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Belgien: Ein Bienenkorb für die SS

Tanja von Fransecky Andreas Lemke Charlotte Voss
Einleitung

Die kurze Geschichte eines Denkmals für lettische Legionäre der Waffen-SS in Belgien.

Foto: Charlotte Voß

Der Bienenkorb in Zedelgem im Mai 2022, wenige Tage vor seinem Abbau.

Mai 2022. Ein ruhiger Platz in einem Neubaugebiet in einer belgischen Kleinstadt. Neu angelegte Grünflächen, frisch betonierte Wege, neue Häuser und Baustellen. Am Rande des Platzes: Eine rund drei Meter hohe Stele mit einem Bienenkorb am oberen Ende, an ihrem Fuß vertrocknete Blumensträuße. Beim genauen Hinsehen zeigt sich: Die Bienen sind nicht echt, ebenso der Bienenkorb: Es handelt sich um ein Denkmal. Warum es hier steht, wird nicht ersichtlich. Neben der Stele fällt allerdings ein kleiner Sockel auf. Auf dem stand bis vor Kurzem eine Info-Tafel - die Stadt hat sie allerdings entfernen lassen. Nur wenige Tage später wird auch das Denkmal verschwunden sein. Und hier wird es interessant: Denn das kleine Denkmal im 22.000-Seelen-Ort Zedelgem in Flandern beschäftigt nicht nur Historiker*innen, sondern sorgt für Ärger bis auf diplomatischer Ebene.

Aufgestellt wurde es 2018 in Gedenken an 12.000 lettische Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Zedelgem im damaligen Kriegsgefangenenlager Vloethemveld von den britischen Alliierten interniert worden waren. Der Grund für ihre Inhaftierung: Sie hatten in einer der lettischen Legionen der Waffen-SS gekämpft. Entworfen hat das Denkmal der lettische Künstler Kristaps Gulbis. „Die Menschen in diesem Lager waren ebenso Opfer des Krieges und verdienen eine Skulptur“, findet er.

Ein Denkmal, das SS-Mitglieder als „Opfer“ ehren soll - und das in Belgien, das – ebenso wie Lettland – von den Nationalsozialisten besetzt und terrorisiert wurde? Die Geschichte des Denkmals zeigt, wie gut vernetzte rechte Kräfte in Europa es schaffen, Geschichtsrevisionismus zu betreiben und wie offizielle Stellen dabei mitziehen. Denn das Denkmal war keineswegs ein einsamer Akt von extremen Rechten - die Gemeinde Zedelgem war aktiv an der Aufstellung des Denkmals beteiligt.

Die Gründung der „fremdvölkischen“ Waffen-SS-Divisionen

Doch von vorne: Warum kämpften überhaupt Letten in den Reihen der deutschen Besatzer? Im Juni 1940 wurden Litauen, Lettland und Estland infolge des Hitler-Stalin-Pakts von der UdSSR annektiert. Die UdSSR versuchte nun, mithilfe von brutalen Maßnahmen eine gezielte Sowjetisierung voranzutreiben. Als ein Jahr später, im Juni 1941, die Wehrmacht in die baltischen Ländern einmarschierte, wurden sie aufgrund des brutalen sowjetischen Besatzungsregimes von vielen Letten als Befreier gefeiert. Die angeblich vielfach bestehende Hoffnung, bald wieder eigenständige Staaten begründen zu können, wurde jedoch enttäuscht: Die Besatzer errichteten das sogenannte Reichskommissariat Ostland. Der Genozid an der jüdischen Bevölkerung, vor allem durch Erschießungen, begann mit dem deutschen Einmarsch. Das in unterschiedlichen Versionen des „Generalplan Ost“ formulierte Ziel: die Staaten zu annektieren und zu „germanisieren“, was mittelfristig die Vertreibung und den Tod für weite Teile der einheimischen Bevölkerung bedeutet hätte. Auch wenn die Besatzer diese Ziele nicht umsetzen konnten, kamen, laut der Politikwissenschaftlerin Claudia Matthes, etwa 127.000 lettische Zivilist*innen, knapp 100.000 davon waren jüdisch, infolge der deutschen Besatzung um und etwa 30.000 Einheimische mussten Zwangsarbeit leisten.

Im Winter 1942/43 erlitten die deutschen Kampfverbände massive Verluste und der Frontverlauf geriet nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad ins Stocken. Angesichts der sich abzeichnenden Wende im Kriegsverlauf erlaubte Hitler dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler die Aufstellung von „fremdvölkischen“ Waffen-SS-Divisionen, darunter auch einer lettischen. Damit begann eine neue Phase, in der sich die Waffen-SS faktisch und propagandistisch personell von einer „rassischen Bestenauslese“, formiert in einem elitären Orden, zu einer europäischen Kampforganisation gegen die „jüdisch-bolschewistische“ Sowjetunion wandelte. Zunächst rekrutierten die Nationalsozialisten Freiwillige unter den lettischen Männern für die Waffen-SS, oft aus den bereits kollaborierenden lettischen Polizeieinheiten und SD-Hilfstrupps oder den sogenannten Selbstschutzeinheiten, die im ersten Jahr der deutschen Besatzung bereits an Massenerschießungen von Jüdinnen und Juden beteiligt gewesen waren.

Das bekannteste kollaborierende Mordkommando war das nach seinem Anführer Viktor Arājs benannte Arājs-Kommando. Zunächst wurde es als Teil der Hilfspolizei formal dem SS-Einsatzkommando 2 der Einsatzgruppe A unterstellt, dann dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (KdS) Lettland. Es war an einer Vielzahl von Plünderungen und Mordaktionen an tausenden Jüdinnen und Juden beteiligt. Mit der Freiwilligkeit der Rekrutierung für die Waffen-SS war es im Februar 1943 im Zuge der Einführung einer Arbeitspflicht vorbei: Wer  der Verschickung zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich entgehen wollte, konnte sich stattdessen für Hilfsdienste in der Wehrmacht oder zur sogenannten Lettischen SS-Freiwilligen-Legion melden. Tausende von ihnen kämpften auch im Ausland.

Das Nachkriegsnarrativ: Die Waffen-SS als antibolschewistische Europaarmee

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Waffen-SS in den Nürnberger Prozessen zur verbrecherischen Organisation erklärt. Damit drohten für ehemalige Mitglieder der Waffen-SS in Deutschland strafrechtliche und versorgungsrechtliche Konsequenzen. Das empörte viele Ehemalige, die sich in der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) organisierten. Sie behaupteten, der gemeinsame Kampf gegen den Bolschewismus und für die Selbstbestimmung der Völker sei ein „europäisches Projekt“ gewesen. Die USA hätten sich mit der Sowjetunion aus machttaktischen Gründen gegen Europa verbündet und nach der Unterwerfung Europa in zwei getrennte Machtsphären unterteilt. Mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ sei das Ziel eines vereinten Europas und damit das Ziel der in der Waffen-SS vereinten europäischen Kämpfer erreicht worden. Die Waffen-SS-ler seien ganz normale Soldaten gewesen.

Dieses Narrativ vertraten die Ehemaligen, unterstützt von hochrangigen Regierungsvertretern, wie etwa Kanzler Konrad Adenauer, relativ erfolgreich. In Österreich organisierten sich die ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen in der Kameradschaft IV. Mit der Absicht, die Waffen-SS als integrativen Teil der Wehrmacht neben Kriegsmarine, Luftwaffe und Heer darzustellen, bezeichneten sie sich mit ihrem Organisationsnamen als die vierte Säule der Wehrmacht.

Und diese Erzählungen wurden auch in Lettland übernommen. Popularisiert hat sie unter anderem die Organisation „Daugavas Vanagi“ (Düna-Habichte). Die Düna-Habichte sind eine patriotische, exil-lettische Veteranenvereinigung, gegründet 1945/46 von lettischen SS-Legionären in Belgien in Kriegsgefangenschaft. Sie sind bis heute in Lettland und weiteren westlichen Staaten aktiv. Im Jahr 1990 wurde Lettland wieder unabhängig - seitdem hat sich das Narrativ immer mehr verfestigt: Denn mit der neuen Eigenstaatlichkeit beförderte Lettland „positive“ Narrative und Identifikationsfiguren, auf die man sich beziehen konnte, um das Nationalgefühl zu stärken.

Wie verbreitet die Erzählung ist, zeigt sich unter anderem am Marsch zum Gedenken an die SS-Legionäre, der jährlich am 16. März in Riga stattfindet. Dabei treten Veteranenverbände wie die Düna-Habichte teils offen mit NS-Symbolen auf und huldigen den „Helden“ von damals, die für die Unabhängigkeit Lettlands gekämpft hätten (AIB Nr. Nr. 103). Zudem wurde im lettischen Lestene im Jahr 2000 ein „Brüder-Friedhof“ eingeweiht, auf dem die sterblichen Überreste von etlichen lettischen Waffen-SS-Angehörigen bestattet wurden.

Die Rolle des lettischen Okkupationsmuseums

Eine wichtige Rolle bei der geschichtspolitischen Betrachtung der SS-Einheiten spielt außerdem das Okkupationsmuseum (Latvijas Okupācijas muzejs) in Riga, das 1993 eröffnet wurde und an die drei aufeinander folgenden Okkupationen durch die Sowjetunion, das „Deutsche Reich“ und dann erneut die Sowjetunion erinnert. Der Vorsitzende des Museumsvorstands Valters Nollendorfs vertritt die Ansicht, die meisten Lettischen SS-Legionäre hätten vor allem „gegen den sowjetischen Feind“ kämpfen wollen und seien nach dem Krieg durch „die Stereotype, die in westlichen Filmen über die SS verbreitet“ würden, verleumdet worden.

Ljiljana Radonić beschreibt in ihrer jüngsten Publikation zu postsowjetischen Gedenkmuseen das Leitmotiv der Ausstellung im Okkupationsmuseum: demnach habe die Bevölkerung unter den sowjetischen Besatzern stets schlimmer gelitten als unter der deutschen Besatzung. Der Holocaust hingegen wird als Marginalie dargestellt, von einer angemessenen Darstellung der lettischen Beteiligung an der Beraubung und Ermordung von etwa 100.000 Jüdinnen und Juden binnen der ersten sechs Monate unter deutscher Besatzung ganz zu schweigen. Personen, deren Schicksal in der aktuellen Ausstellung nachgezeichnet werden, sind allesamt nicht-jüdisch. Jüdische Personen werden namentlich nicht erwähnt, ihr weiteres Schicksal wird nicht erzählt. Sie werden zu Objekten. Insgesamt wurden und werden die ermordeten Jüdinnen und Juden aus der zu betrauernden lettischen Bevölkerung schlichtweg ausgeklammert, sie gehörten nicht zur lettischen Opfergemeinschaft, sie sind die anderen.

Die Rolle des Lokalpolitikers Pol Denys

Zurück ins Jetzt: 2016 benennt die Gemeinde Zedelgem den Platz, auf dem später das Denkmal stehen wird, um: Von Peerdenbilk zu „Brivipaplein“ - Freiheitsplatz. „Brivipa“ ist das lettische Wort für Freiheit. Kurz darauf fällt auch die Entscheidung für das Denkmal. Getroffen wird sie nicht vom Stadtrat, sondern von einem Gremium bestehend aus Annick Vermeulen, der christdemokratischen Bürgermeisterin Zedelgems, und dem sogenannten Ältestenrat. Entscheidungen in diesem Gremium müssen einstimmig ausfallen. Es gab also offenbar keine Gegenstimmen, sonst wäre das Projekt gescheitert.

Doch wie kam es überhaupt zu der Idee des Denkmals? Diese Frage beantwortet die Gemeinde Zedelgem auf Nachfrage nicht. Sie schreibt vage: Die Idee für das Monument sei Anfang 2016 infolge der Platzumbenennung entstanden. Laut Berichten in der französischsprachigen und flämischen Presse spielt Pol Denys bei der Entstehungsgeschichte eine entscheidende Rolle. Denys ist Lokalpolitiker und Mitglied im Gemeinderat von Zedelgem, und zwar für die extrem rechte Partei „Vlaams Belang“. Denys beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte der in Belgien inhaftierten lettischen SS-Legionäre - Historiker ist er allerdings nicht. 2012 organisierte er eine Ausstellung zum Thema und wurde in Lettland für seine „Forschung“ mit dem Anerkennungskreuz - der höchsten staatlichen Ehrung - ausgezeichnet. Denn seine Erkenntnisse stützen das lettische Narrativ der heldenhaften Unabhängigkeitskämpfer. Er arbeitete in der Vorbereitung für das Denkmal auch mit dem Okkupationsmuseum in Riga zusammen. Im Jahr 2017 reiste eine belgische Delegation nach Riga. Teil der Delegation war auch der damalige Kulturdezernent der Gemeinde Zedelgem, Patrick Arnou.

Denys sagte dem belgischen Magazin Apache, er habe von der Gemeinde Zedelgem den Auftrag erhalten, Kontakte nach Lettland zu pflegen und eine Begründung für das Denkmal aufzuschreiben. Jurgen Dehaemers von der christdemokratischen Partei „Christen-Democratisch en Vlaams“ (CD&V), Mitglied des Ältestenrats von Zedelgem, bestätigte dem Magazin, dass alles vom Gemeindevorstand genehmigt wurde. Aber: Pol Denys habe dabei nicht als politischer Mandatsträger gehandelt, sondern „lediglich als Freiwilliger in persönlicher Eigenschaft angesichts seiner umfassenden Kenntnisse von Vloethemveld und der Kriegsgeschichte“. Denys’ Version der Geschichte der SS-Legionäre - und damit auch die lettische Lesart - scheint sich also in der Region durchgesetzt zu haben. Damit knüpft er an eine jahrzehntelange Tradition der positiven Verklärung der Kollaboration belgischer Faschisten mit den nationalsozialistischen Besatzern an.

Unter anderem die flämische Organisation ehemaliger Waffen-SS-Angehöriger, der europaweit bestens vernetzte „Sint Maartensfonds Flandern“, hatte dies lange sehr erfolgreich und aktiv verbreitet. Gleichzeitig fehlten lange weitere Forschungen zum Thema. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Vloethemveld etwa ist bis heute nicht historisch-museal erschlossen.

Die feierliche Einweihung

Die Einweihung des Denkmals im September 2018 wurde groß gefeiert: Reden hielten unter anderem die Zedelgemer Bürgermeisterin Annick Vermeulen, die damalige lettische Botschafterin in Belgien, Ilze Rūse sowie Valters Nollendorfs, Direktor des Okkupationsmuseum Riga. Außerdem sprach Gunar Spodris, der Vorsitzende der Düna-Habichte - also der Veteranenorganisation, die sich um das Gedenken an die Waffen-SS-Angehörigen in Lettland besonders bemüht. In einem YouTube-Video des Rigaer Okkupationsmuseum sind Ausschnitte der Reden zur Einweihung zu sehen. In keiner der Ansprachen ist von den Taten der Soldaten zu hören. Nebulös wird von Freiheit, Gedenken und der gemeinsamen Geschichte gesprochen. Anwesend war auch der Künstler Kristaps Gulbis, der den „Bienenkorb“ gestaltet hatte. Bienen seien ein friedfertiges Volk, heißt es in seiner Begründung für den Bau - solange sie nicht provoziert würden. Dann würden sie ihr Territorium verteidigen. Die Bienen auf dem Denkmal stünden für die lettischen Soldaten - es sind genau 12.000. Das Denkmal bedient also die lettische Heldenerzählung, die Waffen-SSler hätten lediglich für die Unabhängigkeit Lettlands gekämpft.

Das Denkmal ist Geschichte - vorerst

Von der damaligen Feierstimmung ist in Zedelgem nun nichts mehr übrig. Das Denkmal ist weg. Dass es entfernt wurde, ist wohl auch Wilfried Burie zu verdanken. Er betreibt mit anderen die Webseite „Belgians remember them“, ein Projekt zur ehrenden Erinnerung an die belgische Résistance und ihren damaligen Unterstützern, den Fliegern von der britischen Royal Air Force. Er kritisierte ab Herbst 2020 in einem Text auf der Webseite sowie in Briefen an Abgeordnete und Minister, dass ein demokratischer Staat wie Belgien mit dem Denkmal Nazis ehre. Von den meisten Politikern erhielt er keine Antwort, das Justizministerium sah sich nicht zuständig. Doch André Flahaut, Abgeordneter der Parti Socialiste (PS) und ehemaliger belgischer Verteidigungsminister, reagierte und brachte das Thema in einer belgischen Parlamentsdebatte ein. Daraufhin nahm die Presse das Thema auf.

Die Gemeinde Zedelgem geriet zunehmend in Erklärungsnot und beauftragte deswegen im Herbst 2021 eine 15-köpfige internationale Expertenkommission - größtenteils bestehend aus Historiker*innen - und bat sie um eine Empfehlung. Die fiel im Dezember 2021 deutlich aus: Das Denkmal muss entfernt werden. Es stehe zu befürchten, dass es „ein (inter)nationaler Wallfahrtsort und eine Inspirationsquelle für revisionistische Geschichten über das Erbe der SS“ werden könne, hieß es im Gutachten der Experten. Zudem sei der Text auf der zum Denkmal gehören- den Info-Tafel der komplexen Geschichte der lettischen Legion nicht gerecht geworden und aufgrund seiner Unvollständigkeit eine „Beleidigung für die Opfer von Verbrechen, die von Legionsmitgliedern begangen wurden“. Die Gemeinde solle sich mit europäischen Partnern um eine Förderung bemühen, um das Kriegsgefangenenlager zu einer Gedenkstätte auszubauen und die Geschichte der SS-Legionäre zu kontextualisieren.


Im Mai 2022 kam die Gemeinde der Empfehlung nach. Die Entscheidung traf erneut das aus der Bürgermeisterin Annick Vermeulen und dem Ältestenrat bestehende Gremium. Seit dem 31. Mai 2022 wird das Denkmal an einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Ort verwahrt. Der Platz erhielt seinen alten Namen zurück. Man wolle eine „Abkühlphase“ abwarten, bis man über die Zukunft des Denkmals entscheide, teilte die Gemeinde auf Anfrage mit. Für das Kriegsgefangenenlager Vloethemveld wolle man, wie empfohlen, um europäische Förderung ansuchen und ein „innovatives europäisches Projekt“ entwickeln.

Die aktuelle Entwicklung gefällt Lettland gar nicht: Der lettische Botschafter in Belgien, Andris Razāns, ließ dem belgischen Außenministerium Ende Mai 2022 in einer diplomatischen Note mitteilen, der Umgang mit der Erinnerung an die lettischen SS-Legionäre sei „inakzeptabel“. Das lettische Außenministerium erwarte „genaue Informationen über den weiteren Verbleib des Denkmals“.

Das Denkmal beschäftigt nun also die belgische und lettische Politik - und bringt hoffentlich Bewegung in die geschichts-politische Bewertung der Waffen-SS-Legionen. Klar ist: Von alleine und ohne Druck wären die offiziellen belgischen Stellen nicht aktiv geworden und der Bienenkorb würde noch immer in Zedelgem stehen.

Lettische Geschichtspolitik nach Russlands Angriff auf die Ukraine

Die geschichtspolitische Debatte in Lettland ist also noch lange nicht vorbei. Im Gegenteil: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat sie erneut befeuert. Als Reaktion auf den russischen Angriff ließ die lettische Regierung im August 2022 das „Siegesdenkmal“ in Riga abreißen, das seit 1985 an den Sieg der Roten Armee über die Nationalsozialisten erinnerte. Grund dafür ist ein  unter dem Eindruck des Kriegs in der Ukraine beschlossenes Gesetz, das besagt, dass alle Objekte, die totalitäre Regime verherrlichen, bis zum 15. November abgebaut werden müssen. Die Regelung zielte offenbar speziell auch auf den Abriss des sowjetischen Siegesdenkmals. „Das Denkmal war eine ständige Erinnerung an unsere Besatzung, das damit verbundene Schicksal vieler Menschen - Deportationen, Repressionen und so weiter. Wir brauchen kein solches Denkmal“, begründete Staatspräsident Egils Levits die Entscheidung. Das Denkmal war allerdings schon vor dem Krieg umstritten: Viele Letten wollten es schon früher abgerissen sehen. Nicht aber die russische Minderheit im Land: Sie nutzte das Denkmal jährlich am 9. Mai für die Erinnerung an den Sieg über Nazi-Deutschland.