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Kategorie NS – Die Neonazi- und Hooliganszene in Sachsen

Einleitung

Dass sich in Fußballstadien nicht nur harmlose Familienväter ein Stelldichein geben, ist keine neue Erkenntnis. Genauso wenig neu ist, dass Fußball, Männlichkeitswahn und übermäßiger Alkoholkonsum mit einem Hang zum Gewaltausbruch eine brisante Melange bilden. Da kann es nicht verwundern, nein, da ist es schon beinahe zwangsläufig, dass sich Neonazis eben auch beim Fußball tummeln.

Gerade in den vergangenen Jahren und nicht zuletzt im WM-Taumel ist zunehmend zu beobachten, dass Fußball und der oft damit verbundene Hooliganlifestyle für einen immer größer werdenden Teil der Szene einen nicht mehr wegzudenkenden Teil ihrer Erlebniswelt bilden.1

Die Schnittstellen sind schnell ausgemacht: In einer beinahe prinzipiell antiemanzipatorischen Fußball-Fan-Kultur etablierten sich rassistische, sexistische und patriarchale Denkmuster. Das macht es nach wie vor organisierten Neonazis leicht, erlebnisorientiertes und gewaltbereites Nachwuchspotenzial zu rekrutieren.

Da macht Sachsen mit seiner lebendigen Fanszene keine Ausnahme. Eher das Gegenteil ist der Fall. In der zweiten, dritten und den unteren Ligen tummeln sich im Fanumfeld Neonazis jeder Coleur.2 Fast jede Mannschaft hat ihre Neonazibegleiter im Schlepptau.

Bundesweit dürfte kein anderes Bundesland mehr gewaltbereite Fans aufbringen. Mit mindestens 3.310 Fans der Kategorie B (gewaltbereit) und mindestens 460 der Kategorie C (gewaltsuchend) bei gerade 6 sächsischen Vereinen ist für ständige Neonazipräsenz im Stadion und drum herum gesorgt. Im Stadion von Dynamo Dresden machte bereits Mitte der 1990er Jahre die NPD Sächsische Schweiz Werbung für sich. Ihr Kreisvorsitzender und mittlerweile MdL Uwe Leichsenring besitzt noch immer eine Stadiondauerkarte.1 Verurteilte Neonazis aus Kameradschaften sind als Ordner und Security bei Spielen angestellt. In den Blöcken versammeln sich derweil Fangruppen aus der Hooliganszene namens Elbkaida, Assi Pöbel Dynamo oder OSL-Bande.

Rechte Hooligangewalt

Neben Fußball gehört in Dresden vor allem Antisemitismus und Gewalt gegen Linke und Obdachlose zum »Programm« der rechten Hooligans. Transparente mit »Juden« als Aufschrift, Sprüche und Rufe wie »Juden-DSC« im Stadion oder auf Aufklebern zählen dazu, genauso wie zwei Überfälle Ende letzten Jahres auf ein linkes Dresdner Hausprojekt.3 Die Täter, die mit »Ihr Juden«-Rufen angriffen, stammten aus dem Assi Pöbel-Umfeld.4 Viel schwerer dagegen wiegen die teilweise menschenverachtend grausam begangenen Angriffe auf (vermeintliche) Obdachlose. In den letzten Jahren kam es zu mehreren derartigen Angriffen in Dresden. Im November 2002 hatten fünf rechte Jugendliche einen Ungarn angegriffen. Sie sprangen auf seinen Brustkorb, was sie »Tangotanzen« nannten. Mit Messerstichen verletzten sie ihn schwer. Der Polizei gegenüber gaben sie Ausländerhass als Grund und eine Tötungsabsicht zu.

Derzeit stehen drei Männer in Dresden wegen Totschlag und Körperverletzung an einem Obdachlosen vor dem Landgericht. Sie hatten Anfang August letzten Jahres an einer Straßenbahnhaltestelle einen Obdachlosen niedergeschlagen. Der Hauptangeklagte Matthias K. ist dann laut Anklage noch einmal zurückgekehrt, um dem 58jährigen Klaus H. »aus vollem Lauf gegen den Kopf« zu treten. Klaus H. erstickte an seinem eigenen Blut.5 Nach einem weiteren Angriff auf Nichtrechte im Januar diesen Jahres wiederum durch Anhänger des Assi Pöbels  und andere Hooligans wird den Opfern nun von den Angreifern mit der »SSS« – der verbotenen Kameradschaft Skinheads Sächsische Schweiz  – gedroht.

Alte Bekannte

Aktivisten aus deren Umfeld, wie Mirko Schaffrath aus Pirna und Rico M. aus der Sächsischen Schweiz, arbeiteten lange für Dynamo Dresden, am Einlass und als Ordner. Schaffraths Affinität zur Gewalt kommt auch durch den von ihm in Pirna betriebenen Crimestore – ein Laden für Sport- und Hooliganbekleidung – zum Tragen. Er wurde vom Amtsgericht Pirna verurteilt, weil er an einem Angriff auf ein 14jähriges Mädchen beteiligt war, wobei deren Hund gefoltert wurde.

Dresdner und Pirnaer Neonazis der Freien Kräfte trainieren nicht nur regelmäßig gemeinsam »Straßen«-Kampfsportarten, sie verabreden sich auch zu Hooligan-Matches und beteiligen sich an Angriffen auf Linke. Beispielsweise in Chemnitz am 27. September 2004, als eine Antifademonstration aus diesem Milieu angegriffen wurde, oder bei einem Überfall auf Nichtrechte in Pirna im Sommer letzten Jahres. Mit dabei war hier auch die Copitzfront, ein Zusammenschluss vorwiegend junger Rechter, die sich selbst im neonazistischen Hooliganmilieu verorten. Auf ihrer namensgleichen Homepage posierten sie auch schon mal mit Hitlergruß. Die Größe dieses Milieus wird daran deutlich, dass die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen wegen des Überfalls gegen mehr als 50 Tatverdächtige aus der Region richtet.

Eine Bautzner Dynamo-Dresden-Fangruppe bezeichnet sich selbst als Bautzner Hooligans. Diese ist personell teilweise deckungsgleich mit der lokalen Neonazicombo Sturm 24 um Martin Sch. Er war Organisator eines Neonazikonzertes im Sommer 2004 bei Bautzen und musste sich vor kurzem wegen Verwendung von verbotenen Symbolen des Netzwerks Blood & Honour verantworten, wofür er zehn Monate Haft auf Bewährung erhielt.

Fanszene Westsachsen

Die westsächsische Fanszene wird ebenfalls von rechten Fans dominiert. Die wohl größte und bekannteste Fangruppe »Hoonara« gruppiert sich um den Chemnitzer FC und den FSV Zwickau. Gegründet von Neonazis und Skinheads, ist der Name auch Programm: Hooligans-Nazis-Rassisten.6 Wenn die »Hoonara« ruft, kommen bis zu einige Hundert Angehörige der Türsteher- und Kickboxszene genauso wie der organisierten militanten Neonaziszene zusammen. Kaum eine andere Hooligangruppierung ist so eng mit der Neonaziszene verwoben.

Einer ihrer bekanntesten Vertreter, Rico Malt, organisiert nicht nur selbst Neonazikonzerte, er steigt auch im »Fightclub« in den Ring. So wird er für den 8. April 2006 als Hauptkämpfer in Plauen bei einem derartigen Sportevent angekündigt. Die Chemnitzer Neonaziband »Blitzkrieg« versteht sich selbst als der Hooliganszene zugehörig. Mit ihrem Lied »Hoonara« macht sie klar, wo sie steht. Auch die lokalen Neonazigeschäfte Backstreetnoise und PC-Records zählen zum Unterstützer-Umfeld. PC-Records veröffentlichte unlängst eine Nachpressung der CD »Dritte Halbzeit - Wir kommen zu euch« – ein Projekt unter anderem von Mitgliedern der Band Hauptkampflinie.

Die Plauener Fangruppe »Ultras Plauen« ist eng verwoben mit der lokalen Neonazigruppe »Jungsturm Plauen«. Aus deren Umfeld wird der Neonaziladen Broken Dreams betrieben. Die Jungstürmler waren auch beteiligt, als Weihnachten 2005 ein alternatives Zentrum in Plauen überfallen wurde. Und fast zwangsläufig prangt an der Eingangstür des Broken Dreams auch ein Werbeplakat zum Fightclub in Plauen mit Rico Malt.

Raum Leipzig

Für den Raum Leipzig übernehmen die Fans des 1. FC Lok Leipzig den rechten Part. Zwar gibt es auch beim zweiten Lokalverein Sachsen Leipzig genug rechte Tendenzen, doch sammelt sich das neonazistische Potenzial eher bei Lok.  Dies mag auch daher rühren, dass Lok als ehemaliger DDR-Verein nostalgische Gefühle bei einigen wecken mag. Erst Anfang Februar posierten Fans von Lok in Form eines Hakenkreuzes.  Im November 2005 luden der Lok-Fanclub Wurzen gemeinsam mit der »Fighting Fellas Brotherhood Wurzen« zu einer Fanparty ein, in deren Anschluss es dann einen »gemeinsamen Abmarsch Richtung Wurzner-Stadion« geben sollte. Hier kam es dann zu gewalttätigen Ausschreitungen der Fans.

In den Reihen der Lok-Fans bewegen sich eine ganze Reihe jahrelang bekannter Neonazis, wie beispielsweise Riccardo Sturm aus Leipzig. Dieser war schon Anfang der Neunziger bei der FAP aktiv. Dass Sachsens Neonazi-Hooligans ihre Aktivitäten nicht nur auf Sachsen beschränken, zeigt beispielsweise ihre Beteiligung an einem »Match« zwischen deutschen und polnischen Hooligans im Oktober 2005 in der Nähe des brandenburgischen Briesen. Unter den etwa 50 Deutschen befanden sich auch führende Hooligans aus Dresden und Leipzig. Nach Einschätzungen sächsischer Antifas wurden die engen Verbindungen zwischen Neonazis und Hooligans in Sachsen schon in der Spätphase der DDR begründet. Damals, als der polizeiliche Apparat sich in Auflösung befand, waren derartige Verqickungen nichts ungewöhnliches. In den frühen 1990er Jahren waren Neonazis oft in Stadien aktiv.

Dies dürfte auch auf das Wirken des mittlerweile verstorbenen Neonazi-Führers Michael Kühnen zurückzuführen sein. Der Kader der Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF) hatte früh auf das potenzielle Rekrutierungspotenzial in und um die Stadien hingewiesen. In Dresden war Anfang der 1990er Jahre Helmar Braun Mitbegründer der Nationalen Alternative. Er war zugleich jahrelang in den militanten Hooliganstrukturen bei Dynamo Dresden aktiv. Insofern kann es niemanden verwundern, wenn sich heute ein ähnliches Bild ergibt.

Gerade weil Fußball in Deutschland nahezu untrennbar mit gewaltbereiten Fans verbunden ist, und deren Affinität zu neonazistischen Denk- und Handlungsweisen sprichwörtlich ist, wird dieser Bereich zukünftig wohl vermehrt auch in das antifaschistische Blickfeld geraten müssen. 

  • 1a1bVergleiche Kampagne Schöner Leben Ohne Naziläden: Schöner Leben Ohne Naziläden, Leipzig 2005.
  • 2In der ersten Liga ist momentan keine sächsische Mannschaft vertreten.
  • 3Der DSC ist ein weiterer Dresdner Fußballverein.
  • 4Siehe auch AIB, Nr. 70 »Dresden. Hooligans greifen linkes Wohnprojekt an«
  • 5Sächsische Zeitung vom 8. und 21. Februar 2006.
  • 6Zur »Hoonara« siehe auch AIB #69.