NS-Szene | AIB 65 / 1.2005 | 12.03.2005

»Thor Steinar« goes Walhalla?

Am 17. November 2004 nahm die Erfolgsgeschichte der Modemarke »Thor Steinar« ihr vorläufiges Ende. Die Polizei durchsuchte die Geschäftsräume der Firma MediaTex GmbH in Zeesen (Dahme-Spreewald), welche die Waren der Marke »Thor Steinar« vertreibt. Es wurden »Thor Steinar«-Produkte beschlagnahmt und das Lager versiegelt. Die Aktion war nach einer längeren juristischen Auseinandersetzung von der Staatsanwaltschaft Neuruppin angeordnet worden. MediaTex stellt nach Ansicht der Anklagebehörde Produkte mit einem verfassungswidrigen Logo her. Die antifaschistische Kampagne »Stop Thor Steinar« hatte seit Monaten auf die völkische Symbolik mit NS-Bezug hingewiesen und auf Bezüge in die rechte Szene aufmerksam gemacht.1

Am 9. Oktober 2002 ließ sich Axel Kopelke aus Königs Wusterhausen die Marke »Thor Steinar« und das dazugehörige Runen-Logo international registrieren. Im April 2003 wurde die MediaTex GmbH mit einem Stammkapital von 25.000 Euro aus der Taufe gehoben. Geschäftsführer wurden Axel Kopelke und Uwe Meusel. Axel Kopelke werden von lokalen AntifaschistInnen Verbindungen zur rechten Szene nachgesagt.2 »Es gibt Rechtsextremisten, die der Firma angehören«, erklärte sogar der Brandenburger Verfassungsschutz.3 Uwe Meusel selbst erklärte auf Anfrage zu seiner eigenen Haltung zum Rechtsextremismus nur: »Ich muss mich hier nirgendwo distanzieren.«4 Über die Adresse der MediaTex GmbH wurde von Udo Siegmund die Homepage von »Thor Steinar« angemeldet, so dass ein Online-Handel mit »Thor Steinar«-Produkten übers Internet abgewickelt werden konnte.5

Die Marke mit der nordisch-germanischen Runensymbolik traf genau den Nerv der Neonazi-Szene und ihres (sub)kulturellen Umfeldes. »Diese Marke ermöglicht es den Aktivisten der extremen Rechten, sich stilvoll in hochwertiger Qualität zu kleiden, ohne dabei auf völkische Symbolik verzichten zu müssen. Diese ist jedoch so codiert, dass sie nur die Anhänger und Symphatisanten der eigenen Szene entschlüsseln können. Eine Konfrontation mit antifaschistisch gesinnten Menschen wird so umgangen«6, berichtete die Kampagne »Stop Thor Steinar« auf ihrer Homepage. So verwunderte es auch kaum, dass die Marke im Rechtsrock-Magazin »RockNORD« als »patriotische Kleidung« mit »nordischer Attitüde« angepriesen wurde7 und Einzug in die meisten Läden der extremen Rechten und diverse Neonazi-Versände fand.

Es verging kaum ein Neonazi-Aufmarsch, bei dem die Marke »Thor Steinar« nicht auffällig präsent war. Doch »Thor Steinar« schaffte es, aus der rechten Käuferschicht auszubrechen und unpolitische Bereiche und Käuferschichten zu erschließen. Die Doorbreaker GmbH und die Türbrecher Handels GmbH & Co. KG gestatteten den Verkauf von »Thor Steinar« in den Sportkleidungsgeschäften der Kette »Doorbreaker«, welche in großen Einkaufszentren vertreten sind. Auch die Läden der Kette »Boombastic« und diverse weitere unpolitische Sportgeschäfte zeigten keinerlei Berührungsängste zur Marke »Thor Steinar«.

»Grund genug die Hintergründe zu ›Thor Steinar‹ öffentlich zu machen und eine klare Abgrenzung zur extremen Rechten einzufordern!«, befand die Kampagne »Stop Thor Steinar« und initiierte eine antifaschistische Kampagne gegen diese Marke.

Politischer Widerstand

Die Kampagne richtete die Homepage www.stop-thorsteinar.de.vu ein, auf der detailliert und aktuell über die politischen Hintergründe der Markensymbolik und deren Betreiber informiert wird. Durch die Unterstützung zahlreicher Gruppen und Projekte gelang es, die Kampagnen-Homepage bei Internetsuchmaschinen über der Original-»Thor Steinar«-Homepage zu platzieren. Mit Plakaten, Flugblättern und Aufklebern wurden die Hintergründe zu »Thor Steinar« auch außerhalb des Internets bekannt gemacht. Unpolitische Händler wurden durch die Kampagne angeschrieben und über die NS-Bezüge der Marke informiert. Ein Rundbrief an Brandenburger Schulen brachte das Thema auch bei DirektorInnen und SchülerInnen zur Sprache. Die Hinweise der Kampagne über die Verwendung einzelner Runen aus dem »Thor Steinar«-Symbol im Nationalsozialismus stießen letztendlich auch auf das Interesse der Justiz.

Juristische Folgen

Die Brandenburger Justiz hat im November 2004 die Beschlagnahmung von Kleidung mit dem Runen-Logo »Thor Steinar« verfügt. Bereits im März 2004 hatte die Polizei begonnen, gegen Verwender des »Thor Steinar«-Runen-Wappens Strafverfahren einzuleiten. Im August 2004 wurde dieses Vorgehen mit einer ersten Entscheidung des Amtsgerichts Prenzlau gegen den Träger eines »Thor-Steinar«-Pullovers bestätigt.8 Reiner Schmidt, Assistent der MediaTex-Geschäftsführung, beteuerte in der Presse erfolglos: »Eine Wolfsangel wird da nur reininterpretiert.«9 Am 29. Oktober 2004 wurde auf Weisung der Staatsanwaltschaft Neuruppin eine Beschlagnahmeaktion von »Thor Steinar«-Kleidung in dem Neonazi-Laden »On the Streets« in Hennigsdorf (bei Berlin) durchgeführt. Wegen der unklaren Rechtslage wurden die Kleidungsstücke jedoch zurückgegeben.

Mit einer Entscheidung vom 17. November 2004 schuf nun aber auch das Landgericht Neuruppin Rechtssicherheit, indem es die Beschwerde eines Trägers von »Thor Steinar«- Bekleidung zurückwies. Laut dem elfseitigen Beschluss seien zwei Runen so miteinander kombiniert, dass sie für Eingeweihte die Doppel-Sig-Rune der ehemaligen Waffen-SS zeigten.10 Jedem, der nun öffentlich »Thor Steinar«-Kleidungsstücke trägt, droht ein Strafverfahren wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Allein der Firmenname, so die Polizei in einem internen Bericht, sei eine unverhohlene Anspielung auf den ehemaligen SS-General Steiner.11 Das Firmenlogo ist zusammengesetzt aus einer waagerechten »Wolfsangel« und einer »Tyr-Rune«. Beides seien Symbole, die von SS-Divisionsverbänden während der Nazi-Zeit als Abzeichen auf Uniformen getragen wurden und strafrechtlich relevante Zeichen, so Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper.12 Die »Tyr-Rune« trugen überdies die Absolventen der SA-Reichsführerschulen an ihrer Uniform.

Das Amtsgericht Königs Wusterhausen hat daraufhin sogar die »Unbrauchbarmachung« der zur Produktion des Runen-Wappens gebrauchten Vorrichtungen wie »Platten, Formen, Drucksätze, Druckstöcke, Negative oder Matrizen« angeordnet.13 Die Generalstaatsanwaltschaft des Landes Brandenburg setzte jedoch durch, dass die Herstellerfirma davon im voraus informiert werden musste.

Der Anwalt der Mediatex GmbH, Markus Roscher, kündigte an, gegen den Beschluss Rechtsmittel einzulegen. »Die Firma hat alle Händler aufgefordert, die Logos zu entfernen oder die Ware zurückzugeben«, der Firma entstehe »ein existenzgefährdender Schaden (...) Aber ein neues Logo ist bereits in der Mache.«14 Auch eine Schadensersatzklage gegen das Land Brandenburg sei bereits in Vorbereitung.15 In Tschechien wurde die Kleidermarke »Thor Steinar« bereits verboten, erklärte ein Sprecher der Polizei Pilsen. Die tschechische Polizei hatte schon im Sommer in zahlreichen Städten Kleider der Marke beschlagnahmt.16 Aktuell sind die »Thor Steinar«-Kleidungsstücke inklusive Markenlogo von »Thor Steinar« über die »Division Thor Steinar Vinland« des einschlägigen Vertriebes von »Vinland Winds Records« aus den USA zu erhalten.17

Fazit

Auch wenn die antifaschistische Kampagne und das Vorgehen der Justiz dem Höhenflug von »Thor Steinar« vorerst ein Ende gesetzt hat, ist dies noch lange nicht das Ende eines Einbrechens rechten Lifestyles in die Mitte der Gesellschaft. Diesem ist nicht durch Verbote beizukommen, sondern nur durch antifaschistische Aufklärung und Engagement. Dass trotz politischer Intervention unpolitische Sportgeschäfte erst durch juristischen Zwang dazu gebracht werden konnten, den Verkauf von »Thor Steinar« zu beenden, zeigt deutlich, wie gering die Abgrenzung nach rechts ausgeprägt zu sein scheint. Andere Marken werden versuchen, die Lücke von »Thor Steinar« zu füllen.

  • 1. Siehe: www.stop-thorsteinar.de.vu
  • 2. Siehe: www.stop-thorsteinar.de.vu
  • 3. Märkische Allgemeine, »Noch ein Thor – Eine märkische Modemarke steckt Rechte in Designerklamotten«, 5.10.2004
  • 4. Der Tagesspiegel, »Gericht geht gegen Kultkleidung der rechten Szene vor«, 12.11.2004.
  • 5. Mittlerweile ist die Homepage auf Mirko Schroeder, Fa. Mediatex GmbH (Zeesen) registriert.
  • 6. www.stop-thorsteinar.de.vu
  • 7. RockNORD 92/92, »Kleider machen Leute: Gibt es einen ›rechten Kleidungsstil‹?«.
  • 8. Die Person erhielt einen Strafbefehl über 300 Euro
  • 9. Berliner Zeitung, »Staatsanwalt gegen ›Thor Steinar‹-Bekleidung«, 6./7.11.2004
  • 10. Ministerium des Innern, Potsdam, Pressemitteilung Nr. 225/2004.
  • 11. Die Welt, »Gericht verbietet Symbole der rechten Kult-Marke Thor Steinar«,13.11.2004
  • 12. Die Welt,«Gericht verbietet Symbole der rechten Kult-Marke‚Thor Steinar«,13.11.2004
  • 13. Aktenzeichen 2.2 GS 594/04
  • 14. Berliner Zeitung, »Thor Steinar nimmt Logo vom Markt. Umstrittene Firma beugt sich dem Druck der Justiz«, 12.11.04
  • 15. Berliner Zeitung, »Thor Steinar bereitet Schadensersatzklage vor«, 20.11.2004
  • 16. Berliner Morgenpost, »Tschechische Kleidermarke verboten«, 19.11.2004
  • 17. www.vinlandwinds.com/dtsvinland/. Laut www.tolerance.org ist Vinland Winds Records eine »Active U.S. Hate Groups in 2002« (U.S.Map of Hate Groups).