Otto Ernst Remer im Januar 1945. (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-2004-0330-500 /CC BY-SA 3.0
Geschichte | AIB 94 / 1.2012 | 08.03.2012

»Ich war, ich bin und bleibe Nationalsozialist.«

Von der Wehrmacht zum Neonazi-Vorbild: Otto Ernst Remer1 zwischen ideologischer Kontinuität und praktischer Anpassung. 

Clemens Gussone

Otto Ernst Remer ist heute fast vergessen, obwohl er nach 1945 zu den wichtigsten Personen am »rechten Rand« zählte. Seine Biographie ist einmalig und unterscheidet sich von anderen vor allem durch kontinuierliches nationalsozialistisches Engagement über eine Zeitspanne von fast sechzig Jahren. Aufgrund seiner herausragenden Stellung unter den Altnazis der Nachkriegsjahre und seinen Bemühungen diese Rolle auch in der späteren Neonaziszene zu erlangen, lässt er sich nicht in die gängigen Kategorien einordnen. Er war sowohl Alt- als auch Neonazi und kann daher auch nach 1945 als Nationalsozialist bezeichnet werden. Ob 1950 oder 1990, ob in Parteipolitik oder Publizistik, Remers Aktivismus war facettenreich und anpassungsfähig, aber seine ideologischen Überzeugungen blieben unverändert. Gern provozierte er und suchte das Rampenlicht, so als stelle die entsetzte Reaktion der Gesellschaft für ihn einen besonderen Nervenkitzel und somit die Triebfeder für jahrzehntelangen Aktivismus dar.

Geboren 1912 in Mecklenburg, entschied sich Remer nach dem Abitur für eine Karriere als Berufssoldat. Während des Zweiten Weltkrieges streifte ihn ein Hauch von Weltgeschichte, als er am 20. Juli 1944 in Berlin für das endgültige Scheitern der Umsturzpläne Stauffenbergs sorgte: Als Kommandeur des Berliner Wachbataillons blieb Remer »hitlertreu«, ließ die Beteiligten verhaften und wurde anschließend zum Vorzeigesoldaten aufgebaut. Er wurde u.a. Kommandant der »Führerbegleitbrigade« und bis Kriegsende zum Generalmajor befördert. Die NS-Medien machten aus Remer einen deutschlandweit bekannten Mann. Er genoss die Aufmerksamkeit und gab sich spätestens seit diesen Tagen als überzeugter Nationalsozialist.

Nach Kriegsende unterlag Otto Ernst Remer als Nazigeneral dem »Automatischen Arrest« durch die Alliierten, schlüpfte aber als angeblich »unbelastet« durch die Maschen der Entnazifizierung.2 Der ehemalige Berufsoldat wurde arbeitslos und entschied sich nach Abschluss einer Maurerausbildung, politisch aktiv zu werden, nach eigener Aussage zur »Wahrung unserer nationalen Interessen«3. Als deutschlandweit bekannter Unterstützer Hitlers wurde er ab 1949 das propagandistische Zugpferd der nationalsozialistisch ausgerichteten Sozialistischen Reichspartei (SRP)4. Den Wahlkampf nutzte er als Plattform für seinen Geschichtsrevisionismus und aggressive nationalsozialistische Propaganda. Er rechtfertigte regelmäßig seine Rolle am 20. Juli 1944 und behauptete, dass Widerstand gegen Hitler Landesverrat und niemals legitim gewesen sei. Letztlich beruhte ein großer Anteil an den Wahlerfolgen der SRP auf Remers Hetze. Dies brachte ihm erneut große öffentliche Beachtung ein und befriedigte wahrscheinlich seinen Geltungsdrang.

Er wurde mehr und mehr zum Hauptfeindbild aller antifaschistischen Demokrat_innen. Der Schweizer Journalist Fritz Renè Allemann beklagte 1952, dass »außerhalb Deutschlands der bekannteste deutsche Politiker neben Adenauer ausgerechnet Remer heißt«.Doch der erneute Ruhm währte nur kurz: Die SRP wurde 1952 als erste Partei in der Bundesrepublik vom Bundesverfassungsgericht verboten. Er selbst wurde im sog. »Remer-Prozess« 19525, wegen »Übler Nachrede« in Tateinheit mit »Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener« zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Remers Heldenmythos war dahin. Gleichzeitig musste er fürchten, aufgrund seiner Hetztiraden seine Pensionsrechte und somit seine Lebensgrundlage zu verlieren. Er reagierte, indem er sich vorübergehend ins Private zurückzog. Später schrieb er hoffnungsvoll: »Die Stunde wird kommen, in der das nationale volkstreue junge Deutschland wieder eine Aufgabe finden wird, in der es sich bewähren kann und wird. Bei solchen Zuständen sind Parteien und Parlamente überfragt und werden sich aus dem Staube machen.«6

Der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck um das Jahr 1980 und die Radikalisierungen der extremen Rechten, vor allem die Entstehung neonazistischer Gruppen und steigende rechts-terroristische Aktivitäten, dürften ihn zur Rückkehr in die aktive Politik bewegt haben. Er versuchte sich mit ersten Gastauftritten bei NPD und DVU, auch zusammen mit dem Holocaustleugner Thies Christophersen, erneut als Führungspersönlichkeit zu etablieren, um die »Glorie« vergangener Tage zu erneuern. Remer baute dabei stark auf die jungen, aggressiven Neonazis: »Eine in breiten Schichten der Bevölkerung gewünschte und geforderte Wende in der Politik ist notwendig. Sie aber kann doch nur Erfolg haben, wenn neben altbewährten und im Kampf erprobten Führungskräften, […] unverschlissene, aussagefähige neue Führungskräfte antreten, denen insbesondere die jetzt wieder aufwachende Jugend zu folgen bereit ist.« Bald aber musste Remer einsehen, dass er zwar als Galionsfigur und Geschichtenerzähler über die gute alte Zeit immer gerne eingeladen wurde, aber seine Versuche, eine »nationale Sammlungsbewegung« aufzubauen, allesamt scheiterten. Die jungen Neonazis sahen in ihm vielleicht ein Vorbild und einen Kriegshelden; als Anführer wollten sie den alten Mann nicht.

Remer verlegte sich daraufhin aufs Publizieren. Innerhalb seiner Veröffentlichungen ist eine klare Radikalisierungstendenz zu beobachten: Zunächst versuchte er in einigen geschichtsrevisionistischen Büchern7 seine eigene Biographie und vor allem sein Handeln am 20. Juni 1944 zu rechtfertigen. Seit dem Ende der achtziger Jahre veröffentlichte er immer aggressivere, antisemitische und rassistische Artikel und Zeitschriften. Besonders erwähnenswert ist die von ihm seit 1991 herausgegebene »Remer-Depesche«, deren Hauptaufgaben die ausländerfeindliche Hetze und die Leugnung des Holocaust waren. Gleich die zweite Ausgabe titelte: »Auschwitz – Aus für die Gaskammern«. Ein in der Remer-Depesche vom Oktober 1992 veröffentlichter Artikel von Erwin Goedert, feierte in menschenverachtender Sprache die rassistischen Mordversuche als »heldenhaft«. Die Überschrift lautete: »Große Siege in Mitteldeutschland: Deutsche Freiheitskämpfer haben die strategisch wichtigen Städte Hoyerswerda, Rostock und Quedlinburg zurückerobert«.

Remer sah sich Zeit seines Lebens im Kampf gegen die »Polit-Schwerverbrecher in Bonn«, wie er 1992 schrieb. Das Parteiverbotsverfahren, der Versuch, ihm seine Grundrechte abzuerkennen8 und der drohende Verlust der Pension konnten ihn nur zeitweise bremsen. Auch die zahlreichen Verurteilungen wegen »Beleidigung« und »Volksverhetzung« konnten ihm wenig anhaben, sie schienen ihn stattdessen immer weiter anzustacheln. Im Gegensatz zu vielen anderen alten Nazis, die sich irgendwann zurückzogen, ist Remers Biographie von Kontinuitäten und öffentlichkeitswirksamen Aktionen geprägt. Er entwickelte sich von einem zunächst »unpolitischen« preußisch-militaristischen Soldaten zu einem nationalsozialistischen Politiker und schließlich zu einem neonazistischen Aktivisten und Publizisten. Er blieb seiner menschenverachtenden Ideologie bis zu seinem Tod 1997 treu, passte sich den organisatorischen Veränderungen innerhalb der extremen Rechten regelmäßig an und war immer mit dabei.

  • 1. Überschrift, Zitiert nach: Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. München, 1999, S. 326.
  • 2. Er argumentierte, wie so viele andere auch, mit angeblichem Befehlsnotstand und der Pflicht, seinem Eid Folge zu leisten. Seine Tätigkeit als militärischer Berater für die US-Truppen dürfte ebenfalls hilfreich gewesen sein.
  • 3. Aus: Der Bismark-Deutsche. Organ der Deutschen Freiheitsbewegung, 5.Jg, Nr.1/2 Januar/Februar 1989, S. 4
  • 4. 1951 erreichte die SRP bei den Landtagswahlen in Niedersachsen und bei den Bürgerschaftswahlen in Bremen 11 bzw. 7,7 %
  • 5. Im Braunschweiger Remer-Prozess vom März 1952 wurde Otto Ernst Remer verurteilt, weil er in einer Wahlkampfrede 1951 die Hitler-Attentäter um Graf Stauffenberg des Landesverrates bezichtigte. Es gelang Staatsanwalt Fritz Bauer, die Widerständler gegen Hitler zum ersten Mal vor bundesdeutschen Gerichten posthum zu rehabilitieren.
  • 6. Aus: Der Bismark-Deutsche. Organ der Deutschen Freiheitsbewegung, 3.Jg, Nr.4 April 1987, S. 5.
  • 7. Dies sind: 20. Juli 1944. Verlag Deutsche Opposition. Hamburg-Neuhausen, 1951; Kriegshetze gegen Deutschland: Lüge und Wahrheit über die Ursachen beider Kriege. Remer-Heipke, Bad Kissingen, 1989.; Verschwö­rung und Verrat um Hitler. Urteil des Frontsoldaten. Remer-Heipke, Bad Kissingen, 1993.
  • 8. 1952 strengte Bundesinnenminister Robert Lehr ein Verfahren zur Aberkennung der Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit nach Art. 18GG gegen Remer an, weil er diese Grundrechte ständig miss­braucht hätte.