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Neustrelitz: Bündnis contra Neonaziaufmarsch

Einleitung

Die Meldung im Neonazi-"Thule-Netz" Anfang Februar 1998 war eher kurz, aber unmißverständlich: Der "Unabhängige Freundeskreis Mecklenburg/Vorpommern" aus Neustrelitz mobilisierte für den 28. Februar 1998 unter dem Motto »Gegen Massenarbeitslosigkeit und keine Macht den Drogen« zu einem Neonaziaufmarsch nach Neustrelitz, einer 30.000 Einwohnerstadt im Süden von Mecklenburg-Vorpommern. Das Ordnungsamt des Landkreises genehmigte den Aufmarsch zunächst im Glauben, es handele sich um einen Protest von Arbeitslosen.

Neustrelitz Aufmarsch
Foto: Christian Ditsch

Jugendliche Neonazis bei einem NPD-Aufmarsch in Neustrelitz. (Symbolbild)

Die Neustrelitzer Neonazi-Netzwerke

Anmelder des Aufmarsches war Ronny Klein, einer der führenden Kader des "Unabhängigen Freundeskreises", der auch als "Kameradschaft Neuteutonia Neustrelitz" auftritt.

Die Kameradschaft ist schon seit 1996 in Neustrelitz aktiv und besteht aus einem harten Kern von ungefähr zehn Neonazis, die aber ein wesentlich größeres rechtes Potential in der Region mobilisieren können. Die Kameradschaft hat enge Kontakte zu Neonazikadern aus dem Spektrum der "Freien Nationalisten" in Norddeutschland, aber auch zu dem JN-Kader André Goertz aus Hamburg. Die "Kameradschaft Neuteutonia Neustrelitz" (KNT) ist z.T. an "nationalrevolutionäre" Kreise der Neonazi-Szene angebunden.

Darüber hinaus verbreitet der "Unabhängige Freundeskreis" über sein Postfach Adressenlisten von einer breiten Palette von Neonaziversänden in Deutschland und im inner. und außereuropäischen Ausland. Auch kommunalpolitisch versucht der "Unabhängige Freundeskreis", Fuß zu fassen. Am Rande einer Veranstaltung gegen Sozialabbau im Herbst 1997 tauchten Ronny Klein und seine Neonazifreunde mit Transparenten auf und störten die anschließende Diskussion in einer Kirche mit rassistischen und antisemitischen Parolen.

Die Kameradschaft versuchte auch durch die Gründung einer eigenen Jugendorganisation "Wanderfreunde Neustrelitz e.V." Jugendliche zu rekrutieren. Unter diesem Namen beantragte sie - wenn auch erfolglos - finanzielle Zuschüsse von der Stadtverwaltung. Und im mittlerweile geschlossenen rechten Jugendclub »Saftladen« bemühte sich Ronny Klein, unorganisierte Skinheads stärker in die Strukturen der Kameradschaft einzubinden. Klein und die Kameradschaft fühlten sich offensichtlich in dem seit Jahren als rechte Hochburg verschrienen Neustrelitz so sicher, daß sie im "Thule-Netz" vollmundig ankündigten: »Die Veranstaltung wird von vielen Bürgern der Stadt Neustrelitz besucht werden. Also eine gute Chance, einen guten Eindruck zu machen, um das Bild des bösen ... eindeutig auszuräumen.«

Als Kontakttelefon der Neonazis wurde eine Telefonnummer veröffentlicht, die in der Vergangenheit auch schon als "Nationales Infotelefon Mecklenburg-Vorpommern" fungiert hatte.

Neben der Kameradschaft existieren in Neustrelitz durchaus auch andere organisierte rechtsextreme Strukturen: So besuchte im August 1996 eine Delegation ehemaliger SS-Angehöriger, darunter der SS-Hauptsturmführer und Kommandeur des Bataillon 58 im Waffengrenadierregiment der SS-Charlemagne, Henri Fenet, eine Kriegsgräberstätte bei Neustrelitz. Seit Jahren bemühen sich Wilfried Lemcke, ein Neustrelitzer, und ein »Kamerad Heinz Behnke vom Regiment Westland« um die Errichtung einer Gedenktafel für dieses Grab.1

Am 24. Februar 1996 trafen sich in Neustrelitz Anhänger der "Hammerskins" zu einem internationalen Neonazi-Konzert. Hier kam es zu Schlägereien zwischen "Hammerskins" und einzelnen Konzert-Besuchern, denen die polnische Neonazi-Band "Konkwista 88" nicht deutsch genug erschien.

Erfolgreicher Antifa Protest

Die Kameradschaft rechnete jedenfalls vor dem 28. Februar wohl mit einem ungestörten Aufmarsch. Die Aktivitäten von Antifaschistinnen machten ihnen an diesem Tag jedoch einen Strich durch die Rechnung. Innerhalb von zwei Wochen gelang es, ein breites lokales Bündnis - von Gewerkschaften, Lehrerinnen, Grünen, Jugendorganisationen und PDS - gegen den geplanten Neonaziaufmarsch auf
die Beine zu stellen. Die DGB-Jugend meldete unter dem Motto »Soziale Gerechtigkeit verträgt keine nationalistischen Parolen« eine Gegendemonstration an, die zum Aufmarschort der Neonazis führen sollte, um diesen zu verhindern. Das Landratsamt reagierte dann mit einem Verbot beider Demonstrationen. Allerdings stieß das Verbot der antifaschistischen Demonstration in der Öffentlichkeit und bei der Regionalpresse auf wenig Verständnis. Schließlich hob das Verwaltungsgericht Greifswald das Verbot der Antifademo auf. Ronny Klein verzichtete dagegen auf einen Widerspruch gegen das Verbot. Am 28. Februar nahmen dann rund 400 Menschen - autonome AntifaschistInnen, GewerkschafterInnen und PDS-Mitglieder sowie eine ganze Reihe von älteren Neustrelitzer BürgerInnen - an der Antifa-Demonstration teil.

Rund 50 Neonazis, die sich trotz des Aufmarschverbots am Rande der Demonstration und im Innenstadtbereich herumtrieben, wurde von AntifaschistInnen sehr deutlich gemacht, daß sie - zumindest an diesem Tag - in der Stadt unerwünscht sind.

NPD springt ein...

Nach diesem für Antifaschistinnen durchaus erfolgreichen Tag, verfielen aber sowohl Antifas als auch das Demobündnis erst einmal in einen "Dornröschenschlaf". Schon vorher war bekannt, daß Ronny Klein für den 14. März 1998 einen weiteren Aufmarsch in Neustrelitz angekündigt hatte. Klein zog diese Anmeldung zwar in Erwartung eines erneuten Verbots zurück. Stattdessen übernahm dann aber die NPD die Aufmarschroute und den Ort.

Anstelle des breiten Bündnisses vom 28. Februar riefen dann nur noch der SPD-Bürgermeister Rainer Günther und SPD-Landrat Michael Kautz zu einem »Protestmarsch Gemeinsam gegen Extremismus« auf. So konnte dann der NPD-Aufmarsch unter Führung des NPD-Vorstandsmitglieds und Neonazianwalts Hans-Günther Eisenecker und des stellvertretenden hessischen NPD-Landesvorsitzenden Alfred Zutt aus Ehringshausen unter starkem Polizeischutz ungestört stattfinden. Rund 200 Neonazis, vor allem jugendliche Neonaziskinheads aus Mecklenburg-Vorpommern, aber auch viele NPD/JN-Mitglieder beteiligten sich an dem Aufmarsch.

Die NPD in Mecklenburg-Vorpommern kann mittlerweile auf flächendeckende Strukturen zurückgreifen. Daneben sorgt vor allem "Der Kamerad", die Mitgliederzeitschrift des NPD-Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern, für eine ständig wachsende Vernetzung. Aber auch wenn die NPD am 14. März 1998 ungehindert in Neustrelitz aufmarschieren konnte, sind Antifaschistinnen zuversichtlich, daß mit der Bündnisdemonstration und den positiven Reaktionen darauf ein Anfang für weiteres antifaschistisches Engagement in Neustrelitz gemacht wurde.

  • 1"Der Freiwillige", Vereinsblatt der »Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit« (HIAG) Nr. 9/97