rocker-Szene. Das legt z.B. nahe, dass man ganz schnell repressiv gegen andere Menschen vorgeht. Derartige »ideologische Schnittmengen« sehe ich weniger bei klassischen Themen wie Nationalismus etc., sondern eher bei Metadiskussionen wie »das Recht des Stärkeren«. Ich denke, dass ist bei beiden Seiten deckungsgleich, weswegen der Weg zu den Rockerclubs manchmal auch recht kurz ist. Ich sehe die Annäherung aber nicht in punkto Weltanschauung, sondern hier gleichen sich Basics. Was innerhalb einer klassischen Naziclique wie das Ausleben einer nationalistischen Mentalität aussieht, kann sich innerhalb eines MC in einer völlig seltsamen Tribe-Mentalität äußern.

Wie sieht es denn bei euch im Club aus? Wie gestaltet ihr euren Club emanzipatorisch?

Symbolik ist meiner Meinung nach der Grund, warum es einen linken Motorradclub gibt. So was macht ja einfach Spaß – gemeinsam auftreten, mit einem Patch nach außen erkennbar sein und offensiv seine Meinung vertreten. Ich denke, dass ist auch der Grund, warum ein Motorradclub auch für Linke attraktiv sein kann. Wir selber sehen uns natürlich schon als fortschrittlich denkender Verband. Das ist auch in unserer Grundsatzerklärung so definiert, dass sich das bei jedem Club, egal was er dann für Schwerpunkte hat, widerspiegeln muss.

Wir geben jedem Mitglied die Möglichkeit, sich zu eigenen Positionen oder zu Verbandsbeschlüssen zu engagieren, solange sich alle Aktivitäten in der Grundsatzerklärung widerspiegeln. Es gibt verschiedene Felder, wo dies geschehen kann z.B. die klassische Politik. Aber man darf ja nicht vergessen, dass bei uns viele Motorrad fahren, weswegen natürlich Verkehrs- und Umwelt­politik wichtige Themen sind. Das waren bei uns immer wichtige Themen. Häufig vertreten wir Meinungen, die kontrovers zur Masse der Motorradfahrenden sind, etwa bei Gesetzes­änderungen, wo viele nur ihre eigenen Interessen im Blick haben. Wir sagen z.B. schon, dass wir für leise Motorräder sind, wo ein richtiger Biker eine richtige Krise kriegt. Eine Harley Davidson ohne gescheiten Sound ist eben nur ein halbes Fahrzeug.

Rockerclubs gelten ja gemeinhin als Männerladen. Wie sieht euer emanzipatorischer Ansatz nun praktisch aus?

Da gibt es eine nette Anekdote. Der Mainzer Kuhle-Wampe-Club machte letztes Jahr auf dem Open-Ohr-Festival, einem Kleinkulturfestival mit politischem Anspruch, einen Stand. Irgendwann wurden wir dann mal von einigen Frauen etwas hart angegangen, was wir denn als MC dort machen würden. Das sei ja wohl das allerletzte, weil da ja keine Frauen mitmachen dürften und so weiter. Da haben wir bloß noch gemeint: »Entschuldigung, zur Not nehmen wir auch Männer auf«. Da waren sie ein bisschen baff. Aber Spaß beiseite, wir werden immer wieder damit konfrontiert. In der Grundsatzerklärung des Verbandes heißt es: »Kuhle Wampe ist für Männer und Frauen.« Wir machen keinen Unterschied im Geschlecht, zumindest was die Mitgliedschaft bei Kuhle Wampe angeht. Wir setzen uns für einen gleichberechtigten Umgang zwischen Männern und Frauen ein. Auf unseren Treffen gibt es auch kein Schlammcatchen oder Wet-T-Shirt-Contests.

Wir hatten in den 80ern und Anfang der 90er Jahre mehr damit zu tun gehabt, dass Frauen sich auf unseren Treffen belästigt fühlten und richteten offizielle Anlaufstellen dafür ein. Diese Anlaufstellen brauchen wir nicht mehr, was u.a. damit zu tun hat, dass unsere Treffen heute weniger Außenwirkung haben bzw. heute weniger Nicht-Wampen auf den Treffen sind. Inzwischen läuft das Thema immer irgendwie mit. Aber eigentlich sollte dieses Thema bei uns im positiven Sinne gegessen sein.

Wir haben bei uns sowieso nicht eine derartige Hierarchisierung, wie sie innerhalb der Szene oft anzutreffen ist. Weder zwischen den Geschlechtern noch etwa zwischen Neuankömmlingen und den Mitgliedern. So haben wir auch keine Prospects. Wenn es irgendwo Interessierte gibt, schauen wir die uns ungefähr ein halbes Jahr an. Diese Kuhle-Wampe-Initiativen oder kurz Inis haben während dieser Zeit auf allen Treffen Mitspracherecht und können also die Diskussionen aktiv beeinflussen. Abstimmen dürfen sie in dieser Phase aber noch nicht. Und wenn dann alles passt, dann sind sie recht schnell drin.

Gibt es auf der europäischen Ebene ähnliche Clubs wie euch?

International engagieren wir uns bei der Federation of European Motorcycle Association (FEMA), einer europäischen Lobby­organisation, mit der wir in Brüssel die Gesetzgebung im Sinne der Motorradfahrenden beeinflussen wollen. So arbeiten wir beispielsweise mit der Motorcycle Action Group aus England zusammen, die sich aber ausschließlich für die Interessen von Motorrad­fahrenden einsetzt. Die haben überhaupt keine allgemeinpolitische Zielsetzung. Bei den anderen Verbänden ist das ähnlich, die einzige Ausnahme bilden da nur noch die Christlichen Motorrad­fahrer.

Also seid ihr in einer europäischen Perspektive Exoten?

Stimmt, wir sind, was den Spagat zwischen Motorrad­fahren und Politik angeht, wirklich eher Exoten. Einfach ist das nicht immer, sondern eigentlich ein Konflikt, in dem wir uns mit Absicht bewegen. Wenn wir auf den Parties anderer Clubs sind, dann gibt es dann oft blöde Kommentare, weil wir einfach nicht in das klassische Bild der Biker reinpassen. Weder gehören wir zu den unorganisierten Schnellfahrerclubs, noch tragen wir verpflichtend Color, Kutten etc. wie manche andere Gruppen. Als gesamte Kuhle Wampe passen wir da nicht rein.

Wie habt ihr in Vergangenheit und Gegenwart eure Vorstel­lungen praktisch umgesetzt?

Wie schon gesagt, engagiert sich jeder Club selbst in dem Rahmen dessen, was er gut findet. Das ist das Spektrum von Verkehrspolitik bis Antifaschismus. Der Marburger Club hat sich beispielsweise im Landkreis dafür eingesetzt, dass Leitplanken mit Protektoren ausgestattet wurde. Die gängigen Verkehrs­sicherheitskonzepte bedenken oft nur Autos und selten Motorradfahrer. Andererseits waren wir jetzt erst Mitte Februar in Gladenbach, als der Christian Worch mit seinen Gestalten aufgelaufen ist. Regional gibt es oft kontinuierliche Engagements von Gruppen. So unterstützen die Freiburger Wampen seit zehn Jahren ein alternatives Wohnprojekt, wir in Marburg unterstützen schon länger – aktiv und passiv – das örtliche Freie Radio.

Unser Gesamtverband setzt sich oft inhaltliche Schwerpunkte. Im vergangenen Jahr war, bedingt durch den Irak-Konflikt, die Friedenspolitik. Wir sind da mit einer Karawane durch die BRD gezogen und haben da auf Treffen anderer Clubs, auf eigenen Aktionen und auf Friedensaktionen unsere Positionen vertreten. In diesem Jahr wollen wir uns weiter dem Thema Kriegsgefahr widmen, wo wir beispielsweise die geplante EU-Armee mehr thematisieren wollen. Verteidigungsminister Struck hätte ja gerne eine schnelle Eingreiftruppe, die überall in der Welt hinflitzen kann und wessen Interessen auch immer dort umsetzt. Es gibt clubübergreifende AG´s, die sich beispielsweise im Anti-Atom Bereich engagieren. Dort trafen wir auch auf einen anderen Motorradclub, der sich im Wendland in der Anti-Castor Bewegung betätigt. Die nennen sich IDAS, der wohl ein Gegenspieler des Castor in der griechischen Mythologie war. Ansonsten entwickeln wir Marburger derzeit für den Verband ein Konzept, wie wir uns den sozialpolitischen Herausforderungen stellen wollen. Aber da stecken wir noch in den Kinderschuhen. Aber viele Dinge geschehen oft spontan und hängen von aktuellpolitischen Ereignissen ab. Wir sind halt ein Motorradclub und keine Partei.

Wie kann man denn mit euch in Kontakt kommen?

Unser Sommertreffen wäre so ein Ort, weil es »das« große öffentliche Treffen ist. Es ist ganz gut besucht und ist von seiner Ausrichtung, dem Style her eher untypisch für Biker. Wir haben da oft Besuch von anderen Clubs die da auflaufen, sich das ganze anschauen und sich irgendwie denken, dass wir ein ganz schön seltsamer Haufen sind. Alle anderen Treffen, die von den einzelnen Clubs selbst ausgerichtet werden sind ebenfalls öffentlich. Und last but not least haben auch wir eine Website auf der Kontaktadressen zu finden sind.

Das Antifaschistische Infoblatt bedankt sich für das Interview.

Der Begriff »Kuhle Wampe« hat nichts mit »cool« zu tun. Er kommt aus dem Berliner Raum und heißt soviel wie »leerer Bauch«. »Kuhle Wampe« war auch der Name einer Berliner Laubenkolonie in den 20er Jahren. Über das Leben der Arbeiter und Arbeitslosen in dieser Kolonie drehte Bertolt Brecht den Film »Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt« und beschrieb die Gemeinschaft der Laubenbewohner als ein solidarisches Miteinander, wo damals schwierige Lage durch Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe gemeistert werden konnte. Und: In diesem Film wurde auch Motorrad gefahren. So kam der Name an den Motorradclub. Kuhle Wampe will die solidarische Tradition dieses Namens fortführen.

www.kuhle-wampe.de